09.10.1948

Locker auf der Straße

Als im Braunschweiger TSV-Stadion die viereckige Olympiauhr auf den schmalen Holztisch neben die sechs vorgeschriebenen Stoppuhren gelegt wurde, fehlten zuerst noch die Stilrichter. Sie hatten geglaubt, bei dem stürmischen Regenwetter werde der in aller Stille geplante Rekordversuch im 30-km-Gehen ausfallen. Aber dann kamen sie gerade noch zurecht, um Rudi Lüttge 75 Runden lang ("Bis zur 70. auf Tempo, die letzten fünf mit Energie und Spucke") auf einwandfreies sportliches Gehen zu kontrollieren.
Sie hatten nichts zu beanstanden, als der hohlwangige und schmächtige Maschinenbau-Volontär der Braunschweiger Eisenbahn- und Signalwerke durchs Ziel stampfte. Wie es das Geher-Sportgesetz befahl, war er mit einem Fuß immer stilgerecht auf der Erde geblieben. Die Stoppuhren zeigten mit 2:27:26,6 Sek. Weltrekord, den ersten deutschen Weltrekord nach dem Kriege überhaupt.
Den im 30-km-Gehen hielt bisher 90 Sekunden langsamer der Schwede Olsson. Wahrscheinlich auch fernerhin, falls der internationale Leichtathletikverband (IAAF) Lüttges Zeit nicht anerkennt. Die bislang enttäuschten deutschen Sportler hegen, trotz der vielen Uhren und der beiden Stilrichter, keinen Zweifel daran.
Als Sportart wurde Gehen in Deutschland nur wenig populär, obschon es sich um die natürlichste Art der Fortbewegung handelt. Wer im Sport zu nichts taugt, könne immer noch Geher werden, hieß es.
Die nordischen Länder haben schon lange erkannt, daß Gehen einen gesunden, durchtrainierten Körper verlangt. Bei keiner anderen Sportart werden Muskulatur, Organe und Sehnen so beansprucht wie beim Gehen. Die Skandinavier gehen deshalb auf breiter Basis*).
Rudi Lüttge ist mit seinen 25 Jahren der jüngste Meistergeher Das beste Alter liegt eigentlich zwischen 30 und 35 und höher. Lüttges Schweizer Vorbild Schwab wurde mit 40 Jahren 1936 Olympiazweiter, der Schwede Johannson in London mit 48 Dritter.
Mit den 30 Weltrekordkilometern ist Rudi Lüttge ("auch im Taufschein Rudi") in diesem Sommer 1250 Kilometer gegangen, zum größten Teil im Training auf der Straße. "Ganz locker, auf der Bahn treibt und verkrampft die Uhr."
Er gehe unorthodox, meinen die alten Geher-Exmeister. Klassisch, schrieben die Sportjournalisten, als Lüttge zum zweiten Male "Quer durch Berlin" gewann, in klassisch-lockerer. Haltung mit gehobenem Brustkorb, raumgreifenden leichten Schritten und durchgedrückten Knien.
Das fällt ihm nicht leicht, seit er sich 1941 beim Schilauf Arm und Unterschenkel gebrochen hatte und 1944 als Oberjäger 80 Prozent kriegsbeschädigt mit steifem Ellenbogen, zerschossener Hand und verkrüppelter Schulter seinen Entlassungsschein in die Hand gedrückt bekam.
1946 war er sportlich wieder fit. 1947 wurde er erstmalig in Bonn Deutscher
Meister über 10 km, 1948 holte er sich Siege in Hamburg, Berlin, Bonn und Braunschweig, außerdem den 25-km-Titel.
Jetzt will ihn Leichtathletikexperte Woldemar Gerschler auf die 25 km spezialisieren. Die 10 km seien als reine Geher-Sprintstrecke zu kurz für Lüttge.
Gerschlers Rezept zu weiteren Lüttge-Rekorden: Noch mehr Training, Freude am Kampf, Gehen mit Gefühl, Sieg über den inneren Schweinehund.
Rudi Lüttge hat noch nie unterwegs aufgegeben.
*) Alljährlich werden in Finnland und Schweden 15-km-Strecken abgesteckt. Die gesamte Bevölkerung setzt sich in Marsch. Männer, Frauen und Kinder versuchen Mindestzeiten herauszugehen. Das Land mit den meisten Teilnehmern und dem besten Durchschnitt hat den Geher-Länderkampf gewonnen.

DER SPIEGEL 41/1948
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