13.03.1948

TheaterNachtschwalbe mit Trillern

Die biederen Messeonkels stellten fest, daß sie sich verlaufen hatten. Sie waren in die Leipziger Städtische Oper gegangen, um Boris Blachers "Flut" und "Nachtschwalbe" zu sehen und zu hören, Sie reagierten auf die künstlerischen Bemühungen mit Zurufen, wie "Aufhören!" und "Schluß machen!"
Mit der "Nachtschwalbe", Dramatisches Nocturno von Friedrich Wolf, Musik von Boris Blacher, hatte Leipzig seine zweite Uraufführung in dieser Spielzeit und seinen ersten ausgewachsenen Theaterskandal nach dem Kriege gehabt. Schon bei der Premiere hatte das Publikum selbst Theater gemacht, "Die Nachtschwalbe" war, von Heiterkeitsausbrüchen begleitet, durchgeflogen.
Die Nachtschwalbe ist das Symbol für das wiedererwachende Gewissen eines Kriminalkommissars. Dieser Mann findet bei einer Razzia in einem Amüsierlokal seine Tochter, deren Mutter er verlassen hatte. An einem drastischen Beispiel soll die Schuld der älteren Generation der Jugend gegenüber gezeigt werden.
Was Boris Blachers Musik angeht, so ist sie ein interessanter Versuch. Die jeweilige dramatische Situation spiegelt sich im Orchester sehr deutlich. Oben auf der Bühne werden komponierte realistische Worte gesungen.
Nach einer Traum-Liebesszene geriet das Publikum der Premiere in Bewegung. Trillerpfeifen wurden so geräuschvoll gebraucht, daß an ein Weiterspielen nicht zu denken war. "Vorhang, Vorhang", ertönte es von allen Seiten, und der Darsteller des Kommissars nahm seinen Hut und ging.
Generalintendant Krüger eilte auf die Bühne und machte einen Vorschlag zur Güte: Es sollten die gehen, denen das Stück nicht gefiele, und die bleiben, die es bis zu Ende sehen und hören wollten. Die Vorstellung ging weiter und das Pfeifen auch.
Die Turbulenz nahm ungewöhnliche Formen an. Ein Herr und eine Dame, sonst nicht näher miteinander bekannt, wechselten Ohrfeigen. Den Anfang machte der Herr, als seine Nachbarin ihrem Unwillen über die "Nachtschwalbe" auf einer Trillerpfeife Luft machte. Die Dame in ihrer Leidenschaft schlug zurück.
Das Premieren-Theater im Theater wiederholte sich mit einigen Variationen vor dem Messepublikum. Diesmal war es der Spielleiter, der auf die erregten Wogen des Mißfallens das Oel besänftigender Worte zu gießen suchte. Das Publikum wurde böse und verließ geräuschvoll das Haus.
Das war selbst dem tapferen Dirigenten, Generalmusikdirektor Paul Schmitz, zu viel. Er gab den ungleichen Kampf auf und legte den Taktstock aus der Hand.

DER SPIEGEL 11/1948
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