10.07.1948

ERFINDUNGENVom Strom befreit

Die Damen der Hamburger Gaswerke fühlen sich als Pioniere. Sie waren unter den ersten, die auf dem Frisierstuhl im Hamburger Laboratorium der Schwarzkopf-Werke gewissermaßen am laufenden Band neuartig dauergewellt wurden. Der Chefchemiker betätigte sich als Figaro und legte unentwegt braune, schwarze und blonde Haarsträhnen.
Die Hersteller elektrisch betriebener Dauerwell-Apparate ziehen süß-saure Gesichter. Dr. Heinz Schwarzkopf macht es stromlos und ohne Apparat. Die Köpfe der wellenlüsternen Damen werden von den zwei Kilogramm elektrisch geheizten Wickel-Klammern befreit. Die Holzröllchen, auf die man beim kalten Verfahren die Haare wickelt, wiegen nur 150 Gramm. Außer ihnen braucht Figaro nur noch drei längliche Glasampullen. Sie enthalten das chemisch ausgeklügelte Geheimnis.
Nach dem Waschen und Wickeln wird der Dame Lösung Nr. 1 aufs Haupt getan. Es ist der "Entwickler", der die Krause bewirkt. Lösung Nr. 2 fixiert die neue Welle, Lösung Nr. 3 enthält eine Härteflüssigkeit. Dadurch wird das Haar wieder elastisch und straff. Madame wird abgewickelt und frisiert. Die ganze Prozedur dauert genau so lange wie unter der elektrischen Haube. Aber es ist bequemer.
Die Chemiker in dem duftenden Laboratorium versichern, daß die chemischen Dauerwell-Lösungen dem Haar nicht schaden. Sie sind nämlich genau den organischen Haarstoffen angepaßt. Außerdem schont die "kalte Welle" die Kopfhaut. Die Locken sehen aus wie angeboren.
Rund tausend Versuchsdamen sind auf die kalte Tour versuchsweise gewellt worden. Jetzt werden die Friseure umgeschult. Auf Modeveranstaltungen haben sie schon erste Preise geholt. Da man mit "kalten Wellen" das Haar viel häufiger als mit heißen behandeln kann, sind der Modelaune keine Grenzen gesetzt. Als Kundin Nr. 1 erwartet man Schauspielerinnen.
Man kann mit dem neuen Verfahren das Haar nicht nur krausen, sondern ebenso gut auch glätten. So fing es an, als man das Präparat vor dem Kriege für ganz andere Zwecke patentieren ließ.
Im Institut für Haarhygiene in den Tempelhofer Schwarzkopf-Werken entwickelte man es, als modische Neger in Aegypten lebhaftes Interesse dafür zeigten, ihre krausen Haare europäisch glätten zu lassen. Nach dem Kriege wurde aus der Neger-Entkrausung das neue Modeelixier.
Die Sache verhält sich so: Die Naturwelle und auch eine starke Kräuselung des Haares geht darauf zurück, daß die Moleküle des Haares eine andere Stellung zueinander haben als bei naturglatten Haaren. Und "Onaltherma" bringt es fertig, diese natürliche Stellung der Moleküle naturgewellten Haares hervorzurufen.
Das ist auch der Grund, warum "Onaltherma"-Wellen nach Aussagen der Schwarzkopf-Künstler Wind, Wetter und Wasser standhalten. Natürlich, das nachwachsende Haar ist wieder glatt. Nach einigen Monaten müssen die Damen sich wieder "onalthermen" lassen.
Die "cold waves" erfreuen sich in Amerika schon lange großer Beliebtheit. Die Damen der "großen Welt" sollen sich, hat man ausgerechnet, bis zu 70 Prozent zu kalten Wellen bekennen. Dr. Heinz Schwarzkopf, der sich nach der Kapitulation nach Hamburg entlassen ließ, hat in seiner Fabrik am Valentinskamp die amerikanische Methode mit seinen Chemikern noch vervollkommnet.
Die Schwarzkopfs machen sich schon seit 50 Jahren um die Haare der Menschheit verdient. Um die Jahrhundertwende gründete Vater Schwarzkopf das Werk in Berlin. Seine Frau residiert als Seniorchefin noch heute in Tempelhof.
Vor 50 Jahren pflegte man sich noch die Haare mit grüner Seife und Soda zu waschen. Schwarzkopf machte das Shampoon in Deutschland populär. Für seine Firma ließ er sich außer dem schwarzen Kopf die Bezeichnung "Schaumpon" patentieren. Es gab auch Schaumpon mit Ei-Zusatz, Trocken-Schaumpon und seifenfreie Waschmittel auf Fettbasis. Die Haarpflege wurde zur Wissenschaft.
Was das neue "Onaltherma"-Elixier und die "kalte Dauerwelle" angeht, so sagen die Schwarzkopf-Alchimisten, daß es nichts Vollkommeneres im Friseursalon gäbe. Zu den "heißen Dauerwellen" verhielten sich die kalten wie elektrisches Licht zur Petroleumlampe.

Die Nacht von Paris
In Paris vibrierten die Stromleitungen. In einem Ozean von Licht feierte die Stadt die Schlußapotheose der Saison. Zur Feier der "Nuit de Paris", der Nacht von Paris, waren die markanten Gebäude angestrahlt. Riesige Scheinwerfer schmissen zur 300-m-Spitze des Eiffelturms ihre dicken Strahlenbündel empor. Zu Füßen des Eiffelturms taten im Zirkus Bouglione französische und ausländische Künstler ein übriges. Lily Pons, der französische Star der New Yorker Metropolitan-Opera, sang, begleitet vom Orchester der Oper. Begleitet von Charles Boyer, trat die Hollywood-Schwedin Ingrid Bergman, die in ihrer letzten Filmrolle Jeanne d'Arc, Jungfrau von Orleans war, vor das Publikum. Man war entzückt von ihrer gesunden Art und fand das Kleid, das sie trug, "très Jeanne d'Arc".

DER SPIEGEL 28/1948
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