29.01.1949

Deutsche Politik mit Russen

In Schal und Mantel mußte schon im letzten Winter Botschafter Rudolf Nadolny Freunde und Bekannte im luxuriösen Salon seiner Wohnung am Berliner Hohenzollerndamm empfangen. Dieses Jahr ist die Blockade dazugekommen, und die Kohlen sind eher noch knapper als letztes Jahr.
Es sei ihm einfach zu kalt in Berlin, sagt der 75jährige alte Herr; deshalb und nur deshalb sei er in den Westen gekommen. Bei seinem Schwiegersohn im rheinischen Heinzberg sei Aussicht auf einen komfortableren Winter. Wenn er als alter Diplomat natürlich nebenher auch an dem Anteil nehme, was der Westen einem unbeteiligten Beobachter an politisch Interessantem zu bieten habe.
Geglaubt hat das niemand. Denn Rudolf Nadolny, Botschafter a. D. in Ankara und Moskau, trägt wie ein Ahasverus die Last der oft mißglückten deutsch-russischen Beziehungen. Er gehört zu der besonderen Diplomaten-Spezies der nur ostwärts gerichteten Politiker. Allerdings nicht mit ideologisch-kommunistischem, sondern konservativem Untergrund - ein später Epigone Bismarcks, der sich im Osten die Rückversicherung holte, aber immer mit fünf Kugeln spielte.
Rudolf Nadolny ist in Bonn gewesen und hat Konrad Adenauer und Carlo Schmid seine Reverenz erwiesen. Konrad Adenauer sprach ein paar allzu höfliche Worte und bedauerte. Die parlamentarische Präsidentschaft nehme ihn gegenwärtig sehr in Anspruch - zu jeder anderen Zeit gern. Carlo Schmid war eher noch reservierter: Er halte eine Unterredung für zwecklos.
Eine Unterredung, die nach Nadolnys Plänen ein Gespräch deutscher Politiker aller Parteien und Zonen in Gang bringen sollte - einen zweiten Aufguß jener "Nationalen Repräsentation der Persönlichkeiten" die (Nadolny-inspiriert und Friedensburg-dirigiert) im November 1947 mit einem fruchtlosen politischen Gespräch am Berliner Wannsee und einmütigem Trotzen der Partei-Büros begann und endete. Die Zeit erwies sich Gesprächen mit Rückversicherungspolitikern feindlich. Auch jetzt, als Nadolny neben Politikern interessierte Geschäftsleute mit hohen Interzonen-Handelskonten auf beiden Seiten als Fühler vorschicken wollte.
Rudolf Nadolny hat sich nach Bonner und Frankfurter Besuchen wieder auf seine Heinzberger Winterbesuchs-Linie zurückgezogen. So bleibt einstweilen das Zwielicht des Geheimnisses über der Behauptung, Nadolny sei mit Wissen oder sogar auf Anregung der SMA als politischer Emissär mit Verständigungsaufträgen des Ostens gekommen und direkt an Beamte und Dienststellen der Westalliierten herangetreten.
Nadolny (groß mit schmalem Kopf, östlich hängendem Schnurrbart und leicht vorstehenden Backenknochen, heute in Anzug und Gehabe ein wenig altmodisch und über die Schwelle des Greisenalters schon hinweg) hatte bereits 17 Jahre diplomatischen Dienst hinter sich, als er 1919 so etwas wie Staatssekretär bei Friedrich Ebert wurde. Ebert mochte den Mann mit der "slawisch gerichteten Seele" nicht. Er holte sich lieber den elsaß-lothringischen Oberregierungsrat Meißner, der viel beweglicher war, nette Anekdoten erzählen konnte und dann zum einzigen stabilen Element der deutschen Politik unter zwei Präsidenten und einem Führer wurde.
Als Botschafter in Ankara hatte Nadolny, Petersburger Erfahrungen als Vizekonsul nutzend, 1924 sofort guten Kontakt mit dem spitzbärtigen Sowjet-Botschafter Suritz, der später nach Berlin kam. Suritz kabelte jeden Wink Nadolnys nach Moskau, und die Sowjets unterstützten Deutschlands Kampf gegen den Versailler Vertrag, immer - bis Hitler kam.
Bei der Genfer Abrüstungs-Konferenz hatte der deutsche Delegationschef Rudolf Nadolny sowjetische Rückendeckung bei Maxim Litwinow und Boris Stein. Mit sowjetischer Hilfe sei es ihm, sagt Nadolny, dann 1932 gelungen, Deutschlands Gleichberechtigung auch de jure durchzusetzen. Dann aber kam Franz von Papen, ein Konservativer wie Nadolny, aber in seiner Couleur ebenso einseitig westlich wie Nadolny östlich. Die Früchte von Nadolnys Außenpolitik erfroren.
1933 wurden die letzten zwischen Nadolny und Eitwinow mühsam geknüpften Fäden von Goebbels und Hitler zerrissen. Die Kreml-Freunde aus der Reichswehr in der Bendlerstraße wandten sich nervös an den alten Hindenburg, der dann Hitler das Zugeständnis abtrotzte, Rudolf Nadolny als Botschafter nach Moskau zu schicken.
Der Kreml verstand diese Geste, und Litwinow machte wieder etwas Sonnenschein. Aber lange dauerte das nicht: Litwinow hatte im Einverständnis mit Nadolny den Abschluß eines deutsch-sowjetischen Garantie-Vertrages über die Unabhängigkeit der baltischen Staaten vorgeschlagen. Auf einer Reise nach Genf machte Litwinow einen Abstecher nach Berlin. Neurath, damals Außenminister, empfing ihn betont kühl. Litwinow war verschnupft. Nadolny verlangte von Hitler eine außergewöhnliche Geste der Wiedergutmachung und untermalte seine Forderung mit Hinweisen auf die Stärke der Roten Armee. Hitler und Neurath lehnten ab. Nadolny schrieb einen bösen Abschiedsbrief. Neurath nahm an.
Um Rudolf Nadolny aber bildete sich ein Gewebe von Legenden. Es gruppierte sich ein geheimer Nadolny-Kreis, in dem der Botschafter unter östlich orientierten Diplomaten, ostkonservativen Generälen, alten Bismarck-Verehrern, Industriellen mit gutem Rußlandgeschäft und sogar Oberbannführern aus der Reichsführerschule der HJ von Potsdam geheime Rundschreiben zirkulieren ließ.
Als Marschall Shukow Berlin stürmte, verkrümelte sich Rudolf Nadolny nicht wie die anderen Diplomaten nach dem Westen. Er wurde Präsident des Roten Kreuzes der Ostzone, als sich die SMA etablierte. Das Elend der Deutschen in den politisch besetzten Ostgebieten ging auch ihm über die östliche Schlapphutschnur. Er schickte der SMA eine Denkschrift und mußte darauf gehen. Das Rote Kreuz wurde aufgelöst.
Mit Shukows Zusicherung, er werde behandelt wie ein ordentlicher akkredierter Botschafter, blieb er trotzdem persona grata in Karlshorst. Zur SED hat er keine direkten Verbindungen. Er macht "deutsche Politik" mit den Russen.
Für diese Politik hat er eine einfache Theorie entwickelt: Die Sowjets sind da, ebensowenig herbeigerufen und erwünscht wie Engländer, Amerikaner und Franzosen. Aber ebensowenig gewillt, sich durch deutsche Politiker zum Rückzug zwingen zu lassen. Sie sind ein politisches Faktum. Man muß mit ihnen rechnen, d. h. man muß mit ihnen zusammenarbeiten, um für alle Beteiligten den Kompromiß auf der mittleren Linie zu finden. Je eher sich die Alliierten einigen, desto besser für Deutschland. Dieser Uebereinkunft darf man nicht im Wege stehen, deshalb müssen sich die Deutschen untereinander auf einer Linie einigen, der Linie der nationalen Einheit. Eines Tages werden sich die östlichen und westlichen Alliierten zusammenfinden. Wenn sich dann die deutschen Politiker in einer einseitigen Kontra-Position verrannt haben, sind sie ein Stein auf dem Pfad der alliierten Einigung.
Rudolf Nadolny weiß, daß der Kreml nicht an Ost-Deutschland, sondern nur an Gesamt-Deutschland interessiert ist. Seine politisch-diplomatischen Ambitionen passen gerade in das sowjetische Konzept. Und schließlich hängt ja auch in seiner eiskalten Berliner Hohenzollerndamm-Wohnung das Bild Josef Stalins, mit eigener Signatur sogar.

Fragil
stand auf den 44 Kisten, die an der Frankfurter Taunusanlage von US-Trucks in die Bank Deutscher Länder geschleppt wurden.
Die Kisten sind seit drei Jahren keinen Augenblick unbewacht. Der Silberschatz des Kronprinzen liegt darin verpackt - gedrehte Kandelaber, unförmige Tafelaufsätze, wappenverzierte Silberschüsseln. 800000 Dollar sind die sieben Zentner Silber wert. 1908 stifteten die deutschen Städte das 500teilige Eßservice ihrem Kronprinzen als Hochzeitspräsent. 1922 verkaufte Wilhelm an die Stadt Berlin. Im Kriege wurde es in 44 eigens dafür gezimmerte Kisten in einem thüringischen Salzbergwerk vergraben. Ein ominöser Ziselist gab den Amerikanern den Tip, als sie Thüringen den Russen überließen. Sie verschifften die Kisten über den Ozean.
Jetzt schrieb Berlins Commander Howley an Berlins Westsektorenmagistrat, der kronprinzliche Silberschatz komme zurück nach Deutschland. Als Zeichen des amerikanischen Vertrauens zur Bevölkerung Berlins.
Berlins stellvertretender Oberbürgermeister Dr. Friedensburg (s. Bild) flog nach Frankfurt und zählte. Es fehlte nichts.

DER SPIEGEL 5/1949
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