28.09.1970

FUSSBALL / ELFMETERNie wieder

Es besteht die Gefahr, daß Fußball aufhört ein Spiel zu sein, das mit Freude betrachtet werden kann. Internationale Regelkommission
In der Gelsenkirchener Glückauf-Kampfbahn kämpfte die Heimelf unglücklich, Schalke 04 lag im Bundesligaspiel gegen Rot-Weiß Essen 0:1 zurück. Da pfiff Schiedsrichter Wolfgang Dittmer unverhofft einen Elfmeter für die Heimmannschaft. Essens Spieler reckten die Fäuste und zerrten an des Schiedsrichters Bluse.
Überdies stießen die Gästespieler immer wieder den Ball vom Elfmeterpunkt weg. Doch Schiedsrichter Dittmer bestand auf dem Strafstoß. Essens Torwart aber boxte den scharfgeschossenen Ball an die Unterkante der Torlatte und fing ihn dann auf. Schon jubelten die Essener, doch Dittmer entschied: Tor.
Nun überwanden aufgebrachte Essener Schlachtenbummler sogar die Schutzgitter um das Spielfeld. Essens Spieler Willi Lippens zeterte: "Wir sind beraubt worden." Außerdem zielte er mit dem Fuß gegen des Schiedsrichters Wade "Im ersten Augenblick beschloß ich, nie wieder ein Spiel zu pfeifen", berichtete Schiedsrichter Dittmer, der erst sein zweites Bundesligaspiel leitete. "Es war ein Weg durch die Hölle."
Diesen Weg beschritt zur selben Zeit in Bremen auch Schiedsrichter Hans Voß. Er hatte der Heimelf Werder einen Elfmeter gegen Hertha BSC verweigert. Darauf jagten ihn Bremer Spieler vom Platz. Minutenlang mußte die Polizei das Spielfeld von wütenden Werder-Fans säubern. Herthas Trainer Helmut Kronsbein staunte: "Ich muß sagen, der Schiedsrichter hat großen Mut bewiesen."
An Mut, gegen die Heimelf und deren Anhänger zu pfeifen, ließen es die Schiedsrichter (Spielspesen: 20 Mark) immer häufiger fehlen. In den ersten sieben Bundesligajahren (2010 Spiele) verhängten sie zwar 539 Elfmeter -- davon aber mehr als zwei Drittel für die Gastgeber: 384. Etwa 40 Prozent der Bundesliga-Elfmeter seit 1967 erwiesen sich als spielentscheidend.
"Elfmeter sind für die ausführende Mannschaft wie Doping", deutete der frühere Bundesligatrainer Willy Multhaup, "doch für die betroffene Elf wie eine Betäubungsspritze." So wurde Borussia Mönchengladbach, das bisher die meisten -- 40 -- Elfmeter schießen durfte, 1970 Deutscher Fußballmeister.
Vor mehr als 100 Jahren hatte der irische Regelstifter John Mac Penalty den Elfmeter als Entschädigung für Torchancen ersonnen, die der Gegner durch ein Foul- oder Handspiel in seinem Strafraum zunichte gemacht hatte. Da der Schütze aus elf Meter Entfernung ungehindert auf das nur noch vom Torwart gehütete Tor ballern darf, führt ein Strafstoß fast immer zu einem Treffer. In der neuen Bundesliga-Saison verfehlten bei zehn Strafstößen (acht für die Heimelf) nur zwei das Ziel. Seit 1963 vermochten die Torhüter nur jeden sechsten (von 549) Strafstoß zu halten oder hatten das Glück, daß der Schütze vorbeischoß: 74mal.
Doch die einst harmlose Ball-Buße hat sich seit Einführung der Bundesliga und des lukrativen Europapokals zum Höhepunkt des Kickerkampfs entwickelt. "Der unberechtigte Elfmeter, den der 1. FC Köln gegen uns im Pokal schießen durfte und der ihm den Sieg brachte", urteilte der Mönchengladbacher Spieler Ludwig Müller, "hat meinen Klub einige Hunderttausend Mark Einnahmen gekostet."
Wie Leichen im Krimi servierten Zeitungen und Fernsehfilme die Elfmeterszenen in Fußballspielen. "Ein Ritus für einzelne", schrieb die "Stuttgarter Zeitung", "wobei unzählige Augenpaare argwöhnisch zusehen." Mit Akribie führen Fachblätter Statistiken, ob Elfmeter rechts- oder linksfüßig" hoch oder niedrig geschossen und rechts oder links ins Tor sausten. Peter Handke kam mit seinem Buch "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" sogar auf die Bestsellerliste.
Der international bekannteste deutsche Schiedsrichter Kurt Tschenscher versuchte Elfmetersituationen durch Beschwörungen abzuwenden. "Schieß doch, schieß doch", rief er nach eigenem Geständnis halblaut, als ein Stürmer in den Strafraum eindrang und ein Abwehrspieler ihn umzurennen und einen Elfmeter auszulösen drohte.
Andere Spielleiter verlegen den Tatort lieber aus dem Strafraum heraus, damit sie statt eines Elfmeters nur einen leichter abzuwehrenden Freistoß zu verhängen brauchen. Oder sie tun so, als hätten sie weder Foulnoch Handspiel bemerkt. Spieler wiederum provozieren Elfmeterpfiffe" indem sie sich im Strafraum sofort fallen lassen (Fachjargon: Schwalbe).
Die Angst des Schiedsrichters vor dem Elfmeter führte mehrfach zu Ausschreitungen. Als 1965 der Saarbrücker Ferdinand Biwersi dem Karlsruher SC im Heimspiel gegen Nürnberg nach Ansicht der Karlsruher Fans zwei Elfmeter verweigerte und die Gäste 2:1 siegten, belagerten die erbitterten Karlsruher Anhänger die Schiedsrichterkabine. Erst ein tieffliegender Hubschrauber, der die Randalierer in Sandwolken einhüllte, sicherte Biwersi freien Abzug.
Auch der Hamburger Schiedsrichter Klaus Ohmsen entkam 1968 in Duisburg nach Verweigerung von zwei Elfmetern für die Platzelf nur durch ein raffiniertes Tarnungsmanöver. In einem Krankenwagen mit Blaulicht erreichte der Verfolgte den Bahnhof, Doch auch dort hatten Fans den Rückzugsweg abgeschnitten. Erst durch die Expreßguthalle gelangte der Schiedsrichter unbemerkt in den Zug.
Trotz des sich häufenden Elfmeter-Ärgers scheint die Renaissance des Strafkicks erst bevorzustehen. So planen die Fußball-Funktionäre, unentschiedene Europacupspiele künftig nicht mehr durch Los, sondern durch Elfmeterschießen zu entscheiden.
Für den Londoner Keith Walker mündete die Elfmeter-Frage sogar in ein Mietproblem. Nachdem er in zwei Spielen dem Klub des Vermieters je einen Strafstoß versagt hatte, erhielt er die Kündigung,

DER SPIEGEL 40/1970
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