12.10.1970

UNTERNEHMEN / HISPANO-SUIZAPulver verschossen

In der wohl dunkelsten "Kriminalstory mit Gruseleffekt" (Freidemokrat Karl Moersch) des Bonner Nachkriegslebens spielte er seinen Part. Für einen der größten Einzelbeträge, die Westdeutschlands christdemokratische Wiederaufrüster in den 50er Jahren bewilligten -- 2,5 Milliarden Mark -, lieferte er, so ein Oberstleutnant der Bundeswehr, "eine Mistkarre von Anfang an": den Schützenpanzer "HS 30". Jetzt hat der umstrittene Schweizer Rüstungskonzern Hispano-Suiza sein Pulver verschossen.
In der vorletzten Woche unterzeichnete Alleineigentümer Louis Birkigt eine Vereinbarung, die das Ende des Genfer Konzerns (Jahresumsatz: 100 Millionen Franken; 1200 Beschäftigte) besiegelt.
Hiernach übernimmt der bisher schärfste Konkurrent, die Züricher Oerlikon-Bührle Holding AG, den Werkzeugmaschinen- und Rüstungssektor der Hispano-Suiza-Gruppe: eine Waffen- und Werkzeugmaschinenfabrik sowie eine Munitionsfabrik in Genf und einen Rüstungsbetrieb in Grantham (England).
Das Textilmaschinen-Werk Hispano-Suizas in Vernier hingegen, das nicht ins Produktionsprogramm der Züricher Waffenfabrikanten paßt, wird dem Maschinenbau-Konzern Gebrüder Sulzer AG aus Winterthur angegliedert.
Der Hispano-Suiza-Ausverkauf überraschte Branchenkenner nicht. Denn schon seit einigen Jahren reichte die Finanzkraft des Familienunternehmens nicht mehr aus, die Millionenbeträge für die Entwicklung neuer Waffen aufzubringen.
Den Genfer Waffenschmieden machte vor allem das in der Rüstungsbranche übliche Stoßgeschäft zu schaffen. Monaten, in denen mit Hochdruck gearbeitet werden mußte, um einen Großauftrag zu erfüllen, folgten oft ebenso lange Zeiten, in denen die Hispano-Maschinen kaum ausgelastet waren,
Zwar versuchten daher die Hispano-Suiza-Manager, den Anteil der zivilen Produktion (vor allem Textil- und Werkzeugmaschinen) am Konzern-Umsatz zu steigern; doch letztlich scheiterten alle Diversifizierungs-Pläne am Kapitalmangel der Familienfirma.
So hatte Birkigt seit zehn Jahren kaum noch neue Maschinen für seine Hauptwerke angeschafft. Und bereits 1967 versilberte er aus Liquiditätsgründen ein Zweigwerk in Breda (Holland). Schließlich ließ auch die Schweizerische Kreditanstalt, Hauptgläubiger der immer tiefer in die roten Zahlen rutschenden Firma, den Kredithahn für den angeschlagenen Rüstungsproduzenten nur noch tröpfeln. Birkigt sah sich allerdings nicht nur aus Geldmangel veranlaßt, nun Kasse zu machen. Denn der 67jährige Konzerninhaber, der seine Firmen über die in Zürich eingetragene Mecatex Holding AG (Grundkapital: 60 Millionen Franken) kontrolliert, ist ohne Nachfolger. Sein Sohn stürzte 1950 mit einem Sportflugzeug ab; seine Tochter ist mit einem ehemaligen französischen Offizier im afrikanischen Gabun verheiratet.
Mit der Auflösung der Hispano-Suiza-Gruppe endet eine erfolg- wie skandalreiche Firmengeschichte -- wobei zunächst die Erfolge, dann die Affären überwogen:
Schon 1904 hatte der 26jährige Ingenieur Marc Birkigt, Vater des jetzigen Firmeninhabers, in Barcelona die erste Hispano-Suiza-Fabrik für Kraftfahrzeuge gegründet. Acht Jahre später eröffnete er ein Zweigwerk in Paris. Birkigt konstruierte eine Zwölf-Zylinder-Limousine, die bereits 1919 eine Spitzengeschwindigkeit von 140 Stundenkilometern erreichte.
Im Ersten Weltkrieg stieg Marc Birkigt ins Rüstungsgeschäft ein und baute Flugzeugmotoren für die französische, britische, italienische und amerikanische Luftwaffe. Aus jener Zeit stammt auch das Firmen-Emblem Hispano-Sulzas: ein fliegender Storch, Zeichen des berühmten französischen Jagdgeschwaders "Cigogne".
Birkigts Verkaufsschlager nach Kriegsende: eine Bordkapone, die durch die Propellerachse schoß. Dadurch wurde die bisher erforderliche Synchronisation von Schieß- und Propellerdrehgeschwindigkeit überflüssig.
1938 entstanden zwei weitere Werke: in Genf (heutiges Stammwerk) und Im mittelenglischen Granthain. Der Zweite Weltkrieg brachte dann die fettesten Aufträge: Hispano-Suiza lieferte Kanonen und Munition an die Aliierten.
In der Nachkriegszeit allerdings machte die Waffenschmiede, deren spanische und französische Werke unter Staatskontrolle gerieten, fast nur noch durch Skandale von sich reden.
Bei dem Milliarden-Geschäft mit dem Schützenpanzer "HS 30", den die Genfer Firma im Auftrag der Bundeswehr entwickelte, sollen In den 50er Jahren einige Hispano-Sulza-Millionen über versteckte Kanäle in den Wahlfonds der CDU geflossen sein. Selbst ein Untersuchungsausschuß des Bundestages brachte kein Licht In das Dunkel der "HS 30"-Affäre.
Vor zwei Jahren schließlich geriet der Rüstungskonzern In Verdacht, Ausschußmunition nach Schwarzafrika verschoben zu haben. Und zwischen 1965 und 1968 lieferten die Hispano-Suiza-Herren unter falscher Bezeichnung Sicherheitselemente für Raketenzünder nach England und führten so Schweizer Exportkontrolleure Irre.
Nicht geringere Erfahrung im Illegalen Waffenausfuhrgeschäft hat der bisherige Hispano-Suiza-Konkurrent Oerlikon-Bührle, der nach dem Kauf der Genfer Waffen- und Munitionsfabriken das Rüstungsmonopol in der Schweiz erhält.
Firmenchef Dieter Bühne und sechs weitere leitende Angestellte sind angeklagt, von 1963 bis 1968 Kriegsmaterial im Wert von 88,7 Millionen Franken mit erschlichenen Ausfuhrbewilligungen in Spannungsgebiete exportiert zu haben -- darunter auch 210 Fliegerabwehrgeschütze, die Ende des Zweiten Weltkrieges von der deutschen Wehrmacht zwar bezahlt, aber nicht mehr abgeholt worden waren. Die eingemotteten Kanonen tauchten im nigerianischen Bürgerkrieg wieder auf.

DER SPIEGEL 42/1970
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 42/1970
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

UNTERNEHMEN / HISPANO-SUIZA:
Pulver verschossen