03.08.1970

GESELLSCHAFT / SEX-WELLEThema eins

Das Bett knarrte, und auch sonst war der Geschlechtsverkehr normal. Nur: 42 Journalisten, sieben Damen und 35 Herren, schauten zu. Zum erstenmal war in der Bundesrepublik eine Pressekonferenz einberufen worden, um einen Koitus vorzuführen.
Es geschah in Hamburgs Großer Freiheit Nummer elf, an einem Julinachmittag des Jahres 1970. Wo noch vor wenigen Jahren der Strip beim Slip enden mußte, will sich der französische St.-Pauli-Gastwirt René Durand nicht mehr mit Damen-Darbietungen begnügen. Sechsmal in der Woche treten in seinem "Salambo" zwei Paare auf und tun viermal am Abend das, was der Papst "den Akt vollziehen" und was sogar gutbürgerliche Zeitungen heutzutage gelegentlich schon "vögeln" nennen. Durand fragt sich und die Welt: "Warum darf ich nicht das zeigen, was sogar die Kirche als einziges erlaubt?"
Die Antwort kam vier Tage später und kostete 4500 Mark. Das Hamburger Amtsgericht erkannte auf Kuppelei und bestrafte Durands Unterpächter. Noch am selben Abend wurde weitergekuppelt.
In mindestens fünf anderen St.-Pauli-Gaststätten wird Gleiches geboten. In mindestens 40 weiteren Nachtlokalen des Hamburger Vergnügungsviertels wird, abgesehen vom Koitus, fast alles auf der Bühne gezeigt, was noch vor kurzem nur in dänischen Porno-Blättern zu sehen war. Nackte Schöne bedienen sich auch der Kerzen, manche Wirte lassen Hunde mitwirken.
Und nicht nur in Hamburg, sondern auch in Orten tief in der Provinz schwappte die Porno-Welle in die Nachtlokale. Gummi-Penis und Peitsche, Banane und Zigarre gehören zum Programm. Dänische Farbfilme und französische Lusttöne vom Stereoband füllen vielerorts die Pausen.
Wie sich die neue, fremde Freiheit auswächst, meldete unlängst das nordrhein-westfälische Innenministerium fast im Stil eines Wehrmachtsberichts: "Die neuen "Sexual-Lokale" breiten sich inzwischen mit Zielrichtung auf die Städte Köln, Düsseldorf, Essen und Bielefeld weiter aus. Vom Ruhrgebiet ziehen sich Ausläufer über Langenfeld nach Neuwied und Koblenz. Erster Vorposten im Harz ist Bad Lauterberg." Bis Ende 1970, so die amtliche Porno-Prognose, wird sich die Zahl solcher Etablissements verdreifachen.
Nur etliche ältere Zehntausend sehen, wie unzüchtig (nach herkömmlichem Recht) sich Mädchen und Paare nachts in diesen Lokalen bewegen; selten schaut einer unter 30 zu. Nackt wie nie aber bietet sich Deutschland auch tagsüber auf allen Straßen, in fast allen Kinos, auf vielen Bühnen und in zahlreichen Buchhandlungen dar. Die Sexflut, die manche schon abebben sahen, schwillt weiter an und überschwemmt vor allem die Zeitungsstände mehr denn je.
So schnell wie bei keiner Zeitung oder Zeitschrift seit Kriegsende sind die Auflagen jener Druckerzeugnisse emporgeschnellt, die von ihren Gegnern "Bordellblätter", "Schweinezeitungen" oder "Pornopresse" genannt werden.
Sie führen Titel wie "St. Pauli Nachrichten", "St. Pauli Zeitung", "St. Pauli Anzeiger", "St. Pauli Express" oder "Bums", "Treffpunkt Sex", "St. Porno", "Sex-Gazette", "Sex Report" und "Mini-Slip".
Sie werben mit Leitworten wie "Seid nett aufeinander" und "Nun liebt mal schon
Ihre Schlagzeilen: "Für jeden Penis einen Orden", "Ferien sind zum Bumsen da", "Ich schlief mit 5000 Männern", "Ekstase der Lederfans", "Strich nach Stundenplan", "Brunstgeschrei und Bettgeräusche", "Und mittags wird gebumst".
Ihre Berichte: "Als ich meine Unterhose ablegte, war mein Penis bereits voll da." Oder: "Vier Monate vorher hatte er das letztemal gevögelt. Ich dachte, daß ich nicht mehr lebend aus dem Bett komme." Und: "Gaby saugt jetzt so verzehrend an seinem Glied, daß er den Samen nicht mehr zurückhalten kann."
Woche für Woche werden von diesen Blättern, die es noch vor zweieinhalb Jahren nicht gab, mehr Exemplare verkauft als von den drei größten deutschen Illustrierten zusammen: etwa fünf Millionen. Etwa jeder sechste deutsche Mann liest allwöchentlich eine dieser Zeitungen, die für die Zürcher "Weitwoche" nur "so etwas wie technisch verbesserte Pissoirwände" sind.
Wolfgang Windel, 25, Chef vom Dienst der "St. Pauli Nachrichten" (mit 1,1 Millionen Exemplaren das größte Blatt), mißt dem Leseboom eine Ventil-Funktion zu: "Das muß doch irgendwo herkommen." Sein Chefredakteur Helmut Maenner-Yo, 50, findet für das Millionen-Mirakel keine andere Erklärung als einst mancher für den Erfolg des Nachtaufklärers Oswalt Kolle: "Wir bieten nicht nur Unterhaltung, sondern Lebenshilfe."
Lebenshilfe suchen Bundesbürger vor allem in den Annoncenteilen der "amourösen Gazetten" ("Süddeutsche Zeitung"). "Bei jeder Podiums-Diskussion, an der ich teilnehme", so Windel, "ist die erste Frage der Leute, warum wir diese "schweinischen Anzeigen" türken." Doch getürkt wird selten, deutsche Bürger und Bürgerinnen schicken Texte genug. Allein die "St. Pauli Nachrichten" erhalten täglich zwei Zentner Post von Inserenten und Interessenten. Am letzten Freitag füllte dieses Blatt fünf der 24 Seiten seiner Wochenend-Ausgabe mit Kontakt-Anzeigen unter Rubriken wie "Kätzchen sucht Kater", "Zwei mal zwei = ?" und "Grazien unter sich". Die Annoncen sind bei den Lesern der beliebteste, für die Blätter der gefährlichste Lesestoff. Die "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften" liest mit.
Sogar Maenner-Yo, Chefredakteur der "St. Pauli Nachrichten" (Untertitel: "Das Lustblatt der Weltstadt"), war anfangs "erstaunt darüber, daß etwa ein Zahnarzt aus Köln unter Briefkopf mit vollem Namen eine Anzeige schrieb wie: "Bin homophil und suche Gleichgesinnten." Heute weiß der Blattmacher, Vater von fünf Kindern, "daß die Leute Vertrauen zu uns haben".
Das Vertrauen zur Sex-Presse artikuliert sich so:
* "Rm Mnch.: Geiler Mann, 40, sucht scharfe Frau bis 50 J., d. alles mitma. Bin s. akt.";
* "KA-STGT.: Ehefr. 32, eng., s. Partner mi. 17x4";
* "Masoch. su. energ. Eva b. 40, attr. Po, die ihn mit Rohrst. o. Peitsche stark züchtigt";
* "Berlin, Untern, sucht Frau o. Mutter/Tochter z. franz. Unterr. am Tage";
* "Rm Bayreuth, hemm.los. Lustgirl, 22/170, 100-65-95, su. Partner/in z. Befr. ihres unersättl. Tr.";
* "Hessen, attr, Paar, 23/22, su. Paar o.
Kreis f. harten Sex";
* "Geile heißbl. Domina, rassig. südl. Typ, üpp. Br. str. Sch. u. Po erf. Damen u. Herren jeden Wunsch, bes. Franz."
"Nachrichten"-Gründer Helmut Rosenberg, der am 1. April 1968 mit 10 000 Exemplaren begann, und seine mittlerweile zahlreichen Konkurrenten sind in eine Marktlücke gestolpert. Schon drängen auch die Spezialisten nach, die sich nur ein Teilgebiet erobern wollen. Um die Gunst der Homosexuellen mühen sich bereits drei Blätter. Das Monatsmagazin "him" (Auflage 54 000) redigiert der Ex-Mönch Udo J. Erlenhardt, 26, der sich "Homo-Papst" nennen läßt und der, von Schwierigkeiten bei der Markteroberung seines Blattes zermürbt, letzte Woche einen Herzkollaps erlitt. Um regionale Märkte kämpfen Blätter wie das Saarbrücker "Extra" (20 000 Auflage) und die Münchner "Sex-Gazette" (150 000).
Sie alle rühmen sich, der sexuellen Freiheit eine Gasse zu bahnen, und sie bewegen sich doch zugleich in der Gosse. Jeder redet über den anderen wie ihre Gegner über sie alle. "St. Pauli Zeitung"-Chef Driessen über "St. Pauli Nachrichten"-Chef Rosenberg: "Der macht doch eindeutig Pornographie." Umgekehrt Rosenberg über Driessens "Zeitung": "Nichts als Schweinereien."
Das Geschäft mit der Lust aber floriert so augenfällig, daß auch schon ein Konzern, der Hamburger Heinrich Bauer Verlag ("Neue Revue", "Quick", "TV Hören und Sehen"), in die paulinischen Niederungen herabgestiegen ist. Seit Juni bringt er das Wochenblatt "Sexy" heraus -- halb ist es noch wie "Quick", halb schon wie die Reeperbahn-Journale.
Doch auch einige alte Illustrierte, jahrzehntelang im Sexwellenreiten geübt, sind sich nun nicht mehr nackt genug. Sie ziehen ihre Titelmädchen noch weiter aus als bisher, statt der Nabel- bieten sie die Busenschau. Das linke Zweiwochenblatt "Konkret", noch vor kurzem mit bloßen Ober- und Hinterteilen den anderen weit voraus, wurde rechts nahezu eingeholt. Franz Burdas "Bunte" ausgenommen, ist der Oberweitblick allenthalben freigegeben.
Und nicht mehr die Illustrierten-Reporter allein sind es, die um Unterleibs-Geschichten über die Prominenz wetteifern. Auch Zeitungsjournalisten bringen Einschlägiges lieber ins Blatt als in den Papierkorb.
Dazu bedarf es gar keiner Flitterwochenschau in Lithographien, wie sie Ex-Beatle John Lennon von sich und Braut Yoko Ono veröffentlichte. Akteure im großen Sextheater werden -- oft unversehens -- jene, die noch auf den letzten Thronen sitzen oder sitzen werden: Schwedens Kronprinz Carl Gustaf kam jüngst in die Schlagzeilen, weil er mit der früheren Nacktdarstellerin Lena Skoog flirtete. Aber es wirken auch jene mit, die der Gesellschaft ihre spätbürgerlichen Stützen brechen wollen. Die Kaufhausbrandstifterin Gudrun Enßlin etwa ist, obwohl sie sich längst in den Nahen Osten entfernt hat, in dem Politporno-Film "Das Abonnement" noch immer unbekleidet zu sehen.
Die bloßen Linken rütteln am Beischlaf dieser Welt. Aber wer nackt ist, hat sich nicht schon befreit; oft ist es nur die Kleidung und nicht einmal das Vorurteil, das abgelegt wird. Nackt war schließlich auch jener Hildesheimer Kaufmann, der im Nachtlokal "Moulin Rouge" des 40 Kilometer entfernten Oldendorf für 9892 Mark auf der Bühne vor aller Augen in Sekt baden durfte.
Pornographische Bücher werden nicht mehr nur vom Apopo-Blatt "Konkret" und von der betulichen Studentenzeitung "Colloquium" (unter der Spitzmarke "Bumsphallera") besprochen. Auch die sonst nicht selten eher tantenhafte "Frankfurter Allgemeine" widmet ihnen neuerdings ihr Augenmerk. Der Roman "Die Schüler mißfiel ihr: "Eine geile Schwüle liegt über dem Buch." Hingegen nennt sie (in einer Sammelbesprechung) die "Josefine Mutzenbacher" eine "fröhliche Vagina mit etwas Bein, Bauch und Kopf drumherum". Sie sei "das köstlichste und empfehlenswerteste Produkt unter den hier anzuzeigenden Spezereien".
Und so sittenstreng sich manche Zeitung im redaktionellen Teil oft auch noch gibt, so liberal läßt sie Lästerliches in den Annoncenteil einrücken. Typisches Inserat (aus der "Frankfurter Rundschau"): "Junges Paar, 27/162, 34/180, schlk. und gutaussehend, sucht unkonventionelle Geselligkeit mit gleichgesinntem Paar."
In Springers Berliner Hauptblatt, der "BZ", dürfen Massagesalons sogar mit eher ein- als zweideutigen Anzeigen werben: "Massagesalon "Uta" -einmalig! Unsere jungen charmanten Mitarbeiterinnen, auch aus Indonesien, Japan und Afrika, erwarten Ihren Besuch."
Wohin der Bundesbürger auch kommt oder blickt -- Unverhülltes wird überall dargeboten oder zumindest empfohlen.
Für die Versorgung unterhalb de Nabels entsteht eine neue Branche, die sich mit über hundert sogenannten "Sex-Shops" inzwischen in allen Bundesländern niedergelassen hat,
Diese Kleinbetriebe knabbern am Außenseitermonopol der Sexkonzern-Herrin Beate Uhse, 50. Die First Lady des deutschen Sex herrscht über etwa 300 Angestellte in ihrem Flensburger Versandhaus (Kundenkartei mit über zwei Millionen Anschriften) und über 21 "Beate Uhse-Läden". Bei der Versorgung ihrer Kunden "für Liebesstunden, die man nicht vergißt" (Uhse-Slogan), machte sie im vergangenen Jahr 30,6 Millionen Mark Umsatz. Für 1970 rechnet sie mit mehr als 35 Millionen.
Etwa zwei Drittel ihres Gewinns streicht Beate Uhse südlich der Mainlinie ein. Die Sex-Chefin: "Je katholischer die Leute sind, um so mehr kaufen sie bei uns." Die nächstbesten Kunden sind Akademiker.
Am besten gehen die Geschäfte der Flensburgerin mit Aufklärungsbüchern, aber auch der Umsatz von Präservativen steigt. Weil Oswalt Kolle zu "denen zählt, die für die Pille werben und damit ihrem Gummiwaren-Handel womöglich schaden könnten, nahm sie ein Taschenbuch über "Die sexuellen Wünsche der Deutschen" in ihr Sortiment auf, in dem gegen Kolle und Pille, für Uhse und Präservative Stellung bezogen wird.
Einen Umsatz-Rückgang verzeichnete der Beate-Uhse-Konzern lediglich bei Dia-Serien und Aktbänden" mit denen sich die Deutschen lieber im pornoliberalen Dänemark eindecken. Spezielle "Sex-Kiosken" bieten dort für 15 Mark dünne Hefte an.
Carla Henningsen, Besitzerin eines von sechs Porno-Läden direkt hinter den deutsch-dänischen Schlagbäumen, schätzt, daß "99 Prozent" ihrer Kunden Deutsche sind. Sie kaufen bei ihr pro Woche etwa 500 Hefte und fünf bis sechs Peitschen (Stückpreis: 60 Mark). Aber auch in Kleinstädten landeinwärts ist noch für deutsche Kunden gesorgt: In Odense etwa, 150 Meter von dem Geburtshaus des Märchendichters Hans Christian Andersen entfernt, liegen im Schaufenster eines Porno-Geschäfts acht künstliche Glieder -- Blickfang für die dort durchmarschierenden Touristen. Auf den ausgehängten Pornoheften dagegen sind die Intimzonen der Modelle überklebt.
Wie die Geschäfte sind auch die Künste stärker an der schönen Oberfläche orientiert. Weit mehr deutsche Theater als früher mögen auf Ausziehstücke nicht mehr verzichten. Darstellerliste der "Wölfe" in Hamburgs Thalia-Theater laut "Welt": "Eine abgetakelte Alte, ein junger Schwuler, eine perverse Jungfrau, ein Süchtiger, eine Edelnutte."
Kaum ein Kino gibt es, das auf Filme von der Art "Frau Wirtin bläst auch gern Trompete" verzichtet. In West-Berlin, wo noch vor zwei Jahren Filme wie "Donald Duck als Sonntagsjäger" und "Balduin, der Trockenschwimmer" die Kassen füllten, gehörten von den 35 Streifen der vergangenen Woche 16 zur Nackt-Produktion.
Selbst aufs Fernsehen griff die Lust-Seuche über. Vor drei Jahren präsentierte "Report" die erste Nackte, und seither fallen die Hüllen bei Damen und Herren -- oft sogar schon zur jugendfreien Zeit vor 21 Uhr. In Peter Zadeks "Piggies" trieb es eine nymphomanische Autorin mit einem homophilen Primaner. Der Münchner Regisseur Hans-Jürgen Syberberg zeigte, wie Deutschlands Ober-Pornofilmer Alois Brummer bloßbusige Schaustellerinnen in Kuhstall und Kiesgrube vor die Linse trieb. Und selbst das betuliche ZDF ermannte sich: Es bot aus dem Warhol-Film "Flesh" just jenen Ausschnitt, in dem eine jubelnde Ehefrau das Glied ihres Gatten mit einer Schleife drapiert.
Kein Medium gibt es, das nicht bemüht ist, auf der längst nicht mehr neuen, aber noch immer höher schlagenden Welle obenauf zu bleiben oder zumindest mitzuschwimmen.
Wer sich fremdes Liebesleben lieber in Zahlen als auf Bildern vergegenwärtigt, kann die im Fischer-Verlag erschienenen Kinsey-Reports statt wie früher für je 18 Mark als Paperback jetzt als Taschenbuch für je 4,80 Mark erwerben. Große wie kleine Verlage sind versext, gängige Titel erscheinen nicht selten in mehreren Ausgaben. Die "Fanny Hill" etwa liegt, seit der Bundesgerichtshof sie vom Vorwurf der Unzucht befreit hat, in acht verschiedenen Ausgaben vor, die teuerste für 58, die billigste für 2,80 Mark, bei immer fast gleichem Text.
Um die Konkurrenz auf dem Felde der gut verkäuflichen Liebe zu schlagen, wirbt der C. Bertelsmann Verlag für seinen Roman "Spiele" mit Texten wie. "Es ist das schmutzigste Buch, das ich je gelesen habe", sagt die Mutter der Autorin. Und: "Ich bin so stolz auf dich."
Die Sexpansion auf dem Buchmarkt ist so unüberschaubar geworden, daß selbst Auflagen-Raketen kaum noch bemerkt und vermeldet werden. Das meistverkaufte Buch ist mit 350 000 Exemplaren das "Einmaleins für Zwei", in dem "111 Liebesvariationen" für 25 Mark gezeigt und beschrieben werden. Verkauft wird das Turnbuch zum großen Teil von der Sex-Konzernherrin Beate Uhse. Erschienen ist es in dem Darmstädter Porta-Verlag, einer heimlichen Tochter des scharf links orientierten Frankfurter März-Verlages. Die Apo-Genossen des März- und des Porta-Verlages dürften an dem Koitus-Einmaleins in aller Stille bislang 3,5 Millionen Mark verdient haben. Beate Uhse vertreibt außerdem drei andere Bilderbücher für Stellung-Suchende, die sie selber verlegt hat: "Helga und Bernd zeigen 100 Liebespositionen" (schwarz-weiß, bekleidet, in 16 Monaten 330 000 verkauft), "Junge Liebe" und "L'amour" (beide farbig, unbekleidet, in drei Monaten 87 000 verkauft).
Auch reputierliche Buchhandlungen werden mit Büchern über Lust und Liebe überschwemmt, unter anderem mit Nachschlagewerken für alle Sex-Probleme von A, wie abartig, bis Z, wie Zyklus. In den letzten beiden Jahren erschien bei List ein "Lexikon der Liebe" (bisher 30 000 Auflage), bei Lübbe ein "Sexuallexikon" (5000), bei Desch ein zehnbändiges "Modernes Lexikon der Erotik" (250 000 Bände), bei Lichtenberg eine bislang 30bändige Reihe "Sexualwissenschaft" (20 000 Bände) und bei Rowohlt eine Taschenbuch-"Sexologie" (bisher 22 Bände, davon etwa 360 000 Exemplare verkauft). Den Titel "Lexikon der Sexualität" gibt es sogar schon doppelt: von Heyne für ein Taschenbuch (4,80 Mark), vom Wuppertaler Jugenddienst-Verlag für ein Bilder-Buch (24 Mark).
Trotz mancher Differenzen im Detail sind sich die Sex-Lexika in einem allesamt gleich: Sie geben sich überaus progressiv. Unzucht ist auch für den evangelischen Jugenddienst-Verlag nur noch eine "unzeitgemäße und ungenaue Bezeichnung für jedes Hervorrufen sexueller Erregung bei sich oder anderen in einer Weise, die als unsittlich gilt".
Dank seiner reichen Bebilderung (Koitus zweimal, Penis 17mal) wurde das Werk binnen weniger Wochen 10 000mal verkauft. 20 000 weitere Exemplare kommen in diesen Tagen auf den Markt.
Geworben wird für dieses evangelische Lexikon mit einem Lob des katholischen Publizisten Walter Dirks, verbreitet vom Westdeutschen Rundfunk: "Ein männliches Glied im Zustand der Erektion, ein Finger in der Scheide einer masturbierenden Frau: Das muß doch, so wird man voraussetzen, entweder abstoßend oder aber erregend wirken. Aber wie mir scheint, wirkt es genauso, wie es gemeint ist: als Information." Und: "Hätte ich Kinder im Fragealter, ich würde ihnen das Buch geben."
Ähnlich positiv wie Dirks äußern sich viele über die Massenaufklärung durch massiven Sex, anders nur wenige. Das Heer derjenigen, die noch vor wenigen Jahren die "Saubere Leinwand" verlangten, scheint sich in alle Winde zerlaufen zu haben. Selten nur wird noch zur Sex-Weile ein Bischofswort publik. Sogar Berlins evangelischer Oberhirte Kurt Scharf, der 1964 den Untergang Deutschlands nahe wähnte, eine "Aktion Sorge um Deutschland" gründete und zum Kampf gegen die "Diktatur der Unanständigkeit" aufrief, äußert sich nur noch selten zum Thema eins. Süsterhenn ist ebenso verstummt wie Bayerns Hundhammer, der lieber seine Memoiren als Proteste schreibt.
Zwar warnte kürzlich ein anderer Minister wieder vor der "Auflösung der sittlichen Grundlagen unserer Gesellschaft". Doch es war niemand von der CDU, sondern -- einsamer SPD-Deichposten wider die Flut -- Nordrhein-Westfalens Arbeits- und Sozialminister Figgen.
Die Kardinäle Döpfner, Höffner und Jaeger lassen es mit gelegentlichem Protest genug sein. Münchens Döpfner: "Die sogenannte Sex-Welle, die wir heute in so vielen Bereichen des kulturellen Lebens mitmachen, ist nicht Fortschritt und Befreiung, sondern menschenunwürdige, widersittliche Entartung." Ranghöchster deutscher Geistlicher, der jüngst noch einen langen massiven Artikel bundesweit verbreitete, ist der Domkapitular Aloys Heck (Speyer). Er warnte vor der Sexflut, weil
* "die Sexualität ein zu hohes Gut ist, um sie bloßen Geschäftemachern auszuliefern";
* "unsere Jugend auf diese Art in unverantwortlicher Weise manipuliert wird";
* "ungesicherte Aussagen über den sexuellen Bereich Sehr häufig zur Brutalisierung führen";
* "die Gefahr einer sittlichen Anarchie zugleich eine gesellschaftliche Anarchie nach sich zieht".
Je kleiner die Zahl der Sittenkämpfer wird, um so militanter freilich geben sich die Reste, und um so verwegener werden die Argumente. "Das Vordringen des Erotismus in Deutschland", so beobachtete das Vatikanblatt "L'Osservatore Romano", "steht in direktem Verhältnis zum Fortschritt der Sozialdemokratie." In Ulm zeigte der CDU-Stadtrat Dr. med. Siegfried Ernst den Bundesturnwart Oswalt Kolle wegen seines Films "Dein Mann, das unbekannte Wesen" an. Ernst ernsthaft: "Geschlechtsverkehr in Anwesenheit von Regisseur und Kameraleuten unterscheidet sich in nichts von Exhibitionismus auf der Straße."
Das Rottenburger Bistumsblatt will die "Schlammflut, die alles versaut", eindämmen und erkannte den "Ungeist unserer Zeit" sogar an einem "Oben-ohne"-Mädchen" das in den Inseratenteil des katholischen Wochenblatts "Publik" eingedrungen war. Und in der "Welt am Sonntag" rühmt der katholische Philosoph, Theologe und Biologe Gerd Siegmund die roten Russen: "Der Auflösung sexueller Sitten in den USA und in vielen europäischen Ländern steht in eindrucksvollem Kontrast die gegenteilige Entwicklung in der Sowjetunion gegenüber."
Während auch manchen aufgeklärten Köpfen der Gedanke nicht mehr fremd ist, es könnte eher ein wenig zuviel Sex zur Schau gestellt werden, ist noch immer kein Ende der Libidosierung in Wort, Bild und Ton abzusehen. Erste Hoffnungen, die Deutschen würden der Welle überdrüssig, erwiesen sich als trügerisch. Zwar löste sich das "Living Theatre" im Berliner Sportpalast mit einer letzten Show auf. Doch längst spielen staatliche Ensembles textilarme Stücke. Zwar stellte das Herren-Magazin "M" sein Erscheinen ein, das zuletzt noch 300 000 Käufern den Weg ins Hamburger Bordell gewiesen hatte. Doch es verschied nicht an zuviel, sondern an zuwenig Sex, den Verlegerin Aenne Burda nach Art ihres Hauses nur in knappen Portionen zugelassen hatte. Zwar
* Im ZDF mit Sexologen Schmidt und Giese, Moderator Stratenschulte, Psychologin Leist, Pfarrer Hunger und Biologen Graebner,
sprach sich der deutsche Filmtheaterverband in seiner jüngsten Jahresversammlung gegen zuviel Sexfilme aus. Doch kein Porno-Produzent fürchtet einstweilen um die Zukunft.
Und längst sind nicht alle Möglichkeiten erschöpft, Thema eins abzuwandeln und zu vergolden. Im Summer und im Herbst schon wird es neue Spektakel geben. Der Kopenhagener Messe "Sex 69", die etwa 20 000 Bundesbürger anzog, folgt ab 20. August in Offenbachs Stadthalle fünf Tage lang die erste deutsche Sex-Messe "Intim" 70". 40 Verlage und Versandhäuser haben sich angemeldet, Beate Uhse allein belegt 36 Quadratmeter. Barbusige Hostessen werden angeworben. Happening-Profi Otto Muehl, der bei seinem Braunschweiger Auftritt im vergangenen Dezember die Bürger schockte, wird sich bei neuem Auftritt, wie immer, entkleiden.
Pocket-Pornos für sieben Mark, "Nummern-Bücher" genannt, wird ab Oktober der Schriftsteller Gerhard Zwerenz ("Casanova oder Der kleine Herr in Krieg und Frieden") herausbringen. Prominente Autoren schreiben ihm unter Pseudonym (erste Namen: Clemens Fettmilch und Sonja Suck) bei je 4000 Mark Vorschuß.
Ebenfalls im Oktober erscheint im Konkret-Verlag, der von seinem Gruppensex-Report "Liebe zu viert" bislang 70 000 Exemplare absetzte, ein Buch unter dem Titel "Seid nett aufeinander. Anatomie eines Lustmarktes. Es wird gefüllt mit Zuschriften auf Anzeigen der "St. Pauli Nachrichten", die größtenteils postlagernd und mit der Bitte um Diskretion ("Bitte mit diesen Intimitäten streng vertraulich") abgeschickt worden sind. Die Autoren Peter P. Dahl und Henryk M. Broder über die Porno-Qualität der Beiträge: "Die Realität läuft auch der schriftstellerischen Phantasie davon. Meilenweit."
Vorerst noch zurück gegenüber dem Ausland bleiben, allen Bemühungen zum Trotz, die deutschen Theaterleute. In London, wo das US-Sexical "Oh! Calcutta!" kürzlich anlief, ist im August die Premiere des 75 Jahre alten, aber noch immer nicht aufgeführten "Liebeskonzil" Oskar Panizas. Zu den Hauptfiguren zählt neben Gottvater, Jesus und Maria auch die Syphilis.
Das hohe Quantum und die geringe Qualität des Sex-Angebots beschäftigen Gelehrte etlicher Disziplinen ebenso wie amtliche Sittenwächter und besorgte Eltern. Gering ist die Zahl derer, die etwa mit Blick zurück aufs alte Rom -- den Verfall der Sitten angesichts der öffentlichen Fleischbeschau nahe glauben. Aber nicht viel größer ist die Zahl derjenigen, die Augenzeugen einer sexuellen Revolution zu sein wähnen. Dazwischen gibt es eine Fülle von Meinungen.
Einig sind sich fast alle, daß die Porno-Produktion -- wie es der Hamburger Sexologe Professor Hans Giese formuliert hat -- "mittelmäßig bis schlecht, langweilig, witzlos und ohne künstlerisches Zutun" ist. Der Münchner Psychiater Professor Max Mikorey hofft auf Einsicht durch Freiheit: "Man soll den Leuten ruhig den Spaß lassen, dann erkennen sie am schnellsten, wie sehr es zum Kotzen ist."
Linke wie Rechte sind gleichermaßen dagegen gefeit, die befreiende Wirkung der Porno-Welle zu überschätzen. "Sie öffnet nicht die Augen für eine böse Wirklichkeit, sie gaukelt eine heile Welt vor, ein Schlaraffenland des Genusses", stellten die Münsteraner Anglisten Edgar Mertner und Herbert Mainusch fest. Sie haben im Auftrage des Düsseldorfer SPD-Ministers Figgen eine Expertise verfaßt, die unter dem Titel "Pornotopia" auch als Buch erschienen ist (siehe Besprechung Seite 102). Während sich die beiden Münsteraner Pornographie-Gegner sonst auf leer gewordenem Tugendpfad bewegen, stimmen sie in diesem Punkt auch mit denen überein, die auf der Straße der Revolution marschieren.
Vom ersten roten österreichischen Sexologen Wilhelm Reich (1897 bis 1957) bis zu dem Frankfurter Reimut Reiche, 29, Autor eines Buches "Sexualität und Klassenkampf", besteht Einigkeit darüber, daß -- so Reiche -- "auf die sich selbsttätig befreiende Kraft der Sexualität" im sogenannten Spätkapitalismus nicht vertraut werden dürfe.
Richtig ist, daß die Sex-Welle zwar viele einzelne Bürger aus sexueller Beklemmung befreien kann, aber die bürgerliche Gesellschaft oder die Sexualität insgesamt weder reformiert noch gar revolutioniert. Der Sex-Kuli kompensiert die sexuelle Befreiung, die es nicht gibt.
Es gibt nur "eine positive Besessenheit am Sex. Aber das hat mit sexueller Befreiung überhaupt nichts zu tun"; der Erfolg etwa der St.-Pauli-Blätter zeigt nur, "wie viele sexuell Frustrierte es bei uns gibt". So sagte es Professor Hans Giese im letzten Interview vor seinem Tode, einem SPIEGEL-Gespräch (siehe Seite 47).
Die Sexualität ist für viele kaum mehr als ein "Objekt des Konsums" (Reiche>. Sozialisiert wird lediglich -- wie Theodor Adorno es formuliert hat -- der Voyeurismus. Das Betrachten fremder Paarung, einst das Privileg weniger, ist zum Massenvergnügen geworden. Diesen Seh-Sex erklärt Ludwig Marcuse aus Mangel: "Wenn die lockeren Bilder und Texte einen entscheidenden Ursprung haben, so den einen: daß Millionen nicht genug von dem haben, was sie in der Phantasie ausgiebiger genießen können."
Eben deshalb ist die Hoffnung trügerisch, die Freiheit, die dem öffentlichen Sex gewährt wird, bedeute sein Ende. Vielen wird zwar der Appetit nach wenigen Porno-Proben vergehen, die Macht der Gewohnheit wird den Bedarf auch der Verklemmten vermindern. Aber Freude an fremder Lust wird es geben, solange Menschen ihre sexuelle Phantasie nicht in die Wirklichkeit umsetzen können.
Der Lustgewinn durch Zuschauen führt nicht in jene ferne freie Gesellschaft Reimut Reiches, in der die Institution Ehe nicht mehr geschützt ist und in der "keine formalen Regeln zu gelten brauchen, wer mit wem und zu wievielt ab wann und wie lange zusammenleben darf". Aber er bedeutet vielen viel in einer Gesellschaft, die noch immer unter der Unterleibfeindlichkeit leidet, die jahrhundertelang von den Kirchen gepredigt und von den christlichen Obrigkeiten erzwungen worden ist.
Bis in die jüngste Vergangenheit hinein haben auch viele Juristen Sex und Sünde für Synonyma gehalten. Aber in letzter Zeit haben die meisten Juristen den Rückzug aus einem Gebiet angetreten, auf dem rechtsgelehrten Zucht-Warten viele Niederlagen bereitet worden sind.
Jahrelang hatten Gerichte aller Instanzen zu prüfen, ob Bücher wie "Fanny Hill" die Jugend gefährden könnten, ob auf einem Aktphoto schon eine "herausfordernde Stellung" unzüchtig sei oder erst zusammen mit einem "lüsternen Gesichtsausdruck" und ob das Feilbieten von Präservativen im Friseur-Herrensalon gegen die guten Sitten verstoße.
Sie stützten sich dabei auf Strafgesetzbuch-Paragraphen, die genau 100 Jahre alt sind. Wie weltfremd sie mittlerweile geworden sind, wird gelegentlich von buchstabentreuen Richtern demonstriert. So geschah es im vorletzten Monat, als ein West-Berliner Schöffengericht eine 43jährige Frau zu sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilte, weil sie ihren 21jährigen Sohn mit seiner 17jährigen Verlobten hatte schlafen lassen. Das Gericht hielt den Tatbestand der schweren Kuppelei für erfüllt und die Frau für schuldig, der "Unzucht Vorschub geleistet" zu haben.
Von Unzucht ist auch immer dann die Rede, wenn die Sex-Welle eingedämmt werden soll. Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr wird im Strafgesetzbuch-Paragraphen 184 demjenigen angedroht, der "unzüchtige Schriften herstellt, vervielfältigt, bezieht, vorrätig hält, ankündigt, anpreist, an einen anderen gelangen läßt". Und die Godesberger Bundesprüfstelle entscheidet noch immer von Amts wegen, was Kinder oder Jugendliche sittlich gefährdet. Sie bestimmt mithin, was an Kiosken überhaupt nicht mehr und was in Buchgeschäften selbst für Erwachsene nur unter dem Ladentisch gehandelt werden darf.
Doch ist mittlerweile die amtliche Einsicht gewachsen, daß alten Deutschen kaum schaden wird, was junge Dänen nicht verdirbt. So bremste im Februar Bundesfinanzminister Möller per Erlaß den Eifer bundesdeutscher Zöllner, die bis dahin so viele Pornohaltige Postsendungen wie möglich den Staatsanwälten ausgeliefert hatten. Seither werden dänische Importe, die erkennbar nur für den persönlichen Gebrauch des Empfängers bestimmt sind, den Anklagebehörden nicht mehr zugeleitet. Die Staatsanwälte haben sich in allen Bundesländern damit abgefunden, obwohl -- so Oberstaatsanwalt Walter van Bentum, Leiter der Zentralstelle zur Bekämpfung unzüchtiger Schriften bei der Generalstaatsanwaltschaft in Koblenz -- "99 Prozent der Erzeugnisse aus Schweden und Dänemark unter Paragraph 184 fallen".
Im nächsten Jahr soll das engmaschige Netz der zahlreichen Einzeltatbestände eben dieses Porno-Paragraphen 184 gelockert werden, wenn der Bundestag das Sittenstrafrecht reformiert. Nach dem in der letzten Woche fertiggestellten Referentenentwurf des Bundesjustizministeriums, der in einer der nächsten Kabinettsitzungen beraten wird, soll nur noch bestraft werden können, wer Pornographie entweder unaufgefordert an Erwachsene gelangen läßt oder Jugendlichen unter 18 Jahren überläßt oder anbietet.
Manchen Juristen geht diese Neufassung noch nicht einmal weit genug. Sie halten die Altersgrenzen für fragwürdig und verweisen auf das dänische Beispiel, wo der Porno-Verkauf an Jugendliche ab 16, die unentgeltliche Weitergabe sogar an Kinder jeden Alters straflos bleibt.
Freilich bliebe der Porno-Handel auch bei neuem Strafrecht ständig der Gefahr staatlicher Eingriffe ausgesetzt, wenn das "Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften" nicht auch neu gefaßt würde. Bundesjustizminister Gerhard Jahn hält eine gleichzeitige Reform dieses Gesetzes nicht für notwendig. Ein vom Rechtspolitischen Ausschuß beim SPD-Parteivorstand eingesetzter Zirkel hingegen will das Jugendgesetz ganz streichen. Zirkel-Ziel ist es, eine neuartige Bundesprüfstelle für Jugendbücher und -filme zu schaffen, die nicht nur (großzügiger als bisher) Gefährdendes aussortiert, sondern auch Geeignetes durch Preise fördert.
Die Erwartung, einschlägige Paragraphen würden in absehbarer Zeit geändert, hat in Gerichtssälen und Polizeidienststellen einen Meinungswandel bewirkt. Alte Maßstäbe sind ins Wanken gekommen. Professor Werner Sarstedt, Vorsitzender des 5. Strafsenats am Bundesgerichtshof, rügt seine Juristen-Kollegen, "die unter Sittlichkeit nichts anderes als Unterlassungen auf sexuellem Gebiet verstehen".
"Wie die Mode sich ändert, so ändern sich auch die Moralbegriffe", erklärt sich Duisburgs Sittenpolizeichef Hans Rötner die nackte Welt. "Was heute geduldet wird, wäre vor zwei, drei Jahren bestimmt noch jugendgefährdend, wenn nicht unzüchtig gewesen", bekennt Hauptkommissar Louis Evers vom hannoverschen Sittendezernat.
Daß in Zukunft wiederum anders geurteilt wird als heute, setzt Evers schon voraus: "In Erwartung von Gesetzesänderungen unternehmen wir wenig." Sein Münchner Sitten-Kollege Josef Schaumann wehrt sich dagegen, daß im Kampf gegen dänische Porno-Pakete und an anderen Fronten mit zweierlei Maß gemessen wird: "Man kann nicht gut etwas beschlagnahmen, was gleichzeitig überall im Kino zu sehen ist."
Längst handeln viele Polizisten und Staatsanwälte nicht mehr nach den toten Buchstaben der Gesetze. Nicht nur Porno-Pakete kommen durch. Ignoriert werden auch die Aufforderungen zu strafbaren Handlungen, die in den Anzeigenteilen vieler Zeitungen zu finden sind. Und Deutschlands Polizeibeamte unternehmen nicht den geringsten Versuch, die Verbreitung des Gruppen-Sex in der Bundesrepublik zu erkunden und einzudämmen. Sie reagieren lediglich auf Anzeigen, von denen in Hamburg nur "jährlich drei bis fünf, eher drei als fünf" eingehen (Karl-Heinz Westphal, Leiter des Kommissariats für Zuhälterei, Kuppelei und Mädchenhandel). Mannhelms Sittenpolizeichef Fritz Nemitz: "Wir schnüffeln nicht in Schlafzimmern herum."
Die Polizei ist gemeinhin schon liberaler, als es der Paragraph erlaubt. Aber immer noch gibt es neue Beweise dafür, daß dem Vater Staat und der Göttin Justitia ebenso wie manchem Bürger das rechte Augenmaß fehlen, oberhalb wie unterhalb des Nabels:
* Wenn in München die Richter des Bayrischen Obersten Landesgerichts "unbeschadet einer gewissen Änderung der Auffassung darüber, was unzüchtig ist", Porno aus Schweden doch beschlagnahmen und dabei Moral predigen: "Die Lektüre (gehört) auch nicht im entferntesten zu den ernstzunehmenden, elementaren Bedürfnissen des Menschen, sich aus möglichst vielen Quellen zu unterrichten, das eigene Wissen zu erweitern und sich so als Persönlichkeit zu entfalten"; so geschehen im Juli 1970;
* wenn in Düsseldorf "dem natürlichen Schamgefühl jeder normal empfindenden Frau" widerspricht, oben ohne hinter dem Bartresen zu stehen, aber im benachbarten Langenfeld auf der Bühne unten ohne gestrippt werden darf; so geschehen im Juli 1970;
* wenn in Köln dem Tanzmariechen Christel Gogoll von seinem Karnevalsvereins-Präsidenten gekündigt wird, weil es sich als Modell verdingt und der Frohsinns-Chef es auf einem Photo nackt gesehen hat: so geschehen im Januar 1970;
* wenn in Flensburg ausgerechnet die Versandhändlerin Beate Uhse, die mit Präservativen und Pornographien zur Einkommens-Millionärin wurde, einen Frankfurter Staatsanwalt fragte, ob er denn nicht "gegen den Verlag vorgehen" wolle, der in "Mama+Papa. Materialaktion 63-69", einem Werk des Nacktdarstellers Otto Muehl, (tatsächlich) "ekelerregende Darstellungen von nackten Personen beiderlei Geschlechts" veröffentlicht habe; so geschehen im Juni 1970;
* wenn in Hamburg ein 18jähriges Mädchen zwar im "Eros-Center" als Prostituierte, aber nicht in einem Nachtlokal als Stripperin tätig sein darf; so wahrheitsgemäß behauptet vom St.-Pauli-Gastronomen René Durand im Juli 1970.
Daß sich die papierenen Zucht-Vorschriften nahezu nach Gutdünken der jeweiligen Sittenwächter für oder gegen die Sex-Welle auslegen lassen, wird vor allem an den Staats-Eingriffen ins deutsche Nachtleben deutlich.
Gleich geblieben sind zwar die vielfältigen Bestimmungen, denen zufolge nichts den "guten Sitten zuwiderlaufen" (Gewerbeordnung) und nichts "zur Förderung der Unsittlichkeit mißbraucht" werden darf (Gaststättengesetz). Nahezu von Jahr zu Jahr neu gezogen aber wurden die Grenzen, die dem Schauvergnügen oft zentimetergenau gesetzt werden.
In Hamburg durften noch 1962 die Stripperinnen auf St. Pauli und St. Georg den letzten Slip nicht fallen lassen. 1963 war es ihnen nur erlaubt, wenn sie zu Standbildern erstarrten. 1964 drehten sie sich immerhin auf Podesten um den eigenen Nabel. 1965 wurde auch dann nicht mehr eingeschritten, wenn sie sich selber nackt bewegten. Seit 1966 wird das Mitbringen von Requisiten auf die Bühne, seit 1967 das Masturbieren von Frauen geduldet, 1969 kam der erste Hund auf die Bühne. Für Oberamtsrat Kurt Falck, den "Säuberer von St. Pauli" ("Bild-Zeitung"), "kommt es darauf an, daß die Mädchen mit dem Tier wirklich nur spielen".
Jüngst allerdings versagte Falck dem Pächter des "Triangel-Clubs" in der Hafenstraße die Kabarett-Erlaubnis, nachdem zwei seiner Beamten bei hundert Mark Spesen (je 35 Mark Klub-Beitrag, eine Flasche Wein) lesbische Liebe sowie oral-genitale Kontakte eines verschiedengeschlechtlichen Paares gesehen und bei einem Bühnen-Koitus sechs verschiedene Positionen gezählt hatten.
Wie es weitergehen wird, weiß auch Oberamtsrat Falck nicht zu sagen: "In zwei Jahren kann alles wieder prüder sein. Es kann aber auch alles so frei werden, daß wir hier im Sommer wie die Buschneger nur noch mit Lendenschurz herumlaufen."
Wie auch immer: Ganz sicher würde es je nach Landstrich verschieden sein und unter anderem davon abhängen, welche Partei regiert und ob in der jeweiligen Stadt ein Bischof residiert. Daß im einzigen Strip-Lokal der rheinland-pfälzischen Metropole nicht viel zu sehen ist, begründete der dortige Kriminaloberrat Kastor Gast so: "In Mainz ist doch ein Dom."
Selbst manche Großstädte sind im Nachtleben noch auf dem Hamburger Stand von 1962. In Düsseldorf ist "alles verhältnismäßig sauber" (Ordnungsamts-Chef Heinrich Drüke). Im 24 Kilometer entfernten Duisburg hingegen darf, zumindest im "Goldenen Anker", das Publikum sogar mehr tun als auf St. Pauli: Es darf den Damen zur Hand gehen.
Niedersächsische Dörfer bringt ein gelernter Maschinenschlosser namens Volker Wanzke, 26, auf Weltstadtniveau, auch mit Mädchen "aus der Gosse und vom Strich". Er unterhält das "Moulin Rouge" in Oldendorf (1550 Einwohner), in Edemissen bei Einbeck (600 Einwohner) ein "Lido", in Wehrbergen (400 Einwohner) ein "Camino", in Lauenförde (2500 Einwohner) bei Northeim ein "Eve". Täglich müssen Kellner oder Barkeeper mindestens 500 Kilometer mit einem buntbemalten Bus über Land fahren, um für die Wahzke-Shows in früheren Scheunen und Kneipen zu werben.
Die Herren der St. Pauli-Presse hingegen halten sich zur Zeit eher zurück. Sie können nicht sicher sein, daß sie den Kampf um den Kiosk überleben.
Zwar wäre ihre Zukunft gesichert, wenn es nur um Leser und Anzeigen ginge. Für das größte Lustblatt, die "St. Pauli Nachrichten"" erhielt Verleger Rosenberg von schwedischen Interessenten ein Kaufangebot: Verhandlungssumme 1,7 Millionen Mark. Der Jungverleger winkte ab -- trotz der Gefahr, die seinem Blatt vom Rhein her droht.
Wird ein Blatt von der Godesberger "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften" dreimal indiziert, so darf es (je nach Entscheid) drei bis zwölf Monate lang nicht mehr ausgehängt und nur noch unter dem Ladentisch gehandelt werden. Jüngere Beispiele beweisen, daß dies in der Unterleibspresse den Tod bedeutet. "Sylt intim" stellte das Erscheinen schon vor der drohenden dritten Indizierung ein, obwohl die Auflage von 480 000 Exemplaren hinreichend Gewinn versprach. Und auch der Verlag des drittgrößten, aber ebenfalls schon dreimal indizierten Blattes, des "St. Pauli Anzeigers", rechnet offenbar mit dem Exitus. Er kürzte die Auflage von 750 000 auf 250 000 Exemplare und brachte vorsorglich den "St. Pauli Express" neu mit 650 000 Stück auf den Markt, der sich fast nur dem Namen nach von dem "Anzeiger" unterscheidet.
Der Ausschluß aus der Öffentlichkeit droht auch den beiden Branchen-Riesen, den "St. Pauli Nachrichten" und der "St. Pauli Zeitung". Beide sind bereits je zweimal indiziert worden. Daß sie "sehr wahrscheinlich auf den Dauerindex" kommen, kündigte SPD-Staatssekretär Heinz Westphal vom Bundesfamilienministerium sogar im Bundestag an.
Erst am 5. und dann am 15. Juni wollte die Bundesprüfstelle ihr Urteil fällen. Für den 22. Juni hatte der Bauer-Verlag den Start seines neuen Busenblatts "Sexy" terminiert. Den Gedanken, der freigeprüfte Platz habe schnell besetzt werden sollen, weist "Sexy"-Chefredakteur Fred Krause zurück: "Das ist eine Unverfrorenheit von irgendwelchen Scheißern in der Branche." Als die Entscheidung über "Nachrichten" und "Zeitung" vertagt wurde, gab es zusätzlich für mehr als eine Million "Sexy"-Exemplare wöchentlich auch noch Platz.
Ob "Sexys" Nachbarn die Kioske räumen müssen, entscheidet die Bundesprüfstelle am 11. September. Doch ihres Marktes sind die beiden St. Paulianer schon heute nicht mehr sicher. Die Zeitschriftengroßhändler mußten in manchen Orten schon mehrfach ihre Porno-Post aus Hamburg an die Polizei statt an die Kunden ausliefern.
Unterschiedlich sind die Wege und Waffen, die den beiden St.-Pauli-Blättern die Existenz sichern sollen. Weil laut Gesetz die Index-Klausel "nicht gilt für Tageszeitungen und politische Zeitschriften", gingen beide auf tägliches Erscheinen über. Die "St. Pauli Zeitung" erklärte sich außerdem zum Zentral-Organ einer eigens gegründeten "Deutschen Sex-Partei" und ließ den Partei-Geschäftsführer Roland Schade mit einer "St. Pauli Zeitung" vor dem Portal der Bundesprüfstelle posieren. Paragraph 1 Satz 2 der Satzung: "Das Emblem der Partei ist eine goldene Träne in einem roten, gleichseitigen, senkrecht auf der Spitze stehenden Dreieck Punkt 6 des Programms: "Eine Ehe kann aus verschieden- oder gleichgeschlechtlichen, zwei oder mehreren Partnern bestehen."
Die "St. Pauli Nachrichten" hingegen sind vor allem bemüht, sich zu einer Boulevardzeitung mit meinungs- und sinnenfreudigem Profil zu wandeln und so ihre Blößen zu decken.
So mischen sich im Lustblatt herkömmliche Schlagzeilen mit linken Losungen. Und angepaßt wird auch der Anzeigenteil. Denn gerade deswegen "gibt es ja pausenlos Schwierigkeiten mit den Staatsanwaltschaften", so Dr. Gisela Wild, Anwältin der "St. Pauli Nachrichten". Ähnlich wie es die Konkurrenz-"Zeitung" tut, sollen gewerbliche Anzeigen eingeschränkt werden -- etwa für "Erektions-Hilfen", "aufblasbare Gespielinnen, lebensecht, lebensgroß", "Massagestäbe". Auch die schon gerichtlich bemängelte "zotige Sprache" in den privaten Anzeigen unterwerfen die Sex-Verleger derzeit einer freiwilligen Selbstkontrolle.
Doch ob diese Selbsthilfen ausreichen, ist ungewiß. Die Bundesprüfstelle müßte sich schon selbst widerrufen, wenn sie etwa einem Gutachten beipflichten würde, das die "St. Pauli Nachrichten" bei dem Berliner Sexual-Pädagogen Helmut Kentler bestellt haben. Was die amtlichen Prüfer für jugendgefährdend halten, ist nach Ansicht des privaten Gutachters nahezu jugendfördernd.
* Die Bundesprüfstelle über die "St. Pauli Nachrichten": "Unsittlich ist die Druckschrift, weil sie nach Inhalt und Ausdruck objektiv geeignet ist, in sexueller Hinsicht das Scham- und Sittlichkeitsgefühl gröblich zu verletzen. Dies deshalb, weil in ... Beiträgen, insbesondere im sogenannten "Heiratsmarkt", sexuelle Vorgänge in übersteigerter, anreißerischer Weise ohne Sinnzusammenhang mit anderen Lebensbereichen geschildert werden."
* Gutachter Kentler: "Die "St. Pauli Nachrichten" sind keine Zeitung, die lediglich auf der "Woge" der heutigen "Sexwelle mitschwimmt" und die Chancen des Spätkapitalismus nutzt. Zahlreiche redaktionelle Beiträge bemühen sich um kritisch-rationale Aufklärung und um Ansätze einer Kultivierung im Bereich der Sexualität. Einige Beiträge sind sogar gut geeignet, um im sexualkundlichen Unterricht der Schulen bei über 16jährigen Jugendlichen verwendet zu werden." Kentler ist allerdings der Linksaußen unter den deutschen Sexperten. Jeder Versuch, sich bei Pädagogen und anderen Wissenschaftlern über etwaige Gefahren der Sex-Welle für die Jugend zu vergewissern, ist zum Scheitern verurteilt. Zu weit gehen die Ansichten auseinander.
Durchgesetzt hat sich zwar die Meinung, daß die Jugendlichen früher als früher über die Sexualität und ihren Sinn aufgeklärt werden sollten. Auch wird eine einseitige Belehrung über sexuelle Techniken allgemein abgelehnt. Und daß aggressive Akte in Krimis und Wildwestfilmen für die Jugend gefährlicher sind als die Porno-Welle, meinen fast wortgleich der linke Kentler und der eher konservative Vizepräsident des Deutschen Kinderschutzbundes, der Frankfurter Rechtsanwalt Wilhelm Stille.
Alles andere aber ist strittig. Den einen -- den Rechten -- steht in der heutigen Jugenderziehung der Sex schon zu sehr im Mittelpunkt, den anderen -- den Linken -- noch zu sehr die bürgerliche Institution Ehe.
Zu den Sex-Gegnern zählt der sehr katholische Aachener Pädagoge Pro-
* Mit Partner in einer Vorstellung des Kölner Boulevard-Theaters "Senftöpfchen".
fessor Franz Pöggeler, der schon "bei bestimmten Illustrierten die wohlüberlegte Taktik des systematischen Abbaus von Schamempfindungen" registriert. Für den Professor sind "Entblößungen des Körpers" nur "solange korrekt, als sie der Gesundheit, der Reinigung und Erholung des Körpers, ja des Gesamtmenschen dienen".
Während manche mit neuen Sexualnormen zugleich eine bessere Gesellschaft aufbauen wollen, versuchen andere, an pädagogischen Tagesaufgaben zu arbeiten und politische Fernziele außer acht zu lassen.
Nicht nur sind Kontakte zwischen diesen Parteien "schwierig, fast unmöglich" (Kentler). Auch lebensnahe Fragen, wie die, was der Jugend schadet oder nützt, werden verschieden beantwortet. Der Bielefelder Soziologe Helmut Schelsky etwa sieht es (nicht nur für die Jugend) negativ: "Die Enttabuisierung der Sexualität führt zu einer Enterotisierung." Der Hamburger Sexualforscher Volkmar Sigusch urteilt eher positiv: "Die Sex-Welle führt zu einer Sensibilisierung der Sexualität." Der Münsteraner Pfarrer und Sexologe Heinz Hunger sieht es weder so noch so: "Es schwappt nicht über in die Sexualisierung."
Für "eine der Lügen der Hochbourgeoisie" hält es der Berliner Apo-Schülerfunktionär Hanjo Breddermann, daß sexuelle Disziplin in frühen Jahren die Bedingung für spätere Leistung sei. Verfochten wird diese Ansicht aber noch auf vielen Lehrstühlen. Der Kieler Professor Rudolf Seiß etwa meint: "Die geistige Entwicklung des Jugendlichen wird durch frühe Ausrichtung auf sexuelle Erlebnisse und Wunschvorstellungen gebremst."
Sowenig die Fachleute zu sagen wissen, was außerhalb der Schulen geschehen soll, sowenig vermögen sie auch zu klären, wie die Lehrer es den Kindern sagen sollen. Nach Ansicht des Hamburger Oberschulrats Otto Brüggemann darf die Schule "keinen Zweifel daran lassen, daß sie intime Sexualbeziehungen von Minderjährigen entschieden ablehnt". Nach Ansicht des Berliner Sexualpädagogen Kentler aber sollen "die Schüler die Schule nach ihren sexuellen Bedürfnissen gestalten" dürfen. Ähnlich wie der Darmstädter Pädagoge Hans-Jochen Gamm hält er es sogar für eine Aufgabe der Schule, die Schüler die Liebe zu lehren. Denn, so Kentler: "Lautloser Musik-Unterricht ist ebensowenig möglich wie bewegungsloser Sport-Unterricht. Was erzogen werden soll, muß geübt werden können."
Von derlei extremen Ansichten eher verwirrt als orientiert, tappen sich Lehrer und Schüler auf dem Mittelweg mühsam voran. Wo es nottut, helfen sich die Kinder selber weiter. "Es gibt kaum etwas, was Achtjährige nicht wissen", meint die Düsseldorfer Kriminalbeamtin Margret Gerwens.
Umstritten sind nicht nur die Folgen der Sex-Welle für die Jugend. Schwer auszumachen ist auch,
wie sich der veröffentlichte Sex auf den eigenen Sex der erwachsenen Deutschen auswirkt. Doch vieles spricht dafür, daß beides nicht allzuviel miteinander zu tun hat.
Die im Bürgerlichen Gesetzbuch und in mancher Predit noch immer sogenannten ehelichen Pflichten erfüllt das deutsche Durchschnittspaar noch immer nach Martin Luthers Norm: zweimal pro Woche. Die Arbeiter kommen eher auf höhere, die Geistesschaffende eher auf niedrigere Zahlen.
Weder Kolles Turnkommandos noch die Porno-Welle aus St. Pauli dürften die Koituszahl wesentlich erhöht haben. Allenfalls mag mancher die eine oder andere Variante zusätzlich praktizieren, von der er im Wohnzimmersessel gelesen hat und auf die er selber daheim nicht gekommen war.
Daß jemand sich sodomistische, lesbische oder homosexuelle Praktiken aneignet, wenn er davon liest oder hört und sie ihm bis dahin fremd waren, ist nach gesicherter Erkenntnis der Sexo-, Krimino- und Soziologen überaus seltene Ausnahme.
Ebenso sicher ist allerdings auch, daß
die Jugend heute eher mit der Liebe beginnt, als ältere Generationen es taten. Hier ändern sich die Fakten sogar innerhalb weniger Jahre. Heutige Oberschüler etwa nehmen Sexualkontakte vermutlich noch eher auf als vor ein paar Jahren ihre älteren Geschwister. Diese Ansicht wollte Professor Hans Giese demnächst publik machen, nachdem er die Ergebnisse einer 1966er Studenten-Befragung mit den ersten Zahlen einer 1970er Schüler-Befragung seines Instituts verglichen hatte. Sexologe Hunger meint, daß schon "skandinavische Verhältnisse" unter der deutschen Jugend herrschen.
Diese Entwicklung hat zwar weniger mit äußeren Einflüssen als mit der eigenen körperlichen Frühreife zu tun. Aber auch ältere Deutsche denken liberaler darüber, was vor der Ehe geschehen darf. Daß die Frau bis zur Hochzeit unberührt zu bleiben habe, fordert 1970 nur noch jeder zehnte Deutsche. 1963 waren es noch doppelt soviel gewesen.
Aber mindestens so streng wie eh und je denken die meisten über die Ehe. Beim Betrachten der Demoskopen-Zahlen war Giese "fasziniert, wie normal bei uns hierzulande alles ist". Und die Gießener Soziologin Helge Pross neigt sogar zu der "Annahme, daß die Ehe in den letzten hundert Jahren nie so gesichert war wie augenblicklich". Die Deutschen von 1970 denken demnach so, wie sie denken, daß die Deutschen von 1870 gedacht haben.
Obgleich Gruppensex und Partnertausch nachgerade zum Party-Thema Nummer eins geworden sind, ist nur eine verschwindend geringe Minderheit deutscher Ehepaare auf solchen Lustgewinn aus. Die Vielzahl einschlägiger Inserate läßt keine Schlüsse über die Zahlen zu.
Der Hamburger Sexologe Gunter Schmidt schätzt: "Höchstens, aber auch allerhöchstens drei Prozent aller deutschen Ehepaare sind schon irgendwie mit Gruppensex in Berührung gekommen."

DER SPIEGEL 32/1970
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