25.09.1948

PSYCHOLOGIEEr sah, was er sagte

An der Saaltür des oberbayrischen Amtsgerichts Laufen hing ein Zettel: Oeffentlichkeit ausgeschlossen! Die ausgeschlossene Zuhörerschaft murrte, der Fall interessierte weiteste Kreise über Freilassing hinaus.
Vor Gericht stand der Brunnenbauer und Wünschelrutengänger Alois Irlmaier, ein schmächtiger, unscheinbarer Mann mit hohlen Wangen und tiefliegenden, stechenden grauen Augen. Auf der Zeugenbank hielten eine Anzahl Freilassinger Bürger die Hüte in den Händen. Hellseherei stand zur Debatte.
"I sehs halt, was i die Leut sag!" beharrte Alois. "Und zahln hab i mir nia nix lassen dafür!" Die Zeugen bestätigten das. Der Irlmaier gab an Ort und Stelle dem Richter einen Beweis: "Ihre Frau ist jetzt grad daheim! Ein rotes Kleid hats an und a Herr ist bei ihr! Lassens nachschauen, obs stimmt!" Es stimmte.
Noch mehr wiesen die Zeugen nach. Vorm Großangriff auf Rosenheim hatte Irlmaier gewarnt! "Leute, in den großen Bunker bei der Staatsbank dürfts jederzeit hineingehen. Da passiert Euch nix, aber gehts nicht in die Mitten. Da schlagts ein! Ich seh dort einen großen Dreckhaufen und Beiner und Köpf herausragen!"
Beim Angriff flüchteten die Einwohner in den Bunker und hielten sich an den Enden des Raumes auf. Zuletzt hetzten noch ein paar Soldaten herein. Sie hielten es in der Mitte für am sichersten. Eine halbe Stunde später lagen sie unter der eingestürzten Decke begraben. Köpfe und Beine ragten aus dem Schutt heraus.
In Freilassing wuchs des hellsichtigen Brunnenbauers Ruf, als er ein halbes Jahr vor dem Angriff, an den niemand glaubte, die Zerstörungen voraussah. Er sagte dem und jenem, wie er sich verhalten solle und was er zu erwarten habe, und bezeichnete genau die Stadtviertel, die in Trümmer gehen würden. Man lachte über ihn, aber seine Voraussagen erfüllten sich.
Das Gericht verschloß sich den Beweisen nicht. Es sprach Irlmaier frei. Es ist der erste Freispruch in einer derartigen Anklage.
Von weither waren Leute gekommen und hatten vor dem verkommenen Häuschen in der Reichenhaller Straße über die dunkle Stiege hinauf Schlange gestanden. Manchmal waren es bis zu sechzig Menschen, die auf Antwort warteten. Wenn sie im Ort keine Aufnahme mehr fanden, schliefen sie auf dem Bahnhof im Freien.
Seit dem Prozeß ist der Alois für die Kundschaft verloren. "Der Vater ist verreist", schwindelt seine 18jährige Tochter. "Sie brauchen ihm auch nicht zu schreiben, er antwortet net!"
Irlmaier hat, im Waldrand verborgen, eine kleine Werkstatthütte, in die er sich verkriecht. An der Kette hinter dem Hoftor kläfft wütend ein großer, gelber Hund, bis der Alois mißtrauisch herauskommt.
Die Unterhaltung geht über das geschlossene Tor hinweg. Sie bewegt sich nur am Rande. Daß er die Wasseradern ohne Wünschelrute mit dem Körper aufspürt und die Mineralquellen von Bad Schachen entdeckte, daß er Gesichte habe, daß man ein Bild mitbringen müsse von einem Gesuchten, und daß es am besten bei zunehmendem Mond gehe.
Das Hellsehen sei keine Gabe, sondern eine Plage. "Ganz narrisch machts einen, wenn mer alles sieht. Und sagen darf mans auch nicht jedem. Jeder hälts nicht aus!" Es strenge ihn selbst arg an, nachher sei er immer wie zerschlagen.
Es schüttele ihn wie einen Hund, wenn er aus dem Trancezustand erwache, sagen die Leute. Der Polizeibeamte im Ort bestätigt vieles. "Alles Persönliche trifft er meist genau. Nur aufs Politische versteht er sich nicht, die Zukunft Deutschlands und sowas."
Eine Rumänin war kürzlich bei ihm. Der Alois hat sich still versunken hingesetzt und ihr den Heimatort so genau beschrieben, daß die Frau halbverrückt davonlief.
Einer Frau, die nach ihrem Mann in der Gefangenschaft forschte, sagte er: "Dein Mann ist schon in der Heimat, bleib morgen daheim, er kommt!" Er kam wirklich.
Alois Irlmaier schilderte die Landschaft und nähere Umgebung, in der sich ein Gesuchter aufhielt, er beschrieb den Mann und seine Tätigkeit. Heimgekehrte Freilassinger bestätigten erstaunt die Situation in allen Einzelheiten.
Alois Irlmaier könnte ein reicher Mann sein, wenn er etwas angenommen hätte. Er hat es stets nur um Gotteslohn getan. "Weils so sein muß!" behauptet er. "Aber i sag nix mehr!"

DER SPIEGEL 39/1948
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