23.12.1948

BÜHNE UND FILMUeber allem Zauber Liebe

Extra-Watt für Egk
Werner Egk war sichtlich zufrieden, als in der Städtischen Oper Berlins Generalprobe seiner neuen Oper "Circe" war. Er selbst konnte nicht ernst bleiben bei den komischen Partien, und als die Zauber-Affen-Musik aus Klarinette und Bombardon ertönte, nickte er lächelnd vom Dirigentenpult ins Orchester.
Nachher zitierte er das Sprichwort von dem Tag, den man nicht vor dem Abend loben soll. Er huldigt dem alten Aberglauben, auf Generalproben nicht über den späteren Erfolg des Stückes zu sprechen. Immerhin gestand er, daß vor allem eines seine Erwartungen weit übertroffen habe: Joseph Fennekers Bühnenbild und Kostüme. "Was der an Licht und Farbe hineinzauberte, ist erstaunlich."
Intendant Heinz Tietjen hatte einige 1000 Watt extra für die Oper seines Schützlings Egk spendiert. Die beiden arbeiten schon lange zusammen. 1936 brachte die Berliner Staatsoper unter Tietjen die Neufassung von Egks "Zaubergeige" heraus, eine straffere Version der 1935 in Frankfurt/Main uraufgeführten Oper.
Dann holte Tietjen den Komponisten als Kapellmeister an die Staatsoper. 1938 ließ er seine zweite Oper "Peer Gynt" und 1940 sein Ballett "Joan von Zarissa" uraufführen.
Als Tietjen Intendant der Städtischen Oper wurde, nahm er sofort die "Circe" zur Uraufführung an. Zwei Jahre lang hatte man sich in Frankfurt mit ihr vergeblich abgemüht. Vier Wochen brauchte Tietjen für ihre Inszenierung in Berlin.
"Warten Sie zwei Jahre ab", prophezeit Egk, "was dann aus der Bruchbude, die Tietjen übernahm, geworden ist." Der Komponist ist froh, daß seine "Circe" gerade hier herauskommt.
Eine neue Lichtanlage warf am Premierenabend ihre 12000 Watt von unten auf zwei Rundhorizonte. Davor lag ein Goldschleier. Es werde keine Illusionsbühne da sein, hatte Egk schon vorher gesagt, sondern eine fast leere Bühne. "Nur Himmel und Meer, Andeutungen illusionistischer Bestandteile."
"Circe" wurde von Karina Kutz kreiert: eine Katze, geschmeidig, sinnlich, mit leidenschaftlichem Timbre im Sopran. Sie verwandelt erst Ulyss' Gefährten in Tiere und versucht es dann mit einem Zaubertrank bei ihm selbst. Odysseus: Hans Beirer, ein strahlender Liebender, kein listenreicher.
Doch Odysseus bricht Circes Macht. Die Liebe der beiden beginnt, schadenfroh von Circes Gefährtinnen und ängstlich von Ulyss' Kameraden beobachtet. Aus einem Streit zwischen Ulyss und Arsiades, dem ehemaligen König und jetzigen Sklaven Circes, entsteht das Spiel: Der eine muß Liebe vortäuschen, der andere verhehlen.
Täuschung wird Wahrheit. Ulyss liebt die rothaarige Zauberin wirklich. Er vergißt Kameraden, Weib, Kind und Heimkehr, Erst als Achill sich aus der Unterwelt herbemüht, erwacht Ulyss und führt "seinen großen Sieg". Er wird mutig und flieht.
Circe schickt ihm zwar ein Gewitter nach, bricht es aber wieder ab. Die Liebe verdrängt die Rache wie den Zauber.
"Ueber allem Zauber Liebe" hieß Calderons Schauspiel. Egk schrieb danach selbst sein Libretto. Ein dramatisches, in dem auch das Komische nicht zu kurz kommt. Sein Leporell ist nicht nur ein Namensvetter von dem, den Mozart schuf.
Egk verwebt ingeniöse Parodien, deftige Rüpelszenen, drastische Balletts und Chöre (der Frauenchor ist ins Orchester verlegt) mit der melodiösen und trotz modernster Akkorde stets tonal bleibenden Musik seiner Haupthandlung. "Es werden wieder sehr viele Melodien da sein, so leid es mir tut", hatte Egk angekündigt.
Es gab kaum eine Berliner Zeitung, in der nicht die Egksche Absage an das Musiziertheater zu lesen war. Das Publikum bekam sie in der Städtischen Oper mustergültig vorgesetzt.
Es gab bedeutenden Beifall. Und einige Pfiffe. Sie kamen nicht weit.

DER SPIEGEL 52/1948
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BÜHNE UND FILM:
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