18.12.1948

Zweckmäßiger eine andere

Madame Bachem, Austriche
Martha Bachem ist es leid, weiterhin vor enthusiasmierten Menschenmengen eiskunstzulaufen. In diesem Winter will sie sich in Köln das letzte Mal produzieren. Martha Bachem hieß früher Martha Musilek und wirkte als Deutsche im Februar 1948 bei der Winter-Olympiade in St. Moritz aktiv mit, obgleich Deutschen die Teilnahme verboten war.
"Sur la glace: Madame Bachem, Austriche", dröhnte es durch die St. Moritzer olympischen Lautsprecher. Und dann drehte Madame Bachem ihre schwungvollen Bogen, die sie einst als Martha Musilek aus Wien berühmt machten. Weltmeister Karl Schäfer hatte sie damals zur großdeutschen Meisterin gemacht. Bis sie Herrn Bachem aus Köln am Rhein heiratete.
Nach 1945 erlosch die "Reichszugehörigkeit" ihrer österreichischen Landsleute automatisch. Aber da Martha Musilek inzwischen Frau Bachem aus Köln geworden war, behielt sie ihre deutsche Staatsbürgerschaft. Es sei denn, sie hätte sich scheiden lassen. Aber dafür lag zu dieser Zeit nicht der geringste Grund vor.
Erst als die 1948er Olympischen Spiele näherrückten, merkte Martha, daß es zweckmäßiger sein würde, eine andere als die deutsche Staatsbürgerschaft zu haben, wenn man dabei sein wollte. Und das wollte sie. 1936 war sie noch zu klein gewesen und 1940 und 1944, als sie auf der Höhe ihres Könnens war, dachte kein Mensch an olympische Spiele. 1948 schien ihr ihre Chance zu sein.
Sie nahm Töchterchen und Rucksack und ließ sich im Güterwagen von der österreichischen Repatriierungskommission in München nach Wien verfrachten. Wer laut Heimatschein in Oesterreich geboren ist und ohne reichsdeutschen Ehemann heimzukehren wünscht, den läßt der österreichische Staat herein. Die Scheidung muß dann innerhalb der rot-weiß-roten Grenzpfähle erledigt werden. Bis es so weit ist, sind die "Anwärterinnen" den Staatsbürgern Oesterreichs gleichgestellt.
Martha hatte keine Eile mit der Scheidung. Zunächst einmal entsandte das österreichische Komitee sie nach St. Moritz und Davos.
Zu olympischen Ehren langte es nicht. Martha Bachem-Musilek wurde nur neunte. Und bei den Weltmeisterschaften in Davos landete sie auf dem siebten Platz. Wenn ihre unmittelbare Rivalin, die 17jährige New Yorkerin Yvonne Claire Sherman, nicht ein so bezauberndes Mädchen gewesen wäre, hätte Martha ebensogut den sechsten Platz einnehmen können.
Im gedämpften Licht der Engadiner Ballsäle suchte man Frau Bachem vergeblich. In ihrem Rucksack war kein Ballkleid.
Nach den olympischen Spielen wurden in Wien die deutsche Staatsangehörige Martha Bachem und ihr Kind auf die Liste der Auszuweisenden gesetzt. Im Heimkehrertransport ging es zurück nach Deutschland.
*) 16 Millionen Reichsmark lieferten die Buchmacher vor dem Kriege jährlich an Steuern ab, nach dem Kriege 1947 5½ Millionen. Die Steuerkurve stieg im ersten Halbjahr 1948 auf 28 Millionen, nach der Währungsreform fiel sie im ersten Quartal auf 2310000 DM.

DER SPIEGEL 51/1948
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/1948
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zweckmäßiger eine andere

  • Politische Gefangene in der Türkei: Kindheit hinter Gittern
  • Abgelehnter Brexit-Deal: Gegner und Befürworter in Wut auf May vereint
  • Terror in Kenia: Alle Attentäter von Anschlag "eliminiert"
  • Von der Lawine erwischt: Schnee im Speisesaal