01.01.1949

BÜHNE UND FILMFräulein Mabel fällt aus dem Rahmen

In der Hamburger Oberstraße hängt an einem Gartenzaun ein Schild "Burg-Film". Im Villenkeller sitzt ein Stab von Zeichnern und Zeichnerinnen: sie übertragen Hans Helds Phantasiefiguren für den ersten deutschen Nachkriegs-Zeichen- und Trickfilm Hans Georg Dammans auf Zellophanpapier.
Hans Held, früher Trickfilmzeichner bei der Bavarja-Film, kam nach Kriegsende aus Holland via Aurich nach Hamburg, und dort lief ihm ein breitschultriger, blonder Hühne über den Weg: der Exproducer der früheren Ufa-Wochenschau, Hans Georg Dammann. Beide hatten keinen Job, aber eine gute Idee. Das Ergebnis: die "Burg-Film" in der Oberstraße.
Dort werden in diesen Tagen, angestrahlt von vier vielwattigen Lampen, Szenen für den 300-m-Streifen "Kalif Storch" nach Wilhelm Hauffs Märchen aufgenommen. Held und Dammann wollen keine Walt-Disney-Kopien. Sie haben ihre eigenen Vorstellungen vom Trickfilm und auch ihre eigenen Erfahrungen, diese mit der seinerzeit ins Leben kommandierten Deutschen Zeichenfilm-Gesellschaft in Berlin.
Ein Riesenstab von Zeichnern und Zeichnerinnen sezierte damals sämtliche Erfolgsfilme des Micky-Maus-Vaters. Das Resultat war der bunte Zeichentrickfilm "Armer Hansi": Ein freigelassener Vogel hatte reumütig in seinen goldenen Käfig zurückzukehren. Auch beim Humor mußte die NS-Richtung stimmen.
Als Hans Held damals seinen ersten Zeichenfilm "Störenfried" vorführte, paßte die Richtung nicht. Der "Störenfried" Fuchs erregte ministeriellen Unwillen, wegen der braunen Farbe, die er trug. Man fürchtete unliebsame Kombinationen. Hornissenschwärme in Stuka-Formation, die sich auf den Fuchs stürzten, wurden als Diffamierung empfunden. Nur Göring sagte: "Quatsch!" Der "Störenfried" fand wieder Gnade.
Seit der welterobernden Micky sind Tiere immer noch die beliebtesten Trickfilmstars. Man überträgt ihnen menschliche Eigenschaften. Es genügt nicht, nur irgendwelche Fabelwesen zu karikieren, meint Dammann. Der Trick eines guten Trickfilmstars ist, daß er im Ausdruck menschlich reagiert, in den Bewegungen tierisch realistisch bleibt.
Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Wenn zum Beispiel in "Kalif Storch" der in Adebar verwandelte dicke Würdenträger sich nicht vom Boden erheben kann, wird er mit einem Katapult aus Palmenzweigen hochgeschleudert.
Tausende von Zeichnungen stapeln sich im "Burg"-Trickfilmkeller. Für die Bewegungen einer Figur in einem 300-m-Streifen sind etwa 15600 Einzelzeichnungen nötig, auf einem Meter 52. Jede einzelne Bewegungsphase wird auf dem Tricktisch von der Kamera aufgenommen.
Walt Disney brauchte für seinen abendfüllenden Schneewittchenfilm*) mit 60 Zeichnern und Zeichnerinnen zwei Jahre. Burg-Filme sollen zehn Minuten Laufzeit haben. Held will sie mit 20 Helfern in je drei bis vier Monaten schaffen.
Beim Zeichentrickfilm geht es umgekehrt wie beim Spielfilm zu. Musik, Sprache und Geräusche werden schon vorher auf ein Tonband aufgenommen. Der Zeichner kann an den Markierungen ablesen, wie lange zum Beispiel der böse Zauberer lacht. Nach dem Tonbild gibt er ihm die Mundbewegungen.
Einen Kummer haben die Burg-Film-Leute: sie können noch keinen Farbfilm herausbringen. Es fehlt noch an Material. Dafür haben sie etwas für Deutschland Neues: Sie mischen reale Spielfilmaufnahmen mit Trickfilmzeichnungen. In dem ersten Kurzfilm dieser Serie hat der NW-DR-Komiker Heinz Ehrhardt seine große Stunde. Er erweckt darin das "Fräulein Mabel" aus seinem Couplet zum Leben. Als gezeichnetes Pin-up-Girl steigt es mit plastischen Formen aus dem Rahmen und singt mit seinem Funkpropagandisten ein Duett.
Es beginnt so: "Mabel, Sie fielen etwas aus dem Rahmen, Sie sind entrahmt, wenn man so sagen darf".
Wenn unberufene Augen das Tete-a-tete stören, steckt Ehrhardt seine Mabel in die Brieftasche.
*) Walt Disney hat auf die Bitte des Direktors der Militär-Regierung von Bayern, Murray D. van Wagoner, eingewilligt, daß sein Film "Schneewittchen und die sieben Zwerge" während der Weihnachtsferien in München bedürftigen Kindern vorgeführt wird. Es ist das erstemal, daß dieser Film deutschen Zuschauern gezeigt wird.

DER SPIEGEL 1/1949
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Fräulein Mabel fällt aus dem Rahmen

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