07.08.1948

MusikRex mochte Fräulein Gerda nicht

Berlin hat schon eine Reihe von Jam-Sessions seines Hot-Clubs erlebt. Die letzte übertraf alles. Rex Stewart, 1932 bis 1943 erster Solotrompeter bei Duke Ellington, vielgeehrter Star der Nizzaer Jazz-Festspiele, war mit dabei.
Es war nicht einfach gewesen, ihn in den Delphi-Keller zu locken. Bei seiner Tournee durch die amerikanische Zone war es kaum einem Deutschen vergönnt gewesen, einen Ton von Rex zu hören.
An zwei Seiten des Kellersaales stand je ein großer Karbidscheinwerfer. Sie konnten die dicke Luft kaum durchdringen. Dazu kam das Licht von Kerzen. Jeder Gast hatte außer seinem Eintrittsgeld eine mitbringen müssen.
Stewart blies. Laut und scharf kamen die Töne aus seinem Kornett, dessen Mundstück so flach ist, daß nicht einmal ein Pfennigstück hineinpaßt. Mackie Kasper und Hans Berry, die beide zur deutschen Jazz-Elite gehören, versuchten vergeblich, einen Ton aus dem Instrument herauszuholen.
Rex brachte das, was man den "real jazz" nennt. "Die deutschen Musiker sind technisch nicht schlecht; aber ihnen fehlt das Jazzgefühl von Stewart", schrieb "Die Welt" am nächsten Tag.
Etwa 1,60 m groß und dabei über zwei Zentner schwer, stand Rex Stewart in Hemdsärmeln und Hosenträgern da, auf kleinen Kinderfüßen, und spielte, begleitet von schwarzen und weißen Musikern. Rex benutzt beim Spiel meist nur eine Hand. Klangeffekte erreicht er ohne Dämpfer, nur durch Ventilarbeit. Den anderen Arm bewegt er im Rhythmus wie die Pleuelstange einer Dampfmaschine hin und her. Stewarts beträchtlicher Bauch wackelt dabei, und der Schweiß rinnt ihm übers Gesicht. An Aesthetik war nicht zu denken.
Rex regte an, daß seine deutschen Jazz-Kollegen einmal spielten, und sie spielten darauf "Honeysuckle Rose". Rex gähnte.
Später wurden Schallplatten geschnitten. Rex blies jedem Musiker vor, was und wie er spielen sollte, stellte dann alle in eine Reihe mit dem Gesicht gegen die Wand und ließ sie eine halbe Stunde ihre Chorusse üben. "Bei uns in Amerika machen wir das bei Schallplattenaufnahmen immer so."
Nach ein paar Aufnahmen wollte Rex etwas Deutsches hören. Man spielte "Fräulein Gerda". Ein grunzendes "Nuts!" (Quatsch!) war die ganze Antwort.
Bei "Bei dir war es immer so schön" horchte Stewart auf. Man wollte die Noten holen. "Ah, nix Noten", wehrte er mit beiden Händen ab. Nach kurzer Zeit hatte er die Melodie erfaßt, kurz gab er jedem musikalische Instruktionen. "One, two" - das Magnetophonband der Amiga-Schallplattenfirma lief für eine neue Aufnahme von "Rex Stewart und seiner Hot-Club-Berlin-Band".
Am nächsten Tage spielte man Rex Stewart seine alten Jazzaufnahmen aus den 20er und 30er Jahren vor.. Er konnte die Tränen nicht zurückhalten. Ein Widmung auf die schönste Platte war sein Dank.

DER SPIEGEL 32/1948
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