03.08.1970

A.-E. Meyer über Mertner/Mainusch: „Pornotopia“STAATSFORM: ORGASMOKRATIE

Professor Adolf-Ernst Meyer, 44, lehrt Psychosomatik an der Universität Hamburg. Er habilitierte sich mit einer Schrift über „Intersexualität“ und arbeitete über die psychoanalytischen Aspekte der Sexualität. -- Die Münsteraner Anglisten Edgar Martner, 62, und Herbert Mainusch, 41, verfaßten ihr Buch über (so der Untertitel) „Das Obszöne und die Pornographie in der literarischen Landschaft“ als Auftragsarbeit für den Arbeits- und Sozialminister von Nordrhein-Westfalen.
Pornotopia ist ein Land, dessen Geographie den Sexualforschern schon einigermaßen bekannt war, bevor ihm Steven Marcus ("The Other Victorians") seinen heutigen Namen verlieh.
Es liegt in derselben mythischen Provinz wie das Land "über den Bergen bei den sieben Zwergen" und wie das Schlaraffenland; aber deutlich unterleibwärts von letzterem. Es darf mit Fug auch Schlorgasmus-Land heißen.
In der Tat, was das Geld in der Plutokratie: oberster Wert, unüberwindbare Macht und einziger Maßstab -- das ist der sexuelle Höhepunkt für Pornotopia, und dessen Staatsform mithin die Orgasmokratie.
Ungleich den Verhältnissen hienieden, gibt es in diesem Lande nichts, was sich dem Orgasmus entgegenstellen (oder auch nur ihn verzögern) könnte: weder Potenzangst noch Bindungs-Verantwortung, weder Sexualtabus noch nichtsexuelle Strebungen, weder Eifersucht noch Mitgefühl, weder Stolz noch Ekel, weder Schwängerungswunsch noch Schwängerungsfurcht, weder Klassenschranken noch Emanzipationsbedürfnisse.
Das macht, daß den Einwohnern von Pornotopia ein eigenartig unmenschlich (oder übermenschlich) eindimensionales Wesen verliehen ist: Sie sind Menschen ohne Eigenschaften oder genauer, mit einer einzigen -- der Geilheit.
Auch ihr Handeln und Treiben ist weniger psychologisch oder soziologisch zu fassen als mathematisch: Permutation und Kombinatorik von Körpervorsprüngen mit Körperöffnungen, wobei die endliche Zahl möglicher Verbindungen mit der Menge der Teilnehmer steil ansteigt.
Psychologisch-psychoanalytisch handelt es sich um kontraphobische Trostphantasien, in welchen Schreiber und Leser ein geheimes Bündnis der Verleugnung eigener Potenzängste und Sexualhemmungen eingehen. Sintemal (vorläufig?) Potenz ein fast ausschließlich männliches Problem darstellt, werden die Beschreibungen Pornotopiens von Männern für Männer verfaßt -- die ins Überlebensgroße phantasierte Geilheit aber auf Frauen projiziert. Von Aloysia Sigea und Fanny Hill über Pauline, Josefine Mutzenbacher, den Memoiren der Sängerin und denjenigen der russischen Prinzessin bis zu Darling und Barbara folgt eine pornotopische Heidin der anderen.
Dennoch wäre denkbar, daß trotz ihres eindimensionalen und irrealen, kurz, trotz ihres Märchen-Charakters Pornotopia-Beschreibungen in Ausnahmefällen Kunstqualität in Anspruch nehmen dürfen. Es könnte beispielsweise die "Geschichte der 0" als Schilderung der ewig-menschlichen Knecht-Herr-Beziehung durch die Transposition ins Sexuelle jene vereinfachende und verdichtende Überhöhung erreichen, die sie zum Kunstwerk adelt. Oder Frank Newmans "Barbara" könnte in der Kategorie der anarchisch-hedonistisch-naturverbundenen Vagabundenromane ein pornographisches Gegenstück sein zu Eichendorffs "Taugenichts", Hausmanns "Lampioon", Steinbecks "Straße der Ölsardinen".
Mertner und Mainusch gehen davon aus, daß Kunst ihrer Natur nach anstößig ist, weil sie Neues anstößt, doch muß dabei die Reflexions-Freiheit des Lesers unangetastet bleiben, ja gefördert werden.
Insbesondere die Schamverletzung im obszönen Kunstwerk stellt nicht die Moral in Frage, sondern die Frage nach der Echtheit der Moral und damit nach der Echtheit unserer Existenz.
Diese Kunstdefinition, deren Kern auf Innovation, insbesondere moralische Innovation zielt, verbietet die Erweckung sexueller Begierde, weil Kunst Beunruhigung bringen soll statt Genuß, denn dieser führt zu Befriedigung, also Frieden, anstatt zur Unruhe, die Neuerung gebärt.
Wenn de Sade schreibt, "es werden sich jedoch welche (Sexualakt-Beschreibungen) finden, die dich (Leser) so erhitzen, daß sie dich Samen kosten; und das ist alles, was wir beabsichtigen", dann hat er sich -- zumindest nach der Mertner-Mainusch-Definition -- selbst disqualifiziert, Kunst zu schöpfen.
Die Autoren stellen ihre Kunst-Definition verwandten und gegensätzlichen aus vielen Jahrhunderten gegenüber: Aristoteles und Horaz, Milton, Schiller, Goethe, August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Jean Paul, Hegel, Schleiermacher und schließlich Ernst Fischer, Muriel Spark und Adorno. Diese Ausführungen hat der der Ästhetik unkundige Rezensent, dankbar belehrt, zur Kenntnis genommen. Einmal abgegrenzt, was Literatur aufweisen muß, um als Kunst anerkannt zu werden, ersparen sich Mertner und Mainusch weitere Unterteilungen und heißen den ganzen Bereich der Nicht-Kunst Pornographie.
Damit wird ihre Systematik seltsam grobschlächtig und undifferenziert, denn sie verfügen zur Einteilung literarischer Sexualdarstellungen über ein nur binäres System: Entweder es handelt sich um ein obszönes Kunstwerk oder um Pornographie.
Daß nur wenig Büchern die Ehre der Einstufung als obszöne Kunstwerke zuteil wird, Henry Millers und Jean Genets Hauptwerken und Aretinos "Ragionamenti", wäre akzeptierbar, nicht aber, daß die unterschiedlichsten und ungleichwertigsten Schriften in der Kategorie "Pornographie" über einen Leisten geschlagen werden. In dieser Klasse finden sich Kinseys wissenschaftliche Pionierleistung mit ihren trockenen Statistiken neben de Sades phantasieverstiegenen, monomanen Zwangswiederholungen, volkskundliche Sammlungen von Sexual-Bräuchen neben "harten Pornos" und Wirtinnen-Verse neben der (zugegebenermaßen dünnen und faden, aber sicher nicht in Pornotopia beheimateten) Groteske "Candy".
Wenn schließlich Harold Robbins' zunehmend schlichter (und damit törichter) werdende Heldengeschichten in die Porno-Kategorie eingereiht werden, nur weil ihre Helden neben geschäftlichen, sportlichen, kämpferischen auch noch sexuelle Höchstleistungen zuhauf vollbringen, dann zeigt sich, daß Mertner und Mainusch der Pornotopia-Begriff unterwegs abhanden gekommen ist, bzw. daß sie ihn auf eine Weise überdehnen, daß er alles und jedes aufnehmen kann, was als Beschreibung von Lebewesen deren Sexualität nicht ausspart (und nicht obszönes Kunstwerk ist).
Davon unberührt bleibt das, freilich nicht ganz originäre, Verdienst der Autoren, den manifesten Faschismus von Robbins aufzuzeigen und darüber hinaus nachzuweisen, wie leicht Pornographie als Gattung via Verherrlichung von Übermensch und Naturgesetz faschistisch werden kann.
Um ihre Überdehnung des Pornotopia-Begriffes halbwegs unauffällig zu halten und ihr binäres System zu retten, verwenden die Autoren drei Kunstgriffe:
* Was in ihr Zwei-Klassen-System überhaupt nicht paßt, wird weggelassen.
* Sie nehmen partielle Ähnlichkeiten mit Pornotopia als volle Identitäten.
* Sie erklären jeglichen Autoren-Anspruch, nicht-pornographische Ziele zu verfolgen, zum Trick, sich am Zensor vorbeizumogeln.
Weggelassen wird die ergreifende Tragödie "Lolita" und D. H. Lawrences "Lady Chatterley", weil "wer schon würde sich noch (über die Lady) aufregen". Von den "Klassikern" der erotischen Literatur sind Ovids "Liebeskunst" und Casanovas Memoiren bestenfalls eine Namensnennung wert, Frank Harns großsprecherische Erinnerungen und Km Ping Meh, das Kolossalgemälde einer Epoche, nicht einmal diese.
Gewiß hat Kinsey mit den Pornographen gemein, daß er nur die Verhaltensseite der Sexualität schildert, doch diese oberflächliche Ähnlichkeit wird prozentual weit weniger Leser "Samen gekostet haben" als die Lektüre des Alten Testaments. Auch bei "Candy" und Walters "Geheimem Leben" werden Ähnlichkeiten mit Pornotopia in Identitäten umgemünzt.
In der Tat haben Pornographen von jeher eine ganze Palette von Argumenten verwendet, um am Richter vorbeizukommen, und Mertner und Mainusch haben für solche Tarnungen einen feinen Spürsinn: die Berufung auf Natürlichkeit und Gesundheit; die Deklarierung als Tatsachenbericht; die Behauptung, Aufklärung und abschreckende Warnung liefern zu wollen; die Etikettierung als politisches oder antiklerikales Pamphlet.
So bilden den Abschluß des Buches eine akribische Darstellung aller Versuche (und der Nachweis ihres Mißglückens), Fanny Hill aus Pornotopia auszusiedeln. Ebenso köstlich zu lesen, wie dem Ehepaar Kronhausen nachgewiesen wird, daß es beim Redigieren von Walters "Geheimem Leben" besonders "harte" Stellen zensiert und andererseits diese völlig ich-besessene Autobiographie zu einer wissenschaftlichen Sozialgeschichte hochzustilisieren versucht.
Schade nur, daß Mertner und Mainusch ihrerseits über solche Tricks nicht erhaben sind. Zum Beispiel zitieren sie eine sadistische Szene aus "Barbara", lassen aber einfach weg, was die Gewalttätigkeit des Helden auslöste. Die Bemerkung seines Opfers nämlich, daß es jetzt keine Zeit mehr (für eine weitere Paarung) habe. "Keine Zeit zu haben" jedoch, und das ist die Moral dieser Szene, ist die schwerste Sünde wider den Geist dieser anarchisch-hedonistischen Kommune.
Fazit: Diese Analyse, die sich als Wissenschaft versteht, entwertet sich durch die geschilderten Kunstgriffe selbst. Ihre Lehre: Alle Sexualdarstellungen (ausgenommen die verschwindend seltenen obszönen Kunstwerke) gehören nach Pornotopia -- ist als Amtshilfe für das Repressive in deutschen Staatsanwälten bestens geeignet.

DER SPIEGEL 32/1970
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