28.09.1970

ZEITGESCHICHTE HEUSS-TAGEBUCH

Narziß mit Goldmund

Theodor Heuss sah sie so: Erich Mende als "wasserpolakischen Apollo", Ludwig Erhard als "Naivling", Heinrich Krone als "hölzern langweiligen Funktionärstyp", Franz Josef Strauß als "blitzgescheiten Kerl, doch noch undiszipliniert", die frühere Alterspräsidentin des Bundestags, Marie-Elisabeth Lüders ("Sie lügt hysterisch"), als "schrecklich" und den englischen Premier Harold Macmillan als "männlich und lebendig" -- "gut proportioniertes Gesicht (sein Zahnarzt könnte besser sein)".

So drastisch zeichnete der erste Präsident der Bundesrepublik seine Zeitgenossen in Tagebuchbriefen, die er fast über ein Jahrzehnt hinweg alle drei bis fünf Tage nach New York schickte. Empfängerin der Briefe war die Publizistin Toni Stolper, Ehefrau des 1933 emigrierten Heuss-Freundes und Wiener Journalisten Gustav Stolper" die jetzt das "Ersatz-Tagebuch" (Heuss) -- vermindert um familiär oder strafrechtlich Interessantes -- zur Veröffentlichung freigab*.

Was "Papa Heuss" seiner "lieben Toni" in kleiner deutscher Handschrift auf Luftpostpapier mitteilte, korrigiert das Bild des staatsmännisch abgewogenen, schwäbisch-gemütlichen Landesvaters" der die Nachkriegsdeutschen eine "Demokratie des Maßes" lehren wollte.

Nun nämlich, sieben Jahre nach seinem Tod, erfährt das Publikum des vormals "ersten Staatsschauspielers" (Heuss), welche Sottisen sein weißhäuptiger Charakterdarsteller hinter den Kulissen von sich gab. Heuss über

* Theodor Heuss: "Tagebuchbriefe 1955/1963". Rainer Wunderlich Verlag, Tübingen und Stuttgart; 645 Seiten; 38 Mark.

* den FDP-Kandidaten für die Bundespräsidentschaft 1959, den Bad Hersfelder Rechtsanwalt Max Becker: ein "bieder ehrgeiziger Provinzadvokat";

* den Bundestagspräsidenten Eugen Gerstenmaier: "Sein schneller Hochmut geht den Leuten auf die Nerven";

* den ehemaligen FDP-Vorsitzenden Thomas Dehler: "Parzifal als Amokläufer";

* die Düsseldorfer FDP-Jungtürken Weyer, Mende, Scheel und Zoglmann: "Nazi-Demokraten". Mit dem gütigen Spott eines Serenissimus bedachte Heuss seinen "Ost-Kollegen" Wilhelm Pieck ("gutmütiger Polterer"), den Chemie-Nobelpreisträger Otto Hahn ("ein Kind ohne Arg, mit immer erstaunten Augen") und seinen professoralen Freund Carlo Schmid, den er in bezug auf Daudets aufschneiderische Romanfigur als "ein bißchen Tartarin" charakterisierte. FDP-Mitglied Heuss über den Genossen "Carlo": "Tafelaufsatz im Proletarierhaushalt".

Während Heuss den Sozialdemokraten, die ihn 1949 nicht gewählt hatten, mit distanzierter Freundlichkeit begegnete (Ollenhauer war ihm immerhin "menschlich angenehm"), begleitete er die Entwicklung seiner eigenen Partei mit giftigen Kommentaren: "Zu viele flache Köpfe" verhülfen der FDP zu einem "Selbstmord in Stufen".

Der Haß des schwäbischen Honoratioren Heuss galt vor allem dem damaligen FDP-Vorsitzenden Thomas Dehler. Dehler habe "die Schumachersche Erbschaft in billigem Nationalismus angetreten", sich in "seine rednerischen Entgleisungen verliebt", er "schwätze zu viel" und wolle die FDP zu einer "Partei der Proleten" machen. Der Parteifreund, einst selbst FDP-Chef; "Dehler ist ein Esel -- er ist übrigens Katholik und Freimaurer ... Er hält Reden, wie ein Logenbruder sie halt produziert."

Am 23. Februar 1956, abends zehn Uhr, notierte Heuss den Grund für seine Abneigung gegen Dehler und die FDP-Führungs-Crew: "Es sind ein paar Leute dabei, die nun eben aus der Politik von Anfang an nicht nur den Beruf -- das ist ja heute Schicksal -, sondern den Broterwerb gemacht haben. In meine Silvesterrede habe ich meine Sorgen eingepackt: daß das sogenannte "Wirtschaftswunder" viele Leute, darunter wohl auch Dehler, politisch hybrid gemacht hat."

Als 1956 die Adenauer-treuen Freidemokraten in Bonn gegen Parteichef Dehler rebellierten und die Partei spalten wollten, führte Heuss aus dem Hintergrund mit Regie. Er habe, so der Präsident am 23. Februar, "geraten, bis zum Abend des 4. März zu warten -- da wird in dem "Kernland" Baden-Württemberg zum Landtag gewählt". Am 9. März -- die Abspaltung der kurzlebigen Freien Volkspartei (FVP) war inzwischen eingeleitet worden -- notierte Heuss hoffnungsvoll: "Das Experiment der Rebellen pädagogisch dann sinnvoll, wenn noch 6-8 Anti-Dehler zu ihnen stoßen."

Auch an seinem Favoriten für die Dehler-Nachfolge im FDP-Vorsitz hatte Heuss zu mäkeln: "Der, an den ich denke, hat eine zu ehrgeizige, nette kleine Person als Frau." Der Mann dazu: Hermann Schäfer, FDP-Minister für besondere Aufgaben im zweiten Kabinett Adenauer, eine rundum unbedeutende Figur.

Respekt bezeugt der Tagebuch-Nörgler Heuss in seinen Briefen an Toni Stolper dagegen seinem Regierungschef Konrad Adenauer, den er allenfalls einen "terrible simplificateur" nennt, dessen "fast sieghafte Naivität" er jedoch stets bewundert.

Der Präsident ("Morgen früh kommt Adenauer, und da wird etwas Geschichte gemacht") genoß es, von Adenauer als "ein ungeheuer gebildeter Mensch" gepriesen zu werden und dem Alten hin und wieder belehrende Vorträge halten zu können. So, als Adenauer nach der Rückkehr von seiner USA-Reise den Präsidenten besorgt fragte, was denn mit Europa passieren werde, wenn die USA "in 30, 40 Jahren kommunistisch" würden.

Heuss: "Ich setzte ihm brav auseinander, warum dies nicht eintrete. Er schwankte zwischen Bewunderung für Leistungskraft und bestimmter Kritik kommunalpolitischer Art. In New York fehlen 50 Prozent der benötigten Krankenhausbetten, sehr schlimm sei es mit der Irrenpflege (Beispiel aus der Nähe Chicagos), dann die Angabe, jeder zwölfte Amerikaner sei, Folge des schnellen Arbeitens usf., geisteskrank. Ich sagte ihm, das sei Unsinn ... Nein, er habe es gelesen, und es sei ihm bestätigt worden."

Als Adenauer 1955 von seinen Verhandlungen mit Bulganin und Chruschtschow aus Moskau zurückkehrte, hielt er in der Villa Hammerschmidt einen Vortrag über die breiten Straßen der sowjetischen Hauptstadt. Adenauer nach Heuss: "Das sei ... strategisch zu nehmen, da hier Panzer manövrieren" und so einen Bürgerkrieg verhindern könnten. Ein andermal schilderte der Kanzler seine Sorge über "Chruschtschows Säufertum".

Mit dem rheinischen Antipreußen Adenauer verband den württembergischen Liberalen Heuss die Abneigung gegen Relikte des alten und Keime eines neuen deutschen Nationalismus. Der Präsident schimpfte -- per Sütterlin nach USA -- über die Vertriebenenfunktionäre, die "aus der Not ihrer Schicksalsgenossen eine Art von demagogischem Geschäft gemacht hatten". Und in seinen Briefen schrieb Heuss schon 1958 die DDR ohne Anführungszeichen.

Wie Adenauer, so stemmte sich im Herbst 1956 auch Heuss gegen den irrationalen Berlin-Patriotismus westdeutscher Politiker: "Der CDU-Abg. Dr. Bucerius hat die Abgeordneten besoffen gemacht mit dem Antrag, Regierung und Parlament jetzt einfach nach Berlin zu verlegen, heller Wahnsinn in dieser Zeit der Spannungen, als ob man Verwaltungen und Diplomatie usf. in ein paar Wochen in eine Insel umlocieren kann. Natürlich: Kein Mensch, keine Partei, keine Zeitung wagt Widerspruch. Und jetzt habe ich mich einfach entschlossen, diesen Stier an den Hörnern zu fassen und zu sagen, daß wir Balladen-Politik genug erlebt haben ... Manche werden mich deshalb für einen angegreisten Spießbürger halten."

Zu Differenzen zwischen dem Kanzler und dem Präsidenten kam es erst am Ende der Amtszeit von Heuss. Da eine erneute Wiederwahl eine Verfassungsänderung notwendig gemacht hätte, der Präsident aber keine "Lex Heuss" wollte, versuchte Adenauer zunächst, seinen mißliebigen Nachfolge-Kandidaten für die Kanzlerschaft, den damaligen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, in die Villa Hammerschmidt fortzuloben.

Heuss, der selbst den Frankfurter Juraprofessor und CDU-Abgeordneten Franz Böhm favorisierte, war mit Erhard als Nachfolger ebenso zufrieden wie mit dem SPD-Kandidaten Carlo Schmid ("Carlo würde wegen der Dignität des Amtes keine Parteipolitik mehr tönen"). Heuss über einen Besuch des CDU-Kandidaten: "Die Unterhaltung mit Erhard sehr offen ... Er lachte, als ich ihm, einem untersetzten Mann, sagte, daß ich gern bereit wäre, ihm einen "Fiskal-Schemel" zu stiften. Im übrigen sei er ja Figur eigenen Wuchses. Ich denke, er wird in zwei Fragen meine negativen Hobbys verlassen: Er wird nach Bayreuth gehen, denn er versicherte mir einmal, daß er musikalisch sei, und er wird -- wohl in einigem Zeitabstand -- Herrn Fr. Flick einen großen Orden geben, den ich ihm vor einigen Monaten glatt ablehnte."

Doch Erhard wies die Kandidatur zurück, um sich für eine Kanzlerschaft freizuhalten. Heuss: "Der Wesentliche dieser mißglückten Nachfolger war heute früh dreiviertel Stunden bei mir, L. Erhard, um mein Wohlwollen nicht zu verscherzen. Ich schonte ihn nicht. Er interpretierte sein Wort, es müsse für mich "beglückend" sein, damit, daß es so schwerfalle, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Ich sagte ihm, daß das Blech sei ... Er gestand, daß seine Frau die Sache "liebend gern gemacht hätte"."

Was nun geschah, schalt Heuss als "staatsschädigend": Am 6. April 1959 kam Adenauer in die Villa Hammerschmidt und dementierte Gerüchte, nach denen er selbst kandidieren wolle. Tags darauf erschien Adenauer wieder: "Mitteilung, entgegen seiner Mitteilung von gestern abend: Das CDU-Gremium ... habe ihn, Ad., nominiert ... Es falle ihm freilich schwer, das Palais Schaumburg zu verlassen ... Ich glaube nicht, daß Carlo gegen ihn aufkommt."

Heuss kommentiert: "Er will de Gaulle spielen. (Als Ad. mir nach seiner letzten Begegnung mit dem General dessen Macht gegenüber Regierung und Parlament pries, sagte ich ahnungsloser, ahnungsvoller Engel: das könnte Ihnen so passen!)."

Adenauer bestätigte die Befürchtungen des Präsidenten. Er ließ durchblicken, daß er auch als Bundespräsident die Führung der deutschen Politik nicht abgeben werde. Heuss klagte seiner Freundin Toni: "Ich will gar nicht von Taktlosigkeit reden oder gar von "Unfairneß", sondern das ist ganz primitive Fahrlässigkeit eines Mannes, der die Nüancen nicht kennt ... und hier ganz schlicht und einfach dumm daher schwätze, als ob er ein internes Parteigremium vor sich habe, dem er klarmachen wollte, in dem neuen Amt stecke auch eine ihm gemäße Aufgabe."

Als Adenauer schließlich im Juni 1959 seine Kandidatur wieder zurückgab, sah Heuss den Kanzler in einem anderen Licht. Adenauer sei, so schrieb er, in der Gefahr der Hybris, seit Churchill ihn für den größten deutschen Staatsmann seit Bismarck erklärt hat". Der Kanzler habe ihn, "grob gesprochen, einmal getäuscht ... und einmal angelogen". Der Präsident nahm schriftlich Drohgebärde ein: "Adenauer hat Glück, daß ich nicht freier Publizist bin."

Denn auf die Macht seines geschriebenen wie gesprochenen Wortes hielt sich Professor Heuss viel -- etwas zuviel -- zugute. Stolz zitierte er stets das Lob "meines Rednerruhms"" kokettierte mit "Redlein" <Heuss), die sein Sohn Ludwig "besser als je" finde, und vergaß nie, Toni Stolper das Lob zu übermitteln, das deutsche Politiker und ausländische Diplomaten seinen literarischen Werken zollten -- kurt, ein Narziß mit Goldmund.

Von harter Kritik hatte Heuss seiner Brieffreundin ohnehin kaum zu berichten -- abgesehen von Karl-Eduard von Schnitzlers Urteil im Originalton-Ost: "Eine schwäbische Null." So streute der Präsident zwischen die Huldigungen der Umwelt manchmal ein wenig ironische Selbstkritik: "Ich glaube, es wird mein Schicksal sein, Fossil aus der Biedermeier-Zeit zu werden."


DER SPIEGEL 40/1970
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