13.03.1948

Rußland setzt die Welt matt

Mit Talar und umgehängter Amtskette eröffnete der Bürgermeister von den Haag das Schachturnier um den verwaisten Weltmeistertitel. Vorher hatte er gebeten, das Rauchen, wenn möglich, einzustellen. Rußlands Spieler wären den Qualm nicht gewöhnt.
Zum erstenmal in der Geschichte des "königlichen Spiels" werden die Weltmeisterschaften nach einem neuen Modus ausgetragen. Bislang trat der Titelverteidiger gegen einen Herausforderer im Einzelkampf an. Diesmal kämpften in der holländischen Residenz fünf Anwärter um das Erbe des 1946 verstorbenen Dr. Aljechin. Im April werden sie nach Moskau starten, um die Kämpfe am Brett in Rußland fortzusetzen. Um Zufälle auszuschließen, wird jeder gegen jeden vier Partien spielen.
Westeuropas einziger Vertreter, Dr. Max Euwe, enttäuschte seine niederländischen Landsleute. Trotz sorgfältiger Eröffnung, trotz eigener Kartei für jeden An-Zug saß der Ex-Weltmeister von 1935/37 in den Haag gegen den 37jährigen Russen Mikhaili Botwinnik auf verlorenem Posten.
Die Männer vom Schach-Fach bezeichnen Ingenieur Botwinniks Sieg als Demonstration überlegener Schachstrategie. Botwinnik, der schon die Meister Aljechin und José Capablanca besiegte, war in den letzten Jahren auf keinem Turnier mehr vertreten. Wissenschaftliche Arbeiten gaben die Russen als Grund an. Vorbereitungen auf den Titelsieg, sagten die Holländer.
Samuel Reshevski, Amerikas derzeitiges Schach-As mit dem eigenwilligen Stil, vormaliger Schach-Wunderknabe, findet die Geldpreise zwischen 500 und 5000 Dollar reichlich niedrig. Aus diesem Grunde blieb sein bereits gemeldeter Landsmann Fine in den Staaten. Krankheitshalber, sagte er selbst.
Favorit ist der ehemalige Este und jetzige sowjetische Landesmeister Paul Keres. Schon 1938 lag er in Holland vor Botwinnik und Euwe. Viermal mußte der unparteiische Schiedsrichter um Ruhe bitten, als Keres in der zweiten Runde den Angriff seines sowjetischen Landsmannes Wassili Smyslow mit Gegenstößen beantwortete und dabei die Königsseite des jüngsten Meisterschaftsanwärters vollkommen aufriß.
Ueberraschungen gibt es nicht. Nach Ansicht der Experten werden die Russen die übrige Welt matt setzen. Schach ist in Rußland der populärste Sport. Ländersiege gegen Amerika, England und die Tschechoslowakei bewiesen daher auch die Ueberlegenheit der sowjetischen Meister.

DER SPIEGEL 11/1948
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