16.10.1948

Es gibt nur einen Adenauer

Warum dann nicht ich (s. Titel)
Als die vorrückenden Amerikaner das linke Rheinufer bei Bonn erreichten, feuerten sie drei Granaten auf einen Mann ab, der die beste Aussicht hat, Staatspräsident des neuen amerikanisch inspirierten westdeutschen Staates zu werden: auf Konrad Adenauer, unter dessen Präsidentschaft in der verfassunggebenden Ratsversammlung diese Woche die ersten Konturen des neuen Staatsgerüstes sichtbar wurden.
Die Schweizer "TAT" glaubt die ersten Anzeichen dafür feststellen zu können, daß Adenauer sich in Bonn "merklich von betont föderalistischen Tendenzen distanziert" habe, um seine zukünftige Stellung so stark wie möglich zu machen. Damals, vor dreieinhalb Jahren, genoß er den sonntäglichen Frieden seines Gartens in Honnef-Rhöndorf und warf sich ob des kriegerischen Segens platt zur Erde. Der Heldentod blieb ihm erspart. Die Baumkrepierer verschonten ihn.
Nun hat der Zonenvorsitzende der britischen CDU sein Präsidentenbüro im parlamentarischen Gebäude zu Bonn. Sein eigentliches Büro hat er in seinem zweistöckigen gelben Landhaus am Fuße des zahnradbahn- und eselsritt-umwobenen Drachenfels mit dem Bick auf den dunstigen Rhein am Rolandseck und auf die Jungfrauen-Internats-Insel Nonnenwerth.
Ein Gebetsstuhl trägt die Aufschrift "Maria Laach 1933-34". Dorthin zog sich Adenauer einige Jahre zurück, als die Nationalsozialisten ihn, den prominenten Zentrumsmann, den Reichskanzler-Kandidaten von 1926, den Präsidenten des Preußischen Staatsrats, "einen der drei mächtigsten Männer Preußens", von seinem Posten als Kölner Oberbürgermeister verbannten.
Sie waren nicht die einzigen, die den Starrkopf aus dem Kölner Stadthaus vertrieben. Auch die Engländer setzten ihm 1945 unkonziliant den Stuhl vor die Tür. Die gelassenen Züge des 72jährigen werden bitter, wenn er davon berichten soll. Adenauer wurde "wegen Unfähigkeit" entlassen, weil er in der Enttrümmerung versagt habe. 1945.
Alles andere erzählt der alte große Mann in den altmodischen Trauerkleidern mit einer erstaunlichen Erinnerungsgabe und bestechendem Freimut.
Adenauer wurde in einer Zeit groß, in der das Geld noch Geld war. Sein Vater, wie die Mutter Rheinländer, mußte sich mit 12 Jahren schon selbst sein Brot verdienen.
Der junge Konrad hatte eine Schwester und zwei Brüder, von denen der eine als Domkapitular in Köln verstorben ist, während der andere dort heute noch als Rechtsanwalt und Honorarprofessor wirkt. Alle drei gaben Privatunterricht und lieferten das Geld zu Hause ab.
Adenauer erinnert sich noch gut, daß in einem Jahr zu Weihnachten kein Christbaum gekauft werden konnte. Die vier Kinder beschlossen, an vier Sonntagen hintereinander mit einem Alltagsessen zufrieden zu sein, um die nötigen 8 Mark einzusparen.
Die schmerzlichste Erinnerung aus der Kinderzeit hängt mit einem Wohnungswechsel zusammen, durch den Adenauer - er war damals Quintaner - den väterlichen Garten einbüßte. Von klein auf war er ein großer Blumenfreund. Die Stadt Köln trägt die Spuren dieser Vorliebe.
Armer Konrad. Der Vater wollte den armen Konrad zum Banklehrling avancieren lassen. Der Sohn war aber so sichtbar unglücklich, daß man ihn doch Jura und Volkswirtschaft studieren ließ. In Berlin machte er seinen Assessor. Doktor ist er nur ehrenhalber, dafür aber gleich vierfach von seiner Universität Köln.
Adenauers Neigung ging immer dahin, mit "nicht übertriebener Arbeit auf dem Lande zu leben". Er wollte deshalb Notar werden. Der Notar im Rheinland wurde unter Napoleon vom Anwalt getrennt. Er ist eine Vertrauensperson mit sehr lukrativem Untergrund. Immerhin mußte man einige Jahre Assessor hinter sich haben, um Notar zu werden.
Adenauer wurde infolgedessen "Generalsubstitut" (eine Art Bevollmächtigter) beim Justizrat Kaisen, der ein führender Rechtsanwalt und Zentrumsmann war. Er war damals krank, und Adenauer vertrat ihn zwei Jahre. Diese zwei Jahre, in denen er wirklich plädieren mußte, hätten ihm gut getan, meint Adenauer. Trotzdem fürchtete er, seinen Notar zu verfehlen. Darum wurde er Hilfsrichter.
Da wurde in Köln eine Beigeordnetenstelle frei. Die Beigeordneten waren Vertreter des Oberbürgermeisters, es gab deren elf. Ein anderer sollte Beigeordneter werden. Adenauer ging zu seinem früheren Chef Kaisen und sagte: "Ich bin nicht schlechter als der. Wenn schon ein Beigeordneter ernannt werden soll, warum dann nicht ich?"
Der "Notar auf dem Land" trat ab, der Kommunalbeamte kam. 1910 wurde er Vertreter des Kölner Oberbürgermeisters mit dem ansehnlichen Gehalt von 16000 bis 18000 Vorweltkriegs-Mark jährlich. Er war für die Verpflegung verantwortlich.
1915, zu Beginn des Weltkriegs warnte er vor der Nahrungsmittelnot. Man verlachte ihn. 1916 starb seine erste Frau, von der er drei Kinder hatte. 1917 schlief sein Chauffeur am hellen Tage ein und fuhr gegen eine Straßenbahn. Adenauer wurde schwer verletzt, die Nase und das ganze Gesicht wurden eingedrückt, so daß es jetzt bei ungünstiger Beleuchtung gewisser östlicher Züge um Nase und Backenknochen nicht entbehrt.
Die Kölner Bürgerschaft schickte eine Abordnung nach St. Blasien, um taktvoll zu erkunden, ob ihr "Zweiter" noch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sei. 1917 wurde er der "Erste". Er war es bis 1933 und wurde, mit den Worten seines engsten Mitarbeiters und SPD-Oberverwaltungsdirektors Hummes, "der bedeutendste unter den drei großen preußischen Oberbürgermeistern der Zeit vor 33": Adenauer, Jarres (Essen) und Luther (Duisburg).
Für den Fall, daß eine Loslösung des Rheinlandes vom Reich doch noch kommen sollte, für diesen Fall in erster Linie wurde die Universität Köln gegründet, das erste Stadion wurde gebaut, die Kölner Messe eingerichtet. Das Hafen- und Industriegelände entstand, die beiden Grüngürtel als "Lungen der Kölner" (der äußere ist 35 km lang und 1 km tief), die Brücke von Mühlheim und, vor allen Dingen, viele Siedlungen.
Alle diese Dinge mußten gegen den Widerstand vieler Stadtverordneter und manchmal der eigenen Fraktion demokratisch durchgepaukt werden. Gegen die Gründung der Universität waren nahezu alle Stadtverordneten, und seine eigene Fraktion schickte eigens eine Kommission, um den Grüngürtel zu verhindern. Er wurde gepflanzt.
Diese in Jahrzehnten trainierte Fähigkeit Adenauers, den ihm nachgeordneten Freunden und Mitarbeitern auf demokratischem Wege seinen Willen aufzuzwingen, verschafft ihm heute in der CDU/CSU manche Feinde.
"Als Mensch war dieser geborene Kommunalbeamte ein absoluter Autokrat", bestätigt auch sein Mitarbeiter Hummes. "Er hatte den Mut, kleine Leute heranzuziehen, und stützte sie, solange sie Erfolg hatten. Aber auch keinen Tag länger."
"In unserer Familie herrscht nicht das demokratische Prinzip des Staates, sondern das diktatorische, wie es sich für eine Familie ziemt", sagt auch Adenauers Sohn Paul, dem man eher den Sportsmann als den künftigen Priester des Bistums Köln ansieht. "Trotz seiner Ueberlastung versucht Vater auch noch, uns unsere liebe Mutter zu ersetzen. Er gibt an, ob im Garten ein Rosenstock umgesetzt werden soll und ob meine Schwester Libeth Kuchen backen darf*).
Besonderes Anliegen des Oberbürgermeisters war es, Literaten und Künstler nach Köln zu rufen. Lange Monate verhandelte er mit dem Klinker-Bauherrn Schumacher. Der stand aber im Vertrage Hamburgs, und als Adenauer keine andere Lösung mehr sah, halbierte er den berühmten Architekten und seine Arbeitszeit.
Sein bekanntestes, wenn auch nicht dauerndstes Werk ist unbestritten die "Pressa". Als er nach dem ersten verlorenen Kriege seine engsten Mitarbeiter einmal fragte, wie er Köln wieder dem Ausland näherbringen könne, wurde ihm der Weg über die Journalisten empfohlen. Er
ging ihn mit großem Erfolg. Auf der "Pressa" in Köln gab sich tatsächlich der Journalismus der Welt ein Stelldichein. Adenauer ließ die Gäste wahrhaft fürstlich betreuen. Schon am täglichen Frühstückstisch fand jeder Journalist seine dicke Zigarre zu 2 Friedensmark.
Es lohnt sich. Damals war ein Oberbürgermeister eine Macht. Das Schwergewicht lag manchmal noch bei den Städten. "Wenn ich so im Kölner Rathaus saß", sagt Adenauer, "dann dachte ich bei mir: das Römerreich ist zerfallen, das deutsche Kaiserreich ist zerfallen, das Reich Wilhelms ist zerfallen, aber diese alte Stadt Köln hat alles überdauert, und es lohnt sich, für diese Stadt all seine Kräfte einzusetzen."
Er tat es nicht umsonst. Nach dem Zeugnis von Hummes ist das wahr, was die Neider schon damals behaupteten: Adenauer hatte ein größeres Einkommen als der Reichspräsident von Hindenburg, da mit dem Posten des Oberbürgermeisters verschiedene Aufsichtsratsposten verknüpft waren.
Köln war eben eine wohlhabende Stadt. Adenauer: "Gelegentlich habe ich auch schon Engländern gesagt, daß die englische Königskrone einmal in Köln verpfändet gewesen sei. Ich weiß nicht mehr, welcher Richard es war, jedenfalls hatte er kein Geld." Die Kölner Bürger hatten Geld.
Zweimal hat Konrad Adenauer den Einzug englischer Besatzungstruppen erlebt. Das erste Mal ließ er die Fensterläden herunter. Bei der Begegnung mit dem kommandierenden englischen General im Rathaus blieb er sitzen. Der General sagte "Guten Tag". Es waren die einzigen beiden Worte Deutsch, die er konnte. Sein Adjutant legte einen Stapel Bekanntmachungen in deutscher und englischer Ausfertigung auf den Tisch.
"Da standen dann ziemlich schreckliche Dinge drin." So sollte jeder Bürger den Bürgersteig verlassen, wenn ihm ein englischer Offizier begegnete. Adenauer sagte: "Herr General, können Sie sich vorstellen, daß es ein englischer Ofizier nicht für unter seiner Würde erachtet, einen deutschen Zivilisten seinetwegen in die Gosse treten zu lassen?"
"Mein Befehl lautet, Ihnen diese Proklamation zu überbringen. Was Sie damit tun, ist Ihre Sache." Adenauer nahm den ganzen Stapel und deponierte ihn ostentativ in der hintersten Ecke des Saales auf der Erde. Der General zuckte nicht mit der Wimper, er sagte nur: "Schließen Sie nicht von mir auf das, was noch kommt. Ich bin nur die Vorspeise".
In jenen Tagen erhielt Adenauer auch eine seidene englische Flagge zum Geschenk, die er als Symbol der Freiheit aufbewahrte. In der Gestapozeit übergab er sie dem Schweizer Konsul. Jetzt liegt sie in einer Schublade.
Adenauer meint, die Engländer hätten die europäische Niveausenkung ganz brav mitgemacht. Ganz allgemein seien die Engländer von heute nicht mehr die von 1918. Den heutigen Engländern ist er noch irgendwie böse. "Nicht, weil sie mich 'rausgeschmissen haben! Aber sie haben uns verachtet. Vielleicht verachten sie uns jetzt nicht mehr, oder sie zeigen es jetzt wenigstens nicht."
Im übrigen königstreu. Der Doktor kann ziemlich falsch werden, wenn nicht nur SPD-, sondern auch Zentrumsleute auf seine kapitalistenbildende Rolle anspielen. Er erklärt es so: Frühere Bergassessoren, "wie ich sie mal nennen will", täten sich wieder zusammen, aber sie seien beinahe mehr bereit, mit der SPD zusammenzuarbeiten als mit der CDU, wie sie überhaupt mit jeder Partei einschließlich der SED/KPD zusammenarbeiten würden.
Katholiken im Industriegebiet hätten von jeher Schwierigkeiten gehabt, da die Besitzenden zum großen Teil Protestanten gewesen seien. Der geistliche und klösterliche Besitz sei 1806 überwiegend an Protestanten verkauft worden, da die Katholiken von diesen Gütern nichts genommen hätten.
Die Abneigung Preußens gegenüber den Katholiken könne man aus der ständigen Formulierung ersehen, die bei der Eingabe zum Kronenorden IV. Klasse oder zum Roten-Adler-Orden IV. Klasse üblich gewesen sei: "Er gehört zwar der Zentrumspartei an, ist aber im übrigen königstreu". Auch heute seien die Katholiken im Ruhrgebiet wieder im Hintertreffen, und diese unbestreitbare Tatsache bereite ihm, dem Vorsitzenden der gemischtkonfessionellen CDU, manches Kopfzerbrechen.
Ueber seinen und der Rheinlande Separatismus sagt Adenauer, die separatistische Bewegung habe im Rheinland niemals festen Fuß fassen können. Zum Zeugnis für seine eigene Haltung erzählt er drei Begebenheiten, eine Anekdote, eine Episode und eine bisher unbekannte Staatsaktion von sensationeller Bedeutung.
{[]} DIE ANEKDOTE: Ein geheimes Gericht der Separatisten in Koblenz hatte Konrad Adenauer, den auch der Erz-Separatist Adam Dorten immer als "Verräter an der separatistischen Sache" brandmarkte, zum Tode verurteilt. Als Adenauer nun Ende der 20er Jahre in Amsterdam einen Vortrag halten wollte, erreichte ihn die Warnung, ein bekannter Separatist plane ein Attentat auf ihn. Die holländische Polizei wurde alarmiert, ein deutscher Polizist, der den Separatisten von Angesicht kannte, saß in der ersten Reihe. Adenauer kannte ihn nicht.
Während des Vortrages bemerkte er, wie sich ein Mann von der hintersten Reihe langsam nach vorn schob. Der Mann setzte sich in der ersten Reihe auf den einzigen freien Platz, den Platz des Vortragsredners Konrad Adenauer. Er griff in seine Tasche und holte einen röhrenförmigen Gegenstand hervor. Adenauer warf hilfesuchende Blicke auf seinen deutschen Polizisten, hörte aber nicht zu sprechen auf. Er überlegte sich blitzschnell, wie er sich gegegebenenfalls zur Erde werfen würde. Da hob der Mann den röhrenförmigen Gegenstand und hielt ihn an sein Ohr. Er war schwerhörig.
{[]} DIE EPISODE: Im ersten Jahr der Rheinland-Besetzung hatten die Engländer einen Sir Sidney Clive als kommandierenden General. Er bat Adenauer zu Peter und Paul ins Hauptquartier. Obwohl Adenauer den Sonntag noch strikter heiligt als die Engländer ihr weekend, ging er und erfuhr von den Besorgnissen des englischen Generals wegen der separatistischen Bewegung. "Wenn die Leute Köln nicht haben, können sie nichts besehen", entgegnete er und riet dem General, Aenderungen der Staatsform in seinem Befehlsbereich zu verbieten. Der General klingelte nach seinem Adjutanten und ließ Adenauer selbst eine diesbezügliche Ordinance diktieren.
{[]} DIE STAATSAKTION: Zur Zeit der Rentenmark 1924 wurden die führenden rheinischen Politiker zu einer Sitzung mit dem Reichskabinett nach Berlin gerufen. Schon auf dem Wege zur Sitzung hatte ein befreundeter Ministeriale Adenauer zugeraunt: "Sie sollen preisgegeben werden". Neben Adenauer, dem Präsidenten des Preußischen Staatsrats, nahm Reichskanzler Stresemann, der preußische Ministerpräsident Braun (SPD), der Reichsfinanzminister Luther der vorige Woche in Bonn ein englisches Wahlrecht forderte, und der Reichsbankpräsident Schacht, der für seine Rowohlt-Memoiren 30000 DM in Empfang nahm, teil.
Folgender Gedankengang wurde entwickelt, dessen Urheber Hjalmar Schacht gewesen sein soll: Die Rentenmark könne nicht gehalten werden, wenn sie weiterhin in das besetzte Gebiet geliefert werden müsse. Adenauer und die übrigen Rheinländer wurden aufgefordert, nach Koblenz zu gehen und von dem französischen Oberkommandierenden Girard ein eigenes Besteuerungsrecht zu erbitten und nicht de jure, aber de facto einen eigenen Staat zu bilden. Ein Rheinländer fragte: "Und wann holen Sie uns zurück?" Achselzucken ringsherum. Adenauer erinnert sich noch genau, wie er gestikulierend mit erhobenen Fäusten vor Finanzminister Luther stand und wie er von Arbeitsminister Brauns zurückgerissen wurde, der Tätlichkeiten verhindern zu müssen glaubte.
Um 6 Uhr nachmittags waren schon 600 Journalisten bestellt. Um 7 Uhr abends bekam Stresemann einen Herzanfall. Um 10 Uhr abends wurde die Pressekonferenz abgesagt. Stresemann verlor dann etwas später den Kanzlerposten und Marx wurde Nachfolger. Inzwischen hatte Adenauer von seinen Vertrauensleuten im Finanzministerium und im Ministerium für die besetzten Gebiete erfahren, daß das Finanzministerium falsche Zahlen über die Höhe der Rentenmark-Aufwendungen für die besetzten Gebiete mitgeteilt hatte.
Man berief die Rheinländer ein zweites Mal nach Berlin. Adenauer verlangte, daß Luther an der Sitzung teilnehme, und legte ihm einige Fragen vor. Daraufhin sagte Marx: "Gestern war ich noch der Ansicht, wir müßten die besetzten Gebiete aufgeben. Doch nach dem, was ich heute gehört habe, sind neue Ueberlegungen notwendig." Es wurde nie mehr davon gesprochen.
Immerhin sagt Adenauer, hätten die Versuche zu einer rheinischen Republik auch in "anständigen Kreisen" damals Boden gewonnen. Diese ganzen Strömungen habe man zusammenfassen müssen, um sie unter Kontrolle zu haben. So sei am 2. Februar 1919 unter Adenauers Vorsitz ein Ausschuß gebildet worden, der sich ein Mandat habe geben lassen dafür, daß jede Veränderung der bestehenden Zustände von ihm sanktioniert werden müsse.
So ist es vielleicht auch zu erklären, daß der Londoner "Daily Express" kurz nach diesem Krieg am 2. Juli 1945 mit der Schlagzeile aufmachte: "Ein Deutscher will Deutschland in drei Teile schneiden". Der Plan des Kölner Oberbürgermeisters Dr. Adenauer habe für drei deutsche Staaten eine gemeinsame Zollgrenze vorgesehen.
Fahrkarte nach Paris. Nach Westen suchte er von jeher Brücken zu schlagen. "Die Amerikaner und die Russen werden aufhören, sich zu zanken, aber Deutsche und Franzosen werden immer nebeneinander leben müssen". Zu Stresemanns Zeiten betrieben Adenauer und Hugo Stinnes eine engere Wirtschaftskoalition mit Frankreich. Stresemann gab sein Einverständnis, und Stinnes hatte schon seine Fahrkarte nach Paris. Da erfuhr Adenauer, Stresemann habe die Franzosen wissen lassen, Stinnes genieße nicht das Vertrauen der Reichsregierung. "Das hat er getan, um die Verständigung als sein eigenes Verdienst buchen zu können."
Dies ist des alten Kommunalfuchses fester Grundsatz: Beginnend bei den Gemeinden müßten die Selbstverwaltungskörper, insbesondere die Länder, und natürlich auch der Bund, ein finanzielles Existenzminimum haben, einen Etat, über den sie selbständig verfügen können. Das Austeilen der Gaben aus einem großen Topf führe zur Korruption. "Nichts stärkt das politische Verantwortungsgefühl mehr als das Lernen im überschaubaren Bereich".
Es sei doch sehr viel wichtiger, dem Arbeiter durch gesunde Wohnungspolitik ein Heim und einen Garten zu geben, als zu sozialisieren. Der überzeugte Katholik wiegt bedachtsam den Kopf, wenn er gefragt wird, ob denn etwa Christentum und Kirche die Vermassung des Menschen aufhielten. "Nicht genügend".
Führt man mit Adenauer ein religiöses Zeitgespräch, kann es sein, daß er seinen Klassenkameraden, den Jesuiten Max Pribilla, zitiert. Der verficht den revolutionären Lehrsatz, daß es Gewissenpflicht ist, aus der katholischen Kirche auszutreten, wenn das Gewissen es befiehlt.
Der 72jährige grübelt heute noch über die Macht des Bösen in der Welt. Im Gestapogefängnis Brauweiler hat er acht Wochen lang nicht schlafen können, so sehr schrien die Gestapo-Offiziere in der darüber liegenden Folterkammer. "Wie können diese Leute so grausam sein", dachte Adenauer damals bei sich, "die doch zu deiner Oberbürgermeisterzeit als brave Polizeibeamte und Bürger ihren Dienst getan haben!" Er fand keine Antwort.
Adenauer war acht Wochen in Brauweiler, nach dem 20. Juli. Am Tage seiner silbernen Hochzeit wurden er und seine Frau eingeliefert, ohne voneinander zu wissen. Die Nazis hatten den früheren Oberbürgermeister, der sich bei Göring über die Kölner Polizei beschwert hatte, zeitweilig aus dem Regierungsbezirk Köln ausgewiesen.
Schumacher holt ihn ab. "Wir Kinder besuchten ihn täglich mit dem Fahrrad in Unkel", sagt Sohn Paul. Nach einer Rücksprache mit dem damaligen Gauleiter Grohé durfte er wieder nach Rhöndorf zurück, mit Berufsbeschränkung natürlich. In dieser Zeit grub er seinen Garten um und trug den Steingarten zusammen.
Ein Bummel im Garten ist oft seine einzige Erholung. Morgens um 5 steht er auf, wäscht sich auch im Winter kalt und rasiert sich selbst. Bei Kaffee und einem elektrischen Oefchen arbeitet er bis halb zehn, dann kommt Schumacher und holt ihn ab. "Nicht der Politiker, sondern der Chauffeur meines Vaters," erklärt Paul. "Es gibt nur einen Adenauer", sagt Schumacher, der ihn schon mehrmals zu Bruch gefahren hat.
Mittags schläft er gern, da er seit einem Autounfall im Jahre 1933 nachts nicht mehr ohne Tabletten schlafen kann. Auf Wahlreisen nickt er unter Mittag zuweilen ein. Wie Kurt Schumacher liest er in einer freien Stunde gern einen Kriminalroman. Sonntags muß er in der Notkirche regelmäßig stehen, da er in letzter Minute zum Gottesdienst erscheint.
Sogenannte Leidenschaften hat er nicht. Er raucht nicht und trinkt nicht. "Die Deutschen rauchen mir zuviel, das ist ihr einziger Fehler", sagt er oft zu den vier Kindern aus zweiter Ehe, die mit ihm in Rhöndorf wohnen. Dafür mag er Schokolade für sein Leben gern. In seiner Oberbürgermeisterzeit baute er bei Konferenzen wahre Berge vor sich auf. Und an einem Bonbon lutschend, geht er abends bei guter Radiomusik auf und ab, bis das Schlafmittel zu wirken beginnt.
Der Präsident, vorläufige höchste Staatsperson über 47 Millionen Westdeutsche, ist ein Mann ohne Zeit. Aber er ist ein vorzüglicher Erzähler. So kann es selbst ihm passieren, daß ein Gespräch, für das 30 Minuten angesetzt waren, drei Stunden dauert. "Drei Stunden, das reicht ja aus, um eine kleine Weltgeschichte zu schreiben!" Gegenfrage: "Lohnt Ihre Person, Herr Präsident, etwa keine Weltgeschichte?"
Da legt Konrad Adenauer den Bleistift aus der Hand, wippt dreimal mit dem Kopf und sagt nun ganz im rheinischen Tonfall: "Wenn wir in Köln wären, dann würde ich sagen: 'So siehst Du aus!'"
*) In der "Dynastie Adenauer" ist Oberstadtdirektor Suth Adenauers Schwager. In seinem Sohn Dr. Max Adenauer, dem Kölner Dezernenten für Wirtschaft und Verkehr, sieht man den künftigen Oberbürgermeister der Domstadt. Dr. Max wohnt schon wieder in Adenauers altem Haus, Max-Bruch-Straße 4. Die Häuser 4 bis 6 gehörten Adenauer und wurden 1937 der Stadt übereignet. "Zwangsweise", sagt Adenauer, und verlangt ihre Rückgabe.

DER SPIEGEL 42/1948
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