11.09.1948

Was Brauchitsch gerne hat

Das ist doch der Alte?" Ein paar PoWs aus Aegypten blieben im Entlassungsdorf Munster (Lüneburger Heide) stehen. Der alte Mann vor dem britischen Hotel Winckelmann war der ehemalige Oberbefehlshaber des deutschen Heeres, Generalfeldmarschall Walter von Brauchitsch. Die Ex-Soldaten glaubten zu wissen, was Walter von Brauchitsch gerne hat: Sie marschierten noch einmal im Parademarsch über das Kopfsteinpflaster an ihm vorbei.
Daß Walter von Brauchitsch und seine drei Mitgefangenen, Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt, Generalfeldmarschall von Manstein und Generaloberst Strauß, jeden Tag drei Stunden im Lager und Ort spazierengehen dürfen, ist erst seit vier Wochen erlaubt. Vorher wurden sie in Munsterlager kurz gehalten. Allenfalls durften sie sich an die vergitterten Fenster ihrer Stuben im Lazarett "General-Knochenhauer-Kaserne" stellen und zusehen, wie die braungebrannten Fellachen aus Nordafrika und die schweigsamen Marschierer aus dem Osten vor dem Lazarett vorbeidefilierten. Aus England kam niemand mehr. Brauchitsch, Manstein, Rundstedt und Strauß waren - mit Abstand hinter dem letzten Transport - die Letzten.
Die Munsterer Handwerker kamen damals mit kurzfristigen Terminen ins Gedränge. Eine Reihe Zimmer im "General Knochenhauer" wurde ausgeräumt, geschrubbt und mit Tisch, Stühlen und Sesseln versehen. Gardinen wurden montiert - von außen schwedische und von innen buntgeblümte - und der Komfort mit Teppichen vollendet.
Brauchitsch und Strauß kamen zuerst, mit ihnen eine handfeste britische Wachtparade. Ein paar Tage später wurden Manstein und Rundstedt mit einem Auto aus Nürnberg angefahren. Sie hatten dort vor einem Kriegsverbrechertribunal gezeugt.
Die vier durften kaum miteinander sprechen. Dem deutschen Stationsarzt hatte man nahegelegt, bei seinen Visiten nicht unmittelbar von einer Tür zur anderen zu gehen. Außerdem standen Tag und Nacht Leibgardisten in den Zimmern, spielten gelangweilt mit ihren Gummiknüppeln und hatten strikten Auftrag, die German Field-Marshals bei keiner ihrer Verrichtungen aus den Augen zu lassen.
Bald war Besuch gekommen. Frau von Brauchitsch, Frau von Manstein und Frau Strauß mit ihrer Tochter bezogen auf der gleichen Etage Zimmer und durften ihre Gefangenen jeden Tag drei Stunden lang besuchen.
Bis die ein wenig aufdringliche englische Beschattung dem Feldmarschall von Manstein zuviel wurde. Er schrieb an den englischen Militärkritiker Liddell Hart. Drei Jahre lang habe man ihn als Kriegsgefangenen behandelt. Er habe sich zum Schluß in England wie jeder andere PoW frei bewegen dürfen. Niemand habe ihm gesagt, daß eine Anklage vorbereitet werde, und nun werde er so unwürdig behandelt. Brauchitsch ließ aus Protest zwei Mahlzeiten zurückgehen.
Liddell Hart machte die Geschichte der vier publik; der "Manchester Guardian" redete von fair play, und das britische Kriegsministerium motivierte die Haft schleunigst: Es werde ein Kriegsverbrecherprozeß gegen die Feldmarschälle vorbereitet.
Immerhin geht es ihnen seitdem etwas besser. Die Frauen dürfen jetzt nicht mehr nur zum Tee zu ihren Männern, sondern Tag und Nacht bei ihnen bleiben, ohne daß ein Engländer daneben steht und aufpaßt. In die Zimmertüren sind Löcher eingeschnitten und mit Papier überklebt, damit die Posten besser hören können, was drinnen vorgeht. Wenn Besuch da ist, hängt ein Schild an der Tür und gebietet jedem, nicht hereinzukommen, ohne anzuklopfen.
Die Aerzte dürfen ihre Patienten (gesund sind sie alle nicht - Manstein ist 63 Jahre alt, von Brauchitsch 67, Strauß 69 und von Rundstedt 73) auch schon einmal zum Zahnarzt im Hause oder zur Bestrahlungsstation nach nebenan schicken. Aber der Presse darf niemand in ganz Munsterlager etwas über die Marschälle erzählen.
Was später einmal werden soll, wissen alle vier noch nicht. Frau von Manstein ernährt sich vorläufig von selbstgestickten Lesezeichen.

DER SPIEGEL 37/1948
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