30.10.1948

Heute begraben wir

Man nennt mich die Schreckliche
Noch in der Nacht zum Sonntag waren Maurer, Tischler, Glaser am Prinzipalmarkt zu Münster in angestachelter Eile geschäftig. Als am Morgen des 24. Oktober*) die Gläubigen zur Andacht gingen, strahlte auch der patrizierhafte Giebel des Bürgerhauses in frischem Glanze.
Münster, einst Westfalens Hauptstadt, hatte sich redlich bemüht, mit einer eiligfestlich aufgeputzten Fassade Kriegswunden zu bedecken. Dicht hinter der aufgeräumten, beflaggten und abendhell ausgeleuchteten Hauptstraße lag die Mondlandschaft verschütteter Straßenzüge einer zu 64 Prozent vernichteten Stadt.
Zum 300. Gedenktag der Unterzeichnung des Westfälischen Friedens stellten Münster und die Landesregierung Nordrhein-Westfalens eine "Friedenswoche" mit allem Komfort in die Trümmer. Viele Reden, Würstchenbuden, Gedächtnisausstellung, bengalische Kirchenbeleuchtung, Beethovens 9. Sinfonie, Papierfähnchen, Fackeln, Umzug in historischen Trachten, Gedenkmünzen, atzende Empfänge, Sonderstempel - nichts fehlte außer Böllerschüssen.
Arme, arme Welt. Elf Tagungen, darunter vom Bund schießgegnerischer Pfarrer in Deutschland, füllten die Säle, eine vollgetagte Woche, ein wenig zu rummelhaft für das ruinöse Münster und die ernste Zeit.
Ueberhaupt sei der schandbare Friede von 1648 wahrhaftig kein deutscher Grund zum Feiern, ließ sich mancher Münsteraner vernehmen. Doch boten sich günstige Gelegenheiten, die Brieftaschen der paar tausend Gäste zu schröpfen, mit kleinen "Klaren" (wie der wärmende Korn im Münsterland heißt), mit Stippmilch und offenen Ladentüren bei frisch gefüllten Schaufenstern. Keine Spur von westfälischem Schinken allerdings.
Ihrem religiösen Ruf taten die Münsterländer volle Ehre an. In der Kirche zum Heiligen Kreuz zelebrierte der Bischof von Münster, Dr. Michael Keller, ein Pontifikalamt. In der Linken den Bischofsstab, beschwor er die Heilige Mutter: "Maria, erflehe der armen, armen Welt den Frieden".
Getreu dem minutiösen Fahrplan zogen zum profanen Beginn der Rat der Stadt und Ehrengäste in feierlicher Prozession zum zerstörten Rathaus. Begleitet von den ältesten Glocken, gestimmt auf as, es, des und c. Unbekümmert ließ man auch die Stimme der Brandglocke von 1596 erschallen. Obwohl sie lateinisch die Inschrift trägt: "Man nennt mich die Schreckliche, da ich in der Zeit der Gefahr die Bürger zusammenrufe!".
Ein Herold und Landsknechte mit der arg mürben Friedensfahne und Erinnerungsstücken von 1648 stelzten voran. Mit angeklebten Bärten und angestaubten Wämsern, die von den Brettern eines Dorftheaters stammten.
Gelb-rot-weiße Münsterfahnen waren an steilen Masten windgebläht. Eine einsame schwarz-rot-goldene Fahne klammerte sich an ihre Stange. Fanfaren schmetterten, als die Gäste durch den kläglichen Torso des gotischen Rathauses in den Friedenssaal einzogen. Dort wurde 300 Jahre zuvor der Friede nach 30 Schreckensjahren feierlich verkündet, nachdem aus dem anfänglichen Religionskrieg
ein reiner Hegemonialkrieg zugunsten der Franzosen und Schweden geworden war.
Münster blieb im 30jährigen Krieg erhalten. Darum sprachen die Abgesandten der kriegerischen Souveräne in seinen Mauern über den Frieden. Fünf Jahre lang. Die ausländischen Gesandtschaften, insgesamt 10000 Mann, lebten mit den Stadteinwohnern ganz en famille. Doch das Endergebnis war unfamiliär. Das deutsche Reich wurde in fast 300 Staaten und Stäätchen zerschlagen. Die Niederländer und die Schweizer stiegen endgültig aus dem deutschen Schicksalsschiff aus. Sie bereuten es nie.
"Rache für Münster", tüftelte man unter Hitler als Schlagwort aus. In Westfalens Hauptstadt sollte nach dem zweiten Weltkrieg das siegreiche Hitlerdeutschland der Welt die Friedensverträge oktroyieren.
Da kam eine Bombenwelle von 102 Angriffen. Die ehrwürdig-vornehme Stadt beherbergte keine Industrie. Am 28. Oktober 1944 ging die Innenstadt in Flammen auf. Mit dem Rathaus auch der Friedenssaal.
Der Saal erstand wieder aus rauchgeschwärzten Mauern. In fast unveränderter Gestalt. Die Wandtäfelung, Baldachin und Gestühl, der schmiedeeiserne Kronleuchter (nur für Kerzen) mit der Madonna im Strahlenkranz und viele andere Kleinigkeiten überlebten das Feuerinferno in den Kellern des Lippeschen Schlosses Wöbbl. Das andere wurde ersetzt.
In bärtiger Rechtschaffenheit redete CDU-Oberbürgermeister Franz Rediger offene Worte. Er werde gewiß nicht wieder gewählt, sondern in den nächsten Tagen abtreten. Darum gedachte er der "durch Bombenterror" getöteten Zivilisten.
Das hagere Gesicht seines Landesgouverneurs General Bishop wandte sich mit scharfem Blick zum Ministerpräsidenten an Rhein und Ruhr, Karl Arnold. Der drehte die Melone in der Hand und schaute stur geradeaus.
Später, im maurerfeuchten Lichthof des Landesmuseums, eröffnete er den Friedensgedenktag mit einer Mahnung zum "europäischen Denken". "Das Schicksal hat Europa auf die Tagesordnung der weltpolitischen Diskussionen gestellt. Dieses Thema läßt sich nicht mehr absetzen, sondern nur noch meistern."
General Bishop verleugnete seine Mitgliedschaft in der Militärregierung: "Als Vertreter des englischen Volkes" sah er sich von kräftigem Beifall umtost.
Ein mittleres Geschichtsbuch. Kurze Zeit darauf mußte der grauhaarige General gegen das Einschlafen ankämpfen. Der Bonner Universitätsprofessor Dr. Braubach röntgte zum allgemeinen Entsetzen mit rheinischer Gründlichkeit den Westfälischen Frieden. Etwa ein mittleres Geschichtsbuch voll.
13.15 Uhr war die Verzweiflung allgemein. Schon eine Viertelstunde vorher sollten nach dem Festfahrplan tausend demokratische Brieftauben vom Domplatz gestartet sein. Und noch drei Redner in Sicht. Sie nahmen Rücksicht auf die erschöpften Hörer.
Von Wilhelm Verkade. Vertreter der Union Européenne des Fédéralistes, wurde ein Friedensmanifest an die Welt gebracht: "Heute begraben wir das ebenso abgelebte und überholte Prinzip des europäischen Nationalstaates und fordern den Frieden der europäischen Völker in einem bundesstaatlichen Gebilde."
Die Friedenstauben stiegen verspätet in die herbstlichen Lüfte. Der Friedensritter, das Manifest in der Hand, galoppierte westwärts. Zwei Stunden später wechselte die Botschaft an der Glahner Brücke bei Gronau in holländische Hände, vor Tausenden von Menschen von hüben und drüben. In Ansprachen forderte man baldige Oeffnung der westlichen Grenzen (die Holland just jetzt zu seinen Gunsten ostwärts schieben möchte), eine Reiterstaffel brachte das Manifest gen Den Haag.
Goldener Hahn. In Münster hatten die höchsten Honorationen inzwischen Gelegenheit, sich am goldenen Hahn zu laben. Das originelle Trinkgefäß, das den Wein nur wellenweise entläßt, kreiste um die erlauchte Tafel. Zum Ex-trinken.
Nach General Bishop und Karl Arnold hielt die Kultusministerin Christine Teusch den Hahn in der Hand. Mit Geschick zog sie sich aus der rheinischen Rebensaftaffäre, trank halb aus und reichte den Hahnenrest schmunzelnd weiter an den Finanzminister Dr. Georg Weitz. Der solle sich durch diese Verbrüderung verpflichtet fühlen, künftig ihr Kultusressort finanziell besser zu bedenken.
Nachmittags wanderte halb Münster durch die Domruine. Mit traurigen Augen, denn von der alten Pracht ist wenig geblieben, es wächst schon Gras über den Trümmern.
Es wurde wieder und wieder Frieden gerufen, als abends im Fackelschein vom Balkon des Landesmuseums über den Domplatz hinweg mit Verve der Brüsseler Bote Ernst von Schenck, Leiter der Deutschlandkommission der Union Européenne des Fédéralistes, sprach. "Kein Konflikt läßt sich durch Krieg und Schwert lösen, auch nicht der zwischen West und Ost, Europa muß ein Volk von brüderlich verbundenen Völkern werden."
Roter Hahn. Anschließend noch eine kabarettistische Ueberraschung für die Festwöchner. Im Turm von St. Lamberti und in der Domruine wurden bengalische Rotfeuer abgebrannt. "O Gott, wie 1944", bekreuzigte sich eine Frau entsetzt. Der rote Feuerschein lag über den Straßen der Stadt wie die Brandfackeln des apokalyptischen Krieges.
*) Am 24. Oktober 1648 unterzeichneten zur formellen Beendigung des Dreißigjährigen Krieges die evangelischen Länder in Osnabrück, die katholischen in Münster den westfälischen Frieden.

DER SPIEGEL 44/1948
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