29.01.1949

Die letzten Stalingrad-Briefe

wurden von der Heeres-Feldpost-Prüfstelle geöffnet und teilweise beschlagnahmt, um sie zu zensieren und um die Stimmung einer zerschlagenen Armee zu untersuchen. Dem Bearbeiter eines vom Oberkommando der Wehrmacht in Auftrag gegebenen Stalingrad-Buches wurden Abschriften ohne Absender und Anschrift zur Verfügung gestellt. Das fertige Buch wurde später von Dr. Goebbels als "untragbar für das deutsche Volk" abgelehnt. Hier sind Auszüge aus den Briefen:
Heute morgen ist uns gesagt, daß wir schreiben können. Ich weiß, daß es das letztemal sein wird. Du weißt, daß ich immer an zwei Menschen, an zwei Frauen geschrieben habe, an die "andere" und Dich. Am wenigsten aber an Dich. Ich war weit entfernt von Dir, und Carola stand mir näher wie Du, in den letzten Jahren. Aber heute, wo ich vom Schicksal vor die Wahl gestellt werde, nur noch an einen Menschen schreiben zu dürfen, geht mein Brief an Dich, die seit sechs Jahren meine Frau ist. Ich weiß, es wird Dir wohl tun, wenn Du erfährst, daß der letzte Brief des Mannes, den Du liebtest, an Dich gerichtet ist. Und ich habe es nicht fertiggebracht, an Carola zu schreiben. Sei großmütig und verzeih, was ich Dir im Leben Unrechtes tat und gehe zu ihr (sie wohnt bei ihren Eltern) und sage ihr, daß ich ihr viel verdanke und sie durch Dich, also durch meine Frau, grüßen lasse. Sage ihr, daß sie mir viel in dieser letzten Zeit gewesen und ich hätte oft daran gedacht, was einmal werden sollte, wenn ich heimkehrte. Aber sage ihr auch, daß Du mir mehr gewesen seist und daß ich eigentlich froh bin, diesen Weg diktiert bekommen zu haben, der uns dreien eine entsetzliche Quälerei erspart hat. Ob Gott wohl größer als das Schicksal ist?
Liebster Vater! Die Division ist ausgeschlackt für den Großkampf, aber der Großkampf wird nicht stattfinden. Du wirst Dich wundern, daß ich an Dich schreibe und an Deine Adresse im Amt, aber was ich in diesem Brief zu sagen habe, ist nur unter Männern zu sagen. Wir dürfen heute schreiben, heißt es bei uns. Du bist Oberst, lieber Vater, und Generalstäbler, Du weißt, was das bedeutet. Ich will nicht nach Gründen suchen. Wenn ich dazu etwas zu sagen habe, dann das eine: Sucht nicht nach Erklärungen für die Situation bei uns, sondern bei Euch und bei dem, der dieses zu verantworten hat. - Zum Schluß das Persönliche. Du kannst Dich darauf verlassen, daß alles anständig zu Ende gehen wird. Ist ein bißchen früh mit dreißig Jahren, ich weiß. Keine Sentiments. Händedruck für Lydia und Helene. Kuß für die Mama (vorsichtig sein, alter Herr, Herzfehler bedenken). Kuß für Gerda. Grundsätzlich Gruß an alle übrigen. Hand an den Helm, Vater - - -
Unser persönliches Leben liegt ganz einfach vor uns. Wir haben uns geachtet und geliebt und zwei Jahre gewartet. Es ist ganz gut, daß die Zeit dazwischen liegt, sie hat zwar die Spannung auf das Wiedersehen erhöht, aber auch in starkem Maße die Entfremdung gefördert. Die Zeit ist es, die auch die Wunden meiner Nichtwiederkehr schließen muß. Du wirst im Januar 28-Jahre alt, daß ist noch sehr jung für eine so hübsche Frau und ich freue mich, daß ich Dir dieses Kompliment immer wieder machen durfte. Ich weiß, daß Du mich sehr vermissen wirst, aber schließe Dich trotzdem nicht ab von den Menschen. Laß ein paar Monate dazwischen liegen, aber nicht länger. Denn Gertrud und Claus brauchen einen Vater - - -
Was jetzt mit uns geschehen wird, weiß niemand, aber ich glaube, daß es für uns zu Ende ist. Wenn ich die Tage des Krieges gut hinter mich gebracht hätte, dann würde ich erst verstanden haben, was das bedeutet, Mann und Frau im rechten und tiefen Sinn zu sein. Nun, da diese letzten Zeilen an Dich gehen, weiß ich es auch. Aber ich kann es Dir nicht mehr sagen - - -
Ich war froh, wenn ich am Fernrohr saß und den Himmel und die Sternenwelt betrachtete, und glücklich und zufrieden wie ein Kind, das mit den Sternen spielen darf. Von meiner Hand ist kein Mensch gefallen. Ja, ich habe noch nicht einmal mit meiner Pistole scharf geschossen. Aber so viel weiß ich, daß die Gegenseite eine solche Verständnislosigkeit nicht aufbringt. Ich hätte gerne noch ein paar Jahrzehnte Sterne gezählt - -

DER SPIEGEL 5/1949
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 5/1949
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Die letzten Stalingrad-Briefe

Video 01:28

Erster Weltkrieg Deutsches U-Boot vor Ostende entdeckt

  • Video "Erster Weltkrieg: Deutsches U-Boot vor Ostende entdeckt" Video 01:28
    Erster Weltkrieg: Deutsches U-Boot vor Ostende entdeckt
  • Video "Drohnenvideo aus Australien: Walkuh schiebt Kajak beiseite" Video 00:43
    Drohnenvideo aus Australien: Walkuh schiebt Kajak beiseite
  • Video "Rede vor der Uno: Trump droht Nordkorea mit völliger Zerstörung" Video 01:32
    Rede vor der Uno: Trump droht Nordkorea mit "völliger Zerstörung"
  • Video "Sturm der gefährlichsten Kategorie: Hurrikan Maria bedroht Karibikinseln" Video 00:59
    Sturm der gefährlichsten Kategorie: Hurrikan "Maria" bedroht Karibikinseln
  • Video "#1TagDeutschland: Bundeskanzlerin Weidel oder Wagenknecht, Herr Scheuer?" Video 01:35
    #1TagDeutschland: Bundeskanzlerin Weidel oder Wagenknecht, Herr Scheuer?
  • Video "Überraschung: Ex-Trump-Sprecher Spicer tritt bei Emmy-Verleihung auf" Video 01:24
    Überraschung: Ex-Trump-Sprecher Spicer tritt bei Emmy-Verleihung auf
  • Video "Das Tote Meer Chinas: Salzsee färbt sich grell pink" Video 00:00
    Das "Tote Meer Chinas": Salzsee färbt sich grell pink
  • Video "Militärmanöver Sapad: Das Misstrauen ist sehr groß" Video 02:31
    Militärmanöver "Sapad": "Das Misstrauen ist sehr groß"
  • Video "Dokumentation über Flüchtlingskrise: Unfassbar, was da draußen stattfindet!" Video 02:30
    Dokumentation über Flüchtlingskrise: "Unfassbar, was da draußen stattfindet!"
  • Video "Europäer über die Bundestagswahl: Ich hoffe, Schulz wird Finanzminister" Video 01:38
    Europäer über die Bundestagswahl: "Ich hoffe, Schulz wird Finanzminister"
  • Video "Radikalisierung der AfD: Der Einzug in den Bundestag ist eine Zäsur" Video 05:04
    Radikalisierung der AfD: "Der Einzug in den Bundestag ist eine Zäsur"
  • Video "Webvideos der Woche: Einparken in luftiger Höhe" Video 01:58
    Webvideos der Woche: Einparken in luftiger Höhe
  • Video "Rapper trifft Familienministerin: N Sack Kartoffeln is ´n Sack Kartoffeln" Video 31:45
    Rapper trifft Familienministerin: "N Sack Kartoffeln is ´n Sack Kartoffeln"
  • Video "Blinder Passagier: Koala klammert sich unter fahrendem Auto fest" Video 01:02
    Blinder Passagier: Koala klammert sich unter fahrendem Auto fest
  • Video "Zufallsfund in Norwegen: 1100 Jahre altes Wikingerschwert entdeckt" Video 01:25
    Zufallsfund in Norwegen: 1100 Jahre altes Wikingerschwert entdeckt