13.11.1948

Wirklich wider Willen

Stumme Stimme
Das Quartett der Ostzonen-LDP sang während seiner letzten Sitzung einen Kanon, gestaffelter Einsatz, gemeinsamer Schlußakkord mit gleichlautendem Text. Der lautete: Dr. Karl Hamann soll die ostliberalen Statisten dirigieren. Hamann wurde mit der Führung der Parteigeschäfte beauftragt.
Seit LDP-Seniorchef Wilhelm Külz starb, sind sie nicht mehr ohne Schwierigkeiten abgewickelt worden. Auf "Papa" Külz hörten die Liberalen, die SMA hatte nichts gegen den Mann mit der politischen Linie des "geringsten Widerstandes". Sergej Tulpanow, Sowjetrußlands politischer Deutschland-Regisseur, legte eigenhändig einen Kranz auf seinen Sarg (Vergl. Spiegel 16/48).
Arthur Lieutenant, der unter Külz stellvertretend den Parteivorstand führte, Sachsens LDP-Professor Kastner, stellvertretender Vorsitzender der sowjetzonalen Wirtschaftskommission, Thüringens Finanzminister Leonhard Moog und Sachsen-Anhalts Justizminister Erich Damerow übernahmen gemeinsam die Parteiführung. Bis zum nächsten Parteitag, war vereinbart worden. Der wäre im August fällig gewesen. Die Liberalen aber wollten nicht, die SMA-Politabteilung drängte. Jetzt verweigerte sie die Genehmigung. Begründung: Die Krise in der Partei sei zu bedenklich. Ein Mann ihres Vertrauens wäre nicht auf Külzens Sessel gelangt.
Von den in Frage kommenden Kandidaten steht sich LDP-Damerow weder gut noch schlecht mit der SMA. Er war bisher immer nur zweiter Mann.
Der stille Bayer Leonhard Moog hat zu wenig Publicity, wenn auch manchmal sein bajuwarischer Schwung durchbricht. Auch gegen die SMA.
Professor Dr. jur. Hermann Kastners Baß dagegen hat SMA-genehmen Klang. Die Parteimitglieder wissen es. Sie lehnen ihn ab. Er sei kein "echter" LDP-Mann mehr, weil dem stattlichen 60er jedes Mittel recht ist, wenn es um persönliche Vorteile geht.
Der schmale, kahlköpfige Arthur Lieutenant hätte das Wahlrennen gemacht. Die SMA ließ es nicht zur Wahl kommen. Lieutenant bekam Brandenburgs LDP-verwaistes Finanzministerium. Seitdem kann der 64jährige Hugenott aus der Seidenbranche die Partei-Exekutive nicht mehr führen.
Für seine Pendelfahrten zwischen Berliner Parteihaus und der Landeshauptstadt Potsdam muß ein LDP-Auto ständig zur Verfügung stehen. Die anderen beiden Automobile sind meistens in der Werkstatt. Mehr als drei hat die Parteileitung nicht. Sie ist finanziell schwach.
Neben den personellen Schwierigkeiten ist das die andere Sorge der LDP. Die monatlichen zwei Mark (Ost) Durchschnittsbeitrag der 200000 Ostliberalen reichen nicht. Das Parteiorgan "Morgen" wirft auch nur wenig ab, knapp 35000 Mark (Ost) jeden Monat, 1½ Pfennig pro Exemplar; weil die Zeitung in Privatbesitz sei, wird bebauernd im Parteihaus erklärt. Je 6000 Mark (Ost) gehen davon an die fünf Landesverbände der Zone.
Vom verbleibenden Rest sind Miete, Licht und die Hausinstandsetzung des SMA-geschenkten Parteigebäudes Berlin, Taubenstraße 48/49, Sowjetsektor, zu entrichten.
SMA-Mißfallen schränkt die LDP-Politik in Sowjet-Deutschland weiter ein. Es gibt keine LDP-Landesverbandszeitungen mehr, die noch über 20000 Auflage hätten. "Sächsisches Tageblatt" wurde SMA-gekürzt von 50000 auf 15000 Exemplare. Das muß für 70000 sächsische LDP-Anhänger reichen. Brandenburgs Liberale müssen mit SED-Blättern vorlieb nehmen. Das parteiamtliche Informationsblatt fiel mehrmals unter den SMA-Zensurtisch.
Etwa 60 westgeflüchtete Funktionäre weist die LDP-Parteikartei auf. Groß ist die Zahl der SMA-Verhafteten. Thüringens LDP-Franktionsvorsitzenden Becker traf im Weimarer Hotel "Augusta" das Schicksal. Während einer Sitzungspause. Austrittserklärungen häufen sich im Parteihaus.
Die geplante LDP-Politik, das parteiliche Organisationsgefüge zu straffen, kommt nicht zum Zuge. Bis zum verschobenen Frühjahrsparteitag sollte das Rückenstärkungs-Programm für die durch SED- und SMA-Mißtrauen verschüchterten Funktionäre und Mitglieder durchgeführt sein.
Bis dahin hat Dr. Karl Hamann, der neue LDP-Geschäftsführer, Zeit, sich Mitgliedersympathien zu erwerben. Der schlanke Diplom-Landwirt gilt als Anwärter auf Wilhelm Külzens Vorsitzposten. Politisch ist er ein unbeschriebenes Blatt. Trotz seiner vielen Pöstchen: Landtags- und Kreistagsabgeordneter, Vorsitzender des agrarpolitischen LDP-Ausschusses, Volksrat und Mitglied der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft.
"Wirklich wider Willen", wehrt sich Hamann selbst. Als Bauer und Besitzer des Mönchshofes im Kreis Hildburghausen habe er nur mit Rücksicht auf die politische Notwendigkeit das Amt angenommen.
"Auch über den engen Rahmen der Ostzone hinweg" möchte der 45jährige "ausgleichend und vermittelnd" wirken. Das mache er sich zur Hauptaufgabe. Wilhelm Külz wollte das Gleiche. Es gelang ihm nicht.
Die Frage, ob es Hamann gelingt, beantwortet das Parteihaus mit Achselzucken. Daß er, zukünftiger LDP-Vorsitzender und Bauer, der neuen ostzonalen Bauernpartei viele Anhänger wegfängt, nimmt man als sicher an. Im Augenblick aber hat Dr. Karl Hamann andere Sorgen. Er ist im Berliner Sowjetsektor auf Wohnungssuche.

DER SPIEGEL 46/1948
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