28.09.1970

„HIER WURDE DIE MARKTWIRTSCHAFT ZUM FLUCH“

Man kann einen Menschen mit der Wohnung genauso erschlagen wie mit der Axt. Heinrich Zille
Ein Platz für Tiere darf in Deutschland nicht zu klein sein. Bei einem "mittelgroßen Hund", dekretierte das Sozialministerium des Landes Hessen in seinem "Erlaß Nr. 241", muß "die Grundfläche" des Zwingers "mindestens sechs Quadratmeter betragen".
Am Akazienweg in Darmstadt, im Geltungsbereich des Hunde-Erlasses, lassen städtische Behörden die wohnungslose Familie Abel*, zehn Kinder, seit nunmehr 19 Jahren in einer 34 Quadratmeter großen Unterkunft hausen -- 2,83 Quadratmeter pro Mensch.
Schnauzer und Schäferhunde müssen sich, so der Sozialerlaß, in ihrer Hütte "bequem stellen und legen können". Im engen Heim der Familie Abel schlafen Kinder zu zweit auf Notliegen in der Küche und essen, oftmals in Etappen, aus Platzmangel am Fensterbrett.
Hundehütten müssen die "Tiere vor Unbilden der Witterung" schützen. In der städtischen Unterkunft zu Darmstadt liegt das Plumpsklo außerhalb im Holzverschlag, sind die Fenster undicht und die Mauern vor Nässe schwarz. Die Hausfrau, 48, holte sich Gelenkrheuma und ein Blasenleiden, drei Kinder erkrankten an Lungenentzündung.
Menschen wie die obdachlosen Abels, denen kein Ministerialerlaß garantiert, was Hofhunden gewährt wird, zählen in der Bundesrepublik nach Hunderttausenden. Sie leben an den grauen Rändern der Städte, in Vierteln, die der Volksmund zumeist "Mau-Mau" nennt (wie in Essen), "Chicago-Nord" (Hanau), "Klein-Texas" (Köln), "Stor-
* Der Name wurde von der Redaktion geändert.
chensiedlung" (Braunschweig) oder "Endstation Sehnsucht" (Düsseldorf).
Fast alle bieten das gleiche Bild: Primitivbauten in der Nähe von Müllkippen und Rieselfeldern, Verschiebebahnhöfen und Schrottplätzen, Kläranlagen und Autofriedhöfen. Zwischen den oft feuchten, dünnen Wänden der Behausungen hängen Küchendünste, Klogestank und Desinfektionsgerüche. Vor den Baracken, in den heruntergekommenen Treppenfluren schimpfen Frauen und Männer, häufig schon am Nachmittag betrunken, spielen verdreckte Kinder, krabbeln unbeaufsichtigte Babys.
Fast überall herrschen die gleichen Zustände. "Ich bin immer am Pudern", berichtet eine Kindergärtnerin der Krefelder Siedlung "Am Birkschendyk" über ihren Kampf gegen Ungeziefer: Flöhe, Läuse, Wanzen. Und: "Kanalisation haben sie erst gelegt, nachdem wir hier die Ruhr hatten."
Mäuse und Ratten dringen manchmal bis zu den Betten vor -- so in den Notunterkünften des Hanauer Flußstraßenviertels, dessen Bewohner nachts mit Luftpistolen, Knüppeln und Steinen auf Kammerjagd gehen und Anfang Juli dieses Jahres das städtische Gesundheitsamt um Hilfe baten: Für ihre Kinder sei das Ungeziefer etwas so "Selbstverständliches geworden, daß sie mit den toten Ratten spielen".
Wer in solchem Milieu auf wächst, läuft ungleich größere Gefahr als andere Kinder, krank oder kriminell zu werden -- oder beides. Der Weg vieler führt in Sonderschulen und Erziehungsanstalten. Pastor Eduard Hesse vom hannoverschen Fürsorgeheim "Birkenhof": "Den Nachwuchs liefern uns die Notunterkünfte."
"Notunterkünfte" -- das ist eine euphemistische Umschreibung für Elendsquartiere; dafür, daß "viele Menschen nicht menschenwürdig untergebracht sind" (so der Deutsche Städtetag); dafür schließlich, daß dieser Zustand für die meisten Betroffenen kein vorübergehendes Mißgeschick bedeutet, wie die Behörden-Vokabel "Übergangshäuser" suggeriert, sondern soziale Deklassierung von Dauer.
Wenn es zutrifft, daß kapitalistische Länder -- wie die marxistischen US-Ökonomen Paul Alexander Baran und Paul M. Sweezy behaupten -- "eine besondere Gruppe von Parias" benötigen, die "durch ihre bloße Existenz auf die Gesellschaftsstruktur harmonisierend" wirkt, dann gehören zu Westdeutschlands Parias die Obdachlosen. Sie sind "unsere Neger", "unsere Puertoricaner", meint Ulrich Brisch, Diözesan-Caritasdirektor in Köln.
Die Ächtung derjenigen, die ärmer dran sind, fügt sich freilich in das Bild einer Gesellschaft, die kommerziellen Erfolg zur moralischen Maxime erhoben hat und Leistung bis zur Impotenz fordert -- und dabei allemal eine menschliche Bruchquote einkalkuliert, wie bei der Herstellung von Einwegflaschen. Sie paßt zu einem ökonomischen System, das jene Eigenschaft nur noch heuchelt, die christliche Religionsstifter als Nächstenliebe, die Urväter des Sozialismus als Solidarität und Frankreichs Revolutionäre einst -- als dritte Forderung nach Freiheit und Gleichheit -- als Brüderlichkeit bezeichneten.
So wenig von diesen Postulaten je verwirklicht worden ist, die modernen Industriegesellschaften verzichten nicht auf ihre Deklamation -- wie die Bundesrepublik, die sich als "sozialer Rechtsstaat" versteht und doch im selben Maße, wie das Sozialprodukt wächst, Gruppen vernachlässigt, die es aus Leistungsschwäche nicht mit erbringen können.
Es sind die Randgruppen der Gesellschaft, sozial isoliert, ohne Lobby in Bonn, nicht einmal der Aufmerksamkeit der Boulevardpresse gewiß. Für sie alle gilt, was der Diakon Erwin Schöppner vom Evangelischen Volksdienst in Frankfurt kürzlich über die Obdachlosen gesagt hat: An ihrer "Lebenssituation" wird "die Lüge aufgedeckt, daß jeder in unserer Gesellschaft eine gerechte Chance hat".
Die meisten Politiker beschränken sich aufs Bedauern. "Für diejenigen, die auf den Schattenseiten unserer Gesellschaft stehen", sagt SPD-Professor und Kanzleramtsminister Horst Ehmke, "tun wir viel weniger als andere Länder." Dem Freidemokraten Willi Weyer, Innenminister in Nordrhein-Westfalen, sind die Obdachlosenquartiere "fast eine Anklage gegen unsere Gesellschaft".
Fast? In Bund, Ländern und Gemeinden sind Obdachlose bei Haushaltsaufstellungen zumeist die letzten, bei Haushaltskürzungen indes die ersten, die Berücksichtigung finden -- eine Bekundung sparsamen Wirtschaftens, deren sozialer Widersinn sich offenbart angesichts der Bereitwilligkeit, Millionen auszuwerfen für kommunale Image-Pflege (Hannover, Bremen), für Militärhilfe an afrikanische Staaten oder auch für die Belanglosigkeit, deutsche Sportler fit für Olympia-Siege zu machen.
Der bundesdeutsche Wohlstandsstaat nimmt die Existenz seiner Elendsecken hin -- als eine Art Strafanstalt für alle, die in der Leistungsgesellschaft und damit auf dem Wohnungsmarkt nicht mithalten können. Rund 500 000 Westdeutsche haben Zweitwohnungen, sehr viel mehr Bundesbürger aber nicht einmal eine Erstwohnung. "Hier", sagt der Kölner Sozialbeigeordnete Norbert Burger, "ist die Marktwirtschaft ... zum Fluch geworden."
Wer seine normale Wohnung, aus welchen Gründen auch Immer, verliert und keine neue findet, gerät vom Wohnungsmarkt in die Zuständigkeit kommunaler Behörden, denen die "Beseitigung der Obdachlosigkeit aus Gründen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung" obliegt. Jede Gemeinde ist verpflichtet, Wohnungslose "vorübergehend und notdürftig" (Bundesgerichtshof) zu beherbergen. In den meisten Städten ist dafür das Ordnungsamt zuständig, "und da" -- so Diözesan-Caritasdirektor Brisch -- "geht alles so über den Daumen: Ordnungsverfügung, Räumungsverfügung ... Da werden die sozialen Dinge kaum oder überhaupt nicht gesehen".
Wer obdachlos ist, wird in kommunale Unterkünfte eingewiesen: in Luftschutzbunker und einstige Flakstellungen, in Holzbaracken und sogenannte Schlichthäuser. Formaljuristisch hat die Obdachlosigkeit -- vom Oberverwaltungsgericht Münster definiert als "Zustand, kein Dach über dem Kopf zu haben" -- damit ein Ende. Genau da aber fängt das Obdachlosen-Problem an: das Problem von Menschen, die, wie Sozialbeamte formulieren, "zwar nicht buchstäblich auf der Straße liegen, aber auch keine Wohnung im eigentlichen Sinn haben" -- und keinen Boden mehr unter den Füßen.
Genau weiß in der Bundesrepublik niemand, wieviel Obdachlose "primitiv und unzumutbar eng" (Städtetag) wohnen müssen. In Westdeutschland werden Obstbäume und Bienenkörbe statistisch bundesweit erfaßt -- Obdachlose nicht. Bekannt ist lediglich, daß in Großstädten und wohl auch in überwiegend industriell strukturierten Landkreisen der Obdachlosenanteil nirgendwo "unter 0,5 Prozent und in ungünstigen Fällen nicht einmal unter zwei Prozent der jeweiligen Wohnbevölkerung" liegt (Städtetag). So meldet Köln rund 17 000, Duisburg 13 500, Hamburg 11 000, Düsseldorf 9400, München 7300 und Mannheim 6000 Obdachlose.
Wie exakt diese von den Stadtverwaltungen gelieferten Zahlen sind" ist ungewiß. Denn so mancher Sozialdezernent steht bei seinen Fachkollegen im Verdacht, die Negativ-Bilanz kommunaler Wohnungspolitik zu frisieren und "eine erhebliche Zahl von Obdachlosen unter den Teppich" zu kehren, wie unlängst Brisch kritisierte, der bis 1969 in Köln selber Sozialbeigeordneter gewesen ist.
Weitgehend auf Schätzungen angewiesen, beziffern Experten die Zahl der Bewohner gemeindeeigener Notunterkünfte mal auf nur 500 000 (so der kürzlich verstorbene Städtetag-Präsident Professor Willi Brundert), mal auf bis zu 800 000 (so Caritasdirektor Brisch). Doch selbst diese Zahlen scheinen eher zu niedrig gegriffen: Von der Existenz manches Obdachlosen weiß keine Behörde.
In der Marburger Siedlung Krekel etwa stellten Studenten fest, "daß nirgends die genaue Zahl der Bewohner bekannt war, geschweige denn die Namen der Ehefrauen und Kinder". Im Münchner Trabanten-Getto Hasenbergl-Nord zählten Sozialarbeiter kürzlich 3099 Bewohner, während die Behörde von rund 2900 ausging. Die Bonner Jugendleiterin Maria Becker konstatierte letztes Jahr bei einer Tagung, es komme "nicht selten" vor, daß Kinder auch "schulisch überhaupt nicht erfaßt werden
Daß die Zahl aller Obdachlosen eine Million übersteigt, diese Bevölkerungsgruppe mithin die doppelte Stärke der Bundeswehr erreicht, ist wahrscheinlich. Die Statistiken der Stadtverwaltungen führen nämlich nur die "seßhaften" Wohnungslosen auf (zumeist Familien), nicht aber die Stadt- und Landstreicher (zumeist Alleinstehende). Die Zahl dieser "Nichtseßhaften" (Behördenjargon), die oft der verwalteten Tristesse städtischer Wohnlager entflohen sind und sommers in Streusandkisten und unter Brücken, winters in Nachtasylen und manchmal sogar in Bahnhofsschließfächern pennen, schätzt die "Bundesarbeitsgemeinschaft für Nichtseßhaftenfürsorge" in Bethel auf 300 000.
Ebenso vage wie die Zahlenangaben sind die Informationen über das Leben der wohnungslosen Million. Bei einer diesem Thema gewidmeten Spezialtagung des "Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge" mußte der Schlußwort-Sprecher eingestehen: "Aus allen Referaten ist deutlich geworden, wie gering unsere Kenntnis über die Obdachlosigkeit ist."
Die Schuld an dieser Wissenslücke freilich trifft nicht allein die Wissenschaft, die in der Bundesrepublik häufig nur Forschung treiben kann, wenn sie von Interessenten finanziert wird. Bezeichnend ist die Klage des Forschungsinstituts für Soziologie der Universität zu Köln, mit den "ad hoc lockergemachten Minimalbeträgen" sei langfristige Obdachlosenforschung unmöglich.
So schlägt sich im Versagen der Forschung letztlich die Mentalität einer Gesellschaft nieder, die das Problem Obdachlosigkeit vergessen hat oder vergessen will. "Es paßt nicht in die schicke Welt der Erfolgreichen", erkannte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung", ein Blatt der Erfolgreichen.
Das Vergessen wird den Bürgern leichtgemacht. Fast überall sind Obdachlose in toten Winkeln angesiedelt, wo sie kaum jemandem auffallen: in Hamburg auf der Elbinsel Finkenwerder; in Berlin unmittelbar an der Mauer; in Kiel mitten in einem militärischen Sperrgebiet, hinter Hochspannungszäunen und spanischen Reitern; in Saarbrücken vor der französischen Grenze,
So setzt denn kaum je ein Außenstehender den Fuß in eine solche Siedlung -- abgesehen von Funkstreifen, Fürsorgern und fliegenden Händlern. Dennoch: Die schlecht informierten Bürger glauben über ihre Mitbürger in den Barackenlagern und sogenannten Schlichtwohnungen, in den Sozial- und den Obergangshäusern ganz genau Bescheid zu wissen; ihr Urteil steht fest, "unwiderlegbar" -- wie Ursula Adams, Dozentin an der Höheren Fachschule für Sozialarbeit in Münster, bestürzt registrierte, nachdem sie ein Jahr im Dunstkreis von Kölner Notunterkünften zugebracht hatte.
Wenn die Volljuristin "außerhalb der Siedlung ein Anliegen vortrug", so "in einem Amt der Stadtverwaltung, bei einem Wohlfahrtsverband und häufig bei Geschäftsleuten", bekam sie Verachtung und Desinteresse zu spüren. Die Worte "Ich komme aus der Siedlung am Grauen Stein" genügten, berichtete Ursula Adams, "mir keinen Zutritt zu gewähren, mich unfreundlich abzufertigen und keine Zeit zu haben auch für harmlose Auskünfte". Aber: "Diese Haltung änderte sich sofort und nahm den üblichen Umgangston an, wenn ich mich näher vorstellte."
Den üblichen Ton, in dem viele Deutsche über Obdachlose reden, vernahm auch der evangelische Vikar und Soziologe Manfred Dehnen, der in Mannheim Nachbarn von "Baracklern" befragte. Dehnen hörte: "Man sollte eine Mauer bauen" -- "Man sollte diese Leute irgendwo im Wald ansiedeln" -- "Man hat im Dritten Reich diese Leute vergessen" -- oder, militärisch knapp: "Feuer rein."
Mit Ekel und Haß werden die sozial Verachteten behandelt -- "wie Scheiße", fand der Schriftsteller Alexander Spoerl, der 1967 Barackler in Köln observierte und ein wohlwollendes Buch über die "Menschen dritter Klasse" (Titel) schrieb. Selbst Gebildeten sind die Obdachlosen "Asoziale" und damit laut gängiger Definition "Menschen, die durch minderwertige, meist krankhafte Anlagen unfähig sind, sich in die menschliche Gesellschaft einzuordnen, z. B. Verbrecher" ("Knaurs Lexikon").
Doch so selbstverständlich die Gesellschaft dieser Randgruppe Abartigkeit attestiert -- die wenigen Sachkenner urteilen völlig anders: Diametral wie nur bei wenigen anderen sozialen Fragen stehen sich in Sachen Obdachlosigkeit Volksempfinden und Expertenwissen gegenüber.
So gelten nach dem Motto "Jeder ist seines Glückes Schmied" Obdachlose als Menschen, die ihre Lage selbst verschuldet haben. Die Regierung von Nordrhein-Westfalen jedoch, des einzigen Landes, das (seit 1964) eine Obdachlosenstatistik führt, fand heraus, daß "über die Hälfte der Obdachlosen ... ohne eigenes 'Verschulden"' die Wohnung verloren habe.
Nach dem Motto "Pack bleibt Pack" werden Obdachlose zudem weithin für nicht besserungsfähig gehalten. Der Deutsche Städtetag aber, der einen "Arbeitskreis Obdachlosenhilfe" unterhält, schätzt den Anteil der "sozial unangepaßten Familien, die nicht oder nur mit einem besonderen fürsorgerischen und sozialpädagogischen Aufwand eingliederungsfähig gemacht werden können", auf ganze fünf Prozent der Obdachlosen.
Nach dem Motto "Gleich und Gleich gesellt sich gern" schließlich gelten Obdachlose als Menschen, die gar nicht schöner wohnen wollen. Der Bonner Professor Adolf Martin Däumling hingegen, Direktor des Psychologischen Instituts der Friedrich-Wilhelm-Universität, befragte im Auftrag der Stadt Bonn Obdachlose und stellte fest, daß "mehr als 90 Prozent den Verbleib in der Siedlungsgemeinschaft auch bei Änderung der Wohnsituation" ablehnten.
Forscher und Fürsorger haben erkannt, daß das Schicksal der "Exmittierten" (Fachvokabel) bestimmt ist durch einen Mechanismus, der sozial Schwache, die auf dem Wohnungsmarkt nicht mitbieten können, unweigerlich an den Rand der Gesellschaft drängt und in einen "Teufelskreis der Dauerobdachlosigkeit" (Däumling) befördert, dem sie nur in Ausnahmefällen entrinnen können. "Wir setzen", sagt der Mannheimer Bürgermeister und Sozialdezernent Dr. Hans Martini (CDU), "die Leute sozusagen auf die Rutschbahn."
Ausgangspunkt für den Weg nach unten ist, so Martini, "in 80 Prozent der Fälle die Wohnungsnot": Abwärts ins Asyl geht es mit finanzschwachen Mietern billiger Alt- und Uraltwohnungen, deren Besitzer als lohnendere Einnahmequelle beispielsweise die Gastarbeiter entdeckt haben; mit Arbeitnehmern, die zugleich mit ihrer Stellung die Werkswohnung verlieren; mit einkommensschwachen Jungverheirateten, die zunächst bei ihren Eltern leben dürfen, aber nach dem ersten oder zweiten Kind ausziehen müssen -- mit der Folge, daß junge Familien mancherorts ein Drittel der Lagerinsassen ausmachen.
"Meine Schwiegereltern haben immer mit mir Krach gehabt", berichtet eine 23jährige Frankfurterin im Obdachlosen-Viertel Mühlbruchstraße. "Da habe ich gesagt, da gehe ich lieber in eine Notunterkunft. Ich habe gemeint, ich würde auch wieder herauskommen. Und jetzt wohne ich schon seit zwei Jahren hier drin."
Ausgeflippt vom Wohnungsmarkt werden geschiedene, schlecht versorgte Mütter samt ihren Kindern ebenso wie Familien, die, aus welchen Gründen auch immer, zweimal hintereinander die Miete schuldig bleiben und ihre Wohnung räumen müssen.
Großen Familien droht In solchen Fällen fast stets die Notunterkunft. Denn, so ein unlängst erschienener Bericht des Hamburger Sozialsenators, "bei weiterer Liberalisierung des Wohnungsmarktes" wird es "zunehmend schwierig, Vermieter zu finden. die gewillt sind, kinderreiche Familien aufzunehmen". Andere Mieter, oft alleinstehende Alte, landen in einer Notunterkunft, nachdem sie, ohne jedes eigene Verschulden, von ihrem Hauswirt "wegen dringenden Eigenbedarfs" vor die Tür gesetzt worden sind.
An der Spitze der Ursachen für Obdachlosigkeit stehen, nach der nordrhein-westfälischen Regierungsstatistik, Mietschulden oder Krach mit dem Hauswirt (knapp vierzig Prozent) und Eigenbedarfsklagen (rund zwanzig Prozent). Dritthäufigste Ursache sind "behördliche Maßnahmen" (sieben Prozent) -- Beispiel: Im Zuge städtischer Slum-Sanierungen werden billige Altbauwohnungen abgerissen und durch teure Neubauwohnungen ersetzt, so daß ein Teil der einstigen Mieter, finanziell überfordert, als "planungsverdrängt" (Behördenjargon) in städtische Unterkünfte eingewiesen werden muß.
Der West-Berliner Schlosser Karl Bach* beispielsweise bewohnte mit seiner damals achtköpfigen Familie bis 1967 eine muffige, aber billige (Miete: 50 Mark) Kellerwohnung im Arbeiterviertel Kreuzberg. Als das Haus abgerissen wurde, bekam die Familie eine Sozialwohnung im Märkischen Viertel -- für 345 Mark Miete. Zweimal blieb Bach die Miete schuldig -- und landete im Juli dieses Jahres in einer Baracken-Notunterkunft in der Wittenauer Straße: drei Zimmer für Inzwischen zehn Personen.
Der Fall Bach ist symptomatisch, nicht nur, weil er die Kehrseite der Städtesanierung zeigt. Am Beispiel Bachs -- Kind zerrütteter Verhältnisse, im Heim aufgewachsen, seelisch labil -- erweist sich auch, daß Menschen mit einer "Disposition zur sozialen Leistungsschwäche" (so der Kölner Medizinaldirektor Dr. Dr. Karl Schneider) besonders gefährdet sind, obdachlos zu werden:
Fürsorgezöglinge, Vorbestrafte, unehelich Geborene, körperlich und geistig Behinderte, Kinderreiche und deren Kinder -- durchweg Gruppen, die in der ökonomisch schwächsten Bevölkerungsschicht überrepräsentiert sind.
Ob hilfsbedürftig oder schuldenbeladen, kinderreich oder sanierungsverdrängt, unangepaßt oder krank -- alle diese Gruppen sozial Schwacher werden in den Lagern mit einer kleinen extremen Minderheit zusammengesperrt, die für die Öffentlichkeit das Image des Obdachlosen bestimmt: einem harten Kern von schätzungsweise fünf Prozent wirklich Asozialen, etwa Gewohnheitsverbrechern -- also Menschen, die nicht oder nur mit besonderem Aufwand zu reintegrieren sind.
Das Vorurteil der Normalbevölkerung gegenüber allen Lagerleuten aber treibt die Mehrheit der Wohnungslosen in die Isolierung, Schon durch ihre neue Adresse gleichsam vorbestraft, stoßen sie bei Arbeits- und Wohnungssuche auf Ablehnung. Als ein junger Frankfurter sich im Sommer 1989 um einen Job als Tankwart bewarb, schien die Anstellung glatt zu gehen: "'Ja, Sie können sofort anfangen, wo wohnen Sie denn?' Da habe ich gesagt, 'Die Mühlbruchstraße 30'. Da sagt er: 'Ne, das tut mir leid, tut mir wirklich leid. Von der Mühlbruchstraße nehme ich keinen an!'"
Friedrich Kuhn, Bauarbeiter aus der Kölner Barackensiedlung "Am Grauen Stein": "Wenn Sie erst einmal obdachlos sind, sind Sie abgestempelt." Wer einen Job findet, läuft leicht Gefahr,
* Der Name Wurde von der Redaktion geändert.
ihn zu verlieren. Ein obdachloser Lagermeister aus Köln: "Wenn da eine Schraube fehlt oder Im Waschraum ein Stück Seife hinter den Spind geglitscht ist, dann kann das nur der da sein, der aus der Obdachlosensiedlung."
Arbeitsplatzwechsel sind häufig. Um den Schulden der Vergangenheit zu entgehen, flieht mancher Baracken-Bewohner vor drohenden Lohnpfändungen. Die Randlage der Notunterkünfte, die gelegentlich, wie die Sozialhäuser am Kölner Ginsterberg, neunzig Fußweg-Minuten von der nächsten Bushaltestelle entfernt sind, schränkt die Zahl der möglichen Arbeitsplätze ein -- ebenso das ständige Kindergeschrei in den engen, hellhörigen Quartieren, das es kaum möglich macht, auf Nachtschicht zu gehen und tagsüber zu schlafen.
Dennoch, was Außenstehende "Arbeitsscheu" nennen, ist seltener als gemeinhin angenommen. Nach einer Kölner Untersuchung gibt es in nur 15 Prozent der Haushalte (einschließlich der Rentner) keinen Verdiener. Ursache der Arbeitslosigkeit ist oft die Erfahrung vieljährig Obdachloser, daß ihnen, selbst wenn sie Überstunden machen und Akkordarbeit leisten, sozialer Aufstieg verwehrt bleibt. Ein Kölner Obdachloser: "Nur schuften und doch kein Fortkommen."
Die Behörden tun, gewollt oder ungewollt, nichts, um Resignation und Unselbständigkeit zu bekämpfen, die sich bei Dauer-Obdachlosigkeit geradezu zwangsläufig einstellen:
* Einerseits verlangen die Städte und Gemeinden als Voraussetzung für die Entlassung aus den Notunterkünften "wohnungswürdiges Verhalten": Ruhe und Ordnung, Sauberkeit und Sparsamkeit;
* andererseits unterhalten die Kommunen ausgerechnet In den Obdachlosenlagern Zustände, die Ruhe und Ordnung, Sauberkeit und Sparsamkeit nahezu ausschließen
. Denn: Wo Stadtverwaltungen, so eine Untersuchung aus Mülheim/Ruhr, nur zwei bis zweieinhalb Quadratmeter Wohnfläche pro Person zuteilen und wo sich 56 Prozent der Obdachlosen mit fünf und mehr Personen in einer einzigen Wohneinheit drängen, kann, wie die Bonner Sozialarbeiterin Maria Becker sagt, selbst "die stärkste und fähigste Frau auf die Dauer nicht sauber bleiben".
Wo, weil es an Kellern und Abstellräumen mangelt, Kartoffeln im Klo gelagert werden müssen, ist es schwer, Ordnung zu wahren -- ebenso, wo für Schränke kein Platz ist und daher Haferflocken und Herrensocken unter den Betten in Koffern und Kartons aufbewahrt werden und wo, weil die Stadt keine oder nicht genügend Mülltonnen aufstellt, der Unrat sich vor der Haustür stapelt.
Wo, wie in Berlin-Wittenau, automatische "Strombegrenzer" den Unterkunftsbewohnern bei mehr als 120 Watt das Licht abdrehen, weil "außer der Deckenleuchte nur noch ein Radioapparat oder eine Tischlampe" (Hausordnung) eingeschaltet werden darf, wird selbst das Bügeln zum Problem. Wer dort gar einen Kühlschrank aufstellen will, muß illegal die Treppenhausleitung anzapfen.
Bei alledem erbrachte eine Repräsentativ-Untersuchung, die der Sozialwissenschaftler Otto Blume in Kölner Notunterkünften anstellte, ein verblüffendes Ergebnis: Die Interviewer charakterisierten "59 Prozent der Wohnungen als sauber und wohnlich, weitere 22 Prozent als sauber, aber primitiv, schließlich 15 Prozent als unsauber" (Blume).
Der Marburger Erziehungswissenschaftler Gerd Iben sieht in dem hartnäckigen "Sein-Wollen wie die bürgerliche Umwelt" einen Beweis
* Bild oben: in einer Kölner Obdachlosen-Unterkunft; Bild Mitte links: in einer Mannheimer Unterkunft; Bild rechts unten: in einer Marburger Unterkunft.
dafür, daß die Lagerbewohner "zumindest untergründig am Lebensstil und an den Normen der bürgerlichen Gesellschaft orientiert" sind. Und Martin Irle, Professor für Sozialpsychologie in Mannheim, hält die Gruppe derjenigen Obdachlosen, die -- Hippies und Gammlern gleich -- bewußt "nicht die Wertvorstellungen der Normalbürger teilen", für "außerordentlich klein".
Tatsächlich geben sich die meisten Obdachlosen gern bürgerlicher als die Kleinbürger -- in jeder Hinsicht: Unter den Halbwüchsigen in den Siedlungen sind Langhaarige selten. Die meisten Kinder tragen nicht zerlumpte Kleidung, sondern, gelegentlich auch alltags, Lackschuhe und weiße Strümpfe, Samtkleider und Rüschenröcke. Ihre Väter fahren -- wenn schon ein Auto -- oft nicht Fiat oder Volkswagen, sondern einen echten, wenn auch schrottreifen Mercedes. Familienfeste feiern viele in Gaststätten -- koste es, was es wolle.
Diejenigen, die nicht im Überfluß leben, fallen besonders leicht auf Werbemaschen herein, die auf eine Verschwendungsgesellschaft zugeschnitten sind -- systemkonform selbst im Hang zum Luxus: öfter mal was Neues, mal mit der Taxe zum Sozialamt.
Vertreter finden in statusunsicheren Baracklern leicht Kundschaft: Für Dutzende von preistreibenden Wochenraten verkaufen Hausierer vergoldete Bestecke an Leute, die von Blechteilern essen, und, wie sich ein Verwalter aus der Berliner Siedlung Wittenauer Straße erinnert, "Reader's-Digest-Abonnements an Analphabeten".
Für ein Fernsehgerät -- das einzige Fenster zur Außenwelt -- ist meist ebenfalls genug Geld im Schlichthaus. Besonders finanzschwache Familien lassen sich von Vertretern einen 600-Mark-Fernseher mit Münzsparvorrichtung andrehen, der, wenn er bezahlt ist, 1500 Mark gekostet hat -- so geschehen in Köln. Auch eine andere Angewohnheit zehrt am Haushaltsgeld: Unter Obdachlosen gibt es zehnmal soviel Alkoholiker wie im Bundesdurchschnitt. Ob das Trinken häufiger Ursache oder Folge des sozialen Abstiegs ist, ist bislang nicht untersucht worden.
Wirtschaften ist aufwendiger als bei Normalverbrauchern -- nicht nur, weil die Lagerbewohner, vorbelastet durch ihre "Disposition zur sozialen Leistungsschwäche", häufig apathisch in den Tag hinein leben.
Vielfach lassen auch die Verhältnisse sparsames Haushalten nicht zu: In der Nähe der Stadtrandsiedlungen gibt es nur selten billige Supermärkte, und die Bewohner sind auf fahrende Händler angewiesen, die ihre Monopolstellung ausnutzen und überhöhte Preise für schlechte Ware fordern können. In Köln stellten im Juli Obdachlose Preisvergleiche an: Margarine beispielsweise, die in Discountläden schon für 34 Pfennig zu haben war, kostete bei Verkaufsfahrern 74 bis 84 Pfennig, ein Pfund Nudeln 1,60 Mark statt 58 Pfennig.
Zwar wirtschaften viele Obdachlose "ordentlich oder doch einigermaßen geordnet" -- nach einer Hamburger Erhebung aus dem Jahre 1965 sogar insgesamt 72,8 Prozent. Aber die meisten haben dennoch Schulden -- nach einer Bonner Befragung aus dem Jahre 1966 zumindest 52 Prozent (14 Prozent gaben den Interviewern keine Auskunft).
Schulden aber erschweren eine Rückkehr ins Normalleben, Insbesondere kinderreichen Familien. Wenn die Obdachlosen nicht schon kinderreich waren, als sie ins Nothaus gerieten, werden sie es dort: Nahezu 30 Prozent aller Frauen in den Unterkünften haben, so ergab eine Anfang dieses Jahres veröffentlichte Mülheimer Untersuchung, vier bis sieben Kinder, 17 Prozent sogar acht bis zehn Kinder.
Fachleute führen den Kinderreichtum in der untersten Schicht auf die Mentalität der sozial Benachteiligten zurück, die im Nachwuchs ihr "einziges Wertgut" (Brisch) sehen. Der "Arbeitskreis Notunterkünfte Köln", ein Zusammenschluß von Sozialarbeitern, vermutet: "Man stimmt dem Anwachsen der Kinderzahl schon aus dem Gefühl heraus, wenigstens biologisch etwas zu bedeuten, unbewußt zu."
Empfängnisverhütung scheitert oft an Unwissenheit der Väter und Mütter, die sich allenfalls in Boulevardblättern informieren ("Bild": "Die Pille hat mein Intimleben zerstört"). Gelegentlich mangelt es auch an "der gewissen Intelligenz, die zur Empfängnisverhütung nötig ist", und "der Alkoholkonsum schränkt die Möglichkeiten zusätzlich ein" (Sozialbeigeordneter Martini).
* Bild oben: in einem Wohnlager in Bochum; Bild unten: Parkplatz vor sogenannten Schlichthäusern in Hasenbergl-Nord in München.
Zwar verabreichen neuerdings die Sozialämter einiger weniger Städte, darunter Berlin, Köln, Hannover und Mannheim, Obdachlosen auf Wunsch Gratis-Pillen oder, In Mülheim an der Ruhr, die sogenannte Dreimonatsspritze -- mit unterschiedlichem Erfolg. Gisela Vorsteher, Leiterin der hannoverschen Familienfürsorge: "Die Leute haben eine für uns unverständliche Abneigung gegen Antikonzeptionsmittel. Die sind ja alle auf Lustgewinn eingestellt und fürchten eine Beeinträchtigung."
Dennoch versäumen es die Gesundheitsbehörden, mitten in den Lagern Beratungsstellen einzurichten und mit Hausbesuchen für Familienplanung zu werben. Das aber ist -- wie Versuche in Großbritannien ergeben haben -- der einzige Weg, den Kinderreichtum zu bremsen. Denn, so der Ludwigshafener Bürgermeister und Sozialdezernent Günther Janson, "die Leute kommen ja doch nicht aus ihren Siedlungen heraus".
Nicht einmal, um zum Arzt zu gehen, mögen viele Frauen Ihre Quartiere verlassen. Schon die Anstrengung, vor einem solchen Besuch die Kinderschar unterzubringen und zu versorgen und sich selber umzuziehen, übersteigt oft Ihre Kräfte. Hinzu kommt Scheu vor der fremden Umgebung. Eine Kölner Notunterkünftlerin: "Hier 'eraus aus dem Lager und da im Wartezimmer hocke zwischen all die Leut, wo wissen, dat man ein Maumau ist? Enä!"
Wie manchem Obdachlosen das Mediziner-Milieu, so ist manchem Mediziner das Obdachlosen-Milieu nicht geheuer. Bochumer Notsiedler aus der Brelohstraße berichten: "Viele Ärzte, besonders Fachärzte, kommen erst gar nicht nach Breloh, selbst wenn man sie dringend braucht." In den meisten Unterkünften gibt es keinen Arstraum und keine Mütterberatungsstelle, und oft fehlt selbst in Massenlagern ein Telephon, mit dem bei Unfällen der Notarzt gerufen werden kann.
Dabei wäre gerade an diesen sozialen Brennpunkten intensive Versorgung nötig. Der Kölner Medizinaldirektor Karl Schneider meint, daß in den Siedlungen neben Diphtherie, Ruhr, Typhus, Tuberkulose und Kinderlähmung auch der Anteil der Fälle von Gelbsucht, Verwurmung, Salmonellose und Blutarmut "mit Sicherheit" höher als in der Durchschnittsbevölkerung ist -- was nicht überraschen kann in einem Milieu mit Gemeinschaftstoiletten, auf denen Krankheitskeime übertragen werden, und mit Gemeinschaftsbetten, in denen sich Kinder gegenseitig Infizieren müssen.
"Unbedingt erforderlich" wäre es, so Caritas-Brisch, Obdachlosensiedlungen von Ärzteteams "durchuntersuchen" zu lassen. Aber: "Wo findet sich die Stadt, die so etwas durchführt? Wer macht es, wo sind die Ärzte?"
Was bei solchen Vorhaben, würden sie verwirklicht, zutage träte, lassen Berichte aus der englischen Stadt Newcastle upon Tyne vermuten: Dort diagnostizierten Gynäkologen bei Frauen aus "sozial leistungsschwachen Familien" zehnmal mehr Fälle von Krebs und Krebsverdacht als im Bevölkerungsdurchschnitt.
In diesem krankmachenden Milieu aufzuwachsen, sei für Kinder "geradezu lebensgefährlich", konstatierte Anfang dieses Jahres der nordrheinwestfälische Innenminister Willi Weyer, in dessen Bundesland rund hunderttausend Minderjährige "im Obdach" (Bewohner-Idiom) heranwachsen.
Die Kinder haben Haltungsschäden, sie leiden an Mangelkrankheiten, sie sind dauernd erkältet und schwach auf der Blase. Sie haben "gräßliche und eitrige Schmutzausschläge" (Maria Becker), sie behalten von den üblichen Kinderkrankheiten wie Masern, Scharlach und Windpocken nicht selten schwere Schäden zurück.
Das Jugendwohlfahrtsgesetz, das jedem Kind ein Recht auf "Erziehung zu leiblicher, seelischer und körperlicher Tüchtigkeit" gewährt, scheint in Obdachlosenherbergen nicht zu gelten. Schon für Lager-Babys, urteilt Ursula Adams, seien "die Weichen zur Verkümmerung des Lebens gestellt".
Die Kinder aus den großen Unterschicht-Familien erfahren weniger elterliche Zuwendung als Gleichaltrige. Väter und Mütter sind oft unfähig zu besonnener, konsequenter Erziehung. Dies und das Milieu haben zur Folge, daß Lagerkinder spät sprechen lernen und unsicher oder aggressiv reagieren. Zwischen 20 und 80 Prozent von ihnen sind, je nach Siedlung, mit sechs Jahren noch nicht schulreif.
Dortmunder Erziehungswissenschaftler fanden heraus, daß von den verhinderten Schulanfängern aus Obdachlosenunterkünften 73 Prozent körperlich ungepflegt, 51 Prozent falsch ernährt und 70 Prozent konzentrationsgestört waren. 39 Prozent wiesen Sprachdefizite auf. Acht Prozent stammelten, sieben Prozent stotterten, 14 Prozent waren Bettnässer.
Indes: Weniger intelligent als Gleichaltrige aus Normalwohnungen sind die kleinen Obdachlosen nicht. Der Soziologe Karolus Heil, der 1967 im Auftrag der Stadt München "Sozial- und Leistungsdaten" von Schülern aus der Schlicht-Siedlung Hasenbergl-Nord und der Normal-Siedlung Hasenbergl-Süd verglich, kam zu dem Ergebnis, daß die nicht ausreichenden Schulleistungen der Sozial-Kinder "mit Sicherheit ihre Wurzeln nicht in einer geringeren intellektuellen Leistungsfähigkeit, sondern in einer schwächer entwickelten Leistungsbereitschaft haben" und damit "Folge ungünstiger Umweltbedingungen" sind.
Wenn die Obdachlosen-Kinder mit ein- oder mehrjähriger Verspätung eingeschult werden, haben sie Zeit "vertrödelt und ihre Verwahrlosungssymptome intensiviert" (Pädagoge Iben). Im Unterricht bleiben sie zurück: Nachmittags im Notquartier fehlt ihnen ein ruhiger Platz für die Hausaufgaben ebenso wie der Rat der Mutter; abends hält das Fernsehprogramm sie bis zur Spätausgabe der Tagesschau wach; morgens machen sie sich unausgeschlafen auf den weiten Weg zur ungeliebten Schule -- wenn sie nicht vorziehen zu schwänzen. Obdachlosen-Kinder bleiben, wie in Marburg festgestellt wurde, dem Unterricht dreimal häufiger ohne Entschuldigung fern als Kinder aus Normal-Gegenden.
Manche Eltern, häufig Schulversager und Schulgegner, billigen oder fördern gar das Schwänzen -- etwa wenn, so Pädagoge Kluge, "der volltrunkene Vater Biereinkäufe verlangt". Mancher Volksschullehrer wiederum verfährt, so Pädagoge Iben, nach der "primitiven Gleichung: Wohnen in Notunterkünften = angeborener Schwachsinn" und schiebt die schwierigen Schüler ab auf Sonderschulen, wo früher oder später zwischen 40
und 80 Prozent der Obdachlosen-Kinder landen (Bundesdurchschnitt: drei Prozent).
Ohne ausreichende Schulbildung ist den Jung-Obdachlosen der Zugang zu fast allen Ausbildungsberufen verschlossen. Nur jeder vierte beginnt eine Lehre, deren Abschluß jedoch "meistens an den Bildungslücken und den ungünstigen Milieuvoraussetzungen scheitert" (Iben). Geradezu zwangsläufig droht ihnen dann als Hilfsarbeitern in Krisenzeiten Arbeitslosigkeit -- und damit jene "gesellschaftliche Untüchtigkeit" (Sozial-Jargon), die schon ihre Eltern hinderte, aus dem Lager herauszukommen.
Ständiges Versagen aber bringt manchen der Jugendlichen dazu, seine Erfolgserlebnisse außerhalb der Legalität zu suchen. Wird auch in der Öffentlichkeit die Obdachlosen-Kriminalitätsquote "sicher häufig überschätzt" (Iben), so deuten doch die wenigen vorliegenden Zahlen darauf hin, daß in den Notunterkünften Gesetzesbrecher überrepräsentiert sind: Dort häufen sich vorwiegend Alkoholtaten (wie Körperverletzungen), Jugendvergehen (Fahren ohne Führerschein), Raten-Betrügereien und vor allem solche Eigentumsdelikte, die, wie ein Münchner Fürsorger formuliert, "in Richtung Mundraub gehen".
Schon die Kinder kommen nicht selten mit dem Gesetz in Konflikt, wenn sie, statt zur Schule zu gehen oder in ihrem tristen Heim zu spielen, bandenweise Betätigung in Schrebergärten, Baustellen und Kaufhäusern suchen. Hin und wieder wird der Nachwuchs von den Eltern zu Straftaten ermutigt: In Hamburg beispielsweise stand im März eine 33jährige Sechsfach-Mutter (monatliches Hausgeld: angeblich hundert Mark) vor dem Richter, die ihre Kinder Rosemarie, 7, Eva, 8, und Reinhold, 9, regelmäßig zu Diebstählen in einem Lebensmittelgeschäft angehalten und hinterher mit Bonbons belohnt hatte. Der Richter zur Mutter: "Klauen Sie meinetwegen lieber selber."
Oft schon vorbestraft oder in Fürsorgeerziehung, ehe sie volljährig sind, ist den Jugendlichen der Weg nach oben verbaut. Viele heiraten früh und innerhalb der Siedlung, andere wagen den Ausbruch aus der geschlossenen Gesellschaft -- und geraten häufig in das 300 000-Mann-Heer der Stadt- und Landstreicher, für das sich nur die Polizei interessiert.
Von den Behörden werden die nicht seßhaften Obdachlosen -- darunter Schwachsinnige und Alkoholiker, Epileptiker und Neurotiker -- von einer Stadt zur anderen gejagt und gelegentlich eingesperrt. Allein in München verurteilt ein Schnellgericht im Polizeipräsidium täglich bis zu dreißig Obdachlose zu Freiheitsstrafen, meist wegen "Übertretung einer Unterkommensauflage"**.
Gefängnisaufenthalte freilich tragen kaum zur Wiedereingliederung der drop-outs bei, von denen nach Schätzung der Betheler Nichtseßhaftenfürsorge rund siebzig Prozent durch sozialtherapeutische Maßnahmen resozialisiert werden könnten. Der Münchner Schnellrichter Dr. Heinz Günther urteilt denn auch. "Wo die Sozialbehörden versagen, muß eben die Strafjustiz einspringen."
Die Sozialbehörden aber müssen versagen. Denn weder für die Penner noch für die seßhaften Obdachlosen stehen im Sozialstaat Bundesrepublik auch nur annähernd genügend Fürsorger und Finanzen zur Verfügung. Während beispielsweise in den Niederlanden Sozialarbeiter 700 Familien zu betreuen haben, werden ihre deutschen Kollegen nicht selten mit zehntausend Klienten überfordert. Fürsorgerinnen von Bezirken, zu denen Notunterkünfte gehören, müssen ständig ausgewechselt werden. Ein Sprecher der Hamburger Sozialbehörde: "Die werden uns sonst auf die Dauer verrückt."
Hoher Arbeitsanfall und geringes Sozialprestige (Brisch: "Blaustrumpf mit Kleppermantel") lassen die Fürsorge-Berufe wenig attraktiv erscheinen. Und in vielen bundesdeutschen
* Gemüsehändler vor einer Obdachlosen-Unterkunft in Mannheim.
** Nach Paragraph 36i des Strafgesetzbuches kann mit Gefängnis bis zu sechs Wochen bestraft werden, "wer nach Verlust seines bisherigen Unterkommens binnen der ihm von der zuständigen Behörde bestimmten Frist sich kein anderweitiges Unterkommen verschafft hat".
Amtsstuben herrscht die Auffassung, Obdachlose habe es "doch immer gegeben und wird es ewig geben" (Kurt Böttcher, Ordnungsamt-Mann in Berlin-Reinickendorf); wer asozial sei, könne nicht resozialisiert, sondern müsse isoliert werden.
Als "klassische Aufgabe der Gefahrenabwehr" (Adams) gehört die Obdachlosenhilfe denn auch noch heute ins Polizeirecht -- mit der Folge, daß Obdachlose vorwiegend "unter dem Ordnungsgesichtspunkt verwaltet werden", wie der Münchner Jugendamt-Direktor Werner Wittmann kritisiert. Und so ist der Stil der sozialen Arbeit mehr vom Verwaltungsdenken geprägt als von den Disziplinen, die maßgebend sein müßten: Psychologie, Pädagogik, Soziologie, Medizin.
Daher können -- in der Sozialarbeit ahnungslose -- Siedlungsaufseher jedem Bewohner, der gegen die Lagerordnung verstößt, die Versetzung in noch schlechtere Räume ankündigen, auch wenn solche Strafen vorwiegend die Kinder treffen.
In der Münchner Schlichtsiedlung Hasenbergl-Nord drohte kürzlich der städtische Verwalter einer Familie mit "Beendigung des Benützungsverhältnisses", weil die Söhne auf einer Wiese zwischen den Siedlungshäusern gebolzt hatten. Er wolle "noch einmal Gnade vor Recht" ergehen lassen, tat der Verwalter der Familie brieflich kund, falls "ab sofort Ihre Kinder die Grünanlagen nicht mehr als Fußballplatz benützen
"Wir betrachten immer noch die Menschen mehr als Objekt denn als Subjekt", räumt der hannoversche Sozialamtsleiter Heinz Keese ein. Die grundgesetzlich garantierte Unverletzlichkeit der Wohnung ist für Obdachlose durch ein "anstaltsrechtliches Gewaltverhältnis" (Juristen-Terminus) eingeschränkt, wie es ähnlich in Gefängnissen und Nervenheilanstalten herrscht.
Unangemeldet können zu jeder Tageszeit Fürsorger und Hausmeister die Räume betreten, Verhaltensregeln ausgeben ("Stehen Sie früher auf"), Schrankappelle vornehmen und die Intimsphäre kontrollieren. Ein Hamburger Fürsorger: "Gegen richtige Verlobte habe ich nichts."
Es gibt freilich, vor allem aus jüngster Zeit, auch andere Beispiele: München bewilligte unlängst acht neue Planstellen für Obdachlosen-Fürsorger; in Kölner Lagern werden neuerdings ölbeheizte Duschen installiert; in Mainz soll für Obdachlosen-Kinder ein "ordentlicher Tummelplatz" (Bauausschuß) angelegt werden; Berlin richtete in 18 Notunterkünften "Kinderbetreuungsstätten" ein.
Solche Verbesserungen allein aber genügen nicht, die vielfältigen negativen Einflüsse des Lagerlebens auch nur spürbar zu mindern: In der Berliner Steinbaracken-Siedlung Wittenauer Straße, wo es einen gut ausgestatteten Kindergarten und einen nachmittäglichen Schularbeitszirkel gibt, und in der Kölner Siedlung "Am Grauen Stein", wo der "Sozialdienst Katholischer Männer" eine "Spielstube" betreibt, werden noch immer zwischen 60 und 80 Prozent der Kinder Sonderschüler.
Nicht einmal ein Abriß aller deutschen Behelfsheime könnte die Obdachlosen-Probleme lösen -- jedenfalls nicht, wenn die Baracken-Gettos durch Beton-Gettos ersetzt werden. Genau das aber preisen die meisten Gemeinden als progressive Resozialisierungspolitik.
Zwar weisen Experten schon seit langem darauf hin, "daß jede größere Zusammenballung von Obdachlosen zwangsläufig zur Isolierung führt und damit alle Eingliederungsbemühungen von vornherein scheitern läßt" und daß "selbst in sehr großen Städten eine Zusammenfassung in der Regel nicht über ... 300 Personen hinausgehen" dürfe (Städtetag).
Aber die Stadt Kiel etwa unterhält in einem einzigen Stadtteil, in Dietrichsdorf, Massivunterkünfte für 689 Menschen. Mannheim hat, so Sozialbeigeordneter Martini, "den Fehler gemacht", im Riedweg Primitivwohnungen für sogar 4000 Obdachlose zu bauen. Und die Hamburger Sozialbehörde bezeichnet noch in der jüngsten Liste ihrer Unterkünfte die Groß-Siedlung Billbrook (1391 Personen) als eine Einrichtung, die "den Vorstellungen neuzeitlicher Obdachlosenunterbringung" entspreche.
Zwar halten Experten die Ansiedlung Obdachloser in den "Randzonen der Städte" für "höchst unerwünscht" (Städtetag). Die meisten Kommunen aber bauen ihre Schlichthäuser weiterhin dort, wo der Boden am billigsten ist.
In Hannoversch-Münden wird gegenwärtig ein neuerbautes Isolier-Haus bezogen -- außerhalb der Stadt in einem Dreieck zwischen Fabrikruine, Bahnlinie und Müllkippe, dort, "wo der geringste Widerstand zu erwarten war" (Stadtdirektor Karl-Wilhelm Lange).
Die Stadt Mainz baute noch letztes Jahr Abseits-Wohnungen für 567 Obdachlose -- in einem Dreieck zwischen Tierasyl, Schnellstraßen und Schnellzugstrecken, weil es, wie Bürgermeister und Sozialdezernent Karl Delorme entschuldigt, "in normalen Wohngebieten erbitterte Proteste der Leute gibt". Delorme: "Das schmälert doch den Wert eines solchen Wohngebietes."
Zwar empfiehlt der Deutsche Städtetag seit langem den Kommunen, "keine Primitivunterkünfte mehr" zu bauen. Aber die meisten Städte haben aus solchen Einsichten noch keine Konsequenzen gezogen. Frankfurts Sozialdezernent Ernst Gerhard etwa hält es für den "schlechteren Weg", "Unterkünfte in einer komfortableren Weise zu errichten".
Die kommunalen Bauherren begründen die bewußt primitive Ausstattung ihrer "Übergangshäuser" mit der Ansicht, dünne Wände, enge Räume und ungünstige Lage könnten verhindern, daß die Eingewiesenen sich dort häuslich niederlassen statt sich um Normalwohnungen zu bemühen. Über die Baubeamten-Auffassung, es müsse für Übergangshäusler "direkt unbequem sein zum Klo, damit diese Menschen wieder nach Höherem streben", spottet Alexander Spoerl: "Wenn es nach solchen Architekten ginge, hätten die Brillen der Obdachlosen wahrscheinlich oben aufgesetzte Reißnägel. Zur Resozialisierung""
In Wirklichkeit steht für Sozialwissenschaftler fest, daß die Reißnägel-Methode Resozialisierung geradezu verhindert. Das Kölner Forschungsinstitut für Soziologie verweist in einer
* In der Kölner Siedlung Am Springborn.
Obdachlosen-Studie auf die "Erkenntnisse der Lerntheorie, daß mit positiven Sanktionen wesentlich schneller und vorhaltender Verhaltensänderungen zu erzielen sind als mit negativen Sanktionen (Strafen)". Die Bonner Fürsorgerin Maria Becker beobachtete, daß "viele Probleme sofort verschwinden", wenn man Obdachlosen "menschenwürdige Unterkünfte gibt, wo Licht und Sonne reinkommen".
Doch dahin führt in vielen deutschen Städten nur ein einziger Weg -- das von Sozialbehörden so genannte "Drei-Stufen-System": Wer sich nach der Einweisung in eine Primitivunterkunft (Stufe eins) "bewährt", darf als "förderungswürdig" in eine etwas weniger primitive Einfachwohnung (Stufe zwei) umziehen, wo er durch oft jahrelanges Wohlverhalten die formale Berechtigung auf Zuteilung einer Normalwohnung (Stufe drei) erwerben kann.
Das Drei-Stufen-System freilich "läuft allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zuwider" (so der Tübinger Sozialwissenschaftler Herbert Colla). Denn das Milieu der Stufen eins und zwei wirkt desozialisierend und nicht resozialisierend. Auch den Nutzen der Hauptbedingung für eine "Höherstufung" -- pünktliches Entrichten der Miete ("Nutzungsgebühr") -- ziehen Praktiker in Zweifel. Mannheims Martini hält nichts von dem "verflixten Bewährungsbegriff": "Der Mensch ist gut, solang er Miete zahlt."
Selbst wer sich unter diesen Umständen "bewährt" und das Prädikat
* Demonstration der kinderreichen Frankfurter Familie Strauch, die nach einem Räumungsurteil in eine Notunterkunft eingewiesen werden sollte.
"eingliederungsfähig" erwirbt, bleibt oftmals in den Primitivwohnungen hängen. Denn es fehlt überall an Normaiwohnungen, die -- zumal für Kinderreiche -- erschwinglich sind. Allein im Berliner Bezirk Tiergarten warten derzeit 23 "vermittlungsfähige" Familien mit 117 Personen vergeblich auf eine Wohnung. Bezirksstadtrat Helmut Grell bedauert diesen Engpaß: "Wir erwecken Hoffnungen und können sie nicht erfüllen."
"Geradezu grotesk" erscheint es Sozialpraktikern wie dem Mannheimer Martini, daß angesichts des Mangels an erschwinglichen Normalwohnungen und angesichts von Millionen teils abbruchreifer Uraltwohnungen noch Steuergelder für den Neubau eigens entworfener Primitivwohnungen ausgegeben werden.
Zu dieser Einsicht hätten Sozialpolitiker freilich schon vor 17 Jahren kommen können. Als 1953 -- auch In Mannheim -- Primitivwohnungen zum Baupreis von jeweils 5000 Mark errichtet wurden, rechnete die damals noch existierende "Neue Zeitung" den Stadtvätern vor: "Wenn diese Summe als Eigenkapital im sozialen Wohnungsbau eingesetzt und dazu Landesmittel in Anspruch genommen worden wären, hätte die Stadt (zum selben Preis) dieselbe Zahl Familienwohnungen bauen können."
Die Rechnung geht auch 1970 noch auf. Der Bau von Schlecht- und Schlicht-Wohnungen, die unter den gewiß nicht hoch angesetzten Qualitätsnormen des sozialen Wohnungsbaus bleiben, wird in der Regel nicht bezuschußt und muß daher allein von den Kommunen finanziert werden.
Auch für Bund und Länder macht sich der Bau menschenwürdiger Wohnungen für Problemfamilien bezahlt. Denn was diese Häuser kosten, würde, so Caritasdirektor Brisch, "erspart an Gefängnissen und Zuchthäusern, an Fürsorgeerziehungsanstalten und Kinderheimen". Tatsächlich zahlt der Staat zum Beispiel für einen einzigen Fürsorgezögling jährlich zwischen 14 500 und 21 250 Mark.
Schon unter ökonomischen Gesichtspunkten läge es nahe, "durch vorbeugende Maßnahmen ... den Eintritt von Obdachlosigkeit" zu verhüten -- wie das seit Januar dieses Jahres ein Erlaß der nordrhein-westfälischen Landesregierung den Städten und Gemeinden zwischen Rhein und Weser empfiehlt. Die Sozialbehörden sollen dort die Mietschulden von Familien übernehmen, denen Obdachlosigkeit droht, und auf diese Weise Zwangsräumungen verhindern.
Einige Städte haben mit der Entschuldung potentieller Obdachloser bereits gute Erfahrungen gemacht. In einem Bericht der Stadt München heißt es, "daß in den meisten Fällen mit einer einmaligen Übernahme von Mietrückständen die Familie wirtschaftlich saniert wird und die Familienwohnung erhalten werden kann. Nur selten wird die erneute Übernahme von Mietschulden erforderlich."
Und in Mannheim konnte die Sozialbehörde binnen 17 Monaten durch "beratenden Einfluß" oder Schuldenübernahme insgesamt 578 Parteien vor Obdachlosigkeit bewahren -- Kosten für die Stadt: 69 800 Mark.
Freilich, solche sinnvollen Unternehmungen bedeuten nicht mehr als zaghafte Ansätze zu einer grundlegenden Lösung des Obdachlosenproblems in einem Land, wo das elementare Bedürfnis des Wohnens einem Markt ausgeliefert ist, auf dem "nicht das Maß des Menschen und seiner Wünsche herrscht, sondern die Berechnung der ökonomischen Rentabilität und des Profits" (so Hans Heigert in der "Süddeutschen Zeitung").
Es sind eher verstohlene Bemühungen In einer Gesellschaft, die noch immer nicht weiter denken kann als der englische Bevölkerungstheoretiker Thomas Robert Malthus, der im 18. Jahrhundert postulierte, schuld an der Armut seien die Armen, und Not und Elend seien nützlich als Auftrieb zur Arbeit.
Die These vom selbstverschuldeten Elend hat, wie der Berliner Psychologe Dr. Ernst-Günther Skiba letztes Jahr bei einer Repräsentativ-Umfrage feststellte, "ihre Aktualität bewahrt": "Ein nicht geringer Anteil der Bevölkerung" unterstellt "dem Objekt des fürsorgerischen Berufes auch heute noch ein persönliches Versagen, ein Defizit an bestimmten menschlichen Qualitäten."
Für Skiba bestätigte sich damit, "was auch auf anderen Gebieten des sozialen Lebens zu finden ist: daß die Gegenwart mit Maßstäben der Vergangenheit gemessen wird".

DER SPIEGEL 40/1970
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