25.09.1948

Vorletzter Kämpfer

Ein Radrennen mit 10000, eine lange Nacht der Tanzkapelle Kurt Widmann mit 4000 und der dritte Ostzonen-CDU-Parteitag mit 400 Besuchern bewegten gleichzeitig die Erfurter. Die christlichen Demokraten hatten eigentlich stärker vertreten sein wollen. Aber von der SMA war ein Drittel der gewählten Delegierten gestrichen worden. In den fünf Ostzonenparlamenten hat die CDU in den letzten Wochen zu oft gegen die SED und ihren Wirtschaftsplan geredet.
So fuhr denn nur der sowjetgenehmere Delegiertenrest nach Erfurt. Die Prominenz nach Rang und Stellung mit Acht- oder Vierzylindern, die einfachen Christ-Demokraten eingleisig.
"Nur ein Parteitag kann uns entfernen", hatte Jakob Kaiser um die Jahreswende 1947-48 gesagt, als er zusammen mit Ernst Lemmer durch die. Russen von der Ost-CDU-Spitze verstoßen worden war (vgl. Spiegel 1/48). Den in Berlin geplanten Parteitag im Juni 1948 verschob die SMA auf September, damit reaktionäre Elemente vorher ausgeschaltet werden könnten, und nach Erfurt. Thüringens volksdemokratisches Klima schien für eine ostgemäße Lösung der CDU-Krise geeigneter als die hochgespannte Berliner Luft.
SMA-Informationschef Sergej Tulpanow spannte von vornherein den Rahmen, in dem christlich-demokratische Politik mit sowjetischer Billigung rechnen könne.
□ Die sozialökonomischen Strukturänderungen der Ostzone sind tabu.
□ Die deutsche Ostgrenze ist endgültig.
□ Die führende Rolle der Arbeiterklasse in allen Machtorganen ist anzuerkennen.
□ Jakob Kaiser ist für reaktionär, seine Taktik für heuchlerisch und jesuitisch zu halten.
Sergej Tulpanow sagte nicht, was für eine eigenständige christlich-demokratische Politik überhaupt noch zu tun übrigbleibe. Aber: "Der Gedanke wäre lächerlich, daß Ihre Partei zu den Positionen des Marxismus übergehen könnte."
Brandenburgs CDU-Landesvorsitzender Ernst Zobrowski bot Tulpanow die Stirn: Die Ostgrenze sei keinesfalls für die Deutschen annehmbar. Auch der sächsische Pfarrer Kirsch machte mutig Opposition. Für Kaiser sprachen beide nicht.
Ost-CDU-Generalsekretär Georg Dertinger und Ritterkreuzträger Luitpold Steidle, der stellvertretend der Wirtschaftskommission der Ostzone vorsitzt, zogen am Tulpanowschen Strang.
Georg Dertinger hat nicht immer so freundschaftliche Gefühle für die Sowjetunion gehabt. 1944, als er noch im "Neuen Wiener Tageblatt" den elften Jahrestag der nationalsozialistischen Machtübernahme feierte und in Hitlers Bewegung "den ersten großen Versuch der modernen Geschichte" sah. "den breiten Massen das Vaterland zurückzugeben", hielt er es für die wahre Absicht der Sowjets, "Millionen Deutsche in die Sowjet-Union zu bringen."
Im vollen Wortlaut wurde auf einem Flugblatt Dertingers 1944er Ansicht über seine heutigen Brotgeber - er wurde nach der Kaiser-Krise von den Russen als Generalsekretär der CDU eingesetzt - den Parteitags-Delegierten bekanntgemacht. Georg Dertinger hat nicht dementiert.
Zwischen den Extremen stand Otto Nuschke, der "vorletzte Kämpfer für den Pazifismus". "Der andere (letzte) ist der alte Herr von Schönaich", hatte er im "Erfurter Hof" gemeint. Dort saß am Vorabend des Parteitages ein auserlesener Kreis von CDU-Funktionären, Ministern und SMA-Offizieren zusammen.
Otto Nuschke, interimistischer Führer der kaiserlosen Ost-CDU, Volksratspräsident, Verleger des sowjetisch lizenzierten Parteiorgans "Neue Zeit", Vorstandsmitglied der sowjetisch lizenzierten Nachrichtenagentur ADN, Herr auf einem besseren Hof in Nieder-Neuendorf bei Berlin, wurde programmäßig nun auch legaler 1. Vorsitzender der Ost-CDU. Als einziger SMA-genehmigter Kandidat hatte er ohnehin keine Konkurrenz zu fürchten. Ergebnis: 186 Pro-Stimmen, 63 contra.
"Weil sie dem demokratischen Willen der Wähler in der Ostzone nicht entspricht", könne seine Wahl nicht anerkannt werden, kabelte ihm die CDU-CSU arbeitsgemeinschaftlich aus Bonn.
Sachsens CDU-Professor Hugo Hickmann - die Hoffnung der Opposition - gewann auf der zweiten Liste den Platz des zweiten Vorsitzenden. Georg Dertinger bleibt CDU-Generalstabschef.
Der seitherige Zustand war legalisiert: blocktreu und ostfortschrittlich. Jedenfalls in der Führung. Nuschke hatte nicht soviel Beifall wie Ernst Zobrowski.

DER SPIEGEL 39/1948
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