12.10.1970

GESTORBENJANIS JOPLIN

JANIS JOPLIN, 27. Das Mädchen aus einem gutbürgerlichen Elternhaus in Texas war die wildeste, ordinärste und ausdrucksvollste Sängerin der Pop-Szene. Mit der Whiskey-Flasche in der Hand tobte sie zum Gitarrengedröhn auf der Bühne, krakeelte ihr Lieblingswort "fuck" in den Saal, kreischte ihre ungewöhnlich musikalischen Gefühlsausbrüche ins Publikum (siehe Seite 218). Es war immer so, notierte einmal ein amerikanischer Kritiker, "als würde sie von der zweiten Etage eines Bordells herunterbrüllen: 'Los, ihr Kerle, kommt rauf!'" Janis Joplin, die nach der Devise lebte: "Sich einen ansaufen und fröhlich bleiben", fühlte sich immer "auf der anderen Seite der Gesellschaft". Sie hatte als Computer-Locherin gearbeitet, oft von der Arbeitslosenfürsorge gelebt und es viermal in einem College versucht, bis sie 1967 beim Pop-Festival in Monterey ihren ersten großen Auftritt bekam. Nach ihrer aufreizenden Darbietung ("Was ich mache, ist mehr als Sex") hatten die Kritiker "eine der ungewöhnlichsten Frauenstimmen dieses Jahrzehnts gehört", ein Mädchen jedenfalls, das den Blues sang wie keine Weiße zuvor.
JEAN GIONO, 75. Der bukolische Provence-Poet, der seine südfranzösische Heimat mit bittersüßen Romanen und Erzählungen voller Hirtenflöten-Lyrik und naturreligiöser Schwärmerei in die Literatur-Geographie einschrieb, war der einzige Autodidakt unter Frankreichs Bildungs-Autoren. Die Ärmlichkeit seines dörflichen Elternhauses -- Vater war Schuster, Mutter Plätterin zwang den 16jährigen, der vorzugsweise die Bibel und griechische Mythen las, sich als Laufbursche einer Bank zu verdingen, in der er später bis zum Filialleiter avancierte. Sein Geburtsdorf Manosque in den Basses-Alpes verließ der zivilisationsfeindliche Autor zeitlebens nur selten und dann meist unter Zwang: im Ersten Weltkrieg, den er als Poilu an der Front mitmachte; im Zweiten, als der zum Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer Geläuterte inhaftiert wurde; nach Kriegsende, als er wegen Kollaboration ins Gefängnis mußte. Ein "Prosa-Vergil" (André Gide) war er zu dieser Zeit schon nicht mehr: In den letzten zwei Jahrzehnten produzierte er nur mehr historische Abenteuerromane, freilich auch sie im ländlichen Milieu -- "Vom Winde verweht" auf provencalisch.
EDMOND MICHELET, 71. Schon todkrank, hauchte Frankreichs Kultusminister Michelet bei der Leichenrede für Mauriac ins Mikrophon: "Frankreich, das einzige Land auf der Welt, das diesen Namen verdient." Ganz Frankreich war überrascht gewesen, als Premier Chaban-Delmas 1969 Michelet zum Nachfolger des hochkarätigen Kulturchefs Malraux bestellt hatte -- am meisten Michelet selbst. Aus Treue zu de Gaulle (Titel eines Michelet-Buches: "Über die Treue in der Politik") hatte der überzeugte Katholik das Amt übernommen; er wußte, daß er ihm nicht gewachsen war. Sein Ziel war eher, seinen 42 Enkeln ein guter Großvater zu sein. Am Freitag letzter Woche starb er in seinem Heimatort Marcillac.
LUCIEN GOLDMANN, 57. In einer kleinen Pariser Bäckerei dozierte der gebürtige Rumäne und naturalisierte Franzose 1949 beim Petit Déjeuner als eine Art von Gegen-Universität: Zeichen eines Nonkonformismus, mit dem der brillante Philosoph und Literatursoziologe, seit 1956 freilich selbst Professor an der Sorbonne, zeitlebens die Dogmenverwalter der Ideologien schockiert hat. Schon seine Zürcher Dissertation von 1944 hatte Aufsehen erregt. Die nur noch Erkenntnistheorie lehrenden Neukantianer überraschte er mit provokanten Thesen über deutsch-französische Sozialgeschichte und über die kritisch-progressiven Züge der politischen Philosophie Kants. Sein Bekenntnis zum Marxismus, auf den Spuren des vom Autor Lukács längst widerrufenen Werkes "Geschichte und Klassenbewußtsein", blieb von einer "tragischen Vision" beherrscht: Im Schicksal der Häresie, des Konflikts zwischen freiem Denken und institutionellem Gehorsam, der das "Opfer der Vernunft" fordert, entdeckte Goldmann die unauflösliche Aporie des Intellektuellen zwischen "Weltflucht und Politik", die er an den Katholiken Pascal und Racine als Modellen demonstrierte.

DER SPIEGEL 42/1970
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