04.12.1948

Deine Lippen rauchen Kippen

Welt-re-vo-lu-ti-on
Spät kam Paul Merker. Endfünfziger und Oberkellner in Politik, aus der Emigration - Paul Merker, der jetzt über Radio Berlin verkünden ließ, daß "nach zahlreichen Anträgen von Betriebgewerkschaftsgruppen" die Tagesaufgabe "eine einheitliche gewerkschaftliche Führung in den Betrieben und damit die Abschaffung der Betriebsräte" sei.
Ulbricht ist geriebener als der dicke Paul. So harte Weisheiten wie den Killbefehl für die Betriebsräte sächselt der "deutsche Lenin" nicht selber über den Aether, dazu schickt er Paul Merker.
Der weiß, warum er im Berliner Glaspalast der SED noch immer Müll fegen muß: Die Gesalbten des Berliner Polit-Büros, die ihre Wartejahre in Moskau abdienten, kooptierten Zweieinhalb-Zentner-Paul wohl ins Zentralsekretariat der SED, als er 1947 seekrank auf der Reede vor Rostock lag. Aber vergessen haben sie ihm nicht, daß er 1933 das Kakteen-Dickicht Mexikos den Steppen Halbasiens vorzog.
So kam Paul um die fatale Säuberung herum, der sich alle anderen in Moskau unterziehen mußten, ehe sie KP-amtlich anerkannt wurden. Es hat 1937 während der bolschewistischen Säuberungsprozesse Tage gegeben, an denen sich Altvater Pieck nicht von der Twerskaja bis Kuznetzki Most getraute. Aus Angst, er könne Karl Radek treffen und sich kompromittieren. (Radek wurde damals folgerichtig zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.)
Das alles kennt Paul Merker nicht. Als Pieck Blut schwitzte, schlürfte er geruhsam seinen Mokka double wie weiland 1928 bei Dobrin am Rosenthaler Platz in Berlin und tippte die "Demokratische Post" von Mexiko-City. Dieses Tippen war etwas schwierig: Die spanischen Setzer beherrschten die deutsche Silbentrennung nicht. So tippte Paul immer "Welt-re-vo-lu-ti-on" statt Weltrevolution.
Eigentlich ist Paul Merker Weinkellner. Als er noch keine Politik servierte, bediente er die Kaufherren von Hamburg. Er hat sie ordentlich geschröpft. Das war um 1923 herum.
Ein paar Jahre später kam er nach Berlin, um hier einmal Fritz Saar, dem Vorsitzenden des Verbandes der Kaffeehaus-, Restaurant- und Hotelangestellten Deutschlands, zu zeigen, was klassebewußte Agitation ist. Er wurde der Nachtprediger von Berlin. Wenn die Polizeistunde geschlagen hatte, ging er ins "Ganymed" am Bahnhof Friedrichstraße, das Nachtlokal der Kellner, Barfrauen und Hotelportiers von Berlin, um seine revolutionären Ansprachen vor Betrunkenen, Geschminkten und Einschlafenden zu halten. Dort waren die Lorbeeren billig, die Bezechten gaben Paul immer recht.
1928 zog Paul in die Rosenthaler Str. 38 ein, wo man im Vorderhaus sang:
Deine Lippen
Rauchen Kippen
Von der Firma Enver Bey
(Takt nach "Valencia").
Hier war die Zigarettenfabrik Enver Bey, deren Produkte Paul nun nicht mehr verkaufte. Er ging ins Hinterhaus. Dort saß das ZK der KPD. Paul wurde roter Gewerkschaftssekretär. Abteilung Nahrung und Genuß.
Marx las er nicht. Wer schon alle Weinsorten Europas im Kopf haben muß und Andalusische Windbeutel und Cumberland-Tunke dazu, dem sind die vertrackten Distributions-Schemata aus dem II. Bande des "Kapital" zu schwer. Da las er lieber gleich Lenin oder Losowsky, das war wohl klobiger, aber es ging ein wie Oel. Paul wurde lammfromm und linientreu. Verfaßte er Pamphlete, ließ er die Betriebsräte hochleben. "Alle Macht den Räten", das war damals modern. Was Fritz Saar, wie Merker meinte, nur nicht kapierte.
Das Schicksal wollte es, daß Erbfeind Saar 1946 zur SED überschwenkte. Als Paul Merker aus Mexiko kam, fand er sein Pendant im Bürgermeistersessel von Berlin-Mitte thronen. Und als Willi Rumpf Kommerzienrat Fritz Aschingers blauweiße Bierquellen sequestrierte, wurde Fritz Saar mit Aschingers Erbschaft belohnt. Herr über die Törtchen und Schnäpse des steinalten Aschinger war nun derselbe Fritz Saar, den Kellner-Paul ein halbes Menschenalter lang beschimpft hatte. Als Reformisten, Lakaien der Bourgeoisie und Agenten des Monopolkapitals.
Als der dicke Paul - er steigt aus dem Auto wie aus einer Sänfte - das letzte Mal in Magdeburg sprach, lachten ihn die Kleinkönige von Krupp-Gruson und Schäffer & Budenberg glatt aus. Er solle mal ihre Stalin-Koteletts essen, riefen sie dem fetten Paul zu. (Stalin-Koteletts heißen in der Ostzone die Harzer Käse, die es auf Fleischmarken gibt.) Darüber hat sich Paul bitter gekränkt. Magdeburg 1948 ist ein diffizileres Agitations-Objekt als die Ganymed-Stampe von 1928.
Als sie Hermann Matern im Kupferwerk Ilsenburg sogar ausgepfiffen hatten, beschloß das Berliner Zentral-Büro, die renitenten Betriebsräte, die nicht auf Stachanow-Hennecke schwören wollen, zu liquidieren. Paul ging ans Mikrophon. Er verkündete die Abschaffung der Betriebsräte und bewies in komplizierten Ableitungen, daß Betriebsräte "unter den Bedingungen der formalen bürgerlichen Demokratie und der kapitalistischen Produktionsverhältnisse nützlich sind". Wenn aber, wie in der Sowjetzone, eine staatlich geförderte Gewerkschaft die Hebung des Klassenbewußtseins durch die Betriebsräte überflüssig macht, dann müsse die Gewerkschaft mit ihrer untersten Zelle, der Betriebsgruppe, die Arbeiterschaft vertreten. Nun herrschen die "Partei-Aktivs" in den Betrieben der Ostzone. Und den maßgeschneiderten Managern der Volksbetriebe lugt kein Betriebsrat mehr in die Kompensations-Hauptbücher und Kladden.

DER SPIEGEL 49/1948
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