09.10.1948

Eine Tonne Dynamit auf zwei Beinen

Mit Hitler und Himmler gut Freund

Die ägyptischen Flaksoldaten über den weißen Dächern und in den gelben Dünen von Gaza hatten erhöhte Gefechtsbereitschaft. Es galt, illustre Gäste zu schützen. Mit der neuen arabischen Palästina-Regierung und dem Nationalrat, einer Art verfassunggebenden Versammlung der Araber Palästinas, wurde die südlichste Stadt des umstrittenen Heiligen Landes der Gegenpol des jüdischen Regierungszentrums Tel Aviv.

Nur einer von den fast hundert Prominenten in Turban oder Tarbusch brauchte keinen Ausweis, um die strenge Kontrolle der arabischen Wachen vor dem improvisierten Parlamentsgebäude zu passieren. Haj Amin el Husseini, der Mufti von Jerusalem, ist mit seinem schütteren silbernen Bart, dem dunklen Gewand und der hochrandigen weißen, nach oben durch rotes Tuch abgeschlossenen Kopfbedeckung allen Arabern auch ohne Paß bekannt.

Das Kopf-Zeichen seiner Würde wird der Mufti auch in seinem neuen Amt als Oberhaupt des arabischen Palästina-Staates tragen. Formell ist Amin zwar erst Präsident des Nationalrats. Wichtiger aber ist ihm, daß seine Wahl auf dem Boden Palästinas erfolgte. Er hat ihn jetzt nach elf Jahren Exil zum erstenmal wieder betreten.

Der Mufti hat sich damit gegen starke Gegner im eigenen Lager durchgesetzt: gegen König Abdullah von Transjordanien, der mit Palästina als Kernstück seines erträumten großsyrischen Reiches seine besonderen Pläne hat und gegen die Sippe der Naschaschibi, die früher so oft den Bürgermeisterposten von Jerusalem besetzte.

Familientradition hat schon bei der Wahl des jungen Husseini zum Mufti eine Rolle gespielt. Bereits sein Vater bekleidete dieses halb weltliche, halb geistliche Amt mit seiner Schlüsselstellung im arabischen Rechtswesen des Landes.

Amin selbst wollte, als er 1921 dieses Amt antrat, mehr sein als der oberste Rechtsberater der arabischen Richter. Er wurde mehr. Bis heute allerdings war sein Leben das eines ewig gehetzten, ewig aufrührerischen und querschießenden politischen Agitators. Churchill bezeichnete diesen geborenen Verschwörer einmal als "eine Tonne Dynamit, die auf zwei Beinen herumläuft".

Unter dem Engländer Lawrence war der aus dem türkischen Dienst desertierte junge Artillerie-Offizier zum Politiker geworden. Die Balfour-Erklärung (1917) trieb ihn aus dem britischen Verwaltungsdienst auf die Seite der arabischen Rebellen. Eine Amnestie brachte den steckbrieflich Verfolgten in die Heimat zurück.

Die Engländer selbst bestätigten seine Wahl zum Mufti. Sie zahlten ihm sogar die für dieses Amt von der Mandatsregierung festgesetzte Summe von 600 Pfd. monatlich. Und finanzierten damit teilweise den antibritischen Aufstand, den der Mufti inzwischen in ihrem Rücken vorbereitete. 1937 mußten sie gegen Husseini als treibende Kraft der Araber-Unruhen einen neuen Steckbrief erlassen.

Die abenteuerliche Flucht aus dem Asyl der Jerusalemer Omar-Moschee führte den als Beduinen verkleideten Mufti elf Jahre ins Exil. Sie führte ihn aber auch hinter die Kulissen der Weltpolitik: über Bagdad, wo er den englandfeindlichen Irakaufstand von 1941 inszenierte, und Rom nach Berlin. Er kam Hitler und Himmler gerade recht, um die arabischen Pläne des Dritten Reiches zu intensivieren.

Gelegentlich einer Teestunde wurde der Mufti von SS-Obergruppenführer Gottlob Berger dem "Reichsführer SS" in dessen ostpreußischem Hauptquartier vorgestellt. Himmler bewunderte die blauen Augen seines neuen arabischen Freundes.

Der Mufti dagegen war begeistert, als Himmler seine historischen Theorien über den "gemeinsamen Erbfeind Juda" entwickelte. "Es würde mit Deutschland besser stehen", meinte Himmler, "wenn damals in Wien der Herrgott nicht den Deutschen, sondern den Muselmanen den Sieg gegeben hätte. Dann hätte sich das jüdische Christentum nicht über Europa ausbreiten können."

Amin kam auch mit Hitler zusammen und ließ sich die Gaskammern von Auschwitz zeigen. Hitler schickte ihn später nach Teheran, wo er sich in der japanischen Gesandtschaft versteckt hielt. Als ihn der Intelligence Service aufgespürt hatte konnte er mit knapper Not auf einem deutschen U-Boot nach Italien entkommen.

Nach Berlin zurückgekehrt, beschäftigte er sich vor allem mit dem Ausbau eines weitverzweigten Spionage- und Sabotage-Dienstes im Nahen Osten. Ein Nebenbüro in Genf diente der Verbindung nach Aegypten und zur Türkei. Ein anderes in Istanbul lieferte ihm Informationen von Agenturen entlang der syrisch-türkischen Grenze.

In Athen errichtete der Mufti eine Schule, in der arabische Fallschirmjäger und Sabotage-Truppen ausgebildet wurden. Im Haag wurden unter seiner Leitung arabische Studenten für den Radio-Dienst sowie im Umgang mit Sprengstoffen und für Sabotage-Aktionen ausgebildet. Mit Fallschirmen sprangen seine Agenten über Palästina, dem Irak und Syrien ab.

Später wurden seine Agenten-Gruppen auch an der russischen Front eingesetzt. Der Mufti arbeitete dabei mit russischen Moslems aus dem asiatischen Teil der Sowjetunion zusammen. Bei der sogenannten "Aktion Mohammed" sprang eine solche von ihm selbst gesegnete Agenten-Gruppe im August 1942 hinter der sowjetischen Front im Kaukasus ab.

Auch die Organisation von mohammedanischen Militäreinheiten für die Wehrmacht wurde dem Mufti übertragen. Er versuchte, eine halbe Million Soldaten aus Marokko, Tunis und Algier für das OKW zu rekrutieren. Aber es kamen nur ein paar tausend zusammen.

Die Mufti-Legionäre wurden in der "Arabischen Division" unter dem Kommando des Luftwaffengenerals Felmy (der lange Jahre als deutscher Militärattaché im Nahen Osten tätig gewesen war) zusammengefaßt. Sie trugen deutsche Uniformen mit einem grün-weiß-roten, Halbmond-geschmückten Aermelschild "Freies Arabien".

Eine zweite große Rekrutierungsaktion startete der Mufti bei den Muselmanen Bosniens. Die von ihm auf die Beine gestellte "13. Freiwillige Bosnisch-Herzegowinische SS-Gebirgsdivision Kroatien" kämpfte später aktiv im Rahmen der deutschen Wehrmacht.

Eine besondere Rolle spielte Amin el Husseini bei den Judenverfolgungen. Er arbeitete eng mit dem SS-Hauptsturmführer Adolf Eichmann zusammen, der als Leiter der jüdischen Abteilung der Gestapo in Berlin einer der Hauptverantwortlichen für die Ausrottung der Juden war. Eichmann und Amin erneuerten hier eine Freundschaft, die schon 1936 während der blutigen Araber-Aufstände im Heiligen Land begonnen hatte. Eichmann war damals als Agent des deutschen Geheimdienstes in Palästina tätig.

Nach dem deutschen Zusammenbruch floh der Mufti im Flugzeug nach der Schweiz. Er wurde von dort nach Paris abgeschoben, wo 1945 Bidault den in einer geräumigen Villa unter Polizeiaufsicht lebenden "unglücklichen Monsieur Husseini" der Gastfreundschaft des französischen Volkes versicherte. Die Jugoslawen strichen inzwischen auf einen Wink von Moskau den Vielumworbenen aus ihrer Kriegsverbrecherliste.

Mit falschem Paß landete der Mufti im Sommer 1946 in einem amerikanischen Flugzeug überraschend in Kairo. Seitdem war er Gast König Faruks. Er nutzte die Gelegenheit, um am Sitz der Arabischen Liga die vielen Fäden um und nach Palästina immer fester zu knüpfen.

Gaza ist jetzt die nächste Station im bewegten Lebenslauf des Silberbärtigen geworden. Von dort nach Jerusalem, der Möchte-gern-Hauptstadt des arabischen Palästina-Staates, ist noch ein weiter Weg. Aber der Mufti ist mit seinen 53 Jahren noch nicht alt.

Möglicherweise ist Jerusalem nicht einmal sein letztes Ziel. Die Welt nennt ihn irrtümlich oft den Großmufti.*) Der Mufti hört es gern. Und vielleicht träumt er davon, eines Tages in einem erneuerten Kalifat, einem mohammedanischen Großreich, den Titel Großmufti mit Fug und Recht führen zu können.

*) Eine geistliche Würde, die es nicht mehr gibt. Mit dem Ende des Osmanischen Reiches (Kalifat), dessen Sultan weltliches und geistliches Oberhaupt der Mohammedaner war, erlosch dieses Amt.

DER SPIEGEL 41/1948
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