12.06.1948

MEDIZINDen Magen zu voll genommen

Mirin Dajo, der holländische Wundermann in der Schweiz, verrichtet keine Wunder mehr. Mirin Dajo ist tot. In Winterthur, wo er zuletzt wohnte, wollte zunächst niemand an diese Nachricht glauben. Er, Mirin Dajo, sei so oft "aus sich herausgetreten" (wie er selbst es nannte), daß man annehmen dürfe, er werde auch in diesem Falle wieder zu sich kommen. Dieser Fall aber war ein Unfall. Mirin Dajo war und blieb tot.
Der "Wundermann" wurde 1912 in Rotterdam geboren (seine Eltern leben heute noch in Zaandam). Er war Reklamezeichner und hieß gutbürgerlich Arnold Gerrit Henskes, ehe er sich als Artist den Namen Mirin Dajo zulegte. Er ließ sich als Künder der "Entmaterialisierungs-Lehre" und neuen Propheten feiern.
Nachdem ihm die Polizei das Vorführen seiner Degen-Experimente (s. "Spiegel" Nr. 40, Jg. 1; Nr. 1 und 4, Jg. 2) in der Oeffentlichkeit verboten hatte, lebte er in Mogelsberg (Kanton St. Gallen), war aber meistens unterwegs, um sich in Zürich, Bern und Basel seinen Jüngern zu zeigen. Jetzt hatte er in Winterthur um Aufenthaltsgenehmigung nachgesucht. Ehe die Behörden sprechen konnten, hatte die höchste Stelle gesprochen.
Am Mittwochnachmittag sank Mirin - wieder einmal - leblos in sich zusammen. Nur seine Augen sahen noch blau, naiv und gläubig, ja etwas verwundert in die Welt. Sein Landsmann, Mitarbeiter und Freund de Groot saß neben dem leblosen Wundermann und dachte an nichts Böses. Als Mirin Dajo aber auch am Freitagmorgen noch nicht zu sich gekommen war und sein Körper bläuliche Totenfarbe zeigte, hielt de Groot es doch für geraten, einen Arzt zu rufen. Der stellte dann abends fest, daß Mirin Dajos Seele den Körper endgültig verlassen hatte.
Der Mann, dessen Herz man mit Spießen durchstechen konnte, ohne daß er das Bewußtsein verlor, hatte gerade nach längerem Schweigen wieder von sich reden gemacht. Er hatte erneut ein Wunder tun wollen, das dann keines wurde. Mirin hatte einen 35 cm langen Metallspieß verschluckt, sich mit ihm im Magen röntgen und hernach operieren lassen. Vorher hatte er hoffnungsfroh verkündet, daß der Chirurg den Spieß nicht mehr im Körper vorfinden würde. Der Wundermann wollte eine "Dematerialisation" vornehmen. Dann sollte eine "Rematerialisierung" folgen, d. h. der Spieß würde mit einem Male wieder da sein.
Zwei Tage, nachdem Mirin das Instrument verschluckt hatte, wurde er mit inneren Blutungen ins Spital gebracht. Man narkotisierte ihn und entfernte den Fremdkörper aus dem malträtierten Wundermannsmagen. Am Rande war dann doch ein kleines Wunder geschehen: Die Heilung war wider Erwarten sehr schnell und ohne Komplikationen vor sich gegangen.
Inzwischen hatte die chirurgische Universitätsklinik Zürich Tierversuche gemacht, um das Rätsel Mirin Dajo zu lösen. Man stellte fest, daß ein spitziger, konisch zulaufender runder Degen, wie er Mirin durch den Leib gestoßen wurde (solange die Polizei das gestattete), bei geschickter Handhabung keine sehr großen Verletzungen verursacht. Es treten keine plötzlichen Zerreißungen ein. Vielmehr weichen die Organe mit nicht absolut fester Lage dem Instrument aus.
Die fraglichen Organe werden bei einem glatten, sauberen Durchstoß nicht lebensgefährlich verletzt. Bei ihnen können auch schwerere Wunden ohne Behandlung glatt verheilen. (Bei einem ungeschickten Degenstoß allerdings können schwere Verletzungen eintreten.) Auch eine Infektionsgefahr ist kaum zu befürchten, da ein Degen aus Metall und von so glatter Form leicht sauber zu halten ist.
Das meint die "Schweizerische Medizinische Wochenschrift", die es wissen muß. Auf jeden Fall hätten die Tierexperimente bewiesen, daß die aufsehenerregende Demonstration Mirin Dajos nichts Wunderbares an sich habe und keinesfalls als Beweis für die gänzliche Unverletzbarkeit des menschlichen Organismus angesehen werden könne.
Jetzt hat sich Mirin Dajo selbst widerlegt. Er ist nicht etwa an den Folgen der geschickt ausgeführten Operation, sondern vielmehr an den Verletzungen und der Injektion gestorben, die das Verschlucken des Spießes zur Folge hatte.
Nationalrat G. Duttweiler widmet dem Dahingeschiedenen einen ehrenvollen Nachruf: "... Wohl wußte die Wissenschaft Erklärungen über alles, aber keine, die ganz zu überzeugen vermochte. Die Frage bleibt offen, ob Mirin Dajo die Erkenntnis der Wissenschaft vom menschlichen Körper erschütterte, oder ob diese Wissenschaft in ihren Erklärungen dem Phänomen Mirin Dajo Meister wurde. Es hat nicht sollen sein, daß ein Wunder geschehe für den Frieden, für den Sieg des Lebens. Aber, bei Gott, es hat einen gegeben, der es mit Leib und Seele gewollt hat - bis in den Tod."

DER SPIEGEL 24/1948
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