06.11.1948

Attilas Schwert über Oesterreich

Mit ferngelenktem "New Look"

Moskaus Kominformschneider haben ihren österreichischen KP-Kunden endgültig den "New Look" ihrer künftigen Politik verpaßt. Das ist das Fazit, das Wiens Zeitungen - mit Ausnahme der kommunistischen natürlich - von der 14. Jahreskonferenz der Kommunistischen Partei Oesterreichs am vergangenen Wochenende ziehen.

Zwar war die Presse von der Geheimkonferenz ausgesperrt. Auch die kommunistische. Aber Thema Nr. 1 des Parteikongresses war auch ohnedies bekannt genug. Nach der an Tito exemplifizierten Verdammung aller nationalen Tendenzen durch Moskau ging es auch für Oesterreichs KP darum, entweder auf russische Unterstützung zu verzichten oder aber radikal von der bisher beobachteten patentösterreichischen Linie abzuschwenken*).

Die völlige finanzielle Abhängigkeit der österreichischen KP von Moskau (und die Anwesenheit der russischen Besatzungstruppen) machten Oesterreichs Kommunisten die Wahl nicht allzu schwer. "Die Entscheidungen schon vor Eröffnung der Konferenz angenommen zu haben", - so glossierte die "Wiener Tageszeitung" die offensichtlich ferngelenkte Beschlußfassung des Kongresses - "ist eine Leistung unserer 200prozentigen Kommunisten, die ihnen ohne Zweifel die Zulassung zur Kominform einbringen wird."

Wochen vorher war schon der stellvertretende sowjetische NKWD-Chef Judikin - von einer Prager Geheimkonferenz der Kominform kommend - in Wien gewesen, um die neue Taktik des innenpolitischen Kampfes in Oesterreich festzulegen. Seine Hauptforderung: in der ersten Phase trotz der erfolgten Lohnregelung um jeden Preis Unzufriedenheit in den Reihen der Arbeiter zu schaffen. Die nächste Etappe: Streiks und Unruhen.

Oesterreichische Zeitungen halten es für sicher, daß die neue Generaloffensive der österreichischen KP von einem Mann dirigiert werden wird, der sich in der letzten Zeit scheinbar aus dem aktiven politischen Leben zurückgezogen hatte: Ex-Staatssekretär Dr. Ernst Fischer. Es ist der Mann, von dem die Londoner "Times" einst schrieb, daß die Welt noch oft von ihm hören werde, auch wenn er vorübergehend aus dem Blickfeld der Oeffentlichkeit verschwinde.

Der schmächtige, blasse Kommunistenchef Oesterreichs ist eine der interessantesten Figuren der österreichischen Nachkriegs-Geschichte. Obwohl aus konservativen Kreisen stammend - er ist der Sohn eines pensionierten k. u. k. Generalmajors - fand er schon früh den Weg zur Linken.

In seiner Wiener Studentenzeit stieß er bereits zu einer Gruppe idealistischer junger Sozialisten und kam in enge Fühlungnahme mit dem literarischen Kreis um Ernst Toller und Stefan Zweig. Er versuchte sich auch selbst erfolgreich als Schriftsteller. Das Wiener Burgtheater führte sogar sein Drama "Attilas Schwert" auf.

Fischer wurde Mitglied der sozialdemokratischen Jugendführung und wenig später auch Redakteur der Wiener sozialistischen "Arbeiterzeitung". Der junge Idealist geriet bald in heftige Opposition zu den

Parteiführern, denen damals schon Ueberalterung vorgeworfen wurde.

Stefan Zweig bot vergebens seinen ganzen Einfluß auf, um Fischer die Möglichkeit zu geben, sein vermutetes dichterisches Talent langsam reifen zu lassen. Er ermöglichte ihm einen monatelangen Aufenthalt auf den Balearen. Dort sollte Fischer einen großen Roman vollenden.

In dieser Zeit lernte der dichtende Sozialist eine junge Aristokratin aus dem Sudetenland kennen, die Tochter eines Industriellen. Um die Widerstände ihrer Familie gegen seine Eheschließung zu überwinden, brachte Ernst Fischer eine Broschüre "Der Adel und die Internationale" heraus. Hier versuchte er zu beweisen, daß die aristokratische Gesellschaftsschicht über die sozialistische Internationale wieder zu Macht und Recht kommen könne. Es war eine Arbeit, die den ganzen Geist und brillanten Intellekt Fischers erforderte, um dieses Paradoxon zu verteidigen.

Immerhin erreichte er mit der Broschüre, daß sein industrieller Schwiegervater die Widerstände gegen seine Heirat aufgab. 1934 flüchtete Fischer wie viele andere österreichische Sozialisten nach Prag. Dort vollzog sich endgültig sein Uebertritt zum Kommunismus. Er schrieb kleine Artikel für eine russisch kontrollierte Zeitschrift und hungerte sich schlecht und recht durch. Nicht für lange.

In Prag traf ihn auch ein bekannter Ingenieur aus dem Hause Ernst Tollers, der über Parteiverbindungen bis in die höchsten Stellen verfügte. Fischers Uebersiedlung nach Moskau war damit eine gemachte Sache. Ein kometenhafter Aufstieg begann.

Fischer wurde zunächst Obmann der österreichischen Emigranten. Er besuchte politische Schulen, legte mit Glanz seine Prüfungen ab, wurde dann Sprecher im Moskauer Rundfunk und später sogar Referent für österreichische und mitteleuropäische Fragen in der Außenpolitik des Kreml. Fischer war einer der wenigen exilierten Europäer in Rußland, die das Vertrauen Molotows errangen. Und es rechtfertigten. Seine Reden in den Kominternsitzungen ließen nicht mehr erkennen, wo er herstammte.

Der Wiener Generalssohn und schwärmerische Sozialist war ein vollendeter Bolschewist geworden. Er lernte zu warten und unternahm nichts, was seinem guten Ruf schaden konnte. So vermied er auch jede Intervention, als sein Freund Gustl Deutsch, der Sohn des österreichischen Sozialistenführers Julius Deutsch, bei einer großen Säuberungsaktion in Moskau verhaftet wurde und spurlos verschwand.

Während des Krieges machten deutsche Soldaten an der Ostfront Fischers Bekanntschaft, als seine Broschüre "Hitler - der Fluch Deutschlands" in Zehntausenden von Exemplaren über den Fronten abgeworfen wurde. Fischer gehörte auch die "Geisterstimme", die zu Hitlers Reden auf der Wiener Wellenlänge bissige Randbemerkungen machte.

1945 zog Ernst Fischer nach 14jähriger Abwesenheit als Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten in Wien ein. Wieder war er klug genug zu warten. Seine kommunistischen Gegenspieler Franz Honner und Koplenig waren noch zu stark.

Fischer hatte damals für alle ein Ohr. Selbst die zu dieser Zeit arg bedrängten Nazis fanden bei ihm Unterstützung. Seine kleine Villa in Döbling wurde zu einem Treffpunkt anziehender und geistreicher Menschen. Seine kleinen Festchen bei Klavier und Champagner sind heute noch berühmt.

Als bei den Parlamentswahlen im November 1945 die kommunistische Partei eine schwere Niederlage erlebte, waren Oesterreichs kommunistische Parteiführer verzweifelt. Fischer nicht. Er hatte die Kunst des Wartens gelernt. Er ließ sich auch nicht durch die kommunistischen Mißerfolge der anschließenden Jahre entmutigen.

Die Zwischenzeit benutzte er zu geheimnisvollen Reisen im Südosten. Er tauchte in Belgrad auf, er wurde in Warschau gesehen, und er war einige Male auch inoffiziell und höchst geheim in Moskau, wo er stets von Molotow empfangen wurde. Dann war er wieder in Wien, um mit dem Generaldirektor der größten österreichischen Bank zu soupieren.

Oesterreichs Regierung registriert aufmerksam die geheimnisvolle Aktivität ihres einstigen Regierungsmitglieds. Budapest und Prag sind ihr in den Kopf gestiegen. Es sind auch die Regierungsorgane, die jetzt den Titel von Fischers erstem Theaterstück beziehungsvoll in die Diskussion werfen. Attilas Schwert, so sagen sie, hänge drohend über Oesterreich.

*) Seit 1945 hatten sich die österreichischen Kommunisten betont auf den national-österreichischen Standpunkt eingestellt. Schon während des Krieges waren es ausgerechnet kommunistische Emigrantenkreise gewesen, die erstmals den Propagandabegriff "Oesterreichische Nation" in die Debatte warfen.

DER SPIEGEL 45/1948
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