29.05.1948

Nach tschechischem Vorbild

Nach mehr als dreijähriger Zwangspause, in der sie als Mitglieder der Regierungskoalition die parlamentarische Diskussion erlernen mußten, waren Finnlands Kommunisten wieder in ihrem eigentlichen Element. In den finnischen Häfen lag die Arbeit still. Ueberall im Lande flackerten Streiks auf, und die kommunistischen Agitatoren waren ständig unterwegs, um einen Generalstreik durchzusetzen.
Ihre Erbitterung hatte einen guten Grund: Innenminister Yrjö Leino, der starke Mann der Kommunisten, wurde von Staatspräsident Paasikivi amtsenthoben, nachdem ihm die sozialdemokratische und die bürgerlichen Parteien im finnischen Parlament das Mißtrauen ausgesprochen hatten.
Schlagartig setzten die Aktionen der Kommunisten und der mit ihnen verbündeten Radikalsozialisten ein, als Leino noch kaum das Staatspräsidentenpalais mit der Entlassungsurkunde in der Hand verlassen hatte. Aktionskomitees tauchten mit bemerkenswerter Schnelligkeit auf. Auf Massenkundgebungen behaupteten kommunistische Redner, daß nun die finsterste Reaktion den Kommunisten die Regierungszügel aus den demokratischen Händen reißen wolle.
Der seit langem nur schwelende Konflikt zwischen den Rechtsparteien und den Volksdemokraten, die mit etwa 80000 eingeschriebenen Mitgliedern als Dachorganisation der Kommunisten und der gleichgeschalteten Radikalsozialisten fungieren, war zur offenen Flamme entfacht worden. Mit östlicher Einigkeit vertreten die Volksdemokraten auf 49 von 200 Parlamentssitzen die Lehren Stalins. Aber nach dem glücklich überstandenen Abenteuer des russisch-finnischen Verteidigungspaktes hatten die bürgerlichen Parteien und die Sozialdemokraten keine Lust mehr, sich von Finnlands "dunklen 400" eine Revolution aufzwingen zu lassen.
Die "dunklen 400" sind ausgesuchte Funktionäre der kommunistischen Partei, die nach dem Krieg aus den Moskauer Parteischulen ohne viel Aufsehen nach Finnland zurückkehrten. Die Nähe ihrer russischen Gönner und das schlechte Gewissen der Finnen erleichterten ihren Einmarsch. Das schlechte Gewissen datiert aus Finnlands antikommunistischer Vergangenheit. Schon 1920 war die KP in Finnland verboten und ihre Funktionäre zur Auswanderung nach Osten gezwungen worden.
Nur wenige der 400 bewarben sich wieder um die finnische Staatsangehörigkeit. Die meisten tauchten in der reorganisierten Partei unter und entfalteten eine rege Aktivität, deren Ergebnis die Vereinigung der Linksparteien unter dem Schirm der Volksdemokratie war.
Am regsten war Ture Lehen, der 50jährige redegewandte Organisator der Partei. In seiner Moskauer Zeit war er Dimitroffs Stellvertreter als Kominternchef gewesen. Dort hatte er auch ein von Fachleuten gepriesenes Handbuch für den Straßenkampf geschrieben, das gerade in diesen Tagen von seinen Parteigenossen recht eifrig gelesen wurde. In Lehens Steuererklärung steht in der Berufssparte: Journalist, eine Behauptung, die er durch gelegentliche Artikel in kommunistischen Organen zu beweisen sucht.
Nr. 2 von den 400 ist der ausrangierte Innenminister Yrjö Leino. Im Gegensatz zu dem Straßenkampf-Fachmann Lehen war der 52jährige ehemalige Volksschullehrer bis vor einiger Zeit gar nicht mal so unbeliebt. Seine Freunde sagen ihm die besten Manieren unter den Rußlandschülern nach, und im Parlament erregte der wortkarge verschlossene Mann kein sonderliches Aufsehen.
Nr. 3 der 400 ist eine Frau: Hertta Kuusinen, die Fraktionsführerin der Volksdemokraten im Parlament und Finnlands interessanteste Frau. Es gibt nichts, was sie über Nr. 1 und Nr. 2 nicht weiß. Mit dem einen, Lehen, war sie verheiratet, und mit dem anderen, Leino, ist sie es noch. Im politischen Leben allerdings führt sie ihren Mädchennamen weiter. Die Namen Kuusinen und Leino sind übrigens in Finnland so häufig wie in Deutschland Müller und Schulze.
Schon in frühester Jugend wurde Hertta Kommunistin. Ihr Vater Otto Wilhelm Kuusinen war 1919 der erste kommunistische Minister Finnlands, bevor er 1920 fluchtartig das Land verlassen mußte. Heute ist Vater Kuusinen Präsident der karelischen Sowjetrepublik und stellvertretender Präsident des Obersten Sowjets.
Die 19jährige Hertta mußte 1923 ihr Studium in Helsinki aufgeben, da sie sich nicht wie ihre drei Geschwister zu einer ruhigeren politischen Auffassung überzeugen lassen wollte. In Moskau, wo sie sich zur Bibliothekarin ausbilden ließ, begann ihre politische Schulung und ihre Ehe mit Lehen. Beides ging 1934 zu Ende, als Hertta nach Finnland zurückkehrte.
In ihrer Heimat wurde sie postwendend eingesperrt, nach fünf Jahren entlassen und nach der Heirat mit Leino, der illegal im Lande lebte, gleich wieder für Kriegsdauer hinter Gitter gesetzt. Auf diese Strafen ist Hertta sehr stolz.
Um so erstaunlicher ist die Atmosphäre wohlsituierter Bürgerlichkeit, die die beiden Ehegatten heute im persönlichen Auftreten wahren. In ihrer Parterrewohnung in der Bergmansgaten Nr. 7 in Helsinki enttäuscht die 44jährige Frau mit dem straff zurückgekämmten Haar alle Besucher, die in ihr den Typ der kommunistischen Funktionärin erwarten. Ihre hausfraulichen Künste werden selbst von oppositionellen Politikern gern bestätigt.
Im Parlament ist Hertta wegen ihrer unerschütterlichen Freundlichkeit und ihrer Bereitschaft zu kleineren Kompromissen eine gern gesehene Ausnahme im Kreis ihrer Fraktionskollegen. Der untersetzte und etwas mürrische Leino wird von ihr oft mit liebenswürdiger Bestimmtheit um alle Klippen des parlamentarischen Daseins gesteuert. Als sie einmal im Parlament einen Vorschlag ihres Mannes zur Ablehnung empfahl, rief sie ihm von ihrem Sitz aus zu: "Nicht wahr, Yrjö, wir schreiben das Exposé zu Hause noch einmal um." Er nickte nur.
In der Bergmansgaten findet sich auch Herttas erster Gatte Lehen oft zu Besprechungen ein, die bis weit nach Mitternacht ausgedehnt werden. Finnlands dreiköpfige "rote Familie" führt eine Ehe von bemerkenswerter Einträchtigkeit. Gerade deshalb aber sprechen bereits viele Finnen von Hertta Kuusinen als der "femme fatale" Finnlands.
Fast drei Jahre lang war Leino Innenminister gewesen, bevor die Kritik so laut wurde, daß Staatspräsident Paasikivi sie beim besten Willen nicht mehr überhören konnte. Der zu Hause reichlich schwerfällige Leino hatte in seinem innenministeriellen Amtszimmer eine erstaunliche Aktivität an den Tag gelegt. In den Reihen der Polizeiführung tauchten immer mehr linksradikale Köpfe auf, und die Mitglieder der von Leino ins Leben gerufenen bewaffneten Hilfspolizei hatten fast ausnahmslos kommunistische Parteibücher in der Tasche.
In Finnland war das tschechoslowakische Beispiel noch in zu frischer Erinnerung. Leino mußte gehen. Aber durch die seiner Entlassung folgenden wilden Streiks fühlte sich die finnische Regierung doch bewogen, einen halben Rückzieher zu machen. Man wollte es nicht auf einen völligen Bruch mit den Kommunisten und die damit vielleicht verbundenen außenpolitischen Konsequenzen ankommen lassen. So wurde mit dem bisherigen Erziehungsminister Eino Kilpi wieder ein Vertreter der kommunistisch orientierten Volksdemokraten an Leinos Stelle gesetzt. Auch die "rote Familie" wurde mit einem Trostpflästerchen versehen: Hertta Kuusinen darf als Ministerin ins Kabinett einziehen.
Der finnische Mann auf der Straße, der in diesen Tagen mit einiger Ratlosigkeit auf sein unruhiges Parlament geblickt hatte, atmete wieder auf. Er hatte das Gefühl, daß der Kelch noch einmal an ihm vorübergegangen war. Und er ist froh, daß er weiter in der relativen Freiheit von Moskaus "Musterprotektorat" leben darf. Vorläufig wenigstens.

DER SPIEGEL 22/1948
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