24.07.1948

Briefmarken statt Marshall-Plan

San Marino, der auf den drei Spitzen des Monte Titano in den Appenin-Stiefel eingezwängte Miniaturstaat, hat der Welt ein Beispiel gegeben, wie sich auch ein kleines Land zu wahrhafter Größe aufschwingen kann. Es hat als einziger Staat diesseits des Eisernen Vorhanges auf jede Marshall-Hilfe verzichtet. "Klein, aber oho", meinte die amerikanische Presse. "Eigentlich ein Anlaß zur Ausgabe einer Gedenkserie der in aller Welt gefragten San-Marino-Briefmarken", meinten die Sanmarinesen.
Briefmarken sind ohnehin der Hintergrund zu dem großmütigen Verzicht des Dreispitz-Staates. Ohne sie wäre San Marino bestimmt längst bankrott. So aber kann es stolz ein ausgeglichenes Budget vorlegen. Und alles, was es braucht, im Ausland kaufen. Mit Briefmarken.
Da man auch in San Marino für Einfuhren Dollars braucht, bedrucken die geschäftstüchtigen Sanmarinesen ihre Marken mit Sternenbannern und Roosevelt-Köpfen, feiern die erste amerikanische Briefmarke, die UNRRA-Hilfe und die amerikanische Verfassung. In Großformat und Vielfarbendruck.
Passender, wenn auch weniger erfolgversprechend freilich, wären rote Sterne und Stalin-Köpfe. Denn San Marino fällt auch sonst aus dem westeuropäischen Rahmen. Noch immer nämlich hat es eine kommunistisch-sozialistische Regierung. Mit Christlichen Demokraten und Demokratischer Union in proteststreikender Opposition. Man beschimpft sich gebührend.
Trotz dieser Kontroversen bleibt San Marino ein recht friedliches Ländchen, wie es sich für Europas Staat Nr. 1 geziemt. Denn das ist San Marino, zumindest dem Alter nach. Der heilige Marinus soll es gegründet haben, als der Kaiser Diokletian die Christen verfolgte.
Seit dem 9. Jahrhundert gibt es Staatsurkunden, seit dem 13. eine sanmarinesische Verfassung. Und eine blau-weiße Fahne dazu, wie auch ein buntes Wappen mit den drei Spitzen des Titanenberges, auf denen friedliche Straußenfedern stecken.
Die Sanmarinesen sind friedlich, aber sie können auch anders. Ihre Geschichte ist eine lange Kette erfolgreich abgeschlagener Angriffe. Von den Herzögen von Urbino und den Päpsten über Napoleon bis zu Hitler und den Spekulanten, die aus San Marino ein zweites Monte Carlo machen wollten.
Letztes Jahr haben sogar die Universitätsstudenten aus Bologna ihr Heil versucht. Sie druckten Kriegserklärungen und rüsteten Streitkräfte aus, um San Marino von den "roten Tyrannen" zu befreien. Doch die italienischen Behörden befürchteten ernste diplomatische Verwicklungen und trieben die kampfeslüsternen Haufen mit Carabinieri auseinander.
Enttäuscht zogen die Studenten heim. Enttäuscht tat man auch in San Marino. Die Regierung erklärte, sie hätte die ausländischen Abgesandten gern mit ihrer traditionellen Gastfreundschaft empfangen. Die Herren Fremdlinge hätten sich bei den "Tyrannen" bestimmt sehr wohl gefühlt.
Mit der italienischen Schwesterrepublik hat San Marinos Außenminister Giacomini im Frühjahr einen neuen "Vertrag der Freundschaft und der guten Nachbarschaft" abgeschlossen. Gleichberechtigt. Damit wurde auch Italien endlich verziehen, daß dort seit drei Jahren die in San Marino ausgesprochenen Ehescheidungen nicht mehr anerkannt werden.
Das war damals ein harter Schlag für Staatssäckel und Fremdenverkehr. Denn bis dahin konnten unglückliche Eheleute sich in San Marino ansiedeln und nach wenigen Monaten scheiden lassen. Gegen Entrichtung eines angemessenen Beitrages an die Staatskasse natürlich. Ein ähnlich ertragreicher Handel wurde mit San-Marino-Pässen aufgezogen.
Ein Jahr vorher, am 26. Juni 1944, war schon ein Schlag aus heiterem Himmel gekommen. Fliegerbomben richteten in San Marinos industriellem Glanzstück, der Zementfabrik, für anderthalb Millionen Lire Schaden an.
So wenigstens sagen die Sanmarinesen und schicken seit drei Jahren ihren römischen Generalkonsul von einem alliierten Office zum anderen. "Wir waren es nicht", erklärten vor einigen Wochen die Amerikaner. "Und so arg demoliert ist die Fabrik auch gar nicht." Der Konsul versucht sein Heil nun wieder bei den Engländern.
Das andere wichtige Ereignis von San Marinos zweiter Weltkriegsgeschichte war die Kriegserklärung an Deutschland. Doch erstens kam sie nur durch ein technisches Versehen zustande, und zweitens war sie überhaupt überflüssig, da man sich schon im Kriege befand. Noch vom ersten Weltkrieg her, den die Sanmarinesen mit erklärten, aber nicht mit beendeten. Sie hatten ihn vergessen.
Nicht so die deutsche Wehrmacht. Sie fand, doppelter Kriegszustand sei zu viel, vereinnahmte die 35 verfügbaren sanmarinesischen Soldaten und ließ sie nach Deutschland bringen. Am Tage vor dem Einzug der Alliierten. Als Dank für diesen historischen Kriegstribut des sanmarinesischen Volkes will Amerika nun dem Ländle ein oder zwei Liberty-Schiffe als Grundstock zu einer Hochseeflotte stiften. Dazu möchte San Marino eine Freihafenzone in Rimini haben.
Vorerst braucht es allerdings noch keine Handelsflagge. Denn keiner seiner fünf Bäche ist schiffbar. Ueber einem von ihnen befindet sich, 14 Kilometer von Rimini entfernt, das Haupteinfallstor in den Zwergstaat; eine bescheidene Brücke mit zwei Schildern.
"Republik San Marino" steht auf dem einen. Auf dem anderen weniger imposant und eindeutig: "Befahrbarer Teil des Bezirkes Bologna". Das ärgert die Sanmarinesen seit langem. Ihr rühriger Touristenchef will dort jetzt zwei Schilderhäuschen für die beiden eindrucksvollsten Polizisten des Landes aufstellen lassen. In meerblauer Uniform und dunkelblauen straußenbefederten Baskenmützen sollen sie nicht nach Visen und Pässen fragen, sondern allen Neuankömmlingen ein höfliches Willkommen entbieten. Bisher allerdings hat die Regierung nur zwei Fahnenmasten genehmigt.
Das Regieren besorgt der "Große und Allgemeine Rat", den nach alter Sitte nur die Familienoberhäupter wählen, und zwei "regierende Kapitäne" mit goldener Kette und Schwert. Alle politischen Verbrecher werden ins italienische Exil geschickt, die anderen ins Staatsgefängnis. Theoretisch wenigstens. Kürzlich war das Gefängnis tatsächlich einige Tage von einer Frau bevölkert, die einen Schinken gestohlen hatte.
Viel zu regieren gibt es im übrigen nicht. Das Land ist acht Kilometer lang, ebenso viele breit und von 12148 Sanmarinesen belebt. Im Juni. Im Mai war es einer weniger.
Hinter der marmornen Freiheitsstatue, für die eine ausländische Gönnerin einst einen sanmarinesischen Herzogstitel eintauschte, steht es am Regierungspalast angeschlagen: "Diesen Monat 26 Geburten, 7 Todesfälle, 5 Einwanderer und 23 Auswanderer". Selbst in San Marino war das jedoch nicht unbedingt ein Anlaß zur Ausgabe von Gedenkbriefmarken.
Aber sicher weiß man das nie. Am 28. Juli 1943, als auch San Marino sich vom Faschismus befreit hatte, erließ der neue Bürgerausschuß sein erstes Gesetz: "Hiermit werden die Briefmarken für das Gebiet der Republik abgeschafft. Den ewigen Spekulationen muß endlich ein Ende bereitet werden. Die Regierung hat sich aus diesem Anlaß zur Ausgabe einer Gedenkserie von Protestbriefmarken entschlossen".
Seit diesem denkwürdigen Ereignis sind jetzt genau fünf Jahre verflossen. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, daß die sanmarinesische Postverwaltung das übersieht.

DER SPIEGEL 30/1948
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