15.05.1948

Theater

Vierzig Minuten Liebe

Monolog an der Schnur

Vierzig Minuten dauerte der Monolog, den Anneliese Born am Telefon hielt. Ihr Mann, Albrecht Schoenhals, stand in der Kulisse, als Regisseur. Es war bei der deutschen Erstaufführung von Jean Cocteaus Einakter "La Voix humaine" (Die menschliche Stimme) in der Hamburger "Auslese".

Von der Darstellerin verlangt Jean Cocteau viel: sie soll laut Regieanweisung des Dichters den Eindruck vermitteln, als ob sie innerlich verblute, als ob sie ihr Blut verströme wie ein wundgeschossenes Tier, als ob sie den Akt beendet in einem Raum, der gefüllt ist mit Blut.

Es ist ein Jugendwerk Cocteaus. Man merkt es an dem Ueberschwang der Gefühle. Die "Voix humaine" wurde schon 1931 in Paris uraufgeführt.

Schoenhals hat das Stück für seine Frau ins Deutsche übertragen. Cocteau autorisierte ihn dazu, nachdem er in Baden-Baden Giraudoux "Undine" in der Schoenhals-Uebersetzung gesehen hatte. In einer anderen Uebersetzung wurde die "Voix humaine" schon einmal im Rundfunk gesendet, wovon Schoenhals nichts wußte. Der italienische Regisseur Rosselini hat das Stück kürzlich mit französischen Schauspielern verfilmt.

Es ist eine schwierige Rolle. Auf dem Annenhof in Baden-Baden, wo das Ehepaar Schoenhals wohnt und der Schauspieler, Uebersetzer und Nachdichter zugleich als Arzt praktiziert, haben die beiden sechs Wochen lang probiert. Acht Tage dauerte es, bis Anneliese Born den Kampf mit der Technik einer drei Meter langen Telefonschnur bestanden hatte.

Ein weißer Telefonapparat ist nämlich der einzige "Partner" der Liebenden in "Voix humaine". Nach einem Selbstmordversuch nimmt die Frau Abschied von dem Geliebten, der eine andere heiratet. 40 Minuten redet sie auf den Mann ein.

Das schwierigste dabei ist, das Publikum glauben zu machen, daß auch der unsichtbare und unhörbare Telefonpartner etwas zu sagen hat. Anneliese Born macht das sehr virtuos. Es ist schon eine physische Leistung, 40 Minuten den Hörer am Ohr zu halten und in der Reichweite der Schnur immer neue Stellungen für Gefühlsausbrüche zu finden.

Als der Hörer endlich auf der Gabel liegt, bricht die Frau zusammen. Die sachlichen Hamburger debattierten darüber, ob sie nun wirklich tot wäre.

Anneliese Born, die mit ihrem Mann vor vielen Jahren an den Hamburger Kammerspielen und im Thaliatheater spielte, wurde mit Blumen gefeiert Vor dem Einakter saß Albrecht Schoenhals im Smoking vor dem Vorhang und sprach seine Nachdichtungen französischer Gedichte von Verlaine, Baudelaire und Rimbaud. Die Lyrik legte sich wie Balsam auf die Großstadtnerven.

Schoenhals hatte schon auf der Schule große Begeisterung für die französische Sprache. Als junger Student auf Nachtwache in der Berliner Charité fand er zum ersten Male die deutschen Worte zu einem französischen Gedicht. Es war nach einem Debussy-Konzert auf dem Lieder nach Versen von Verlaine gesungen worden waren.

Fast drei Jahrzehnte hat er französische Gedichte nachtastend aufgespürt, wie er sagt. Es sind nun rund 70. Unter dem Titel "Erinnerungen an französische Verse" erscheinen sie jetzt im Süd-Verlag in Konstanz. Die Franzosen haben auch eine Luxus-Ausgabe seiner "Undine"-Uebersetzung veranlaßt. Sie wollen, daß Schoenhals französische Volkslieder für deutsche Schulbücher übersetzt.

Natürlich hat Schoenhals auch schon Filmangebote bekommen. In Berlin soll er einen Arzt-Film drehen. Er will noch warten. Seine Film-Karriere im Dritten Reich war beendet, als er es ablehnte, den Jud Süß zu spielen.


DER SPIEGEL 20/1948
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