Die Schwarzhändler sind im allgemeinen Freunde des Geldes. In Dänemark sind sie Freunde der Wissenschaft. Ein anderer Unterschied: Der übliche Schwarzhändler sucht dem Zugriff der Polizei zu entgehen; der dänische "Schwarzhändler" genießt den Schutz seiner Regierung und ihre Freundschaft.
Es handelt sich hier allerdings nicht um dunkle Geschäfte, sondern vielmehr um eine wissenschaftliche Expedition. Die Männer, die sie unternehmen wollen, hatten die Pläne für die große Reise schon 1941 im Kopf und 1943 auf dem Papier. Aber die Ausführung der Pläne mußte warten. Zuerst waren die Deutschen im Lande, später fehlte das Geld.
Um dieses fehlende Geld zu beschaffen, kamen die Wissenschaftler auf die Idee, der Regierung ein Tabakgeschäft vorzuschlagen. Die Regierung stimmte zu, die Idee wurde Wirklichkeit, man schlug zwei Fliegen mit einer Klappe.
Erstens führte man einen schweren Schlag gegen den illegalen Schwarzen Markt und zweitens 8 Millionen englische und amerikanische Zigaretten ein. Die Dänen freuten sich, denn es gibt nichts, was sie nicht rauchen würden. (Nur der Tabak, den sie während des Krieges erhielten, bildete eine Ausnahme). Die Zigaretten, die mit Regierungsgenehmigung ins Land kamen, waren in allen Tabakgeschäften auf dem Ladentisch für den Schwarzmarktpreis von 5 Schilling für 20 Stück zu kaufen.
Auf diese Weise kamen über 50000 Pfund zusammen. Tabakhändler und Grossisten zögerten nicht, zu ihrem Teil etwas für die Wissenschaft zu tun, sie stellten ihre Dienste kostenlos zur Verfügung. Die eigentlichen Unkosten blieben damit außerordentlich gering.
Das Geschäft war so gut, daß man es noch einmal machen will. Diesmal soll Reis gehandelt werden. Er wird in derselben Weise wie die Zigaretten verkauft und zweifellos mit gleicher Begeisterung gekauft werden. Der Däne kann heute keinen Reis bekommen. Er wird ihn zu Weihnachten für sein traditionelles Reisgericht um so lieber kaufen. Offen über den Ladentisch zum legalisierten Schwarzmarktpreis.
Im Juni nächsten Jahres wird mit dem Reis- und Zigarettengeld eine dänische wissenschaftliche Expedition aus Kopenhagen auslaufen, zu einer zweijährigen Weltreise. Sie wird mit einem besonders ausgerüsteten Schiff in See stechen und zu erforschen versuchen, ob irgendwelches Leben in Meerestiefen von sechs- bis zehntausend Meter herrscht.
Das heißt, die Expedition wird in Tiefen arbeiten, die die umgekehrte Höhe des Mount Everest übertreffen. Die Dänen hoffen, Leben zu finden, was menschliche Augen nie zuvor erblickten. Sie werden in sämtlichen Ozeanen und großen Meeren der Erde forschen.
Die zwölf Männer, die auf die Reise gehen, vertreten alle Zweige der zuständigen Wissenschaften. Ihr Leiter, Dr. A. F. Brun vom Zoologischen Museum, hat schon einige Erfahrungen auf diesem Gebiet. Um 1930 war er auf einer ähnlichen Expedition, die gute Ergebnisse über die Ozeanwanderschaften von Aalen mitbrachte.
Das Geld stellt der Schwarze Markt, das Schiff die dänische Marine. Man hat zwar noch nicht erzählt, um was für ein Schiff es sich handelt, doch ist anzunehmen, daß es sich um eine Art Küstenwachschiff handelt.
Die Hauptausrüstung des Schiffes wird aus einer Vorrichtung bestehen, die ein Stahlseil von 10000 Meter Länge und 22 t Gewicht aufnehmen kann. Am Ende dieses langen Seils werden sich Netze, Schleppnetze und Greifhaken befinden.
Die lange Reisedauer von zwei Jahren wird verständlich, wenn man bedenkt, daß es zwei Tage dauern wird, das einmal abgerollte Seil wieder aufzurollen. Man könnte das auch schneller machen, aber die Wissenschaftler wissen nicht, ob und was in ihren Netzen hängen bleiben wird. Auf jeden Fall wollen sie vorsichtig sein und die Netze nur langsam hochziehen. Die Lebewesen aus der Tiefe sollen langsam an die Oberfläche befördert werden, damit sie an den geringer werdenden Druck gewöhnt werden.
Außer um neue wissenschaftliche Erkenntnisse geht es um 1000 Pfund. Das britische Museum hat diese Summe für den Fang eines ganz besonderen Fisches ausgesetzt. Sein Name ist Latimeria. Es ist ein Fisch, von dem man glaubte, er sei seit Millionen von Jahren ausgestorben. Aber vor wenigen Jahren fand man eine Latimeria in den Netzen eines Fischerbootes vor dem Kap der Guten Hoffnung. Eine genaue wissenschaftliche Beobachtung und Auswertung des Fanges war damals nicht möglich. Man hofft, daß die dänische Expedition den Fisch von ihren Fahrten mitbringt.
DER SPIEGEL 20/1948
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.