28.08.1948

Heldentum zu hohen Preisen

Am entgleisten Pof

Der Potsdamer Platz (im Berliner Jargon "Popl" abgekürzt) genießt nun die traurige Berühmtheit eines Schießplatzes. 27 Hülsen aus den Läufen sowjetgenehmigter Pistolen der Ost-Polizei lagen am Abend nach der großen Schwarzmarkt-Schlacht auf dem Pflaster.

Der größte Teil des Platzes gehört zum Herrschaftsbereich des Sowjetkommandanten Kotikow. Darunter auch der vollständig entgleiste Potsdamer Bahnhof, (Volksmund: "Pof"), dem eine Zukunft als Zirkus oder Eisbahn horoskopiert wird.

Auch der Anziehungspunkt für sächsische Kleinstädter im vergnügungssüchtigen Berlin der Vorkriegszeit, das "Haus Vaterland", steht auf sowjetischem Boden. Darum gastiert im früheren Kempinski-Haus auch das aus kommunistischer Lunge pustende Kabarett "Frischer Wind".

Ein Zipfel des Platzes in Richtung abgeholzter Tiergarten gehört zum britischen Sektor. Gen Anhalter Bahnhof wird es amerikanisch. Die Grenze verläuft in der Prinz-Albrecht-Straße (einstmals berüchtigt durch die Keller des Reichssicherheitshauptamts) und dann mitten zwischen den Straßenbahnschienen der Stresemannstraße:

Die Drei-Sektoren-Ecke mit Ausweichchance in etliche Nebenstraßen war ein Dorado der professionalen Schwarzhändler und Schauplatz alltäglicher Razzien von zweifelhaftem Erfolg. Bis Polizeipräsident Ost Paul Markgraf (westlicherseits suspendiert, sowjetisch anerkannt) beschloß, "mit starker Faust" durchzugreifen.

Doch neben der üblichen Schimpfkanonade ernteten seine Polizisten diesmal einen Steinhagel aus Schwarzhändlershand. Die Gesteinigten verloren Fassung und Nerven, verletzten die Grenzen und schossen in die revoltierende Meute. Krankenhäuser bekamen Arbeit: Treffer in Brust, Schulter, Arm und Kopf.

Die nächsten Tage brachten den kleinen Polizeikrieg in Berlin, offensiv von russicher Seite. Als Spezialität gab es Entführungen der Defensiven aus den Westsektoren, inklusive Fahrzeug. Dagegen platzten die sowjetischen Grenzposten auf ihren Patrouillengängen ohne Bedenken weit in die feindlichen Sektoren hinein. Nach dem Rezept: die anderen sind ja Demokraten.

Den Posten der Polizei und der amerikanischen Militärpolizei wurden die Besuche der Braunblusigen mit ihren umgehängten, meist ungesicherten Maschinenpistolen, zuviel. Wo es ging, wuchs ein roher Zaun aus dem Pflaster, durch den sich die feindlichen Polizisten mißgünstig betrachten. Associated Press sorgte für die Schlagzeile "Stacheldraht am Potsdamer Platz". In seinem Bilderweltdienst sah man auf einem Grenzzaun Stacheldraht balancieren. Der balancierte aber auf Wunsch des Gag-hungrigen AP-Bildreporters. Hinterher rollte man den Draht wieder zusammen.

Dauerhafter ist der Stacheldraht auf der Friesenkaserne in Tempelhof. In dem weinumrankten Gebäude hat sich Dr. Johannes Stumm niedergelassen, Chef über 9500 Mann Polizei der Westsektoren.

An seiner Tür steht "Polizeipräsident M. d. W. b.". Mit der Wahrnehmung ist er beauftragt, weil zur Absetzung des unerwünschten Markgraf ein Viermächtebeschluß erforderlich wäre. Aber der frühere Bäcker und Ritterkreuzträger von Stalingrad, Markgraf, kam 1945 aus Moskau.

Hinter der Tür sitzt, von Zigarren beräuchert, M. d. W. b.-Stumm, in sowjetischen Augen illegal arbeitend. Den Haftbefehl gegen ihn konnten die Markgräfler noch nicht vollstrecken. Vor Stumms Wohnung im sowjetischen Sektor verhütet ein Doppelposten, daß er vielleicht wiederkomme.

450 Mann vom westlichen Polizeipräsidium (das alte am Alexanderplatz ist jetzt das östliche) haben wie ihr Chef die Wohnung im Ostsektor und damit oft ihr Privateigentum verloren. Sie hausen jetzt in Massenunterkünften.

"Nach dem biblischen Grundsatz Auge um Auge, Zahn um Zahn müßten wir ja alle Markgrafpolizisten, die in den Westsektoren wohnen, aus ihren Wohnungen werfen. Ich persönlich neige nicht zu Repressalien. Wenn es aber nicht anders geht, müssen wir es machen um Platz zu schaffen, und das ist dann eben nur ein Kopftausch." Stumm, ein jovialer 40er, sagt das mit freundlicher Miene. Nach seiner Meinung würden die Polizisten der Ostpolizei viel lieber ihm gehorchen.

Bisher war Stumm Markgrafs Vizepräsident. Als alter Polizeifachmann machte er die wirkliche Arbeit im Präsidium, während Paul Markgraf im Feldwebelton herumkommandierte. Auf Stumm war er angewiesen, um nicht völlig zu scheitern. Nur in der Personalpolitik walteten die SED-Geister am Alex allein. Da mußte der Sozialdemokrat Stumm schweigen.

Als Dr. rer. pol. hat Berlins neuer Po-Prä bei der Polizei ganz unten angefangen. Als Kriminalkommissar hat er an der Aufklärung des Rathenaumordes gearbeitet. Schwarze Reichswehr, Fememorde, Bombenliga fielen in sein Ressort "Politische Polizei". Nach Kaltstellung in Papens Zeiten wurde 1933 Versicherungsagent sein Notberuf. Privat brachte er es dann zu großen Erfolgen.

"Was einem alten Polizisten in Fleisch und Blut' sitzt, ist, daß wir in erster Linie Ruhe und Ordnung haben müssen." So kam 1945 der Rückweg zur Uniform.

Von den östlichen Uniformkollegen erwartet er nichts Gutes, sondern Maßnahmen, die die Westberliner in Unruhe versetzen, damit ihnen eine Fahrt in den Ostsektor bald wie Heldentum zu hohen Preisen vorkommt.

Am Donnerstag mußte Johannes Stumm seine Polizisten in motorisierter Bereitschaft halten. Ost-Sprachrohre hatten ein Ueberkochen der Volks-Seele orakelt.

Die Spitzenfunktionäre der Berliner SED saßen denn auch schon bei den letzten Vorbereitungen zum Berliner Staatsstreich. Es war der zweite Versuch, nachdem am 23. Juni der Sturm auf das Stadthaus an der Besonnenheit der westlichen Stadtverordneten verpuffte.

Acht Wochen lang wurde der Magistrat wegen westdemokratischer Mehrheit ostgesteuerter Obstruktion ausgeliefert, aus allen sowjet-lizenzierten Redaktionen beschossen, von "Täglicher Rundschau" bis "National-Zeitung".

Jetzt schien das im Sowjetsektor liegende Stadthaus reif zur roten Revolution. Außerdem mußte sich die SED vor nahenden Berliner Neuwahlen fürchten, wegen eines noch größeren Fiaskos als im Oktober 46. Darum ordnete die SMA die Machtübernahme im Ostsektor durch die SED und die ostwilligen kleinen Teile der CDU und LDP an.

Wie im Juni wurden 6000 linientreue kommunistische Stoßtrüppler, zum Teil auf Lastwagen, eingesetzt, um das Stadthaus während der Stadtverordnetensitzung zu okkupieren. Doch Berlins Parlamentarier witterten den roten Braten. Das Stadtparlament fiel der kochenden Volksseele zum Opfer.

Eine Stunde vor Beginn der Sitzung saß der Aeltestenausschuß mit rauchenden Köpfen zusammen. Um Blutvergießen zu vermeiden, beschloß man, die Sitzung (mit 71 Punkten auf der Tagesordnung) zu vertagen. Denn die Demonstranten marschierten bereits. Die Stoßtrüppler vom Kabelwerk Oberspree hatten Befehl bekommen, jeder ein Stück Kabel mitzunehmen. Auf dem Alexanderplatz riefen die Putscher in Sprechchören: "Nieder mit dem Magistrat, nieder mit den Stadtverordneten!" Markgrafs Polizisten schauten zu.

Es sei nicht möglich, die Demonstranten vom Stadthaus fernzuhalten, ließ Paul Markgraf erklären. Kurz darauf besetzten die Abgesandten der Straße die Räume des Magistrats. Doch sie fanden nichts zum Schlagen. Die Stadtverordneten waren nicht mehr da.

Ehe die Volksseele unausgekocht wieder von dannen zog, sprach der einheitssozialistische Fraktionschef Karl Litke zum Volk. Der Magistrat müsse zurücktreten. Er handele nur noch gegen den Willen des Volkes. Dazu versuche die Magistratsmehrheit, gegen die SED-Stadträte zu putschen, um ein Notstandsgesetz durchzudrücken. Ein Aktionsausschuß von neun SED-Stadtverordneten und neun "Bürgern" soll vorläufig die Geschäfte führen. So will es Karl Litke und die SED. Und die SMA im Hintergrund.

Die rechtmäßig gewählten Stadtverordneten zogen inzwischen zum Platz der Republik jenseits des Brandenburger Tors. Nach drei Stunden strombeschränkter Propaganda waren 15000 Menschen zusammengeströmt.

Von den Stufen des Reichstags klangen freiheitsbesessene Worte. Zuerst mit windverwehten Haaren Berlins breitschultriger SPD-Führer Franz Neumann: "Es gibt keinen Unterschied zwischen nazistischer und kommunistischer Diktatur." Wie Hitler, versuchten nun die Jünger des Einheitsvaters Pieck die Bevölkerung zu unterjochen unter dem Vorwand, die Bevölkerung zu beschützen. Aber die Provokationen nach dem Muster von Prag seien ein Stoß ins Leere. Der gewählte Magistrat werde weiter im Amt bleiben. Solange wie möglich aber nur.

Ernst Reuter, Anwärter auf den Oberbürgermeisterposten eines Berliner Westmagistrats war kategorisch. "Wir haben nein zum Kommunismus gesagt, und wir werden nein sagen, solange ein Atemzug in uns ist. Einmal wird die grausame imperialistische Macht erkennen müssen, daß wir stärker sind als ihre tyrannische Herrschsucht!"

Die Zuhörer jubelten laut. Doch in sich hatten sie die Skepsis, wann dieser Zeitpunkt vielleicht eintreten könne. Beschwörend rief Reuter: "Die Welt wird uns, kann uns nicht im Stich lassen!"

Wie es nun tatsächlich weiter gehen soll, davon wurde nicht gesprochen. Denn wie es weitergeht, kann man nur ahnen. Die Entscheidung liegt in der Hand der Osthörigen. Doch wird die Einheit der Berliner Verwaltung nicht mehr zu retten sein. Ein drittes Mal kann die SED die Volksseele nicht kochen lassen. Was am 23. Juni mißlang, ging am 26. August schon besser. Jetzt wird auf höheren Befehl nachgestoßen, um das Stadthaus völlig unter ostdemokratische Herrschaft zu bringen. Berlin soll endlich seine zwei Magistrate bekommen.


DER SPIEGEL 35/1948
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