17.04.1948

Tragt mich voraus

Oberst Sergej Tulpanow, politischer Chef der SMA, hat tiefe Sorgenfalten auf der Stirn seines osteuropäischen Rundschädels. Dr. Wilhelm Külz ist tot. Külz, der in seinem Gefolge zehntausende Liberaldemokraten auf die eingezäunte Straße der Volksdemokratie führte. Voll ehrlicher Trauer schrieb Tulpanow 182 Zeilen des Gedenkens für den "großen Demokraten".
Külz war eine wichtige Figur im politischen Zonen-Gefüge. Er tat, was sein Zonenpremier erwartete. Und seinem Namen folgte die Bürgerlichkeit der Sowjetzone. Sie glaubte, in ihm einen Politiker aus alter diplomatischer Schule zu finden.
Als Wilhelm Külz im November 1945 offizieller Vorsitzender der LDP wurde, sammelten sich in seiner Partei die antikommunistischen Kräfte Ostdeutschlands. Sie hofften, unter dem liberalen Banner ein Bollwerk gegen den Totalitätsanspruch der KPD bilden zu können. Sie irrten. Nur bis zu den Oktober-Wahlen 1946 konnte die LDP ihre Eigenständigkeit retten. Dann kam die Blockpolitik, in der "antifaschistische Parteiausschüsse" die Entscheidungen der gewählten Landtage faktisch außer Kraft setzen konnten.
Später segelte die LDP unfreiwillig in die Kiellinie der großen Volksbewegung "Volkskongreß" hinein. Dr. Külz segelte voran - freiwillig. Im Heckwasser der SED. Am 18. März 1948 trat er mit Wilhelm Pieck und Otto Nuschke an die deutsche Spitze der Sowjetzone, im Präsidium des Volksrats. Er galt als Ministerpräsident in spe der kommenden Ostregierung. Dem Volksrat galt seine ganze Arbeit. Auch am 9. April.
Am 10. April um 8 Uhr klingelte Arthur Lieutenant, der stellvertretende LDP-Vorsitzende, in der Pfalzburger Straße 82, Berlin-Wilmersdorf, wie jeden Morgen, um mit seinem 73jährigen Chef die politische Lage zu besprechen. "Herr Dr. Külz ist heute noch gar nicht auf", verwunderte sich die kleine Haushälterin. Lieutenant guckte erstaunt. Sie gingen gemeinsam in das düstere Zimmer, in dem Külz zu arbeiten und zu schlafen pflegte. Der große, etwas vierschrötige Mann lag halb auf dem Bett. In Kleidern. Ein Bein hing herunter. Herzschlag, eingetreten 2 Uhr.
In der Nacht habe sie den Doktor mehrmals rausgehen hören, sagte die Haushälterin mit verweinten Augen. Am Tage zuvor rauchte Külz noch seine geliebte Pfeife. Am Abend aß er mit schlechtem Appetit. Ihn quälte Angina. Am Morgen wollte er trotzdem nach Stendal fahren. Stendal wartete umsonst.
Im persönlichen Verkehr war der Pfarrerssohn aus dem sächsischen Borna recht liebenswürdig. Geradezu gern öffnete er selbst die Wohnungstür, denn Ruth Wolf, seine Sekretärin, kam nur nachmittags zum Diktat der langen Leitartikel für den "Morgen", seine eigene Zeitung.
Külz war Verwaltungsmann, 1926 - 1927 Reichsinnenminister. Seine ganze Erscheinung wies ihn als den Beamten aus, der seinen Schliff in der Zeit vor 1914 bekommen hat. Einem Journalisten schrieb er als sein Glaubensbekenntnis ins Tagebuch: "Dir angetraut am Altare, oh Vaterland, bin ich Dein. Laß für das Rechte mich und Wahre Priester oder Opfer sein." Auch seine Kleidung und der kaisertreue, silberblinkende Bartwuchs auf Oberlippe und Kinn zeigten den Menschen der innerlich in der "guten, alten Zeit" stehengeblieben war. Er blieb sich selbst treu. Und ging den Weg des geringsten Widerstandes.
Die Külz-Nachfolge vertraute der Zentralvorstand den vier Stellvertretern Damerow, Kastner, Lieutenant und Moog an. Doch nur interimistisch. Sein Volksrat-Erbe ist noch ungeklärt. Aber Professor Hermann Kastner scheint der von der SMA Erwünschte zu sein. Er eröffnete bei der offiziellen Trauerfeier im Haus der Wirtschaftskommission die Rednerliste.
Nach der von seinem Meister Külz vorgelebten Gewohnheit flocht Kastner einen dichten Kranz von Zitaten. Wilhelm Pieck bescheinigte dem Verstorbenen mit gedämpfter Stimme, er sei einer der besten Männer unseres Volkes gewesen, bereit und treu als Mensch und Politiker, der sich seinen Blick für die Sache des Volkes nicht durch die Parteibrille trüben ließ.
Eine Rednerkette schloß sich an, geführt von Otto Nuschke, beschlossen von Sergej Tulpanow. Die Fotografen drängten sich um sein Rednerpult, als er "herzliches Beileid der SMA und persönliche Anteilnahme von Marschall Sokolowski" präsentierte.
"Seine Arbeit diente der Aufgabe, die mit dem Siege der nationalen demokratischen Bewegung verbunden ist", versicherte er mit Blick zum dunkelbraunen Sarge. Der stand zwischen vier Kerzenständern mit je zehn Kerzen, überdeckt von einer schwarz-rot-goldenen Fahne. Darauf der Spruch: "Um die Mitwelt zu lehren, den Krieg abzuwehren bei Volksbegehren - die Toten zu ehren, tragt mich voraus!"
Karlshorst hatte einen Riesenkranz mit roter Schärpe "Für den aufrechten Demokraten" geschickt. Die verschleierte Witwe und der Sohn Helmuth Külz, frisch zurückgetretener Justizminister von Thüringen und Anwärter auf einen Posten im Volksrat, mußten viele Hände drücken und grelle Defa-Scheinwerfer ertragen.
Voran das Auto der Beerdigungsgesellschaft Grieneisen, dahinter Familie Külz und gehfreudige Mitglieder des Volksratpräsidiums, zog der Trauerkondukt vor das LDP-Haus. Zwischen flammenden Pylonen würdigte Redner Nr. 8 (Arthur Lieutenant), 9 ("Morgen"-Verlagsleiter Mossner) und 10 (der Betriebsratsvorsitzende der LDP-Zeitung) die mannigfaltigen Verdienste des großen Liberaldemokraten. Er habe den liberalen Gedanken nach dem Westen getragen. Das sei die Tragik in seinem Leben gewesen, daß die Brüder und Schwestern im Westen ihn hier im Osten so wenig verstehen konnten.
Schwerer Blumenduft stieg aus der Vorhalle des Krematoriums Berlin-Wilmersdorf empor. Dicht an dicht lagen Kränze, Grüße der Oeffentlichkeit an den Toten. Es war kirchliche Trauerfeier für den Pfarrerssohn. Auch der Westen war unter den Trauergästen vertreten: Anti-Külz-Rebell Carl Hubert Schwennicke und Telegraf-SPD-Löwe gingen im Ehrengeleit an den Sarg von Wilhelm Külz. Der Pfarrer spürte die Quellen der Schaffenskraft von Wilhelm Külz auf: Idealismus für das Vaterland und christlicher Glaube. Der vor allem.
Külz als Mensch, als Mittelpunkt einer großen Familie, wurde gewürdigt, zum erstenmal nach so vielen Trauerreden.
Denn ein Mensch voll väterlicher Güte war er. Doch auch mit menschlichen Schwächen behaftet. Sein weiches Herz schadete seinem politischen Ruf und denen, die ihm politisch vertrauten.

DER SPIEGEL 16/1948
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