10.04.1948

Aus Dr. Teschs Gerüchtemappe

Als die Amerikaner Steinhöring am Inn besetzten, fanden sie in einem wohnlich eingerichteten Heim eine Gruppe fraternisierungsfroher Damen Erst als einige der Mädels von GI s geheiratet worden waren, stellte sich heraus, daß Steinhöring eines der acht Heime des im Volksmund als "Zeug-Haus" verdächtigten Vereins "Lebensborn e. V." war.
Amerikanische Zeitungen fanden es skandalös, daß abgelegte SS-Bräute nun Amerikanerinnen sein sollten. Das amerikanische Gericht in Nürnberg aber mußte Inge Viermetz, die Betreuerin der weiblichen Belange im Lebensborn, von allen Punkten der Anklage im Rasse- und Volkstumsprozeß freisprechen.
Inge Viermetz ist wieder bei ihrem Handesvertreter-Gatten und ihren beiden Buben in München. Aus dem dicken Manuskriptband "Vereinigte Staaten von Amerika contra Inge Viermetz" liest sie vor, daß der Lebensborn getan hat, was in seiner Macht stand, um die ihm anvertrauten Kinder zu pflegen.
Viele Nürnberger Haftkameraden hatten Inge Viermetz kaum dem Namen nach gekannt. Nicht einmal in der Partei war sie, und sie hatte schon das Spruchkammer-o. k., als ihre Signatur unter der Lebensborn-Korrespondenz entdeckt wurde.
1938 hatte sie lieber sozialpflegen als tippen wollen. Das Arbeitsamt brachte die unkomplizierte Frau an den Lebensborn. Was dem alles angehängt wurde, wußte sie nur aus der Gerüchtemappe, die Rechtsberater Dr. Tesch (auch in Nürnberg freigesprochen) aus Liebhaberei angelegt hatte.
"Stellen Sie sich vor, eines Abends rief mich Herr Sollmann (Lebensborn-Leiter, in Nürnberg freigesprochen) an, es habe ein Hauptmann von der Luftwaffe bei ihm angeklingelt, ob im Lebensborn noch Betrieb wäre, nette Mädchen und so. Sollmann klärte den Offizier auf, es handele sich um ein Entbindungsheim, worauf der Offizier ärgerlich abhängte."
Die Gerüchtemappe ist mit den anderen Lebensborn-Dokumenten, die man in Nürnberg gebraucht hätte, bei Steinhöring in den Inn geflogen, ehe die Amerikaner aufräumten. Inge Viermetz, eine Dame, deren Erscheinungsbild vom nordischen Rasse-Ideal abweicht, kann ganz böse werden, wenn sie gefragt wird, ob ihr Verein mutterfrohe Frauen mit rassisch-hochstehenden SS-Vätern zusammengebracht habe. Immerhin gibt es aber Frauen, die auch heute noch bereit sind, sechs- bis achtjährige Indizien zum Beweise so gearteter Missionen des Lebensborn beizubringen.
In Nürnberg wurde diese Frage nicht geklärt, denn die Anklage lautete nur auf kidnapping. Der Beweis, daß Lebensborn mit der Zwangsgermanisierung geraubter Kinder zu tun gehabt habe, gelang der Anklage nicht. (Von einstmals rund 5500 unehelichen Patenkindern standen im Mai 1945 noch 4100 unter Lebensborn-Vormundschaft.)
"So bleibe es also dabei, das Fundament, auf dem das Urteil beruhen muß, ist die Urliebe der Frau", zitierte Inges Verteidiger Dante, ehe sie von der Anklage der Wegnahme von Säuglingen und der Plünderung freigesprochen wurde Und ein anderes Mal gab der Zitatenfrohe Schillers Jungfrau das Wort: "Bin ich strafbar, weil ich menschlich war? Ist Mitleid Sünde?"
"Wir haben werdende Mütter beraten und betreut und unehelichen Kindern Adoptiveltern vermittelt." Inge Viermetz wehrt sich im Namen der verheirateten Frauen, die in den acht Heimen des Lebensborn mit einer Gesamtkapazität von 100 Geburten monatlich entbunden haben. "Manches junge Mädchen haben wir auch durch unseren Rat vor der Hand des Pfuschers und vor Schlimmerem bewahrt."
Dr. Ebner, Landarzt aus Ebersberg bei München, will ebenfalls aus ideellen Gründen zum Lebensborn gekommen sein. In seine Sprechstunde kam einmal ein junges Mädchen und bat um einen Eingriff. Der Doktor lehnte ab, und kurz darauf brachte man ihm die blutige Leiche des Mädchens, das sich vor den Schnellzug gelegt hatte. "So kam sie dann erst richtig unter die Räder." Der Doktor ging zum Lebensborn.
Natürlich sah es Inge Viermetz recht gerne, wenn rassisch wertvolle Frauen glücklich heirateten, aber auch hier versagte Himmler dem Lebensborn seine SS. Und wenn man in einem Befehl des Reichsführers vom 28. Oktober 1939 einen Appell zu bewußter Zeugung außerehelichen Nachwuchses sehen wolle, sagt die Viermetz, so sei dieser Appell ohne Erfolg geblieben. Jedenfalls, soweit der Lebensborn das habe kontrollieren können.
Nachdem unter Inge Viermetzens Händen so viele Kinder geboren, so viele Familien unterstützt und so viele unglückliche Frauen beraten worden waren, wurde sie 1943 selber wegen SS-schädigenden Verhaltens aus dem Lebensborn hinausgeworfen, der ein Anhängsel der SS war. "Ein rätselvoller Mensch, dieser Himmler", kopfschüttelt Inge Viermetz, "zwei so verschiedene Seelen in einer Brust."

DER SPIEGEL 15/1948
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