13.11.1948

Wenn in Landsberg

Keine grundsätzlichen Handhaben

Schreiben Sie ..." In einem Verteidigerzimmer des Nürnberger Justizpalastes wird das Schlußplädoyer für einen Angeklagten im Prozeß gegen die Wilhelmstraße diktiert. Die 27jährige Sekretärin, ganz bei der Sache, ist mittelgroß, schlank, mit einer schwarzen Lockenkrone auf dem Kopf. An der Linken trägt sie einen zisilierten Verlobungsring.

Anneliese Beyer steht schon seit dem Hauptkriegsverbrecherprozeß im Dienste der Verteidigung und war in der ersten "guten" Nürnberger Zeit nicht gerade ein Freund von Traurigkeit. Ihre Lebensfreude schlug allerdings zuweilen in heftige Enttäuschung um. Bis eines Tages die richtige Liebe kam. Liebe, obwohl der Auserwählte Angeklagter im Prozeß gegen das Wirtschafts- und Verwaltungs-Hauptamt der SS, ein Untergebener Oswald Pohls, des Herrn über die Konzentrationslager, war. der SS-Hauptsturmführer Karl Sommer, mit gegenwärtig 33 Jahren der jüngste unter allen Nürnberger Angeklagten. Er hatte damals gerade erfahren, daß ihn seine Frau mit einem Angehörigen der Besatzungsmacht betrog, ein Kind erwartete und auf Scheidung drang.

Die Liebenden, Karl und Anneliese, sahen sich zwar im Vernehmungsraum für Verteidiger nur durch Gitter. Doch war das kein Hinderungsgrund für eine regelrechte Verlobung. Sommer ließ sich von seiner geschiedenen Frau allen Schmuck zurückgeben und schenkte ihn seiner Verlobten.

Der Urteilsspruch "death by hanging" (Tod durch den Strang) am 3. November 1947 traf dann beide schwer.

Die Braut beteiligte sich mit unglaublicher Zähigkeit an den Anstrengungen der Verteidiger um Wiederaufnahme des Prozesses, die in diesem ersten und einzigen Nürnberger Fall auch glückte.

Als das zweite Verdikt des Militärgerichts II am 11. August 48 verkündet wurde, hatte das Gericht zwar das Todesurteil gegen einen der Angeklagten in "lebenslänglich" gemildert, aber der hieß nicht Karl Sommer.

Daraufhin ging am 13. September ein Gnadengesuch an General Lucius D. Clay, in dem gebeten wurde, "insoweit Karl Sommer verurteilt wurde, die Bestätigung zu versagen und die ausgesprochene Todesstrafe in zeitliche Freiheitsstrafe zu verwandeln." Unterzeichnet waren die 124 Schreibmaschinenseiten von dem Berliner Rechtsanwalt Dr. Karl Hoffmann.

Aber Text und anliegende Leumundszeugnisse ließen erkennen, daß die Initiatorin des Schriftsatzes Anneliese Beyer war. Sie rief Truman an, den Kongreß, den amerikanischen Heeresminister.

Wenn in Landsberg die Todeskandidaten alle vier Wochen den Besuch ihrer nächsten Angehörigen empfangen, macht Anneliese Beyer den Weg zu der heute mit mehr als 1000 Kriegsverbrechern belegten Strafanstalt, um Sommer im roten Pullover der zum Tode Verurteilten zu sehen.

Die Todeskandidaten sitzen in einem besonderen Flügel in Einzelzellen. Im einen Teil diejenigen, die von Woche zu Woche mit ihrer Hinrichtung rechnen müssen, in einem anderen Teil diejenigen, deren Verfahren zur Ueberprüfung des Urteils, aber ohne Gewähr einer Begnadigung, zunächst noch einmal ausgesetzt wurden.

Elektrische Beleuchtung existiert nicht in den Todeszellen, in denen die Häftlinge in dieser Jahreszeit 14 und mehr Stunden ohne Licht zubringen. Es ist eine gespenstische Tafelrunde, wenn sich die Hinrichtungskandidaten Mittag für Mittag und Abend für Abend zum Essen zusammenfinden. Keiner weiß, wen das Todes-Los am nächsten Freitag treffen wird. (Gewöhnlich sind es zehn Verurteilte an jedem Freitag). Erst am Donnerstag jeder Woche werden die Namen der für die nächste Hinrichtung Ausgewählten bekanntgegeben.

Am Nachmittag vor der Hinrichtung wird für die Todeskandidaten ein Altar aufgebaut, zum Abendmahl. Am Hinrichtungs-Freitag, wenn die Delinquenten, nur mit einem Hemd bekleidet, zum Galgen geführt werden, läutet das Armsünderglöckchen den 20000 Bewohnern Landsbergs, daß wieder ein Urteil vollstreckt wird.

"Das sogenannte 'gesunde Volksempfinden' ist ganz offenbar zu weitherziger Milde geneigt. Vielfach stehen die Richter unter dem Eindruck des stürmischen Protestes, der gegen die geplante Hinrichtung aller in Landsberg wartenden Mörder erhoben wird, eines Protestes, der zugunsten von 100 Mördern tausendfach so stark, allerdings auch viel ungefährlicher als der Widerspruch gegen die gesetzlose Ermordung von Hunderttausenden während der Nazizeit war", heißt es in einem Bericht über Landsberg der jüngsten Zeit.

In solcher Situation kann es den zu Tode Verurteilten wenig nützen, wenn eidesstattliche Versicherungen von zweifelhaftem Wert zur Entlastung der Todeskandidaten als Inflationsware in die Welt geschickt werde. In solcher Situation haben es die Bischöfe Wurm, Frings und Neuhäusler schwer, eine Aufhebung von Todesurteilen zu erwirken. Obwohl im Munde eines Geistlichen das Wort Gewicht hat: "Es ist an dem Tatbestand, daß Dachauer Urteile auf unrechtmäßige Weise zustandegekommen sind und deshalb die Gefahr von Justizmorden besteht, leider nichts geändert."

(In Landsberg erwartet auch eine Reihe von Angeklagten den Tod, die in den Dachauer Kriegsverbrecherprozessen verurteilt wurden.)

Trotzdem hat General Lucius D. Clay bei wohlerwogener Bewertung der grausamen Anklagebeweise gegen die Verurteilten keine grundsätzlichen Handhaben gefunden, die Todesurteile aufzuheben oder zu überprüfen. In Einzelfällen allerdings wurde noch am Hinrichtungstage und in allerletzter Minute ein Todeskandidat vom Galgen zurückgehalten, weil eine weitere Untersuchung gerechtfertigt schien.

139 Todeskandidaten hofften in Landsberg seit dem im Januar von General Clay verfügten Hinrichtungsstop auf Gnade. Dann wurde im Oktober Wiederaufnahme der Exekutionen verfügt, ausgenommen 29 zur Begnadigung Vorgeschlagene. Ihre Zahl ist inzwischen auf 45 erhöht worden.

Um die Uebrigen kämpfen Verteidiger, Bischöfe und Angehörige, Anneliese Beyer unter ihnen. Die Chancen für ihren Kampf stehen schlecht. Wenn nicht die Amerikaner, den Franzosen ähnlich, in der Gerichtssache doch noch der Frau weichen, wie es auch im Fall Ilse Koch geschehen ist. Die SS-Kommandeuse Koch quittierte die Gnadenbotschaft mit dem Wutschrei: "Meine Freiheit und meine sofortige Freilassung verlange ich." Anneliese Beyer, die die schwarze Lockenkrone über dem blassen Gesicht trägt, würde dankbarer sein.

Für den Abzug der Russen

sorgte ein Fotograf in der Berliner Luftsicherheitszentrale. Die Sowjet-Soldaten gingen hinaus, als er das Viermächte-Personal und die Luftkorridorkarte an der Wand (rechts) knipsen wollte. Im nördlichen Korridor fliegen neuerdings von einem schleswig-holsteinischen Luftbrückenkopf Englands größte Luftfrachter vom Typ "Handley Page Hastings".



DER SPIEGEL 46/1948
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