21.08.1948

EINE »SPIEGEL«-SEITE FÜR ROBERT M. W. KEMPNER

Geboren 1899 in Freiburg/Br. Wuchs in Berlin auf und nahm am ersten Weltkrieg als Gardeschütze teil. Vor 1933 Justitiar der Polizei-Abteilung des Innenministeriums Berlin. Wanderte nach der Machtübernahme Hitlers nach den USA aus, wo seine Mutter Professorin für Bakteriologie in Philadelphia war. Sie war schon 1912 in Preußen der erste weibliche Professor. In Amerika wurde Kempner Professor für vergleichende Rechts- und Staatswissenschaft und hielt Vorlesungen an verschiedenen Universitäten und an der Militärakademie in West Point. Seit drei Jahren amerikanischer Anklagevertreter in Nürnberg. Liest nebenher an der Universität Erlangen.
Wo ich Strafprozeß gelernt habe? In Berlin-Moabit, Old Bailey in London und in Washington. Mir kommt zugute, daß ich selbst jede Rolle im Strafprozeß gespielt habe: Beschuldigter, Zeuge, Sachverständiger, Gerichtssaalreporter, Gerichtsschreiber, Verteidiger, Untersuchungsbeamter, Staatsanwalt, Richter und Verfasser von Strafbestimmungen. Glauben Sie mir, nichts Menschliches ist mir fremd. Ich betrachte es als Aufgabe des Staatsanwalts, Krankheiten der menschlichen Gesellschaft zu heilen. Kampf gegen Kriminalität ist ebenso notwendig wie Kampf gegen Seuchen, und ich habe ebensowenig Angst vor Pestbazillen wie meine Arzt-Eltern, als sie einst zur Bekämpfung der Pest in den Orient gingen.
Nach dem Abschluß der Nürnberger Prozesse will ich meine Kräfte dem Wiederaufbau eines gesunden Europa widmen. In diesem Zusammenhang werde ich versuchen, wirkliche Lehren aus den historischen Nürnberger Verfahren zu ziehen und meine Aufzeichnungen der Oeffentlichkeit zugänglich zu machen. Ich werde die geschichtlichen Tatsachen sprechen lassen, und ich gebe Ihnen entsprechend Ihrem Wunsche einige interessante Beispiele, die Bestandteile der jedem zugänglichen Nürnberger Verfahren sind.
Hitler war nicht weniger ein Feind des Christentums als des Judentums. In einer Tagebuchnotiz des ehemaligen Reichsministers Alfred Rosenberg, der in Nürnberg hingerichtet wurde, ist folgende charakteristische Unterhaltung wiedergegeben, die Hitler mit Rosenberg während des Krieges bei einem Mittagessen auf dem Berghof führte: Rosenberg: "Wir sollten uns in manchen Dingen für die Erweckung Deutschlands das Altertum zum Vorbild nehmen". Hitlers Antwort: "Nein, das Altertum kann uns kein Vorbild sein. Es hat uns die schlimmsten Seuchen der Menschheit beschert, das Christentum und die Syphilis".
Unter Hunderten von Vernehmungen ehemaliger Minister, Staatssekretäre und Diplomaten des Dritten Reiches waren die von Hermann Göring stets die interessantesten. Niemand hat mich besser und offener über die Politik des Dritten Reiches informiert als Göring. Manche von ihm erhaltene wichtige Information konnte nicht in seinem Verfahren benutzt werden, weil sie ausdrücklich als "off the record" abgegeben war. Wenn ich während der ersten Wochen meiner erneuerten Bekanntschaft mit Göring ihn bei krassem Abweichen von der Wahrheit mit den Worten warnte: "Herr Göring, ganz so waren die Dinge aber nicht, wie Sie sie beschreiben", so erhielt ich niemals als Reaktion eine befriedigende Antwort. Ich änderte deshalb meine Taktik, und als ich Göring wieder beim Lügen ertappte, fragte ich ihn: "Reichsmarschall, warum lügen Sie denn eigentlich so?" Auf diese Anrede hin begann er lachend die Wahrheit zu sagen, das Eis war gebrochen und eine Atmosphäre zwischen Vernehmer und Vernommenen hergestellt, die für die Geschichte des Dritten Reiches von unschätzbarer Bedeutung ist.
Zu den politischen Geheimnissen des Dritten Reiches, die in Nürnberg erörtert wurden, gehört das Mysterium um den Tod des Generalobersten Freiherrn Werner von Fritsch. Er war ein Feind der Hitlerschen Angriffspolitik, wurde von Hitler abgesetzt und meldete sich nach Kriegsausbruch ins Feld. Hat Hitler Fritsch im Feld umbringen lassen, hat Fritsch sich in Gefahr begeben, um seinem Leben ein Ende zu machen oder ist er an der Front gefallen? Ein amtlicher Bericht seines Leutnants Rosenhagen gibt uns Anhaltspunkte über seinen Tod. Es heißt dort: "Es war - am 22. September 1939 - inzwischen 9.40 Uhr geworden. Unsere Artillerie schoß nur noch wenig. Ich hatte den Eindruck, daß der Angriff hier nicht weiterkommen würde und schlug dem Herrn Generaloberst daher vor, zurückzugehen, mit der Begründung, daß Herr Generaloberst noch zum AOK nach Ortelsburg fahren wolle. Herr Generaloberst war einverstanden und ging anfangs kriechend und dann in gebückter Haltung zurück. Westlich von Pw. Lewinow übersprangen wir den Steindamm, der von Pw. Lewinow nach Zacesce in west-südwestlicher Richtung führt. Zwischen den dahinterliegenden Häusern erhielten wir erneut MG- und Schützen-Feuer, und zwar von hinter unseren Linien. Da ich annahm, daß es sich um eigene Schützen handelte, winkte ich. Als das Feuer nicht aufhörte, gingen wir aufrecht bis zum Straßengraben und bewegten uns im südlichen Straßengraben in östlicher Richtung. Herr Generaloberst erhielt hier einen Schuß in den linken Oberschenkel, der ihm die Schlagader aufriß. Er brach sofort zusammen. Ich öffnete ihm den Rock und die Hose und nahm ihm die Hosenträger ab, um den Schenkel abzubinden. Herr Generaloberst sagte: 'Lassen Sie nur'. Dann verlor er die Besinnung und starb, bevor ich die Hosenträger abgeknöpft hatte. Zwischen der Verwundung und seinem Tode verging etwa eine Minute."
Zahlreiche Personen, die den Wiederaufbau eines gesunden Deutschlands fördern und seine Krankheitsursachen beseitigen wollen, betrachten die Nürnberger Prozesse als hervorragenden Anschauungsunterricht. Innerhalb einer Woche nahmen am Wilhelmstraßen-Prozeß in Nürnberg die folgenden hervorragenden Besucher aus den Vereinigten Staaten teil, um deutsche Geschichte zu studieren: Der berühmte Theologieprofessor Paul Tillich, jetzt an der Theologischen Akademie in New York, einst an der Universität Frankfurt; der wortgewaltige Rabbi Joachim Prinz, jetzt in Newark, der einst die Juden zum Auszug aus Deutschland mahnte; Wilhelm Sollmann, ehemaliger Reichsinnenminister im Kabinett Stresemann, als Redner über europäische Probleme in den USA anerkannt, Lehrer an der berühmten Quäker-Schule in Pendle Hill, Pennsylvania; Gerhard Seeger, ehemaliger deutscher Reichstagsabgeordneter, vom KZ Oranienburg als einer der ersten geflüchtet und jetzt Herausgeber der deutschsprachigen "Neuen Volkszeitung" in New York; Kurt Großmann, einst Generalsekretär der Deutschen Liga für Menschenrechte in Berlin und jetzt Sachverständiger für Flüchtlingsfragen in New York.
Was die Besucher am meisten beeindruckte? "Die Fairneß des Verfahrens", so erklärten sie übereinstimmend, und der Reichtum an historischem und psychologischem Material, so bedeutsam für die Lösung des deutschen Problems." "Es ist in Wirklichkeit alles so völlig anders, als wir gehört oder gelesen haben", erklärte der Generalsekretär der Liga für Menschenrechte, Kurt Großmann. "Ich habe niemals ein Gericht gesehen, in dem die Menschenrechte der Angeklagten so peinlich beachtet werden wie im Wilhelmstraßen-Prozeß."
Die Arbeit des Vertreters der staatlichen Gewalt im Strafprozeß beschränkt sich nicht, wie vielfach fälschlich angenommen wird, auf das Anklagen. Im Laufe eines großen politischen Prozesses ergeben sich auch Beziehungen zu Persönlichkeiten, die ihn um ihren Rat für Zwecke der Verteidigung bitten. So geschah es, daß Emmi Göring in ihrem Spruchkammerverfahren mich als Zeugen dafür benannte, daß zahlreiche Personen ihr persönlich - eine unbestreitbare Tatsache - die Befreiung aus dem Konzentrationslager zu danken hatten. Die Spruchkammer in Garmisch ergänzte ihre amtliche Ladung des amerikanischen Anklagevertreters mit dem Vermerk, er müsse auch seine Bettwäsche nach Garmisch mitbringen!
Fritz Wiedeman, der ehemalige Adjutant Hitlers, später im deutschen diplomatischen Dienst in San Franzisko und in China, nahm gleichfalls in seinem Spruchkammerverfahren bestimmte Feststellungen zu seiner Entlastung in Anspruch, die mir als amerikanischem Anklagevertreter zur Verfügung standen. In solchen Fällen sind Aussagegenehmigungen der Militärregierung notwendig. Es ist selbstverständlich, daß auch der Staatsanwalt überall dort, wo er Umstände zugunsten eines Beschuldigten sieht, seine Stimme im Interesse der Gerechtigkeit erhebt.
Von Robert M. W. Kempner

DER SPIEGEL 34/1948
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