27.11.1948

Wer den Paß hat

Fußball zum Weinen
Im Vereinslokal der Holsteiner Störche in Kiel steht das Barometer auf Sturm. Ein starker Wind fegte den Fußball-Exmeister von 1912 aus dem norddeutschen Oberligahimmel. Im Klubhaus der hannoverschen 96er am Misburger Damm schnellte die Barometernadel von Unbeständig auf Schönwetter. Exmeister 1938, Hannover 96, klettert aus dem Bodennebel der Verbandsliga wieder zurück in die höhere Oberliga-Sphäre.
Als die norddeutsche Oberliga in der Saison 47/48 zum Finish ansetzte, schied Hannover 96 mit einer Nasenlänge (14 : 13 Punkte) hinter den Kieler Störchen aus dem Oberligarudel aus. Hannover 96 legte Protest ein. Bei Holstein habe im entscheidenden Durchgang, als Holstein in Abstiegs-Gefahren schwebte, Willi Hamann mitgewirkt, ein Spieler aus Weiden, der nicht spielberechtigt gewesen sei. Holsteins Ligaleiter Karl Friese habe davon gewußt.
96s Abstieg bedeutete theoretisch Prestigeverlust, praktisch einen Ausfall der Einnahmen von 24 Spielen in der Punktserie der Oberliga.
Dem Recht müsse Recht werden, sagte Harry Burmeister, der 1938 die weinroten Hannoveraner zur deutschen Meisterschaft führte und sie fünf Jahre lang als beste niedersächsische Mannschaft am Feldrande dirigierte. Den Anstoß hatte die Kieler Presse gegeben, als sie meldete, Holstein Kiel habe mit einem Spieler Hamann Verstärkung aus Weiden bezogen *).
Hannover 96 fragte beim Kieler Spartenleiter Gustav Scharlemann an, ob Hamann spielberechtigt gewesen sei. "Nach genauester Ueberprüfung" sei er das, kabelte Scharlemann zurück. Damit gab sich 96 zunächst zufrieden, nicht aber Harry Burmeister, den seine Vereinskameraden aus der Versenkung holten und mit der Vertretung ihrer Interessen beauftragten.
Er fuhr mit dem Auto nach Weiden zur Spielvereinigung. Dort wurde Hamann noch als Mitglied geführt. Burmeister holte den wieder nach Weiden retournierten Hamann aus seinem Friseurladen zum Notar. Dort erklärte Hamann an Eides Statt, er habe bis Anfang Dezember für Weiden gespielt und sich erst im Januar für Holstein schriftlich angemeldet. Zwei Tage vor dem Punktspiel gegen den VfB Lübeck habe er ein neues, bereits ausgefülltes Anmeldeformular unterzeichnet. Das sei vordatiert gewesen, damit die vorgeschriebene Sperrzeit als verflossen gelte.
"Wer den Paß hat, hat den Mann", sagte Schleswigs Verbandsführer Grimm bei der ersten Verhandlung in Celle. Den hatte Holstein. Einen Spielerpaß, auf dem der Drucktag mit Dezember 1947 angegeben war. Nur war der Paß mit dem 17. 9. 47 datiert. Das merkte Harry Burmeister aber erst vier Monate später heraus. Folglich ging man ohne Entscheid auseinander.
An der Großen Bleiche in Hamburg brauchte der Norddeutsche Spielausschuß beim zweiten Verhandlungstermin fünf Stunden, um sich für nicht zuständig zu erklären.
Zwei Wochen später brauchte in Hamburg die angeblich zuständige Spruchkammer eine Stunde länger, um sich ebenfalls für nicht zuständig zu erklären.
Eine Woche danach traf man sich im Restaurant Ribow in Hamburg (das war neutraler als das Verbandsbüro an der Großen Bleiche). Ohne Burmeister und seinen juristischen Berater. Die saßen sieben Stunden vor verschlossenen Türen und fuhren ohne Entscheid zurück. Der Entscheid hieß: Hamann nicht spielberechtigt, Spartenleiter Scharlemann seines Amtes entbunden.
Ein Sonderausschuß solle den Fall Scharlemann klären, der (behauptet 96) von allem gewußt und auch die Vordatierung des Spielerpasses veranlaßt habe (Urkundenfälschung § 268 BGB).
Der fünfte Verhandlungstag in Celle sah ein Aufgebot von 50 geladenen Zeugen. Scharlemann gestand dem Fußball-Ausschuß die Vordatierung und verließ weinend das Lokal. "Ich bin genötigt worden." Indessen sprach eine Treppe höher der Sonderausschuß Gustav Scharlemann frei. Um 22 Uhr (nach 12 Stunden Verhandlungsdauer) kam das Urteil: "Spielberechtigung anfechtbar" Weiter nichts. Harry Burmeister: "Wir bleiben, bis wir etwas in Händen haben. Und wenn wir bis morgen abend hier sitzen."
Eine Stunde später lag Greifbares vor: Hamann sei überhaupt nicht spielberechtigt gewesen, stellte das Gremium fest. Die Auswirkungen würden einem Sonderausschuß übertragen.
Der Sonderausschuß tagte am 22. Oktober in Kiel und verhängte (unbefugt) eine Geldstrafe gegen Holstein. Von den 96ern war gar nicht die Rede. Die hatten inzwischen in der Landesliga unglücklich gespielt und traten in den Streik.
Acht Stunden tagte der Norddeutsche Fußball-Ausschuß am 2. November in Hamburg. Als Burmeister Hamanns Anmeldeformular überprüfen ließ, war es weder zerknittert noch gefaltet. Das wollte Friese lange in der Brusttasche gehabt haben. Friese schwieg.
Fünf Tage später wurde in Kiel vom Norddeutschen Fußball-Ausschuß der Schlußstrich gezogen. Friese und Scharlemann für Jahre aus dem Sportbetrieb ausgeschlossen. Hannover 96 spielt 1949 in der Oberliga, Holstein steigt ab.
Harry Burmeister zog Bilanz: 17000 Fahrkilometer wurden gefahren, 65 Zeugen bemüht, 49 Stunden verhandelt, 2½ Monate (zusammengerechnet) schlief er in Hotelbetten. Kosten der Verhandlung 6000 DM. Nicht eingerechnet die finanziellen Ausfälle (für 96), die Klubführer Fahrenholz mit 40000 DM beziffert. Holstein soll sie bezahlen.
*) Gemäß den Satzungen des Landessportverbandes Schleswig-Holstein beträgt die Sperrfrist für Spieler erster Mannschaften bei Freigabe drei Monate. Hamann wäre danach erst Ende April 48 für Holstein Kiel spielberechtigt gewesen.

DER SPIEGEL 48/1948
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/1948
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Wer den Paß hat

Video 01:35

"Viking Sky" Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera

  • Video "Viking Sky: Ich dachte, ich müsste mit meiner Mutter sterben" Video 01:52
    "Viking Sky": "Ich dachte, ich müsste mit meiner Mutter sterben"
  • Video "Wenn Haie angreifen: Rekonstruktion eines Phänomens" Video 45:07
    Wenn Haie angreifen: Rekonstruktion eines Phänomens
  • Video "Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf" Video 00:50
    Prügelei bei Motorradrennen: Kollision, Klammergriff, Faustkampf
  • Video "Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde" Video 00:38
    Buzzer-Beater in der NBA: Sensationswurf in letzter Sekunde
  • Video "Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung" Video 02:31
    Kreuzfahrtschiff in Seenot: Geretteter schildert Helikopter-Evakuierung
  • Video "Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn..." Video 01:18
    Kleinstadt in Südchina: Ein Elefant wollt' bummeln gehn...
  • Video "Amateurvideo von der Viking Sky: Als der Sturm zuschlägt" Video 01:22
    Amateurvideo von der "Viking Sky": Als der Sturm zuschlägt
  • Video "Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan" Video 01:07
    Bizarre Formation: Pfannkucheneis auf dem Lake Michigan
  • Video "Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet" Video 01:13
    Flughafen Bali: Orang-Utan-Junges vor russischem Touristen gerettet
  • Video "Kerber-Frust in Miami: Größte Drama-Queen aller Zeiten" Video 01:49
    Kerber-Frust in Miami: "Größte Drama-Queen aller Zeiten"
  • Video "Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens" Video 03:57
    Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens
  • Video "Duisburg: Wohnblock Weißer Riese gesprengt" Video 00:59
    Duisburg: Wohnblock "Weißer Riese" gesprengt
  • Video "Rettung aus Seenot: Havarierte Viking Sky erreicht sicheren Hafen" Video 01:15
    Rettung aus Seenot: Havarierte "Viking Sky" erreicht sicheren Hafen
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?
  • Video "Viking Sky: Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera" Video 01:35
    "Viking Sky": Retter filmt die Evakuierung mit Helmkamera