11.09.1948

Gerade kein Dummkopf

Walter Reppe lebt. Alle die hartnäckigen Gerüchte, die ihn mit dem Ludwigshafener Block 14 in die Luft geflogen wissen wollen, sind falsch (vgl. "Spiegel", Nr. 36, Briefe).
Eigentlich sollte er Lehrer werden. "Sieh mal, die schönen Ferien", sagte Reppe senior aus eigener Erfahrung. Aber dem jungen Walter gingen kurz vor dem ersten Weltkrieg mehr chemische als mathematische Formeln durch den Kopf und die prächtige Installation der Münchener Universität tat das ihre. Die Entscheidung hieß: Chemie.
Seitdem ist der 55jährige zum Chef des Hauptlaboratoriums der Ludwigshafener I. G. und Chemie-Weltexperten aufgerückt. Walter Reppe hört nicht gern "weltberühmt" und "einmalig". Er sei ja gerade kein Dummkopf, sagt der Begründer der Reppe-Chemie*), aber was in den
letzten Jahrzehnten in den Ludwigshafener Laboratorien erfunden wurde, sei schließlich das Gemeinschaftswerk eines Stabes tüchtiger Chemiker und einer Generation unübertrefflicher Pfälzer Arbeiter.
Für die vor etwa zwei Jahrzehnten von ihm begründete Reppe-Chemie findet Walter Reppe nach kurzer Ueberlegung die volkstümliche Formel: "Oben rein, unten raus". "Aber wir brauchen noch zehn bis zwanzig Jahre, wenn wir das alles ausschöpfen wollen."
Den Amerikanern ist Walter Reppe seit 1945 böse. "Man hat mich zwei Jahre meiner Freiheit beraubt," sagt er, "ohne daß ich bis heute eigentlich weiß, warum. Man hat mir 1945 einen 6-Dollar-Kontrakt (pro Tag) angeboten, und das war eine Beleidigung."
Er schlug später auch einen 9200-Dollar-Jahresvertrag und die Möglichkeit aus, US-Millionär zu werden. Zuerst sei er Deutscher und sehe es als Feigheit an, sein Land zu verlassen, weil es dort schlecht steht. Ueberdies glaubt er, es gebe nicht zum zweitenmal auf der Welt einen Platz, der wie Ludwigshafen die Voraussetzungen besitzt, wissenschaftliche Laboratoriumsarbeit in großtechnische Maßstäbe zu überführen.
Als der Krieg sich 1945 dem Rhein näherte, hatte Walter Reppe seine Ludwigshafener Labors schon nach Gendorf, 100 km östlich von München, verlagert, darunter auch 28 Tonnen wissenschaftlichen Materials. Er hat von beidem nicht viel wiedergesehen.
Als sich die Russen in Eisenach bei seiner Schwester nach ihm erkundigten, pendelte Reppe unter amerikanischer Betreuung zwischen Dachau, Kranzberg, Oberursel und Ludwigsburg. Er hungerstreikte, schrubbte Abortanlagen, verweigerte Kontrakt-Signaturen und schrieb seine Chemie nieder.
Zwischendurch empfing er internationalen Besuch und ärgerte sich über amerikanische Presseveröffentlichungen, die ihn in einem Atemzuge zum weltberühmtesten Chemiker und hartgesottensten Nazi stempelten. Beides stimme nicht.
"Der Partei trat ich erst 1944 bei, als es keine andere Möglichkeit mehr gab, meinen Stab junger Chemiker vor dem General Heldenklau zu retten."
Im September 1947 wurde Reppe aus dem Dachauer Lazarett entlassen. Als er Tage später nach Nürnberg zu Zeugenaussagen bestellt wurde, brachte er vorsorglich einen Koffer mit Haftutensilien mit. Diesmal aber waren ihm die Amerikaner wohlgesonnen und entließen ihn sogar nach Ludwigshafen. Früher hatten sie gesagt: "Sie werden niemals wieder nach Ludwigshafen zurückkehren".
Er war an jenem unglückseligen Julimittwoch gerade von seinem Schreibtisch aufgestanden, als 30 Tonnen Dimethyläther explodierten. Sein Schreibtischsessel war Sekunden später bespickt mit meterlangen Glasscherben, und die Eisentür flog wie ein zerknittertes Handtuch durch die Luft. "So etwas rieche ich rechtzeitig. 1921 (er war einige Monate vorher bei der I.G. eingetreten) lag ich noch im Bett, als Oppau in die Luft flog. 1943, an meinem 51. Geburtstag, war ich gerade unterwegs, um mich bei meinen Mitbürgern für die Geburtstagszigarren zu bedanken." (Damals gab es 60 Tote.)
Nach Reppes Meinung hätte die Juliexplosion dieses Jahres die 1921er Katastrophe (600 Tote) um ein Vielfaches übertroffen, wenn der aus dem Kesselwagen entwichene Dimethyläther noch eine andere Luftmischung erreicht hätte. Die 30 Tonnen Dimethyläther hätten bei ihrem höchstexplosiven Mischungsgrad die Wirkung von 175 Tonnen Dynamit gehabt. Tatsächlich sei im Juli etwa die Wirkung von 30 Tonnen Dynamit erreicht worden. Wie der Dimethyläther aus dem Kesselwagen entweichen konnte, das ist auch für Walter Reppe noch ein Geheimnis.
Seit er wieder in Ludwigshafen ist, profitieren die Franzosen an Reppes Chemie.
Vieles, was oben rein kommt, geht nach Frankreich. Im Mai dieses Jahres hielt er in Paris vier Vorträge, die jetzt gedruckt werden.
Seinem 20jährigen Sohn muß er nicht erst sagen: "Du mußt Chemiker werden", Er bewegt sich bereits in Tübingen in den Spuren des alten Herrn und wird nach dessen Meinung vielleicht das, was er bei sich bescheiden ignoriert: "Mein Junge, ist ein Chemiegenie".
*) Reppe ist der Erfinder des Buna. Zahllose Geheimformeln zur synthetischen Herstellung von Farben, Heilmitteln, künstlichen Geweben, Kunstharzen, Treib- und Explosivstoffen sind ihm patentiert. Nach französischen Schätzungen würde der Verkauf der Reppe-Patente an das Ausland ausreichen, um sämtliche französischen Reparationsansprüche zu befriedigen.

DER SPIEGEL 37/1948
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