03.08.1970

ANTONIO DE OLIVEIRA SALAZAR t

Er war kein Magier des Wortes - wie Italiens Benito Mussolini. Er war kein Hypnotiseur der Massen -- wie Deutschlands Adolf Hitler, der ihm 1938 einen kugelsicheren Mercedes schenkte. Er trug weder Orden noch Uniform -- wie Spaniens Francisco Franco, dem er im Bürgerkrieg Freiwillige schickte.
Antonio de Oliveira Salazar war nur farblos, tugendhaft, langweilig -Trugbild eines strengen, aber gütigen Patriarchen.
Bayerns Strauß nannte ihn "einen bedeutenden Staatsmann der Zeitgeschichte" -- nach dem portugiesischen "Diário da Manha" gar den "Mann des Jahrhunderts". Deutschlands Bonner verliehen ihm ihr Großkreuz des Verdienstordens. Amerikas einstiger Außenminister Dean Acheson sah in ihm den "bemerkenswerten Mann, der in unserer Zeit dem Ideal Platos vom Philosophen als König am nächsten kam", und war beeindruckt von der "Schönheit seiner Hände".
Doch diese Hände, schlank zwar und vielleicht auch schön, waren nicht die Hände eines gütigen Patriarchen, sie zügelten 36 Jahre lang neun Millionen weiße Portugiesen daheim und 13 Millionen Kolonial-Portugiesen im schwarzen Afrika -- jeden Widerstand unterdrückend.
Salazar war ein untypischer Diktator, gewiß, ein Mönch in Zivil, der in seinem Pahácio de Sao Bento lebte wie in einem Kloster -- fromm, abgeschieden, asketisch, ohne Alkohol, ohne Zigaretten, ohne Fleisch, ohne Frau.
Aber der Professor der Volkswirtschaft war auch ein Bewunderer Machiavellis, der im 16. Jahrhundert entschieden hatte, das Geschäft des Regierens sei zu wichtig, als daß man es den Regierten überlassen könnte,
Salazar vertraute den Worten dieses Lehrmeisters. Schon nach einer Sitzungsperiode verließ er das freigewählte Parlament, in das er -- einer der Gründer der katholischen Zentrumspartei -- 1921 eingezogen war. Die Demokratie widerte ihn an. "Ich halte sie für eine Fiktion", verkündete er später. "Ich glaube nicht an das allgemeine Stimmrecht" ich glaube nicht an die Gleichheit, ich glaube an die hierarchische Ordnung" -- und er glaubte an die Macht.
1928 nutzte sie der Finanzminister Salazar, der alle Vollmachten zur Sanierung des Haushalts erhielt, alle. 1932 beschloß der Ministerpräsident Salazar, das ganze Land "zu retten -- selbst gegen seinen Willen".
Im Bunde mit den konservativen Reichen und der gehätschelten Armee schuf der Bauernsohn Salazar mitten im 20. Jahrhundert ein Stück machiavellistischer Vergangenheit, mit einem einfachen, holzschnittartigen Weltbild von Gott und Vaterland, Familie, Arbeit und Autorität.
Die Autorität, das war er selbst, ein blasser, aber unnachsichtiger Despot, gegen den das Volk nicht aufzubegehren wagte, nicht aufbegehren konnte, weil er es in tiefer, kalkulierter Dumpfheit hielt; ein Diktator, gegen den kein einziger Politiker Profil gewann, weil er seine Minister auswechselte, bevor ihre Namen allzu bekannt waren; ein unfehlbarer "Wohltäter des Vaterlands" -- so Staatspräsident Thomaz -, der sich beharrlich weigerte, einem Jüngeren Platz zu machen. Die Autorität, das waren auch seine allgegenwärtigen Zensoren und Polizisten, die jeden Widerstand, jede Opposition erstickten.
Nur selten wurden sie überlistet, so 1961, als der portugiesische Hauptmann Henrique Galvao den portugiesischen Luxusdampfer "Santa Maria" entführte, um alle Welt auf die Diktatur in
Portugal aufmerksam zu machen. Doch Salazar trotzte der Weitmeinung. Und auch auf die Forderung nach Freiheit für die Kolonien antwortete der Kolonialherr Salazar nur: "Europa scheint nicht mehr an seine zivilisatorische Mission zu glauben, wie es auch nicht mehr an die Überlegenheit seiner Mission glaubt. Aber wir glauben daran."
Auch die Kolonien sollten Ordnung wahren, jene heilige Ordnung ohne Widerspruch, die der Diktator all seinen Untertanen abverlangte. Als einmal ein Minister ohne Hut zum Rapport erschien, nahm Salazar den eigenen Homburg von der Stange, stülpte ihn dem Besucher auf und vermahnte ihn ernst: "Mit Hut sehen Minister besser aus."
Der Minister widersprach nicht. Er mußte Ordnung bewahren wie das ganze Volk. Und gehorchen.
Die Minister gehorchten auch dann noch, als Salazar -- nach einer Gehirnblutung im September 1968 -- keine Befehle mehr gab, sondern halbgelähmt und wirren Geistes monatelang dem Tod entgegendämmerte. Keiner wagte dem Kranken zu sagen, daß er nicht mehr regierte. Am vergangenen Montag starb Salazar; seine Diktatur lebt weiter.

DER SPIEGEL 32/1970
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