06.11.1948

TheaterKlassischer Mord modern

Am Rande der Küchenzettel
Hamburg kam Paris zuvor. Die Uraufführung der "Medea" von Jean Anouilh fand nicht an der Seine, sondern an der Elbe statt, auf deutsch.
Nach dreiviertelstündiger geballter Dramatik klatschte das Premierenpublikum in den Kammerspielen teils erlöst, teils begeistert Beifall. Es war sichtbar mitgenommen. Mehr noch die Schauspieler. Das anspruchsvolle Stück wird pausenlos heruntergespielt.
"Medea" hat nur sechs Personen, darunter wieder nur zwei, die fast ausschließlich die Szene beherrschen: Medea und Jason.
Zuerst wollte Hilde Krahl die maßlos liebende und maßlos hassende Königstochter in der Hamburger Aufführung spielen. Aber sie war filmverhindert. Aus dem Göttinger Atelier ist sie jetzt in ihre Heimatstadt Wien gefahren.
Man fand eine neue Medea, und zwar keinen "Ersatz": Maria Pierenkämper. Wiesbadens Intendant Karl-Heinz Stroux gab sie für das Hamburg-Gastspiel frei. Die schlanke, herbe Frau ist genau das, was Anouilh von seinen Bühnenfiguren verlangt, eine moderne Frau im klassischen Gewand.
Gegenüber der Pierenkämperschen Naturgewalt an Haß und Liebe war Erwin Linder als Jason fast eine Spur zu passiv. In einem unheimlich düsteren Bühnenbild von Helmut Koniersky führte Robert Michael Regie. Er ließ die Leidenschaften aufeinanderprallen.
In der "Medea" spiegelt sich die Antike wieder einmal im modernen französischen Intellekt. Doch geht Anouilh diesmal nicht so weit wie in seiner "Antigone", aus dem klassischen Morddrama wurde kein modernes Stück. Aber die antiken Vorgänge sind ihm auch hier nur Vorwand. An den Figuren der klassischen Sage analysiert Anouilh Seelen.
Das zeigt sich deutlich bei einem fast eine Stunde dauernden Dialog zwischen Jason und Medea. Es ist die großartige Auseinandersetzung zweier moderner Menschen, die sich auseinandergelebt und sich hassen gelernt haben.
Jason seziert fast seine Liebe zu Medea und seine Abkehr seit dem Tage, da er spürte, daß sie ihm zur Last wurde. Der Skeptiker Anouilh spricht aus Jason. Er glaubt nicht an die Dauerhaftigkeit der Beziehungen zwischen Mann und Frau.
Anouilh folgt in der Anlage des Dramas ziemlich konsequent seinem großen Vorgänger Euripides, konsequenter jedenfalls als sein anderer Vorgänger Grillparzer. In dessen Drama hat Medea einen Zug ins bürgerliche. Davon ist bei Anouilh nichts zu merken.
Medea ist Jason schicksalhaft verbunden. Sie folgt ihm, als er sie und das Goldene Vlies ihrem Vater raubt. Aus Liebe zu ihm tötet sie den Bruder und flüchtet mit Jason. Als der sich von ihr abwendet, ist sie völlig entfesselt.
Kreosa, der Rivalin, schickt Medea ein todbringendes Diadem. Dann bringt sie ihre Kinder um und stößt sich den Dolch in die Brust. Jason bleibt ziemlich unbewegt. Er sehnt sich nach Reinheit.
Das nackte Leben geht weiter. Am Rande der Mordtragödie unterhalten sich zum Schluß die Amme und der Wächter bei den Toten über den Küchenzettel.
Das französische Stück ist sehr mit Verstand durchsetzt. Trotz der aufgerührten Leidenschaften und der dichterisch bewegten Sprache bleibt es etwas frigidairekühl.

DER SPIEGEL 45/1948
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