19.02.1949

Noch einmal, noch schneller

Sowie das Wetter etwas besser sein wird, in ein paar Wochen vielleicht, will Louis Chaillot sich auf sein selbstkonstruiertes Fahrrad setzen und mit 140 km/h schneller als ein Renn-Motorrad fahren. "Jede Umdrehung der Uebersetzung bringt mich 19 Meter vorwärts. Wenn ich so oft zutrete wie beim gewöhnlichen Rennen, kann ich vielleicht sogar meinem Schrittmacher-Wagen davonbrausen."
Mehr als 100000 Franken hat den kleinen schmächtigen Franzosen sein eigen konstruiertes Super-Fahrrad gekostet: Es hat Spezial-Stahlrohre, der Sattel ist eine Sonderkonstruktion, die Kettenscheibe ist fast so groß wie das Vorderrad (Chaillot will mit Tandem-Reifen fahren), und eine Vier-Glieder-Kette überträgt Chaillots Muskelkraft auf das Hinterrad. Der französische Sprintermeister Senfftleben sagte, er würde sich nie im Leben auf dieses Fahrrad setzen. Alle Versicherungsanstalten haben Chaillots Aufnahmeanträge abgelehnt.
Dabei ist es nicht das erstemal, daß jemand mit dem Fahrrad so schnell fährt. Vor zwölf Jahren ist schon der Franzose Georges Paillard einen Kilometer lang mit einer Geschwindigkeit von 137,5 km/h geradelt. Ein schwerer Lastwagen war vorweg gefahren und hatte Windschatten geworfen. Drei Tage lang war vorher die Bahn von Schulkindern abgesucht worden, damit kein noch so winziger Stein im Wege liege. Die geringste Unebenheit hätte bei dieser Geschwindigkeit unweigerlich eine Katastrophe gebracht.
Georges Paillard hatte nach dem erstenmal genug. 25000 Dollar legten ihm amerikanische Veranstalter auf den Tisch, wenn er es noch einmal versuchen würde und womöglich noch schneller führe. Er lehnte ab.
Vor ein paar Jahren hatten Paillard und Chaillot einmal eine Kontroverse, einer Frau wegen. Heute heißt diese Dame Madame Chaillot. Und Georges Paillard, der inzwischen Mitglied des französischen Wettfahrt-Ausschusses geworden ist, läßt Chaillot seither in internationalen Rennen nicht mehr richtig zum Zuge kommen.
Auch der Chaillot-Antrag beim Wettfahrt-Ausschuß, an der Radweltmeisterschaft 1948 teilzunehmen, kam ungenehmigt zurück. Drei Tage sann der alte Radfahrer (er radelt seit 14 Jahren), wie er sich an seinem Rivalen rächen könne. Da entdeckte er, wie schnell Paillard seinerzeit gefahren war und setzte sich den 140-Stundenkilometer-Plan in den Kopf, um Paillard den Rekord abzujagen. Er hat es seiner Frau fest versprochen.
Noch ein zweiter französischer Radfahr-Rekord, der von Blanchet über 10 km (12:59,1), soll in diesem Jahre bestimmt fallen. Heinrich Schwarzer, ein 26jähriger Berliner, der nach Nürnberg emigrierte, will das schaffen. Er hat den Mut dazu, seit er an einem kalten Septemberabend eine Stunde lang über den Zement der Münchner Amorbahn gebraust ist und sein Kilometerzähler hinterher 44,279 anzeigte. Ein paar hundert Zuschauer feierten um Mitternacht den neuen deutschen Rundenrekord. "Es wäre doch gelacht, wenn ich auf der Münchener Piste die zehn Kilometer nicht in zweimal 6S Minuten schaffen würde."
Auch alle Radfahrexperten finden das. Heinrich Schwarzer ist der erfolgreichste deutsche Rad-Rennfahrer seit Kriegsende. Bei Rundstreckenrennen, auf der Straße, bei Bahn- und Verfolgungsrennen, immer landete er in der Spitzengruppe. Er sei der deutsche Coppi*), heißt es zuweilen.
In der neuen Rennsaison hat er außer seinem Angriff auf den 10-km-Rekord noch etwas Neues vor. Er will sich auf ein Steherrad setzen und hinter Motoren um die Bahn fahren.

DER SPIEGEL 8/1949
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