13.11.1948

LITERATUREin I für ein Ypsilon

In Sachen Lili Marlen
Lili Marleen" soll vor den Pen-Club kommen. Hans Leip, der Dichter des Belgrader-Soldatensender-Songs, sah sich genötigt, in Sachen Lili Marleen einen Brief zu schreiben, und es ist möglich, daß dieser Brief zur Sprache kommt, wenn sich am 18. November die deutsche Gruppe des Clubs der Poets, Playwrights, Editors, Essayists, Novellists zur Neugründung in Göttingen zusammenfindet.
Der Brief Hans Leips hat eine Vorgeschichte. In der "Neuen Zürcher Zeitung" erschien, mit Margrit Freud unterzeichnet, ein Artikel. Darin hieß es in feuilletonistischer Dramatik:
"In London sitzt in einem Kino Lilly Marlé und ihr Mann Arnold Marlé. Lilly Freud-Marlé ist die Tochter einer durch die Nazis ermordeten Schwester Sigmund Freuds. Sie hat eben eine Sigmund-Freud-Biographie beendet und einen Band Gedichte "Alpenglühen" und will sich im Kino entspannen.
"Da sieht sie im Film einen Soldaten in einem Konzentrationslager.... Der Soldat streichelt ein schneeweißes Kaninchen und sagt: Du bist meine Lili Marleen.
"Lilly Freud-Marlé sieht ihren Mann an, sie weiß, daß dies alles mit ihr zu tun hat. Sie sieht im Geiste die erfolgreichen Jahre im Hamburg, da sie als Diseuse Erfolge feierte. Sie erinnert sich auch, daß der berühmte Grammophonsong aus Hamburg stammen soll."
Der Artikel berichtet weiter, Hans Leip sei vor 1933 "ein gewinnender Mann" gewesen, habe aber später "Nazipropaganda am Belgrader Radio gemacht'". In einem Brief, den der Leiter des Pen-Clubs in London aus Hamburg erhalten habe, sei jedoch "zum Beweis, daß Hans Leip vor 1933 jugendfreundlich gewesen ist", hervorgehoben, das Lied "Lili Marleen" sei ursprünglich "der international bekannten Rezitatorin und Diseuse Lilly Marlé" gewidmet gewesen.
"Die deutschen Soldaten", schreibt Margrit Freud weiter in ihrem Zürcher Artikel, "haben also vor oder nach ihrer Schreckensarbeit bei den Gasöfen ein Lied auf den Lippen gehabt, das einer jüdischen Diseuse gewidmet war, deren poetische Wiedergabe von Werken H. C. Andersens, Tagores, chinesischer, japanischer Lyrik und deutscher und jüdischer Klassiker einen deutschen Poeten aus Hamburg zu einem Grammophonsong angeregt hat, der ihm Millionen eingebracht hat und zum Welterfolg geworden ist."
Der Artikel Margrit Freuds zog Kreise. Er war der Grund, daß im Pen-Club gegen den Vorschlag protestiert wurde, Hans Leip in die deutsche Gruppe des Pen-Clubs aufzunehmen.
Hans Leip erfuhr von dem Artikel erst viele Wochen später. Er bekam ihn von einem Freund zugeschickt, als er in Prien am Chiemsee im Krankenhaus lag. Bei einem Absturz in den bayrischen Bergen hatte er sich den Arm gebrochen.
Hans Leip schrieb an Margrit Freud einen Brief und stellte ihr die schon nachgerade historisch gewordene Geschichte der Lili Marleen vor: Er habe das Lied 1915 als Gardefüselier geschrieben. Es sei keiner Tänzerin und keiner Diseuse sondern zwei schlichten Mädchen gewidmet gewesen, einer Lili und einer Marleen. Es sei ohne sein Zutun geschehen, daß der Belgrader Sender der von Norbert Schultze in Musik gesetzten Lili Marleen zu ihrer Verbreitung verholfen habe.
Und weiter: "Von einer Nazipropaganda am Belgrader Radio kann meinerseits keine Rede sein. Leider habe ich an dem Lied auch keine Millionen verdient, wie Sie meinen, denn die Militärsender pflegten nichts zu zahlen. Ich habe auch abgelehnt, trotz der Aufforderung durch Goebbels, einen Film über den Lili-Marleen-Stoff zu schreiben."
Leips Schlußschnörkel: "Sollten aber meine bescheidenen Verse Frau Freud-Marlé, obgleich sie diese versehentlich und erst im Jahre 1948 auf sich bezog, dazu gedient haben, eine ihr wünschenswerte Aufmerksamkeit zu erregen, würde es mich aufrichtig freuen."
Dieser Brief, von dem ein Durchschlag auch Mr. Hermon Ould, dem Generalsekretär des Pen-Clubs in London geschickt wurde, ging an alle Zeitungen in der Welt, die den Artikel Margrit Freuds nachgedruckt hatten. Sie druckten nun auch Leips Entgegnung ab. Nur eine tat es nicht: die Neue Zürcher Zeitung.
Frau Lilly Freud-Marlé selbst hat inzwischen die Schreibart ihres Vornamens geändert, sie schreibt ihn nun wie die Belgrader Lili.

DER SPIEGEL 46/1948
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