12.10.1970

BOXEN / BUNDESREPUBLIKRestlos am Ende

Eine bundesdeutsche Branche bewahren nur noch Gastarbeiter vor dem Ende. Das Berufsboxen ist k. o.
Kein Deutscher hält noch einen Europatitel. Kein deutscher Boxer vermag zur Zeit eine große Halle zu füllen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten ständig Bundesboxer wie die abgetretenen Europameister Gustav Scholz und Erich Schöppner, Heinz Neuhaus und Karl Mildenberger zu den besten der Welt gezählt. Scholz und Mildenberger (gegen Cassius Clay) boxten um die Weltmeisterschaft.
Mit der verbliebenen zweiten Garnitur trieben die Manager Raubbau. Der Deutsche Meister Josef Elze boxte in zu kurzem Abstand gegen zu schwere Gegner. 1968 starb er nach einem Kampf um die Europameisterschaft. Er war gedopt worden.
"Die Kreise, aus denen wir unseren Nachwuchs rekrutierten", klagt der Manager Bruno Müller, "verdienen ohne Boxen genug." Statt in aussichtsreiche Nachwuchsboxer zu investieren, behalfen sich die Veranstalter mit Boxern wie dem Hamburger Norbert Grupe, dessen Show-Talent seine Box-Technik übertraf.
Rasch verschliß die Branche auch Grupe durch zu viele Kämpfe gegen schwere Gegner. Als nach einer Niederlage mit mehreren Niederschlägen die in den Regeln des Bundes deutscher Berufsboxer (BdB) vorgesehene vierwöchige Schutzsperre eintrat, hoben sie die Funktionäre per Telephon-Umfrage auf: Grupe durfte vorzeitig neue Prügel beziehen. Darauf kündigten einige Sportmediziner dem BdB ihre Mitgliedschaft.
Glückliche Umstände verhalfen den deutschen Boxern Peter Weiland und Gerhard Piaskowy zur Europameisterschaft. Weiland büßte den Titel durch eine klägliche Leistung gegen den Spanier Urtain (bürgerlich: José Manuel Ibar) ein. Piaskowy wurde von seinem Manager Lado Taubenek gegen den amerikanischen Weltmeister Freddy Little in eine schockierende Niederlage geschickt.
Mit nur 19 Veranstaltungen brachte schon das letzte Jahr einen Minusrekord; von den 62 darin beschäftigten deutschen Profiboxern bestritt nur die Hälfte mehr als zwei Kämpfe. Im Ausland waren die
unterbeschäftigten Deutschen als Aufbau-Gegner (Fachjargon: Fallobst) gefragt. Von 49 Auslands-Kämpfen verloren sie 40.
Um die beginnende Saison zu retten,
verpflichteten die deutschen Veranstalter mangels deutscher Hauptkämpfer den Spanier Urtain für drei Hauptkämpfe im Oktober in Frankfurt, Köln und Berlin. Gage: je 25 000 Mark. Urtains Zugkraft leitete sich aus 33 K.o.-Siegen in 35 Kämpfen her. Doch inzwischen verdunkelten Zweifel seinen Rekord. Der Hesse Kurt Stroer behauptete nach seinem Kampf mit Urtain, in seiner für einen unbekannten Profi überhöhten Gage von 7500 Mark sei eine Bestechungssumme enthalten gewesen. "Es ist nicht so einfach, einen K.o. zu mimen", bekannte Stroer, "wenn Urtain nicht mal trifft." Schließlich half ihm eine Nasenverletzung aus der Verlegenheit.
Zu einer anderen Urtain-Darbietung war der Hamburger Manager Fritz Wiene wohlweislich nicht nach Frankfurt gereist, obwohl einer seiner Boxer im Rahmenprogramm kämpfte." Ich will nicht wegen Urtain eines Tages als Zeuge aufgerufen werden", redete sich Wiene heraus. Urtain besiegte diesmal den Farbigen Harns. "Wie sich Harns hinlegte", beschrieb Boxexperte Hartmut Scherzer, "war reif fürs Catcherzelt."
Urtain sollte den deutschen Veranstaltern als Lokomotive im gleichen Programm für ihre einzige Nachwuchs-Hoffnung dienen: Das Besatzungskind Charles Graf, 19, hatte in sechs Profikämpfen nie mehr als drei Runden zum K.o.-Erfolg benötigt. Statt den Jung-Boxer geduldig aufzubauen, jubelte ihn Manager Müller zum "universellen Talent" hoch und tilgte Selbstkritik durch das Urteil: "Er kann Weltmeister werden."
Zum siebten Graf-Gegner bestellte der Manager den Jugoslawen Ivan Prebeg, 37. Seine Haare färbten sich zwar schon grau, aber Prebeg hatte sogar Gustav Scholz zu Boden geschlagen und verlor erst 1970 seinen Europatitel. Der BdB beabsichtigte, den Kampf zu untersagen, fiel jedoch abermals bei einer Telephon-Abstimmung um. Nach sechs Runden schlug Prebeg den erschöpften Graf k.o. -- Graf: "Ich war restlos am Ende."
Vorerst müssen die Veranstalter ohnehin auf Graf verzichten. Er soll in der Bundeswehr dienen.

DER SPIEGEL 42/1970
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