10.04.1948

Rhein-Gold

Dr. Adam Dorten hat sich verrechnet. Es wird nichts mit den 1,4 Mill. Mark, die sich der einstige Chef der einstigen "Rheinischen Republik" gern noch hätte auszahlen lassen. Als Pensionsnachzahlung für die 24 Jahre, die seit dem stürmischen Ende seiner kurzlebigen Staatsschöpfung vergangen sind.
Zum Sprecher seiner Wünsche hatten sich Kreise der französischen Militärregierung gemacht. Zahlen, so meinten sie, könne die Landesregierung von Rheinland-Pfalz. Die winkte ab. Mit einer sehr einleuchtenden Begründung: Dorten sei nie Angestellter oder Beamter des Landes Rheinland-Pfalz gewesen.
Es ist das zweitemal nach dem zweiten Weltkrieg, daß der heute 68jährige Rhein-Verlierer von Nizza aus seinen politischen Schatten selbst wieder heraufbeschwört. 1945 war es ihm endlich geglückt, für seinen politischen Lebensbericht wenigstens einen französischen Verleger zu finden. Der war zwischen 1936 und 1940 auch in Frankreich nicht aufzutreiben gewesen.
Zwölf Exil-Jahre hatte Dorten immerhin gebraucht, um seine politische Beichte "La Tragédie Rhénane", "Die Rheinische Tragödie", zu formulieren. Als er in der Nacht des 1. Januar 1924 aus dem Rheinland türmte und im französisch angewiesenen Nizza untertauchte, flammte hinter ihm noch das letzte Separistenfeuer in der Pfalz.
Er selbst hatte im Herbst 1923 den Aufstand des Franz Joseph Heinz aus Orbis schüren geholfen und am 5. November den Einzug in Kaiserslautern mitgemacht. Von der Pfalz aus, vom Süden des von ihm erträumten Rheinstaates, hoffte er den Norden zurückzuerobern. Vergebens. In den Schüssen, die am 9. Januar Heinz-Orbis in Speyer niederstreckten, und in den Flammen des Pirmasenser Bezirksamtes, das die unwilligen Pfälzer am 12. Februar selbst in Brand gesteckt hatten, ging die rheinische Selbstherrlichkeit genau so turbulent wieder unter, wie sie vier Jahre zuvor in den Revolutionstagen des November-Dezember 1919 erstanden war.
Damals war der Landwehrhauptmann Adam Dorten mit den aus Frankreich zurückgehenden Divisionen nach Köln gekommen und dort geblieben. Er fand den Boden für seine politischen Ambitionen gut vorbereitet. Die Mitglieder des "Freien Rheinkomitees", von dem Erzpriester Bertram Kastert von St. Kolumba schon im Oktober gegründet, boten Dorten den ersten Ansatzpunkt. Rheinische Industrielle machten mit.
Da kamen ihm seine Beziehungen aus der Staatsanwaltszeit in Düsseldorf vor 1914 zugute. Die Industriellen, die den deutschen Absatzmarkt schwinden sahen, suchten direkte Verständigung mit den Siegern und vor allem enge Anlehnung an Frankreich. Dorten war ihr Mann.
So jedenfalls erzählt er es selbst. Seine politischen Mitbewerber und Gegenspieler kommen schlecht dabei weg: der Sozialdemokrat Wilhelm Sollmann, der "Preuße", der den Kölner Arbeiter- und Soldatenrat gegen jeden Versuch der Separierung aufrief. Und Konrad Adenauer, damals Oberbürgermeister der rheinischen Metropole und somit eine Zeitlang die einzige staatliche Autorität auf deutscher Seite.
"Verräter" ist noch das zahmste Wort, das Dorten für den heutigen CDU-Zonenchef gebraucht. Er zitiert Adenauer bei einer der frühen persönlichen Aussprachen: "Das Reichsproblem werden wir stellen, wenn uns das günstig erscheint; solange die spartakistische Gefahr nicht beseitigt ist, denkt niemand daran, im Reich zu bleiben".*).
Auf dieser Grundlage einigten sich beide, erst einmal ein "rheinisches Komitee" zu bilden.
Adenauer habe den Norden des künftigen Rheinstaates bearbeiten wollen. Dorten übernahm den Süden. Als es dann aber im März 1919 soweit war, daß das Komitee zusammentreten sollte, versagte sich der Oberbürgermeister. Dorten meint, unter dem Einfluß der Engländer, die damals Köln besetzt hielten.
Dorten übernahm die Führung allein. In dem Fünfpunkte-Programm vom 7. März wird nur noch vom Rheinstaat gesprochen, der das ganze Rheinland umfassen soll. Vom Reich nichts mehr.
Der rebellierende Ex-Staatsanwalt sah sich am Ziel. Im Juli 1919 rief er zum erstenmal in Mainz die "Rheinische Republik" aus. Ohne wesentlichen Widerhall.
Im Oktober 1923, als der sogenannte Ruhrkampf zu Ende ging, putschte er zum zweitenmal. Zusammen mit dem Sachsen Matthes, der erst in der rheinischen Wahlheimat sein, rheinisches Herz entdeckt hatte, setzte er in Koblenz "die vorläufige Regierung der Rheinischen Republik" ein. Der französische Oberkommissar Tirard erkannte ihn an. Um alsbald wieder von ihm abzurücken. Genau einen Monat nach seinem Regierungsantritt, am 26. November, mußte Dorten vor der empörten Volksmenge weichen. Daß ihn Staatspräsident Poincaré während seines Parisbesuches ein paar Monate zuvor im April nicht empfangen hatte, war doch nicht ohne Bedeutung gewesen. Dorten mußte Deutschland verlassen, da er Gefahr lief, daß die französischen Behörden im Rheinland ihn an Preußen ausliefern würden.
Als Adam Dorten an der Seite Madeleine Sauvans, der Nizzaer Bürgermeisterstochter, Ruhe gefunden hatte, schwang er sich zu einer geradezu dichterischen Verklärung dessen auf, was er das "Genie des Rheins" und das "Gesetz des Rheins" zu nennen pflegt. Im Nibelungenlied hört er das Rauschen des rheinischen Schicksals:
"Es ist der verlorene Schatz des Rheingolds, der die Götter des Abendlandes, die lateinischen Götter, zu einem mörderischen Kampf gegen die zerstörenden Kräfte Nebelheims verpflichtet, die aus dem Dunkel des Ostens drohen ... Das rheinische Volk, das Volk Siegfrieds, getragen von seiner lateinischen Tradition und seiner friedebringenden Mission, sucht den Frieden der Götter zu retten, der vom Osten bedroht ist".
Neun Jahre haben diese Sätze unveröffentlicht im Schreibtisch gelegen. Seit 1945 sind sie französischen Lesern zugänglich. Wenn es nach Adam Dorten geht, werden bald auch deutsche Leser die Möglichkeit haben, die "Rheinische Tragödie" zu studieren.
*) Zur Begründung eines neuen Rhein-Staat-Projektes hat Adenauer unlängst wieder die Kommunisten herangezogen: Es müsse eine Entwicklung bekämpft werden, die zu der Gefahr des Kommunismus führen könnte.

DER SPIEGEL 15/1948
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