18.12.1948

BÜHNE UND FILMVon der Nichte Susanne verfolgt

Spiel mit der Stiefmutter
Mit einem Rückflugbillet für drei Tage kam Karl Heinz Schroth nach Hamburg. Er ist nicht nach Berlin zurückgeflogen. Im Thalia-Theater, in der deutschen Erstaufführung des musikalischen Lustspiels "Hofloge" von Karl Farkas, stand er wieder auf einer Bühne der Stadt, in der er 13 Jahre geschauspielt hat.
Es war außerdem sein 25jähriges Bühnenjubiläum. Davon wußte niemand etwas. Schroth meint, daß ein Jubiläum einem Liebhaber schlecht steht, und er ist eine Art. Spezialist für die Bühnengattung "Liebhaber".
Seine Rolle in "Hofloge" liegt auch auf der Linie so liebenswürdig-unglücklicher Liebhaber wie der in "Bezauberndes Fräulein" oder "Meine Nichte Susanna". Er ist in der "Hofloge" ein Selbstmordkandidat, der wider Willen zum uniformgeschmückten König wird.
Schroth hätte in Hamburg endlich gern eine ernste Rolle gespielt, am liebsten Anouilh. Aber Direktor Willy Maertens war froh, als er die "Hofloge", diese leichte Wiener Schaumkost, mit Schroth besetzen konnte und mit Karin Jacobsen, einer Schauspielerin, für die das sonst oft mißbrauchte "charmant" zutrifft.
Seit fünf Jahren, seit der Wiener Uraufführung mit der bei einem Bombenangriff ums Leben gekommenen Lizzie Waldmüller, verfolgt die "Nichte Susanne" Schroth auf allen Bühnen. Das Publikum im Dreieck Hamburg-Wien-Berlin verlangte immer wieder einen traurigkomischen Schroth.
Als Charakterdarsteller ist Karl Heinz Schroth erst von der Kamera entdeckt worden. In seinem ersten Nachkriegsfilm "Morituri" war er ein französischer KZ-Flüchtling. In seinem zweiten Film "Die letzte Nacht" ist er der "Bruder" von Sybille Schmitz, ein französischer Widerstandskämpfer.
Seinen ersten heiteren Film beginnt Schroth im Januar bei der Real-Film in Hamburg. Darin ist er ein Steuerbeamter, der Familie und Umwelt terrorisiert. Durch den Einfluß von zwei jungen Freunden wird er ein "netter Mensch".
Auf der Bühne hat es Schroth bisher nicht geschafft, eine ernste Rolle zu spielen. In seinen Bühnenwanderjahren, 1923 bis 1928, spielte er zwischen Frankfurt (Oder), Meran, Brünn und Düsseldorf als alter Mann mit Buckel, Brille und viel Schminke. Erich Ziegel holte ihn als jugendlichen Bonvivant an seine Hamburger Kammerspiele.
Die Schroths sind eine Theaterdynastie. Das Theater liegt ihnen seit der französischen Revolution im Blut. Der Urahne erlangte eine novellistisch besungene Berühmtheit: als französischer Schauspieler pflegte er seine Kritiker guillotinieren zu lassen.
Schroths Großeltern zogen noch mit dem eigenen Thespiskarren durch das Elsaß. Großmutter Schroth spielte Gerhart Hauptmanns "Hannele" und saß vorher geschminkt und im Kostüm an der Kasse.
Der Großvater trommelte sich sein Publikum eigenhändig zusammen. Er betätigte sich außerdem als Souffleur und richtete unter dem Kasten eine Fahrradlampe auf die Darsteller: Ersatz für den Scheinwerfer.
Der Vater, Heinrich Schroth, brachte es als erster Schroth zur Bühnen- und später Filmberühmtheit, als Darsteller von "Herren"-Rollen. Im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg hatte er seine erste Glanzzeit. 1945 ist er in Berlin an einem Herzschlag gestorben, 74 Jahre alt.
Heinrich Schroths Brüder, Schwestern, Kinder, alle hatten den Theaterbazillus. Seine erste Frau, die Mutter von Karl Heinz, war Else von Ruttersheim, Schauspielerin und schönste Frau von Wien. Heute lebt sie in Italien.
Aus der zweiten Ehe, mit Käthe Haack, stammt Hannelore. Sie war bei Kriegsende in Wien und ist dort geblieben. Heute heißt sie Frau Haß. Ihr Mann ist der durch seine Unterwasseraufnahmen international bekannt gewordene ehemalige "Flossenmensch" Dr. Hans Haß, der jetzt Kulturfilme dreht und Tiefseebücher schreibt.
Bei einer so verbreiteten Bühnenverwandtschaft erscheint es nahezu als Wunder, daß Karl Heinz Schroth erst mit einer aus dieser zahlreichen Verwandtschaft zusammen Theater gespielt hat: mit seiner Stiefmutter Käthe Haack.

DER SPIEGEL 51/1948
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