29.01.1949

ICH BITTE ERSCHOSSEN ZU WERDEN

PHILIPP HUMBERTS BERICHT

In Stalingrad geriet der damalige Oberleutnant Humbert als persönlicher Adjutant des Generals von Seydlitz in Gefangenschaft. In Stalingrad begann die von Hitler unterbrochene deutsch-russische Kollaboration aufs neue, deren Früchte das "National-Komitee Freies Deutschland" und die SED der Ostzone sind und die zu verstehen sich wahrscheinlich verlohnt. Ohne Prophetie läßt sich heute schon sagen, daß Deutschland und damit West-Europa um die ideelle und biologische Auseinandersetzung mit dem Osten nicht herumkommen werden, gleichgültig ob eine militärische Auseinandersetzung vermieden werden kann oder nicht. Russisch-deutsche Kollaboration wird in den verschiedensten Spielarten immer ein Teil dieser Auseinandersetzungen sein, die eingebildetermaßen mit Yorck in Tauroggen begann, die angeblich von Bismarck, dem Reichswehrgeneral Seeckt und Hitler weitergeführt wurde, die aber in Wahrheit erst anfing mit dem Schritt des Generals Walther von Seydlitz. Humbert hat nicht nur die Katastrophe von Stalingrad im Brennpunkt miterlebt, er hat auch den "anderen Seydlitz" aus nächster Nähe beobachten können, bevor er auf merkwürdigen Umwegen nach Deutschland zurückkam. Wer sich darüber wundert, wie deutsche Generale zu Männern des National-Komitees wurden, wer sich dafür interessiert, wie man in aussichtsloser Lage als russischer Strafgefangener Leben, Freiheit und Ehre behalten konnte, für den hat Gerhard Philipp Humbert seinen Bericht geschrieben, den "DER SPIEGEL" in mehreren Fortsetzungen erstmalig veröffentlicht. Eine für die nächsten Jahre nicht ganz unwichtige Nutzanwendung dürfte sein, daß es manchmal gar nicht so nutzlos ist, vorzutreten und zu sagen: "Ich bitte erschossen zu werden."

Seydlitz reckte seine hagere Gestalt und sagte schneidend: "Meine Herren, das ist ja Landesverrat!" Seine Hand griff nach dem Pelzbarett, er ging durch das Schweigen der anderen Generale zur Tür. Die wurde im selben Moment von außen aufgerissen, Generaloberst Paulus stand plötzlich unter seinen Truppenführern. Mit zusammengepreßten Lippen blickte er die Generale der Reihe nach an. Er wußte sofort, um was es ging. Seine Frage "Meine Herren, was machen Sie hier?" kam ruhig und verlangte keine Antwort. Niemand sagte ein Wort. Draußen war deutlich das Krepieren der russischen Granaten im Hof des GPU-Gefängnisses zu hören.

Paulus sagte: "Schlömer, Sie übernehmen sofort wieder den Befehl über Ihr Korps." Er wandte sich an Seydlitz: "Sie behalten Ihren Korpsbereich. Zu Ihnen kommen General Pfeffer, Oberst Crome als Chef des Stabes und Oberleutnant Humbert als O 1." Die Divisionskommandeure schickte Paulus mit einer Geste zu ihren Truppen zurück. Alle gehorchten. Die Generalsrevolte des 26. Januar 1943 war mißglückt. Der zerfetzte Kern von Stalingrad blieb fünf Tage länger in deutscher Hand. Fünf Tage länger hockten die zerschlagenen Reste von 22 Divisionen in den Trümmern und Schluchten von Stalins eigener Stadt.

Fünf Monate und drei Tage waren seit dem Tage vergangen, an dem deutsche Panzer in Rynok, den nördlichen Vorort von Stalingrad eingedrungen waren. Sondermeldungsfanfaren schmetterten im Großdeutschen Rundfunk. Aber Stalingrad wurde nicht erobert. Die sowjetischen Truppen behaupteten einen kleinen Brückenkopf in den Häusern am Westufer der Wolga. Sie stoppten Hitlers Siegeszug nach Osten. Die Deutschen gruben sich ein.

Die Ju kam. Ich gehörte damals zum Stabe des Generals von Schwedler, der das IV. Armeekorps befehligte. Seine Divisionen bildeten eine Glocke um den sowjetischen Brückenkopf bei Beketowka. 15 km südlich Stalingrad. Nach Süden zu schloß sich die 20. rumänische Division unter Generalleutnant Tataranu an. Dahinter lag die weite Kalmücken-Steppe, wo von Elista aus eine einzige deutsche motorisierte Division einen Abschnitt von 400 Kilometern beobachtete. Die anrollende 9. rumänische Armee sollte später diesen Raum sichern.

Schwedler, der älteste kommandierende General des deutschen Heeres, dem Hitler aus persönlicher Antipathie eine Armee versagt hatte, gehörte mit seinem Korps zur 4. Panzer-Armee, unterstand also nicht dem Oberbefehlshaber der 6. Armee, Paulus. Schwedler sah schon damals, Mitte Oktober, die Wende von Stalingrad voraus. Er weigerte sich, weiterhin mit unzulänglichen Mitteln Angriffshandlungen durchzuführen. (Die Weisungen zum Vorstoß auf Beketowka und darüber hinaus auf Astrachan lagen aus Berlin bereits vor.) Dagegen schlug er Zurücknahme der Truppen in eine Winterstellung hinter dem Don vor. Sollte sein Vorschlag nicht akzeptiert werden, so bäte er um eine Ju. Die Ju kam. General von Schwedler flog "aus Gesundheitsrücksichten" ab.

Sein Nachfolger wurde General der Pioniere Erwin Jaenecke. Auch er zeigte uns oft auf der Karte die wahrscheinliche Entwicklung. So, wie es sich dann auch abspielte. Am 19. November durchbrachen Sowjettruppen die Front nordwestlich und südlich Stalingrad. An den Durchbruchstellen waren vorwiegend rumänische Truppen mit völlig unzulänglicher Kampfausrüstung eingesetzt. Vier Tage später hatten sich die sowjetischen Zangen um die deutsche Stalingrad-Armee bei Kalatsch geschlossen. Der Kessel war dicht. Im Kessel selbst herrschte ein heilloses Durcheinander von vielen Stäben, Nachschubeinheiten und wenig Kampftruppen.

Hitler holt euch raus, Jaenecke mit seinem IV. AK war von der 4. Panzer-Armee abgeschnitten und wurde Paulus unterstellt. Sie waren Duzfreunde. Jaenecke als alter Versorgungsfachmann glaubte, daß Stalingrad trotz Luftversorgung nicht zu halten sei. Außerdem wurde die deutsche Don-Front immer weiter nach Westen zurückgedrückt. An einen Entsatz durch Truppen der 4. Panzer-Armee war kaum zu denken, wenn auch jeden Tag Funksprüche aufgenommen wurden, wie: "Wir holen euch raus" und später: "Haltet aus, Hitler holt euch raus!"

Ein Ausbruch aus der Umklammerung, wie er im ersten Weltkrieg von General Litzmann, dem sogenannten "Löwen von Brzeziny", erfolgreich vorexerziert worden war, erschien den Stalingrad-Kämpfern bald als einzige Lösung. Mit den letzten Panzern als Stoßkeil, solange der Sprit reichte, sollten alle Eingeschlossenen in einem gemeinsamen Fußmarsch südwestlich Stalingrad die dünnen Linien des Gegners durchbrechen, um durch die Steppe Anschluß an die deutschen Linien zu bekommen. Jaenecke hatte ausgerechnet, daß bei diesem Unternehmen nach Litzmanns Vorbild ein Drittel der 358000 Männer von Stalingrad durchkommen würde.

Er riet seinem Freunde dringend: "Paulus, Du mußt die Löwentour machen!" Faulus ordnete wirklich die Vorbereitung dieser Operation an. In Stalingrad wurden die Akten verbrannt. Doch Seydlitz handelte voreilig: er räumte, ohne den Befehl abzuwarten, seine festen Winterstellungen im Riegel Wolga-Don. Da befahl Berlin kategorisch: "Die 6. Armee igelt sich bei Stalingrad ein und wartet auf Entsatz!" Paulus gehorchte. Im freien Felde liegend sahen nun Seydlitz' Soldaten die Sowjets in den gut ausgebauten deutschen Stellungen sitzen. Seydlitz bekam manches zu hören. Außer der Reihe durch "ihn" (Hitler) wegen seines Demjansker Husarenstücks*) zum Kommandierenden General ernannt, enttäuschte er hier zum ersten Male - und resignierte. Paulus war zu schwach, den geplanten Durchbruch auch gegen den Willen des Hauptquartiers durchzusetzen.

In den nächsten Tagen erlebte ich mehrmals, daß der vitale Jaenecke über seinen Freund Friedrich Paulus herfiel: "Hau Deine Funkgeräte zusammen, handle selbständig, Du mußt der Löwe von Stalingrad werden. Dein eigener Kopf gilt nichts gegen das Leben so vieler Soldaten." Solch konzentriertem Willen gegenüber hilflos, sagte Paulus jedesmal "ja". Drei Stunden später kam dann sein Anruf, eine müde, schleppende Stimme: "Erwin, es geht nicht, ich habe mit Schmidt gesprochen ..."

Schmidt war Paulus' Stabschef, ein kalter Rechner, geschult, "für ein großes Ziel Opfer zu bringen". Paulus war für Schmidt kein Gegenspieler, wie es für den Generalstäbler Paulus der Truppenführer Reichenau gewesen war, als Paulus selbst noch Chef des Generalstabes der 6. Armee war. Ein Truppenführer - ein "Bulle" - hätte vielleicht die Funkgeräte zerschlagen und den Ausbruch auch gegen den Befehl von Berlin gemacht. Hätte Hitler gewagt, den Stalingrad-Löwen Paulus wegen Befehlsverweigerung zu köpfen?

Nur bei zwei Anlässen zeigte Paulus, der sich sonst zu keinem eigenen Entschluß durchringen konnte, persönliche Initiative. Generalleutnant Tataranu wurde nach Rumänien zurückgeflogen, damit der "rumänische Kämpfer von Stalingrad" als Generalstabschef in seiner Heimat der Bündnistreue zu Deutschland

dienen sollte. Die Wichtigkeit dieser Mission unterstrich Paulus mit einem Ritterkreuz. Ich mußte mir über den Tenor den Kopf zerbrechen, wie eine kopflose Flucht beim sowjetischen Durchbruch zur "mittleren Heldentat" umzudichten sei.

Als sich am 9. Januar sowjetische Parlamentäre durch Funkspruch anmeldeten, setzte Paulus seinen Namen unter einen Befehl wider alles Völkerrecht: "Es ist auf alle Parlamentäre zu schießen!" Der Befehl wurde nicht strikt durchgeführt, aber die Sowjets hatten später ein Druckmittel mehr auf Paulus.

Das gleichzeitige Kapitulationsangebot wurde von ihm scharf zurückgewiesen. Nun überrollten weißgetünchte T 34 die deutschen Stellungen. Ganze Rudel wurden abgeschossen. Aber wie ein riesiger Magnet zogen die Häusermassen von Stalingrad die aus den Schneelöchern der weiten Steppe hochgejagten Soldaten an. Mit ihnen landete auch unser Stab in den Kellern von Stalingrad.

Hier irrte Plivier. Es hatte sich als unmöglich erwiesen, eine Armee im russischen Winter über 400 Kilometer mit einer angreifbaren Luftbrücke zu versorgen. In einem der letzten Flugzeuge wurde verwundet der General Jaenecke ausgeflogen. Ich selbst hatte geholfen, seine 16 Wunden zu verbinden. Der Autor von "Stalingrad", Theodor Plivier, hat sich falsch berichten lassen, wenn er in seinem Roman behauptet, Jaenecke sei nur ein Brett an den Kopf geflogen.

"Der verbrecherische Wahnsinn des größten Feldherrn aller Zeiten" stand in einer Denkschrift, die Jaenecke wenige Tage vorher zu einem Archiv nach Deutschland hatte fliegen lassen. Bereits "jenseits von Gut und Böse" hatte er das schreiben können. Als er abflog, wußte er nicht, ob eine Krankenschwester oder die Gestapo am Rollfeld in Rastenburg ihn erwarten würde.

Sein Nachfolger, General Pfeffer, stand am Morgen des 26. Januar mit General von Hartmann und drei anderen Offizieren ungedeckt auf dem Bahndamm in Stalingrad-Süd. Unser IV. Korps bestand nicht mehr. Diese Männer sahen ihre Aufgabe erledigt und waren bereit, ihre "ehrliche Kugel" zu erhalten. Aber sie wollten ihre Haut teuer verkaufen und schossen mit einer Ruhe wie auf dem Schießstand auf jeden Russen, der sich sehen ließ. Der Kommandeur der 71. ID., von Hartmann, dem Paulus kurze Zeit vorher das Ritterkreuz umgelegt hatte, fiel als erster, einen Meter neben mir. Er fiel als einziger. Paulus hatte erfahren, daß fünf Männer in Stalingrad-Süd den Soldatentod suchten. Er schickte seinen Ia zum Bahndamm, mit dem strikten Befehl, General Pfeffer habe sich mit seinen Offizieren unverzüglich bei ihm zu melden.

Eine Stunde später standen wir Paulus gegenüber, im Halbdunkel eines Kellers im Kaufhaus am Roten Platz, dem Zentrum von Stalingrad. Aber der magenkranke Mann mit dem ausgemergelten Gesicht sagte kaum ein Wort. Statt dessen schnarrte Generalleutnant Schmidt: "Haus für Haus muß jetzt verteidigt werden!"

Unser nächstes Ziel war das GPU-Gefängnis. Was wir hier sahen, war genau so schrecklich, wie es in Pliviers Buch steht. Abgerissene, halbverhungerte Verwundete lagen dichtgedrängt schutzlos zwischen den hohen Mauern des Gefängnishofes. Mitten unter ihnen auseinandergerissene Körper, denn pausenlos zerplatxten Granaten zwischen den Elendsgestalten.

Doch Plivier mit den Augen seiner Gewährsleute übersah verständlicherweise, daß hier Alexander Edler von Daniels, Generalleutnant, vollkommen betrunken umhertorkelte. Er feierte Verbrüderung, warf Zigaretten händeweise unter die gierigen Verwundeten und agitierte für Meuterei: "Jungs, wer ist von euch dagegen, daß wir Schluß machen?" Die Jungs waren nicht dagegen. Herr von Daniels sollte später noch eine Rolle spielen, die es für Plivier geraten erscheinen ließ, die Szene wegzulassen.

Von diesem Schauplatz kamen wir in eine GPU-Zelle, wo eine ganze Anzahl Generale des Kessel Stalingrad-Mitte um Generalleutnant Schlömer, Kommandeur des XIV. Panzer-AK., versammelt saß. Er habe um russische Parlamentäre gebeten, ohne daß Paulus es wisse, verkündete Schlömer. Die Parlamentäre waren schon da. Einer umklammerte mit der Hand einen Brief, adressiert an den Oberbefehlshaber der 6. Armee. Er wollte den Brief nur Paulus persönlich übergeben. Da sagte Schlömer entschlossen zu den Generalen: "Paulus unterschreibt keine Kapitulation, das wissen wir. Aber wir können diesem Hinmorden nicht länger zusehen. Ich bitte um Ihr Einverständnis, daß wir uns Paulus' bemächtigen und ich die Verhandlungen als neuer Oberbefehlshaber zum Abschluß bringe."

Das ist ja Landesverrat. Das war geschehen bis zu dem Moment, wo Seydlitz die Worte sprach: "Das ist ja Landesverrat!" Trotz all seiner Resignation wollte er befehlsgehorsam handeln. Da stand Paulus plötzlich unter den Generalen, und keiner hatte den Mut, den Oberbefehlshaber zu entwaffnen. Schlömers Revolte-Versuch hatte keine weiteren Folgen. Nur der trunkene Daniels verschwand mit Stubenarrest in einer GPU-Zelle.

Wir saßen alle in einem engen Bunker, eingegraben in der tiefen Sohle einer Schlucht nahe der Kathedrale: Seydlitz, Pfeffer, Crome, ich und der Hausherr, Dr. Otto Korfes (Kommandeur 295. ID.) mit seinem Ia. Korfes selbst nur kann es gewesen sein, der Theodor Plivier die Ereignisse und Gespräche in diesem Bunker in die Feder diktierte. Denn 30 Seiten lang schildert der "Stalingrad"-Autor die nervöse Atmosphäre der letzten Tage der Bunker-Besatzung und teilweise genau so, wie alles sich abspielte. Pliviers Reiter-General aus Gumrak ist in Wirklichkeit Seydlitz, mit dem General aus dem Süden ist Pfeffer gemeint. Die anderen Insassen des Bunkers wurden im Roman in verschiedene Figuren aufgesplittert. Wir waren ja auch alle innerlich zerrissen und uneins mit uns selbst. "Erschießen - nicht erschießen" ging das Hin und Her der Gespräche zwischen den Offizieren.

Paulus hatte die Parole herausgegeben: "Ein Offizier hat auch in solcher Lage das gleiche Schicksal zu tragen wie seine Truppe." Es war nämlich vorgekommen, daß ein ganzer Regimentsstab sich betrunken und dann erschossen hatte. Die Wirkung auf die Mannschaften war katastrophal. Auch an anderen Stellen, wo Truppenoffiziere zur Pistole griffen, wurde aus den bis dahin schon äußerlich verkommenen, aber doch disziplinierten Soldaten ein Haufen Marodeure, der raubend, plündernd und auch mordend in den Ruinen von Stalingrad zu leben versuchte.

"Kapituliert wird nicht. Jeder Mann muß eine Festung sein, solange er Munition hat. Erst wenn er überrollt ist, hat er das Recht, sich zu erschießen", hatte der unerbittliche Generalleutnant Schmidt im Hauptquartier der 6. Armee gesagt. Es gab auch wirklich noch Offiziere, die bis zur letzten Patrone für die nationalsozialistische Idee kämpften, die mit der Pistole auf sowjetische Panzer schossen und dafür noch mit dem Ritterkreuz dekoriert wurden. Eiserne Kreuze und Beförderungen wurden in den Ruinen von Stalingrad billig und billiger.

Andere Offiziere versuchten einen Ausbruch aus dem Kessel auf eigene Faust. So der Ia und der Ic von Paulus, die sich auf der zugefrorenen Wolga nach Süden durchschlagen wollten, während der Stab des LI. AK. einige Tage vorher, mit Skiern ausgerüstet, in westlicher Richtung aufgebrochen war, so daß Seydlitz ohne Stab dastand, bis Crome und ich ihm zugeteilt wurden. Ich wurde zugleich der persönliche Adjutant von Walther von Seydlitz.

Der böhmische Schweinehund. Seydlitz zeigte eine gute äußere Haltung. Seinem markanten Gesicht merkte man nichts an. In Wirklichkeit resignierte er völlig und war ratlos, ob er, der Nachfahre des Siegers von Roßbach und Zorndorf, das Ende von Stalingrad überleben dürfe oder nicht. Ich glaubte nicht, daß er in Gefangenschaft gehen würde. Der alte General Pfeffer saß da und fragte immer wieder: "Warum hat Paulus uns nicht anständig sterben lassen?" Er beneidete Hartmann um seinen schnellen Tod. Schließlich schlug der weißbärtige Herr mit der Faust auf den Tisch: "Für so einen Schweinehund wie den böhmischen Gefreiten erschieße ich mich nicht!"

Dieser temperamentvolle Ausspruch wirkte auch auf Seydlitz, der noch kurze Zeit vorher eine Revolte gegen Paulus und damit gegen die Befehle des Führerhauptquartiers als "Landesverrat" abgekanzelt hatte. Er fing jetzt an, offen gegen den Wahnsinn Hitlers zu polemisieren.

Generalmajor Korfes gebärdete sich theatralisch. Er berauschte sich geradezu an dem tragischen, aber heldenhaften Ende der "Festung Stalingrad": "Was wir hier erleben, könnte doch alles auf der Bühne gespielt werden." Er nahm die Waffe in die Hand und führte selbst einen Stoßtrupp auf die Fliegerschule. Er sprach von "Nibelungentreue" gegenüber dem Führer, derselbe Korfes, der wenige Monate später einer der eifrigsten Agitatoren des National-Komitees wurde und der heute wichtige Sonderaufgaben für die Sowjets zu erfüllen hat. Dann aber saß er wieder zusammengesunken in dem engen Bunker und las Lebensweisheiten aus dem "Faust". Der Pfarrerssohn Crome entzog sich der Situation und war in das "Neue Testament" vertieft.

Die Soldaten waren weit schlimmer daran. Sie lagen bei 30 Grad Kälte in Schneelöchern zwischen den Ruinen. Es war kein Salz zum Kochen mehr da. Dreckiger Schnee wurde zusammengekratzt und die vereiste Keule eines krepierten Pferdes in den Kessel getan. Mit Heißhunger stürzte sich alles auf das halbgare Fleisch und das gewärmte Dreckwasser.

Den sowjetischen Truppen gelang es am 28. Januar, uns von dem Gefechtsstand der 6. Armee abzuschneiden. Da gab es drei Kessel in der Stadt Stalingrad: in der nördlichen Vorstadt hielt sich General Strecker mit seinem XI. AK. in den Ruinen des Traktorenwerks bis zum 2. Februar, rund um das Kaufhaus am Roten Platz wurden Paulus und sein Stab verteidigt, und im Bereich der Pionierschule kämpften das VIII. AK. unter General Heitz und das, was sich LI. AK. nannte.

Heitz, der hier, dienstälter als Seydlitz, den Oberbefehl hatte, starb 1943 in Krasnogorsk. Obwohl er ein entschiedener Gegner des National-Komitees war, wurde ihm ein großartiges Begräbnis zuteil. Hinter dem Sarge schritten würdevoll die Größen des National-Komitees mit den besten Uniformstücken, die die anderen Kriegsgefangenen auf sowjetischen Befehl eigens zu diesem Zweck abgeben mußten. Das Begräbnis wurde von der sowjetischen Wochenschau gefilmt und zeugte für die gute Behandlung der deutschen Kriegsgefangenen nach dem Tode.

Leonidas Korfes. Der 30. Januar 1943 brachte den dramatischen Höhepunkt. In der geladenen Atmosphäre platzten die Charaktere hart aufeinander, als durch den Aether "am 10. Jahrestag der nationalen Erhebung" Görings Stimme kam. Es war die Leichen-Rede auf die Stalingrad-Kämpfer. Wir konnten mit anhören, wie wir "bis zum letzten Mann" abgebucht wurden. Das war gleichsam die freundliche Aufforderung, uns nun selbst zu entleiben, "wie das Gesetz es befahl". Korfes allerdings war von dem Vergleich mit den Thermopylen - Helden beeindruckt und fühlte sich als Held Leonidas.

Was hier in Stalingrad im kleinen geschehe, könne sich leicht im größeren Maßstabe auf den Trümmern Deutschlands wiederholen, meinte Seydlitz. Eine Hoffnung allerdings hatten wir in dieser Stunde: Daß die Opfer von Stalingrad vielleicht zu einem Fanal für eine offene Auflehnung gegen Hitler innerhalb Deutschlands werden könnten.

Ein T 34 stand oben am Rand der Schlucht und hatte sein Geschütz auf die Splitterschutzwand vor unserem Bunker gerichtet. Die Stimme eines deutschen Ueberläufers rief: "Ergebt Euch!" Im Bunker, der noch voller geworden war, ging das alte Gespräch "Erschießen - Nicht erschießen". Ich hatte mich an den Klappenschrank gehockt, um nichts davon zu hören. Und nun kamen ständig durch den Draht die Anfragen der letzten Truppen draußen: "Was sollen wir tun? Die Russen sind draußen." Aber keiner der Generale wollte noch irgendwelche Befehle geben, keiner wollte noch Verantwortung tragen. Einige Male brach die Stimme am anderen Ende der Leitung mitten im Satz ab.

Plötzlich stand am Morgen des 31. 1. im Vorraum ein sowjetischer Stabsoffizier und verlangte die Kapitulation. Seydlitz lehnte ab: "Unterschrieben wird nichts. Jeder geht nur für sich persönlich in Gefangenschaft." Pfeffer ging als erster, dann Korfes. Da knallte es im Nebenraum, der IIb von Seydlitz, ein älterer Hauptmann, hatte sich erschossen. Ich hielt zwei Eierhandgranaten in den Fingern. Ich fürchtete, daß ich mir später Vorwürfe machen würde, nur aus Feigheit in Gefangenschaft gegangen zu sein. Da nahm Seydlitz meine Linke, und mit einem freundschaftlichen "Komm, Philipp" entwand mir Crome aus der Rechten die Handgranaten. Halbwegs betäubt ging ich den ersten Schritt ins Leben zurück, in ein Leben, von dem ich nicht wußte, was es mir noch alles bringen sollte.

Wir sechs, Seydlitz, Pfeffer, Crome, Korfes, sein Ia Dissel und ich, blieben vorläufig zusammen. Als wir die Steilwand der Schlucht hinaufkletterten, bekamen wir plötzlich MG-Feuer aus kurzer Entfernung. Es waren deutsche Soldaten, die uns erkannt hatten und dem Befehl "Auf Ueberläufer wird geschossen!" gehorchten. Seydlitz schrie hinüber und drohte, aber sie schossen trotzdem. Den Rotarmisten wurde das Intermezzo zu gefährlich, und sie scheuchten uns weiter. Die übrigen Gefangenen, angeführt von Isenhardus von Knobelsdorff-Brenkenhoff, Kriegsgerichtsrat der 295. ID., blieben zurück, darunter auch der Bursche von Korfes mit dem großen Gepäck (dessen Verlust Korfes nie verwinden konnte). Ein Mann fiel auch noch unter dem deutschen Feuer.

Wir kamen zu einem betrunkenen sowjetischen Divisionskommandeur, der seinen wochenlangen Widersacher heftig umarmte: "Du, Dr. Korfes!" Sie wechselten freundliche Komplimente über die Güte ihrer Truppen. Doch wir wurden schnell weitergetrieben. Unser Marsch ging über die Schutthalden Stalingrads zur Wolga hinunter. In der offenen Feldstellung des nie eroberten sowjetischen Brückenkopfs fanden wir ein weitverzweigtes Bunkersystem. Zu unserer Ueberraschung erfuhren wir, daß dort dicht hinter der kämpfenden Linie all die Monate hindurch der Gefechtsstand der 62. sibirischen Armee gesessen hatte. (Sie erhielt später den Ehrennamen "Stalingrad-Armee").

(Fortsetzung folgt.)

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*) Seydlitz entsetzte in der Winterschlacht 1941/42 die im Demjansker Kessel eingeschlossenen Truppen.

DER SPIEGEL 5/1949
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