30.10.1948

Zweimal Camilla

Schatten der Vergangenheit
Hans Zimmer, Chef der Camilla Mayer-Schau, ist empört. Der Zugspitzlauf seiner Truppe (s. Spiegel Nr. 25/48) war weniger aufregend als das Hamburger Gastspiel. Es begann mit Verboten der Polizei und dem Todessturz des 18jährigen Harry Grundke bei der Motorradfahrt auf dem Stahlseil. Das Finale wird ein Prozeß sein. In Hamburg ist die "echte" Camilla Mayer aufgetaucht.
Die junge blonde Frau, die seit mehreren Jahren in Hamburg wohnt, verheiratet und Mutter von zwei Jungen, sagt, daß Zimmer kein Recht habe, seine Truppe Camilla Mayer-Schau zu nennen. Auch nicht im Andenken an die 1940 in der Berliner Deutschland-Halle abgestürzte Artistin.
Denn die weltberühmte Camilla Mayer hieß eigentlich Charlotte Witte. Camilla Mayer war lediglich der Name, unter dem sie auftrat. Es gibt nur eine standesamtlich registrierte Camilla Mayer. Die junge blonde Frau in Hamburg.
Der Prozeß wird einen ganzen Roman aufrollen. Beide Parteien haben ihre eigene Lesart von dem Kampf um den berühmten Namen.
Die Lesart der lebenden Camilla ist die: Ihr Vater ist Camilio Mayer. Er hat einen Namen in der Sparte Hochseil-Artisten. 45 Jahre ist der gebürtige Elsässer beim Bau, seit seinem 14. Jahr. Er war in aller Welt zu Haus.
In Florenz wurde seine Tochter Camilla geboren. Die Mutter stammt aus Hamburg. Auch Camilla ging aufs Seil, schon als Kind. Sie war 12 Jahre, als die Truppe des Vaters 1934 in Stettin gastierte.
Immer sah dort die 15jährige Tochter eines Stettiner Klempnermeisters den Vorführungen zu. Sie verfiel der Artistik. Camilio Mayer nahm das talentierte Mädchen in seine Truppe auf. Es war Charlotte Witte.
Charlotte Wittes Spezialität wurde die Arbeit am 50 m hohen Stahlmast. Weil sie so gut war, hat Camilio seinen jungen Star unter dem Namen der eigenen Tochter Camilla auftreten lassen, meint die "echte" Camilla. Der Name Camilla Mayer war für die Mastarbeit gewissermaßen der Firmenname geworden.
Der Name der "falschen" Camilla glänzte am internationalen Artistenhimmel. Die "echte" Camilla blieb im Schatten der berühmten Namensschwester.
1940 kam das Ende einer artistischen Laufbahn: Charlotte-Camilla Mayer lag nach zerschmetterndem Absturz tot am Boden.
Die "echte" Camilla mußte zum Arbeitsdienst. Später wurde sie dienstverpflichtet, heiratete und lebte bei ihrer Mutter in Hamburg. Nun wollen sie und ihr Vater, der jetzt im Rheinland ist, den "Firmennamen" Camilla Mayer wiederhaben.
Hans Zimmer seinerseits zieht schweres Geschütz auf gegen die "echte" Camilla und ihren Vater. Er hat drei seiner malerischen Briefbogen vollgeschrieben, auf deren Kopf eine zarte Tänzerin auf einem von zwei Tauben gehaltenen Seil balanciert. Der Inhalt des Briefes ist nicht taubenzahm. Zimmer hat seinem Herzen in einer "Erklärung" an die Hamburger Presse Luft gemacht.
Camilla Mayer faßt die drei Briefbogen mit spitzen Fingern an und überfliegt sie nur. Sie lacht verächtlich. Schmutzige Wäsche, meint sie. Darüber muß der Richter entscheiden.
In seiner Erklärung sagt Zimmer, er sei in der Nazi-Zeit als politisch verfolgter Journalist bei der Dorf-Arena Camilio Mayer untergekrochen. Zuerst als Arbeiter, später als Geschäftsführer. 1939 habe er Camilla-Charlotte, den "gottbegnadeten" Star der Truppe, im Frankfurter Schumann-Theater der Oeffentlichkeit präsentiert.
Die Lehr- und Wanderjahre mit Camilio Mayer waren ein reines Martyrium, meint Zimmer, geschäftlich und menschlich. Camilio habe Charlotte-Camilla bis zu ihrem Tode drangsaliert. Zimmer habe helfen wollen und es nicht gekonnt. Er sei abhängig von Camilio und politisches Freiwild gewesen. 1940 habe er sich von Camilio getrennt.
Etwas später sei Camilio verhaftet worden, es habe da schmuddelige Dinge gegeben, sagt Hans Zimmer, das heißt: er nennt sie weniger umschrieben, sondern deutlich bei Namen. Nach einem Prozeß, in dem ein Aufgebot von Lehrmädchen im Zeugenstand erschienen sei, sei Camilio 1941 in Stettin zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden.
Es wurde, so heißt es in Zimmers Erklärung weiter, ein Vertrag unterzeichnet. Hans Zimmer sollte die Truppe weiterführen. Im Andenken an die "kleine Abgestürzte" nannte er die Truppe nach Camilla Mayer.
Nach dem Kriege trat Camilio Mayer in der Ost-Zone mit einer "Camilio-Mayer-Stratosphären-Schau" auf. Er begann gegen Zimmer zu "schießen". Es ging um den Namen Camilla Mayer.
Die "Mayerei" wurde ihm lästig, sagt Zimmer. Im Juli dieses Jahres erklärte er sich bereit, den Namen Mayer am 30. September 1949 abzulegen. Nicht früher. Bis dahin soll nämlich der Spielfilm fertig sein, den er um das Schicksal der abgestürzten Camilla dreht. In diesem Film kommt nur Camilla vor, ohne Nachnamen.
Die "echte" Camilla wartet darauf, daß die Hamburger Richter ihr recht geben. Sie hat sich inzwischen ein Drahtseil besorgt. Nach 10 Jahren Pause will sie wieder Artistin sein. Vom früheren Flakhochbunker auf dem Hamburger Heiligengeistfeld will sie eine "Genickfahrt" zum Zirkus Althof antreten. Als Camilla Mayer. Sie will ihren Namen wieder allein für sich haben.

DER SPIEGEL 44/1948
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