01.05.1948

MusikRechenschieber als Notenschlüssel

In diesem Jahre feiert Amerika den 50. Geburtstag seines volkstümlichsten Komponisten: George Gershwin. 1898 wurde er in Brooklyn geboren.
Gershwins bekanntestes Opus ist die "Rhapsodie in blue". Mit ihr errang er 1924 in der durch die Werke der Klassiker geheiligten Aeolian-Hall in New York dem Jazz als besonderer Musikform einen glänzenden Sieg.
Elf Jahre später hatte Gershwin wieder einen gewaltigen Erfolg mit seiner Volksoper "Porgy and Bess". Es war zwei Jahre vor seinem Tod.
Ueber "Porgy and Bess" schrieb erst kürzlich Aaron Copland*): "Ihr Jazzidiom, in Gershwins unnachahmlicher Manier gemeistert, ihre Mischung von rassigem Charme und Satire, ihre Spontanität haben uns ein Werk geschenkt, das die Europäer sofort als rein amerikanisch erkennen werden".
Copland erwähnt nicht, daß dieses gelungene Werk der wohlverdiente Preis ist für angestrengte Arbeit während vier strenger Studienjahre.
Das Jahr 1931 bescherte Gerschwin mit der Uraufführung der "Second Rhapsody" und der gewagten politischen Satire "Of Thee I Think" wieder einen großartigen Erfolg. Zugleich aber brachte es ihm die Entdeckung, daß sein Schaffensstrom, seine Inspiration am Versiegen war.
Vielleicht war es die Ahnung eines frühen Todes, die Besessenheit eines Mannes,
der fühlt, daß ihm nicht viel Zeit vergönnt ist, vielleicht war es dies, was Gershwin in einem schonungslosen Tempo arbeiten ließ. Dieser Raubbau mag Gershwins Erfindungskraft damals, vielleicht nur zeitweise, erschöpft haben.
Gershwin vertraute sich dem Musiktheoretiker Joseph Schillinger an. Schillinger lachte ihn aus. Er versicherte ihm: seine Methode befähige jeden, der sie sich ganz zu eigen mache, so viele neue Melodien zu schreiben, wie er nur wolle.
Gershwin, der gefeierte Komponist, zog sich vier Jahre lang in die Einsamkeit seiner Studierstube zurück. Er studierte nicht noch einmal Kontrapunkt und Harmonielehre, sondern befaßte sich intensiv mit mathematischen Formeln und Gleichungen, schwierigen Rechenaufgaben und Rechenschieber und Logarithmentafel.
Frucht dieser Arbeit nach Schillingers Lehrsätzen und Anweisungen zum Studium der Kompositionstechnik nach dem binomischen Lehrsatz war die Oper "Porgy and Bess". Ihre zündenden melodischen Einfälle, die vitale Rhythmik und die glänzende Instrumentation hatten ihren Ursprung im dicken Lehrbuch Joseph Schillingers.
Daß das Schaffen vieler amerikanischer Komponisten auf der Schillinger-Methode beruht und eigentlich nichts ist als die Lösung einer Rechenaufgabe nach den Formeln und Tabellen in Schillingers dickem Zweibänder, das wissen in den USA, wo die Methode Schillinger immerhin ein Begriff ist, sicher nur wenige. In Europa ist die Lehre Joseph Schillingers allerhöchstens als Kuriosum bekannt.
Joseph Schillinger, 1895 in Charkow geboren, experimentierte schon in früher Jugend mit Zahlen, Formeln und Gleichungen. Während seines Studiums an der Leningrader Musikhochschule vertiefte er seine Theorien über die Wechselbeziehungen zwischen Musik und Mathematik, und es gelang ihm, diese Theorie in ein exaktes System für den praktischen Gebrauch zu bringen.
In den Vereinigten Staaten, wohin er ausgewandert war, stieß er bald mit seiner Lehre auf ebenso heftige Ablehnung wie lebhaftes Interesse. Viele angehende Komponisten stürzten sich mit fanatischem Eifer auf seine Formeln und Tabellen. Viele der anerkannten amerikanischen Komponisten sind seine Schüler gewesen.
Diese Schülerschaft hat Schillingers Lehrmethode salon- und lehrsaalfähig gemacht. Seine Lehre ist niedergelegt in zwei dicken Bänden voller Zahlen, Tabellen und Formeln. Wie die meisten USA-Hochschulen hat auch die New Yorker Universität eigene Schillinger-Kurse eingerichtet. An ihnen kann jeder Musikbeflissene teilnehmen, sofern er ein guter Rechner und immens fleißig ist.
Die Universität weist selbst darauf hin, daß diese Kurse ungewöhnliche Anstrengungen verlangen. Das Komponieren nach Logarithmen und Gleichungen ist viel schwieriger und auch langwieriger als die seit Jahrhunderten und in Europa noch immer allein übliche Art des "Tonsetzens". Das volle Studium soll sieben Jahre dauern, wenn auch die Universitätskurse nur für dreijährige Studiendauer eingerichtet sind.
"Die Musik entstand durch tastende und abwegige Experimente. Noch niemandem ist es eingefallen, ihre tiefsten Gründe mit den Mitteln der modernen Wissenschaft zu erforschen. Man kann sagen, daß die Menschheit heutzutage über das Wetter besser informiert ist als über die Musik", sagte Schillinger einmal.
Mit der Besessenheit des Forschers ging er daran, Licht in das Dunkel der "tiefsten Gründe" zu bringen. Schillinger hat in jahrelanger mühevoller Arbeit die Musik der Völker studiert. Die ungewohnten exotischen Klangfolgen und Harmonien hat er ebenso wie die Grundelemente der europäischen Musik in mathematische Gleichungen und Formeln gebannt.
Dieser ungeheuer reichhaltige "Rohstoff" ist in Tabellenform geordnet. Der Schüler hat nichts sonst zu tun, als sich nach streng mathematischen Gesetzen der Gleichungen, Formeln und Tabellen zu bedienen. Zunächst gilt es, die Grundmelodie zu erfinden, das heißt zu errechnen. Diese Melodie wird abgewandelt und moduliert, aufgespalten und umgearbeitet. Daneben ist auch die jeweilige Instrumentation zu berechnen.
Die ungeheure Anzahl von Variationsmöglichkeiten erfordert eine Reihe komplizierter Additionen und Subtraktionen, Multiplikationen und Integrationen. Diese schwierige Rechenarbeit verlangt neben Papier und Bleistift den geschickten Gebrauch von Rechenschieber und Logarithmentafel.
Dann aber steht auch die Lösung fein säuberlich auf dem Papier: die Grundmelodie, ihre Abwandlungen und Durchführungen nebst der Instrumentation, und sei es für Dutzende von Instrumenten. Kein Zauber, kein Hokuspokus, alles solide musikmathematische Konfektionsarbeit.
Auch für alle Arten von Stimmungsmusik, von Tonmalerei hat das Lehrbuch Formeln und Gleichungen bereit. Wer eine solche trockene Zahlenreihe sieht, ahnt nicht, daß darin musikalische Effekte und Klangbilder wie etwa "Regenwetter", "Waldfrieden" oder "Sonnenuntergang am Meer" enthalten bzw. ausgedrückt sind.
Schillingers zweibändiges Lehrbuch ist einem riesigen musikalischen Konservenlager vergleichbar. Die gelehrige Schülerschaft braucht in die Vorräte nur hineinzugreifen, um arabische, südamerikanische oder chinesische, um traurige, schmeichelnde oder donnergrollende Musik nach Maß und Wunsch zu liefern.
Als Schillinger 1943 starb, war er ein berühmter und reicher Mann. Viele Musikanten aller Rangstufen vom Avantgardisten bis zum Mitläufer sind heute Zeugen und begeisterte Jünger seiner Lehre. Ebenso viele und wahrscheinlich weit mehr Musikliebhaber sind erbritterte Gegner seiner Musikmathematik. Die gewöhnlichste Reaktion auf die Kunde von der Schillinger-Methode dürften Zweifel und ungläubiges Kopfschütteln sein.
Zweifler und Gegner hat Schillinger auch zu seinen Lebzeiten übergenug gehabt. Er lud einmal eine größere Anzahl von ihnen, fast ohne Ausnahme namhafte Komponisten und Musikfachleute, zu sich ein und spielte ihnen eine Melodie von bestechendem Wohlklang und geradezu klassischer Substanz vor. Die Gäste, gebeten, den Komponisten des Stückes anzugeben, nannten Namen berühmter Musiker von Brahms bis Delius.
"Es ist von mir", sagte der Musik-Mathematiker lachend. "Es ist weder entliehen noch frei erfunden: ich habe das Stück vor wenigen Stunden nach einem Auszug aus dem neuesten Börsenbericht komponiert."

Die Freiheit der Improvisation
Zum ersten Male wurde in der britischen Zone gegen Eintritt öffentlich gejamt. Hannovers Hot-Club versuchte mit einer Jam-Session die Kunst der freien Jazz-Improvisation einzubürgern. Schon lange vor der Session waren Karten nur noch auf dem Schwarzen Markt zu erhalten. Die Preise waren hoch. Jazz-Enthusiasten, die zum Teil weither gekommen waren, zeigten sich nicht enthusiastisch. Sie vermißten in mehreren Fällen die technische Meisterschaft auf den Instrumenten, welche die Voraussetzung dafür sei, daß auf einer Jam-Session die Freiheit des Improvisierens wirklich Musik ergebe.
*) Aaron Copland, geb. 1900, einer der bekanntesten zeitgenössischen Komponisten Amerikas. Er hat sich auch als Musikschriftsteller einen Namen gemacht, besonders durch sein Buch "What to listen for in music" ("Hörenswertes in der Musik"). Sein neues Buch "Our new music" ("Unsere neue Musik") liegt jetzt auch in deutscher Uebersetzung vor. In seinen größeren Orchesterwerken erprobt C. vor allem die kompositorischen Möglichkeiten des Jazz im Rahmen ernsthafter Musik.

DER SPIEGEL 18/1948
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