10.04.1948

LITERATURGaston in allen Gassen

Verschiedene Zeitungen haben "Neues aus Nürnberg" angekündigt. Aber es tut sich noch nichts.
Dabei ist es durchaus möglich, daß "Neues aus Nürnberg", ein Schlüsselroman über vergangene Größen, nicht nur im Mendelsohn-Verlag, Nürnberg, sondern auch noch in einem Saarbrücker Verlagshaus herauskommt. Dr. Gaston Oulmàn hat nämlich nach einer überstürzten Abreise aus München seine Manuskripte in Saarbrücken ein zweites Mal feilgeboten.
In München ist es ganz still um Senhor Oulmàn geworden, obgleich er einmal zehn Monate lang der meistgehörte Mann in Süddeutschland war: Er kommentierte für Radio München den Hauptkriegsverbrecherprozeß in Nürnberg.
Sein Prophetie war damals immer schwarz in schwarz. Freisprüche sah er nicht voraus.
Der 49jährige Doktor mit der scharf gebogenen Nase und dem intellektuellen Blick hinter der dunklen Hornbrille war zu Zeiten die meistbeachtete Erscheinung auf der Nürnberger Pressetribüne.
Bei den Nachmittagssitzungen des internationalen Militär-Tribunals machte der Journalist in Kriegskorrespondenten-Uniform mit kubanischer Flagge am Oberärmel gern ein Nickerchen. Gleichwohl lieferte er pünktlich zur Sendezeit seine pointierten, im voraus schuldigsprechenden Kommentare. Er sprach sie, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht selbst. Seine Stimme klang im Lautsprecher nicht.
Jeder Abendkommentar trug ihm, ebenso wie jeder Beitrag für die Münchner Mittagsendung "Dokumente und Tatsachen", 250 Mark ein. Das machte in zehn Monaten (an den Sonntagen pausierte er auf dem Taubenberg) rund 120000 Mark. Daneben lief die Korrespondententätigkeit für Nachrichten-Agenturen, auch nicht billig. Trotzdem hatte das Finanzamt an Senhor Oulmàn wenig Freude.
Auf die richtige Aussprache und Schreibweise seines Namens, vor allem auf das "Ou" und einen spanisch-kubanischen Akzent über dem a, achtete er unnachsichtig. Allerdings dauerte es geraume Zeit, bis alle Rundfunkansager und seine Schwester, Frau Mella Reichsthaler, London, Goldhurst Terrace, es richtig machten. (Frau Mella schrieb erst immer "Ullmann").
Der akademische Grad des Exoten war nach seinen eigenen Angaben der Preis für Studien in München, Freiburg, Mainz, Paris, Casablanca und La Habana. Seine Erlebnisse als amerikanischer Kriegskorrespondent, seine Leiden in Stalag Moosburg und Kz Theresienstadt, seine Verbindungen zu Gott und der Welt - all das machte ihn über die Maßen interessant.
Der Mann, der im Nachkriegsdeutschland über sechs Autos und drei Wohnungen allein in München (Natalienstr. 17, Barerstraße 69 und Mauerkircherstr. 13) gebot, dieser journalistische Komet und Zyniker, zog die Frauen mächtig an, deutsche und alliierte, Feldmarschallsgattinnen und Köchinnen, Juristenfrauen, Künstlerinnen.
Allerdings hatte der charmante Doktor seine deutsche Rechnung ohne die Amerikaner gemacht. Radio München hatte schon nach dem Hauptkriegsverbrecherprozeß auf weitere Kommentarschüsse von nicht ganz blattgerechter Placierung verzichtet. OMGUS forschte später per Kabel.
Ein Verzweiflungstrick von Senhor Gaston zog nicht. Ein Inserat in der "Süddeutschen Zeitung", man habe eine Brieftasche mit sämtlichen Papieren und 500 Dollars im Postamt an der Bayerstraße verloren, sei allein noch kein Beweis, daß diese Papiere wirklich existiert hätten, dachte sich CIC. Es gab auch Leute, die in dem Mann, der nie eine Unterschrift gab, Herrn Lehrmann wiedererkennen wollten, einen Berliner Theaterfachmann, der vor Zeiten einmal wegen Urkundenfälschung zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden war.
Da gab es der Doktor auf. Als CIC in der Natalienstraße nachfragte, war er bereits via Lindau unterwegs nach Karlsruhe.
Zurück blieb der Schmerz verwaister Frauen und hinter das Licht Geführter, denen er bei der Entnazifizierung nicht geholfen hatte. Und das Manuskript "Neues aus Nürnberg" im Nürnberger Verlag Mendelsohn. Darin stützte er sich auf Dokumente, wie etwa das Nürnberger Tagebuch Blombergs, das ihm Eva von Blomberg anvertraut hatte.
Ex-Staatsminister Dr. Otto Leberecht Meißner, der auch weiterhin die Nürnberger Anklagebank drückt, sah sich erschüttert um die versprochene Befreiung aus US-Haft betrogen.
Mit seinem Schwiegersohn Hoffmann, der auch Geld in das Nürnberggeschäft steckte, hatte sich Oulmàn gegenseitig Kz-Haft bescheinigt.
Unter den Aufatmenden war bei Gastons Abreise der Bürgermeister von Moosburg, der sich nun die Verpflegungsmarken mit Schwerarbeiterzulage für den prominenten Doktor sparen konnte. Er hatte Herrn Dr. Oulmàn amerikanische Staatsbürgerschaft bescheinigt, und sein Wirtschaftsamt war vermutlich die einzige Behörde Deutschlands, die einem Amerikaner deutsche Lebensmittelkarten ausgehändigt hat.
Aus Saarbrücken datiert jetzt der charmante Gaston seine Briefe als "Le Directeur Politique, z. Z. Radio Saarbrücken". Eine Baskenmütze mit franco-philem Anstrich liebte er schon immer.

DER SPIEGEL 15/1948
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