13.11.1948

Neupolnische Leichtathletik

Ex-Kollaborateure suchen Anschluß
Verräter" scholl es Polens Ex-Premier Stanislaw Mikolajczyk entgegen, als er auf dem Kongreß der amerikanischen "Polonia" erschien. Die US-Nationalpolen wollen von dem westlich geläuterten einstigen Sowjet-Kollaborateur nicht viel wissen. Sein Sprung auf die andere Seite hat inzwischen beispielgebend gewirkt. Die zur Zeit von Warschau inszenierte Terrorwelle gab den Anlaß.
Polens neue Unrast steht in ursächlichem Zusammenhang mit rigorosen Säuberungsaktionen in der kommunistischen Polnischen Arbeiter-Partei und in der Sozialdemokratischen Partei. Für Dezember ist die Vereinigung der beiden Parteien angesetzt. Vorher werden sie mit Moskauer Politur auf Hochglanz gebracht.
Hinzu kommt, daß die endgültige Kollektivisierung der Landwirtschaft vor der Tür steht. Das Bild der innerpolitischen Unruhe wird abgerundet durch die allgemeine Nervosität und Unsicherheit im Lande. Polen lebt in einer Art Kriegspsychose.
Sie erfaßt alle Schichten der Bevölkerung. Nicht nur der Mann von der Straße, der irgendeine "nationale Abirrung" auf dem Gewissen hat, fühlt sich unsicher. Viele, die gestern zu den Spitzen Volkspolens zählten, sind heute partei- und existenzlos und bangen um ihre Freiheit. Die Verhaftungswelle erfaßt führende Männer der verschiedensten Berufsgruppen ebenso wie Mitglieder der bäuerlichen Selbsthilfe-Organisation, der dörflichen Aktivs und des Jugendverbandes "Dienst an Polen". Auch die Armee wird wieder durchgekämmt.
General Spychalski, der oberste Politruk der Armee des Marschalls Rola-Zymierski, leistet als Vertrauensmann Moskaus mit seinem Stab von MWD-Offizieren ganze Arbeit. Durch den Vorhang gesickerte Gerüchte bestätigen sich: in der letzten Zeit wurden 200 Offiziere verhaftet, dazu neun Offiziere des Hauptstabes, sechs Offiziere des Geographischen Instituts und 20 Offiziere des Sicherheits-Korps.
Die Panikstimmung greift immer weiter um sich. Mancher prominente Pole stellte sich einst, sei es aus Ueberzeugung, sei es aus Opportunismus, dem volksdemokratischen Warschauer Regime zur Verfügung. Nun springt er ab, angesichts der schwindelerregenden Schnelligkeit, mit der sein Land dem Bolschewismus zutreibt. Und sucht sich physisch und politisch in Sicherheit zu bringen.
Der polnische Konsul in Mailand, Jan Wojnowski, begann rechtzeitig zu sparen. Als seine Rückberufung nach Warschau drohte, fuhr er mit einer Taxe in die Schweiz. Dort bestieg er ein Flugzeug. Das flog gleich durch bis nach Johannesburg in Südafrika.
Mit militärisch strammer Kehrtwendung drehte der polnische Militärattaché in Washington, General Isidor Modelski, dem heimatlichen Sowjetregime den Rücken. Politisch erwies sich seine gutgedrillte kasernenhöfliche Leibesübung als nicht ganz unbedenklich. Jedenfalls schwimmt der General seither zwischen den Ufern. Es gelang ihm noch nicht, erneut festen politischen Boden unter die Füße zu bekommen.
Der Absprung des einstigen Vize-Kriegsministers der polnischen Exilregierung in London ist ein neuer schmerzlicher Sprung in Polens ohnehin brüchigem Auslandsprestige. Er war die sensationellste Leistung neupolnischer politischer Leichtathletik der letzten Zeit.
In London gehörte Modelski zu dem engeren Kreis um Mikolajczyk. Möglicherweise färbte damals dessen Verständigungsbereitschaft gegenüber dem Moskau-Warschauer Regime auf ihn ab. Jedenfalls stellte er sich zusammen mit dem General Paszkiewicz den neuen Herren Polens zur Verfügung.
Diese wußten, was sie dem prominenten Rückkehrer schuldig waren. Sie honorierten ihn entsprechend seinem Propagandawert. So sicher fühlten sie sich schließlich des bekehrten Generals, daß sie ihn als Militärattaché nach Washington schickten.
Aber General Isidor Modelski war wendiger, als Politruk Spychalski angenommen hatte. Als dieser ihn nach Warschau zurückrief, machte Modelski zum zweiten Male kehrt. In soldatischer Schlichtheit erklärte er: "Ich bin niemals Kommunist gewesen! Ich habe nie mit den Zielen des Kommunismus sympathisiert!"
Erst in Amerika will General Modelski etwas von der "wirklichen Situation Polens" gemerkt haben. Erst dort sei er dahintergekommen, daß "Rußland danach strebe, durch die Kommunisten die ganze Welt zu beherrschen".
Wenn Isidor Modelski annahm, daß die Nationalpolen im Ausland ihn mit offenen Armen aufnehmen würden, irrte er sich. Sie nennen ihn "eine der finstersten Gestalten im polnischen politischen Leben". Sie versichern dem General, daß sie ihn weder als eine "Konsekina in Hosen" noch als einen zweiten Krawtschenko werten. Der wählte bekanntlich auch die Freiheit.
Im Zusammenhang mit dem Fall Modelski erinnert jetzt Professor Adam Pragier, Informationsminister der Londoner Exilregierung, an alte Richtlinien. Schon 1945 wurden sie von der Führung der Nationalpolen ausgegeben. Sie befassen sich mit der Haltung gegenüber denjenigen Polen, die mit einer fremden Macht im Lande zusammenarbeiten.
Die Verschärfung der internationalen Lage und die fortschreitende Sowjetisierung Polens - so erklärt Minister Pragier - haben in vielen Fällen im Ausland lebende Mitarbeiter des Warschauer Regimes veranlaßt, ihre Aemter aufzugeben. In Polen selbst hätten an exponierter Stelle stehende Persönlichkeiten das Vertrauen "der in Polen herrschenden sowjetischen Agentur" verloren.
Es sei also damit zu rechnen, daß ehemalige Sowjet-Kollaborateure jetzt versuchen würden, Aufnahme bei den nationalpolnischen Emigranten zu finden. Nur dann aber seien sie erwünscht, wenn feststehe, daß sie nicht dazu beigetragen hätten, "auf irgendeinem Gebiet den Druck der aufgezwungenen Verwaltung auf die Bevölkerung zu übertragen".
Männer, die in der Emigration wichtige Stellungen inne hatten und sich "in der freien Welt" entschlossen, "unter die sowjetische Okkupation zu gehen", hätten die Folgen dieses Schrittes zu tragen. Das trifft haargenau auf den wendefreudigen General Modelski zu. Bei einem Versuch, sich "entsowjetisieren" zu lassen, würde er bei den Nationalpolen kaum Glück haben.
Professor Pragiers Stellungnahme trifft aber auch auf Ex-Premier Mikolajczyk zu. Es ist noch nicht entschieden, ob die "Persilscheine", die er sich nach seiner Flucht aus Polen mit seinen Enthüllungen und Broschüren selbst geschrieben hat, ihm wieder eine feste Stellung unter den Auslands-Nationalpolen schaffen werden. Bisher hatte es nicht den Anschein. "Polonias" Verräter-Ruf spricht eher für das Gegenteil.

DER SPIEGEL 46/1948
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